Das Erste, was in jedem Krieg auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Propagandameldungen nebeln alles ein. Armeestäbe bestimmen, wie die Welt auf ihr Agieren zu schauen hat. Da gibt es nur noch heimtückische Feinde. Die tatsächlich leidenden Menschen in diesem Krieg verschwinden, geraten aus dem Blickfeld. So ist es auch in dem Krieg, den Israel sofort nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober gegen Gaza begonnen hat. Mit einer Brutalität und Härte, die selbst für diesen Dauerkonflikt neu sind. Wer aber erzählt die Perspektive der Menschen in so einem Krieg?
Eigentlich wollte Samar Yazbek nie wieder über den Krieg schreiben. Sie ist Syrerin, kennt die Leiden des Krieges auch aus ihrer eigenen Heimat. Heute lebt und arbeitet sie als Journalistin und Schriftstellerin in Paris. Aber sie hat nicht vergessen, wie wichtig es ist, die Geschichten der Menschen zu erzählen, die Opfer des Krieges wurden.
Denn die lauten Nachrichtenkanäle bestimmen die Politiker und Militärs. Sie versuchen der Welt ihre Sicht auf die Dinge einzureden. Und sorgen dafür, dass Leid und Kriegsverbrechen möglichst nicht thematisiert werden. Was auch dazu beiträgt, dass die Geschichten und Erinnerungen der Menschen verschwinden, die Opfer ihrer Kriegszüge wurden.
Und so reiste Samar Yazbek 2024 nach Doha, wo einige der schwer vom Krieg versehrten Einwohner aus dem Gazastreifen gelandet waren, schattenhafte Gestalten in Rollstühlen, denn Fassbomben und Raketen hatten ihre Körper verwüstet und verstümmelt. Überlebende jener „Feuergürtel“, mit denen die israelische Armee ab Oktober 2023 den Gazastreifen in Schutt und Asche legte, ihn in eine Wüste verwandelte.
Wieviele Palästinenser dabei gestorben sind, zerfetzt wurden, unter ihren Wohnhäusern begraben, weiß niemand. Vielleicht erfährt man ungefähre Zahlen, wenn dieser Krieg vorbei ist, den einige der von Samar Yazbek Interviewten als Genozid bezeichnen, andere als Massaker.
Ausgelöscht
Mütter sind darunter, Jugendliche, Ärztinnen, Lehrerinnen, Studenten. Menschen, die bis zum 7. Oktober 2023 ein recht normales Leben lebten, auch wenn ihnen der Krieg nicht fremd war. Immer wieder kam es in den letzten Jahren zu solchen Konflikten, in denen Israel dann auch kurzzeitig mögliche Hamas-Ziele im Gazastreifen bombardierte.
Doch nach dem 7. Oktober 2023 war alles anders. Es wird in diesem Buch nicht thematisiert, aber es wäre eine Erklärung, dass die Hamas mit ihrem Überfall auf die direkten israelischen Nachbarsiedlungen und die Entführung hunderter Geiseln diesmal zu weit gegangen war. Deutlich zu weit in einer Eskalationsspirale, in der sich die Hardliner auf beiden Seiten nichts geben.
Und die Brutalität des Hamas-Überfalls hatte dann die brachiale Operation „Eiserne Schwerter“ durch die israelische Armee zur Folge – ein systematisches Bombardement des Gazastreifens, bei dem ein Wohnviertel nach dem anderen zerstört wurde. Dabei wurden ganze Familien ausgelöscht. Die Menschen, die Samar Yazbek in Doha sprechen konnte, waren oft die letzten Überlebenden ihrer Familie, schwer verstümmelt.
Schattenhafte Gestalten, wie sie Yazbek in ihrer Einleitung beschreibt. Eigentlich wollte sie nur Frauen und Kinder interviewen, ihr Leid in so einem Krieg sichtbar machen. Doch am Ende wurden es 27 Schilderungen unterschiedlichster Menschen, die im Herbst 2023 die Gnadenlosigkeit des Bombardements, die Raketen, Fassbomben und KI-gesteuerten Drohnen erlebt hatten.
