In Deutschland wird ja fast ausschließlich aus der Sofa-Perspektive diskutiert: Wehrdienst ja oder nein? Für sein Land kämpfen mit der Waffe in der Hand? Oder lieber einen gemütlichen Pazifismus pflegen, der nichts kostet? Das ist jetzt zugespitzt. Denn natürlich berührt das Grundhaltungen, mit denen sich auch eine Gesellschaft auseinandersetzen muss, die mit Militarismus und Kriegsgerassel abgeschlossen hat aus guten Gründen. Aber wenn das eigene Land von einem gewalttätigen Nachbarn überfallen wird, ändert sich alles.

Das erlebte auch Maksim Butkevych, einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten und Pazifisten der Ukraine.

Als dieses Buch 2024 in seiner ersten Auflage auslieferungsreif gemacht wurde, saß Maksim Butkevytch noch in einem russischen Gefängnis in der Ostukraine. Und zwar seit über zwei Jahren. Denn als Russland die Ukraine im Februar 2022 mit geballten Panzerstreitkräften überfiel und der Präsident im Kreml glaubte, das Nachbarland binnen dreier Tage erobern und in Kiew eine Militärparade abhalten zu können, meldeten sich hunderttausende Ukrainer sofort und freiwillig zur Armee.

Unter ihnen auch Butkevytch, der dann in seinem Internet-Blog, in Briefen und Reden immer wieder auch auf diesen Moment zu sprechen kam und warum er damals etwas tat, was niemand von ihm erwartet hatte.

Er hatte nie gedient, hatte keine militärische Ausbildung. Im Gegenteil: Seit Jahren hatte er für den Frieden gekämpft und sich für Vertriebene aller Art eingesetzt. Das dürfte auch deutschen Aktivisten nur zu gut bekannt sein: wie schwer es ist, gegen sture konservative Politik zu kämpfen, die Ausländer und Migranten für unerwünscht erklärt und alles tut, um sie lieber loszuwerden. In diesem Denken ist kein Platz für die Gründe, warum Menschen eigentlich auf der Flucht sind.

Und fast immer sind es Krieg und Bürgerkrieg in ihren Heimatländern oder staatliche Repression, die sie zur Flucht zwingen. Kein Mensch geht freiwillig auf die Flucht und hofft, in anderen Ländern Schutz und Asyl zu finden.

Der Krieg wütete schon seit 2014

Und in der Ukraine kam der Krieg Russlands gegen das kleinere Nachbarland schon 2014 dazu: Gleich nach den erfolgreichen Protesten auf dem Maidan, mit dem die Ukrainer für ihr Land wieder den proeuropäischen Weg wählten, marschierten die „grünen Männlein“ auf der Krim ein und wurden die Separatisten in der Ostukraine vom russischen Militär unterstützt.

Mit dem Ergebnis, dass damals schon 1,5 Millionen Ukrainer zu Binnenflüchtlingen wurden. Froh, wenn die von Butkevytch und Gleichgesinnten unterstützten Hilfsorganisationen ihnen halfen, ein sicheres Obdach zu finden.

Als die russischen Panzerverbände am 24. Februar 2022 losrollten, befand sich die Ukraine schon in einem achtjährigen Krieg. Aber genau dieser Krieg hatte auch etwas verändert im Land. Er hatte den Ukrainern deutlich gemacht, wie elementar Demokratie und Freiheit für die eigene Zukunft sind. Wer beides hat, denkt oft nicht viel darüber nach, der nimmt es als gegeben.

Aber für Butkevytch änderte sich 2022 alles. Denn auch für ihn stellte sich die Frage: Was wird eigentlich aus der eigenen Freiheit, wenn man sie nicht gegen einen autokratischen Angreifer verteidigt?

Und so fand er sich bald in den Reihen der ukrainischen Armee wieder, mit einem Gerät an der Seite, das zum Töten vorgesehen war. Und in Blog-Einträgen und Briefen machte sich der tiefgläubige Aktivist dann sehr viele Gedanken darüber, wie das zusammengehen kann. Und kam ziemlich bald zu dem Schluss, dass er sich dennoch – wie so viele ukrainische Freiwillige – am richtigen Platz befand.

Da nämlich, wo all das verteidigt wurde, was nicht nur ihm wichtig war: Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung.