Viele waren verschüttet worden, waren in einem der Krankenhäuser von Gaza gelandet, die schon bald zum direkten Angriffsziel der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) geworden waren. Besonders bekannt wurde das AI-Shifa-Krankenhaus, in dem sich einige der in diesem Buch geschilderten Schicksale bündelten. Und sie bestätigen eben nicht, was israelische Meldungen in die Nachrichtenkanäle in aller Welt hinausposaunt hatten und was die Brutalität des Sturms auf das Krankenhaus hatte begründen sollen.
„Eine am 21. Dezember 2023 veröffentlichte Analyse der Washington Post kam zu dem Schluss, die von Israel vorgelegten Materialien hätten nicht den Nachweis erbracht, dass das Krankenhaus tatsächlich als eine Kommandozentrale der Hamas fungiert hätte“, bringt es Wikipedia trocken auf den Punkt.
Unter Bomben
Und dann liest man in diesem Buch, was die Menschen dort in den Tagen des Bombardements und des Sturms auf die Klinik erlebten, und man ist erschüttert. Aber nicht erst durch diese Geschichten. Denn dergleichen kommt in den Schilderungen der Menschen, mit denen Yazbek sprach, in immer neuer Variante vor. Samt der Hilflosigkeit, die sich nach den ersten „Feuergürteln“ einstellte, und der Suche nach Zufluchtsorten, die es im Gazastreifen nicht mehr gab.
Selbst Flüchtlingstrecks, Krankenwagen und die gekennzeichneten Busse der UNRWA wurden rücksichtslos beschossen. Fast alle Berichte beginnen mit dem 7. Oktober und enden in der Katastrophe, wenn das Haus der Familie zum Ziel israelischer Raketen wurde und Kinder, Frauen, Ältere binnen Sekunden zerfetzt, erschlagen, verschüttet wurden.
Man kann diese Berichte nicht in einem Zug lesen. Dazu sind sie zu erschütternd. Sie erzählen von all dem, was in Nachrichtensendungen nie gezeigt wird, weil es nicht gezeigt werden kann. Weil keine Kameras laufen, wenn Raketen systematisch ein Wohnviertel nach dem anderen in Staub verwandeln, Häuser einstürzen und alle Bewohner unter sich begraben.
Oder wenn Drohnen im modernen Krieg selbstgesteuert auf Jagd gehen und auf alles schießen, was sich bewegt. Und wenn nicht einmal Schulen und Krankenhäuser Sicherheit bieten, sich die Leichenberge an der Straße türmen und Strom, Internet und Wasser abgestellt sind.
Dann werden die Überlebenden zu den einzigen Zeugen dessen, was vorgefallen ist. Und sie erzählen in diesem Buch, erzählen von den Menschen, die sie verloren haben, ihren verschwundenen Eltern, Onkeln, Tanten, Brüdern und Schwestern und den getöteten Kindern. Und von der Gnadenlosigkeit, mit der die Todeswalze über sie hinwegging.
Wie sie verschüttet und verstümmelt wurden und in den Krankenhäusern erlebten, wie Ärzte und Pfleger fast aussichtslos versuchten, den hunderten Opfern irgendwie zu helfen, obwohl es keine Medikamente mehr gab und die Bomben selbst auf das Klinikgelände hinabfielen.
Hilflose Helfer
Sie erzählen von der Angst und wie diese Angst der Gleichgültigkeit wich, wenn sie mit ihren Familien von einer Zuflucht zur anderen flohen, nie sicher, ob sie nicht auch dort bombardiert würden. Wie sie in der Klinik erwachten und erst nach und nach erfuhren, dass es ihre Familie nicht mehr gab. „Sie waren mein ganzes Leben“, erzählt z.B. Sadscha Yasser Saleh, 23 Jahre alt.
„Die ganze Zeit habe ich an sie gedacht, als ich im Krankenhaus lag. Ich erinnerte mich an jeden Augenblick, den wir zusammen gewesen waren, und hatte das Gefühl, mir würde die Seele aus dem Leib gerissen.“ Sie hat ihren Mann und ihre Töchter verloren, verschüttet unter den Trümmern des Hauses, in dem die Familie lebte.