Freiheit bedeutet Verantwortung

In seinen Reden, die er nach der auch für seine Unterstützer überraschenden Freilassung im Oktober 2024 hielt, bringt Butkevytch das Dilemma auf den Punkt, in dem Menschen stecken, die Angst vor der Freiheit haben. Es ist ein viel plakatiertes Wort, wird den Menschen oft wie eine leckere Frucht vor die Nase gehalten. Aber Butkevytch beschreibt anhand seines Gefängnisalltags sehr genau, wie autoritäre Mechanismen funktionieren und wie sie den Menschen die Entscheidungen über ihr eigenes Leben abnehmen.

Das ist für manche Menschen tatsächlich eine Entlastung – sie können alle Verantwortung an „die da oben“ abgeben und sich immer damit herausreden, dass sie für keine ihrer Taten eine eigene Verantwortung hatten. So haben die Mitläufer des Nazi-Reiches gedacht und gehandelt. So funktioniert auch die Putinsche Autokratie. So funktioniert die russische Armee, die russische Justiz, das russische Gefängniswesen.

„Dieses Entmenschlichen, das Verwandeln von Menschen in Objekte, die man verschieben, hinlegen und zerstören darf, wenn sie einem auf den Geist gehen oder man schlicht genug von ihnen hat, das ist das Wesen der Gewalt, von dem jenes System durchtränkt ist, in dem unsere Leute inhaftiert sind, die Kriegsgefangenen, die verurteilt oder nicht, wie die zivilen Gefangenen.“

Wobei Buktkevytch 2022 eben nicht nur in Kriegsgefangenschaft geriet, sondern von einem russischen Gericht auch mit einer gefakten Anklage für ein Kriegsverbrechen verurteilt wurde, das er gar nicht begangen hatte. Einige Briefe im Buch beschäftigen sich mit dieser konstruierten Anklage und dem vergeblichen Versuch Butkevytchs und seines Anwalts, das Urteil von der russischen Gerichtsbarkeit revidiert zu bekommen. Mit der Freiheit geht nun einmal auch das Recht vor die Hunde. Urteile werden von irgendwo oben diktiert.

Und die Betroffenen der falschen Anklage sehen sich auf einmal mit heftigen Freiheitsstrafen konfrontiert.

Die doppelte Dimension der Freiheit

Butkevytch war ja nicht der erste, der so in die Fänge der russischen Justiz geriet. Vor dem russischen Überfall hatte er selbst für die Freilassung von Menschen wie Oleg Senzow aus dem russischen Gefängnissystem gekämpft. Senzows Freilassung hatte jede Menge mit der unermüdlichen Arbeit von Butkevytch und seinen Mitstreiter/-innen zu tun.

Und nun brauchte er selbst diese Unterstützung. Ahnte wohl auch, dass seine Freunde und Freundinnen in der Heimat für ihn kämpften, auch wenn er in seiner Haft praktisch von allen Informationen abgeschnitten war. Briefe schreiben und empfangen durfte er erst wieder im März 2024.

Einige davon sind jetzt in der zweiten Auflage mit ins Buch gekommen. Mitsamt seinen Reden, die er nach der Freilassung hielt. Und in denen er sich intensiv Gedanken darüber machte, was tatsächlich Freiheit ist, wie man sie fühlt und empfindet, wenn man nach über zwei Jahren im russischen Gefängnis wieder durch die Straßen Kiews laufen kann und selbst entscheiden darf, was man als Nächstes tut.

Man spürt regelrecht, wie heftig dieses Gefühl von Freiheit sein kann. Aber für Butkevytch hat es nun einmal auch eine menschliche und eine politische Dimension.

Damit dürfte er auch seine deutschen Leser daran erinnern, worum es permanent geht. Und das steckt als Aufgabe im Begriff von Freiheit, die in der westlichen Diskussion gern wie ein farbiger Luftballon ausgemalt wird. Aber Freiheit bedeutet eben auch, dass die Entscheidungen über das eigene Leben wieder bei einem selbst liegen.

„Verantwortung und Freiheit sind ein und dasselbe“, schreibt Butkevytch. „Zwei Seiten derselben Medaille. Siamesische Zwillinge. Man könnte noch weitere Metaphern hinzufügen, aber ich denke, es ist klar, was ich meine. Verantwortung nicht nur für sich selbst, die eigenen Entscheidungen und die Welt, die wir kreieren, sondern auch dafür, dass wir unsere Nächsten nicht zu Objekten machen, dass wir den anderen Menschen als Menschen respektieren, auch wenn es uns mal unangenehm ist. Wir respektieren sein Recht, zu sagen, womit wir nicht einverstanden sind, zu wählen, was wir nicht wählen würden.“

Rückkehr in die Freiheit

Das ist das Risiko – aber eben auch die Freiheit, die eine Gesellschaft wählen kann. Und die Ukrainerinnen und Ukrainer haben sich 1990 und 2014 dafür entschieden. Und damit den Autokraten im Kreml erzürnt. Der aber völlig unterschätzt hat, welche Motivation dieses Verständnis von Freiheit einer Gesellschaft geben kann.

Das zeigt sich selbst in Butkevytchs Briefen aus der Haft, in denen er über seine Motivation berichtet, nicht aufzugeben, auf den Frieden zu hoffen und im Glauben die Kraft zu finden, das eigene Menschsein zu bewahren.

Und während der Hauptteil des Buches all die Texte vereint, die 2024 gesammelt wurden, um an den in russischen Gefängnissen Inhaftierten zu erinnern und sein Wirken in Deutschland bekannt zu machen, erzählt das nun erweiterte Buch eben auch von der Freilassung und der Rückkehr Butkevytchs in die Ukraine und in die Freiheit.

Und von all dem, was sich mit dem schillernden Begriff Freiheit für ihn alles verbindet: „Bei uns gibt es Freiheit, bei uns gibt es Empathie und Mitgefühl, bei uns gibt es Liebe, obwohl diese Liebe sich manchmal als Griff zum Maschinengewehr zeigt. Wir sorgen uns darum, dass wir Menschen bleiben, wir sorgen uns um alles, was bedroht ist …“

Das sind auch Worte, die hier in Deutschland gelten sollten. Denn anders ist Freiheit nicht zu haben. Sie funktioniert nicht ohne Empathie, Mitgefühl und Respekt füreinander.

Und genau an der Stelle spürt man, wie die überall aufschwellenden Hassreden und Verächtlichmachungen genau den Kern unserer Freiheit treffen. Und dass wir ebenso darum kämpfen müssen, unsere Freiheit zu bewahren wie die Ukrainer. Und natürlich gehört dazu auch die zu beantwortende Frage, wie man sich gegen einen kriegslüsternen Autokraten wehrt, der auch andere Länder im Westen seit Jahren mit hybrider Kriegsführung und massiver Propaganda angreift.

Die innere Dimension der Feiheit

Und der damit auch jene auf dem Kopf stehenden Weltbilder bei etlichen Menschen erzeugt, die tatsächlich glauben, Russland sei eine vorbildliche Demokratie. Und nicht eine Autokratie, die ihre Menschen wie Objekte behandelt. Und Freiheit regelrecht verachtet und als Schwäche brandmarkt.

Butkevytch bringt das Dilemma auf den Punkt, das Menschen erleben, die sich über die Bedingungen von Freiheit nie Gedanken gemacht haben: „Um wirklich zu spüren, was Freiheit ist, muss man Bedingungen erlebt haben, unter denen Freiheit fast nicht existiert. Warum nur fast? Weil Freiheit auch immer eine innere Dimension hat, die man schützen, verteidigen und manchmal verstecken muss, um sie sich zu bewahren.“

Mahnende Worte auch an eine Gesellschaft im Westen, die sich im Frieden eingerichtet hat und gern vergessen möchte, wie bedroht beide Dimensionen der Freiheit immer sind. Und dass man nie aufhören darf, um beide zu kämpfen.

Man lernt eben nicht nur einen unermüdlichen Friedensaktivisten kennen, der erklärt, warum man Freiheit auch mit der Waffe in der Hand verteidigen muss. Man lernt auch einen Mahner kennen, der uns daran erinnert, dass Freiheit in unserem Kopf beginnt. Und immer eine Herausforderung ist. Egal, wo man lebt.

Eine Herausforderung, das eigene Leben als Verantwortung zu begreifen. Und entsprechend zu handeln.

Maksym Butkevych „Am richtigen Platz“, Anthea Verlag, Berlin 2025, 18 Euro.

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