Aber selbst die Retter sind in Lebensgefahr, die versuchen, die Verschütteten zu bergen. Sie wurden oft Opfer der zweiten Angriffswelle, die über die schon zerbombten Wohnviertel niederging. Und als es dann beim Einsatz der Bodentruppen zu ersten wirklichen Begegnungen kommt, wird deutlich, wie heftig der Hass ist, mit dem die israelischen Soldaten unterwegs sind.
Und man ahnt, dass hier fast alles zerstört wurde, was an Hoffnung noch da war, die Regierungen würden einen Weg finden, einen dauerhaften Frieden zu stiften. Man sieht auch die Ohnmacht der ganz normalen Menschen, die ihr Leben unter der ständigen Kriegsdrohung eingerichtet hatten und keine Macht hatten. Und die nun über Nacht alles verloren, mit gerade dem, was sie auf dem Leib hatten, auf die Flucht gehen mussten und auch dort weiter bombardiert wurden.
So wie es der 13-jährige Abdallah Youssef Aaakila erzählt: „Beim Palästina-Stadion wurden wir dann bombardiert, Kinder und Frauen in einem Bus. Und der Fahrer war Angestellter der UNRWA. Es ist nicht nur ein Geschoss auf uns eingeschlagen, sondern gleich mehrere! Alle haben gebrannt, meine Onkel, meine Mutter, meine ganze Familie. Ich war in der Mitte vom Bus, um mich rum war alles tot.“
Schutzlos
Das sind Stellen, an denen man stoppt. Und merkt, wie nahe einem all diese Schilderungen gehen. Dass da im Gazastreifen etwas schrecklich aus dem Ruder gelaufen ist. Befeuert von einer Unerbittlichkeit, die selbst Grenzen überschritten hat, die eigentlich im Krieg gelten sollten. Jene Grenzen, die der einzige Schutz für die Schwachen sind, die sich nicht wehren können. Die einfach nur überleben wollen.
Dann aber – wie Abdallah – erleben, wie nicht einmal dieser minimale Schutz noch respektiert wird. „Ich bin im Krieg geboren, für mich sind Bombardierungen ‚normal‘. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie uns so abfackeln würden! (…) Mein Gesicht ist verbrannt, mein Körper ist voller Splitter.“
Er ist nicht der einzige, der von Waffen erzählt, die so im Krieg noch nie eingesetzt wurden. Manche Gesprächspartner von Samar Yazbek stellen zwar fest, dass sie das Erzählte wohl schon hundertmal gehört haben muss. Aber dann erzählen sie doch, müssen erzählen von dem, was ihnen geschehen ist und wie sich ihr ganzes bisheriges Leben in Staub und Tod aufgelöst hat.
Die Überlebensberichte, die Samar Yazbek hier gesammelt hat, wurden von März bis Juni 2024 in Doha aufgenommen und 2025 erstmals als Buch in Beirut veröffentlicht. Larissa Bender und Leonie Nückel haben die Berichte ins Deutsche übersetzt. Und man ahnt, wie auch sie dabei erschüttert gewesen sein müssen.
Die Geschichten dieser 27 Menschen lassen einen nicht los. Und mit ihrem Blick auf das Geschehen beginnt man auch, über unsere eigene Sicht auf die Ereignisse im Gazastreifen anders nachzudenken. Der 7. Oktober war eine Katastrophe. Aber die Art und Weise, wie die IDF dann den Gazastreifen systematisch zerstört hat, nimmt sich nichts. Sie ist nur ein weiteres Kapitel in einer Kette sinnloser und grausamer Akte, in denen der alte Hass weiter aufgeheizt wird. Und Millionen Menschen zur Geisel gnadenloser Politik gemacht wurden.
Von Politikern, die ganz offensichtlich unfähig sind, mit den Unschuldigen und Schwachen mitzufühlen. Und die glauben, mit enthemmter Grausamkeit könnte man Konflikte lösen. Doch tatsächlich verursacht so eine Politik immer nur neues, durch nichts zu linderndes Leid.
Samar Yazbek „Gaza“, Unionsverlag, Zürich 2026, 24 Euro.
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