Eigentlich ist es gar keine vertrackte Frage, auch wenn die Gretchenfrage oft dazu herhalten muss: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Denn wenn man die entsprechende Szene im „Faust. Der Tragödie erster Teil“ liest, merkt man: So weit sind Margarete und Faust gar nicht auseinander. Nur der komische Typ, mit dem Faust die ganze Zeit unterwegs ist, macht Gretchen Angst und Bange.

Wird die Szene so im Schulunterricht behandelt? Wohl eher nicht. Obwohl sie Stoff fürs Leben birgt, wie Peter Gutjahr-Löser in diesem Nachdenk-Buch zu seinem 85. Geburtstag rekapituliert.

Die Leipziger kennen ihn noch als Kanzler der Universität Leipzig von 1991 bis 2005 – also in jenen entscheidenden Umbruchjahren, in denen die Weichen für die heutige Universität gestellt wurden und auch die für den neuen Uni-Campus mit der Universitätskirche St. Pauli. Die man bitteschön nicht Paulinum nennen solle, so Gutjahr-Löser in diesem Buch, das er vor allem für seine Kinder und Enkel geschrieben hat, um für sich selbst die Gretchenfrage zu erörtern. Nicht zu klären.

Denn das ist ja die Krux daran: Sie ist nicht zu klären. Jedenfalls nicht so, wie es Margarete gern hätte, wenn sie immer wieder das „Christliche“ in Fausts Haltung zu Gott nachfragt. Und damit eigentlich all die Riten und Äußerlichkeiten meint, auf denen die Kirche jahrhundertelang beharrt hat. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Was der in Wittenberg, Berlin und Farchant im tiefsten katholischen Bayern aufgewachsene Peter Gutjahr-Löser aus eigenem Erleben reflektiert. Und natürlich immer wieder überlegt: Was ist eigentlich nur ausgestelltes Christentum, wie es im Grunde Gretchen immer wieder beharrlich nachfragt: „Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen. / Glaubst du an Gott?“

Eine Position, die auch Gutjahr-Löser nicht teilt, auch weil er eben auch erlebt hat, wie Religion zur reinen Äußerlichkeit wird, Christentum als reines Ableisten der öffentlich sichtbaren Riten verstanden wird – selbst von Pfarrern. Die dann aber die eigentlichen Fragen, die auch den Jungen im Konfirmationsunterricht umtrieben, nicht beantworten konnten. Im Grunde die Fragen nach dem eigentlichen Gottvertrauen. So, wie es Johann Faust ja selbst beschreibt:

„Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau ich nicht Aug in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott
Ich habe keinen Namen
Dafür!“

Eine hochpolitische Frage

Das ist eine Frage, die Peter-Gutjahr-Löser selbst bis in die Politik getrieben hat. Und auch in seiner Zeit bei der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. war diese Frage zentral – denn immer mehr ethische Fragen im Zusammenhang mit Genetik und Embryonenforschung rückten aus dem Bereich der wissenschaftlichen Forschung in die öffentliche Diskussion.

Und da müssen auch Forscher Position beziehen: Wo sind elementare Fragen des Lebens und des Bewusstseins berührt? Wo sind die Grenzen des ethisch Vertretbaren?

Fragen, die sich ohne ein moralisches Grundverständnis nun einmal nicht beantworten lassen. Und die eine Gesellschaft bewegen und Antworten suchen lassen – und zwar Antworten außerhalb der Extreme und kirchlichen Dogmen. Denn Dogmen sorgen immer wieder dafür, dass gesellschaftliche Diskussionen ausarten und am Ende kein Konsens mehr möglich ist.

Und da vertritt Gutjahr-Löser eine sehr klare Position. Denn das hängt direkt mit dem Funktionieren unserer Demokratie zusammen. Und auch der grundlegenden Frage, wie Gewalt verhindert werden kann.

„Das Ergebnis war schon bald – auch wenn dies heute als altklug gilt –, dass man Gewalt nur verhindern kann, wenn Macht kontrolliert wird, gleichgültig, wie sie sich rechtfertigt. Dieses Credo prägte mich mein ganzes Leben lang und war Ursache für mein frühzeitiges politisches Engagement, das sich schon bald nicht mehr auf die Fragen der Politik beschränkte, sondern jeden Anspruch betraf, Anderen Inhalte des Denkens vorschreiben zu dürfen, gerade auch dann, wenn es dabei um die Geltung religiöser Wahrheiten ging und solche Positionen zu versuchen benützt wurden, die Gewissen zu steuern.“

Gewissensfragen

Man merkt schon beim Lesen: Das sind Fragen, die nicht nur im tiefen Bayern der 1950er und 1960er Jahre eine Rolle spielten (und damals auch zu heftigen Kontroversen in der CSU führten), sie haben bis heute an ihrer Aktualiutät nichts verloren. Im Gegenteil: Die gesamte Gesellschaft droht zu zerreißen, weil sich immer mehr Kombattanten hinter „ewigen Wahrheiten“ und radikalen Dogmen verschanzen.

Und das hat – wie Gutjahr-Löser in den Erlebnissen seines Lebens immer wieder neu beleuchtet – mit Dingen wie Gott- und Selbstvertrauen zu tun. Mit Wissen sowieso. Aber wer kein Vertrauen in die (von Gott geschaffene) Welt besitzt, wie es Faust formuliert, der sucht seine Sicherheit in Aggression, Dogmen und Abwehr. Der versteckt sich hinter Phrasen.

Es ist also gar nicht so zufällig, dass Gutjahr-Löser nun seinen 85. Geburtstag genutzt hat, um dieser Grundfrage im eigenen Leben nachzuspüren und seine Kinder und Enkel auf diese Reise mitzunehmen. Denn wie wird man ein Mensch, der sich selbst und seinem Sein in der Welt vertraut? Der all den Hokuspokus um Engel und einen Platz im Himmel nicht braucht, um sich trotzdem behütet und umsorgt in dieser Welt zu empfinden? Das Da-Sein, so wie es ist, als geradezu göttliches Geschenk zu verstehen und anzunehmen? Und mit dieser Haltung eben auch an die Arbeit zu gehen.

Mit Gutjahr-Löser merkt man, dass diese Grundfragen eben auch die großen Themen unserer eisig gewordenen Gesellschaft berühren – von der Frage des noch ungeborenen Lebens bis hin zur ganz zentralen Frage der Nächstenliebe, die für eine Menge lautstarker Politiker längst wieder obsolet ist. Sie pfeifen drauf und trampeln drauf herum.

Manche auch mit einem fetten C im Parteinamen, als hätten sie all die Diskussionen um ethische Verantwortung in ihrer eigenen Partei nie mitbekommen. So darf man dieses Buch auch als eine Mahnung lesen, die daran erinnert, dass auch die Demokratie ein ethisches Fundament braucht. Und eine Selbstvergewisserung der handelnden Akteure, ob sie sich überhaupt willkommen fühlen auf dieser Welt. Oder geradezu entwurzelt und damit anfällig für radikale Verführungen.

Vergessene Debatten

Muss man da bekennender Christ sein? Für Peter Gutjahr-Löser ist das keine Frage. Aber im Grunde macht er deutlich, dass es eigentlich die Faust’sche Position ist, die dieses vertrauensvolle Verhältnis zur Welt deutlich ausspricht. Eine wesentliche Inspiration fand Gutjahr-Löse bei Dietrich Bonhoeffer. „Seither ist mir klar, dass mit Christusliebe nicht eine abstrakte Gestalt aus der Religionsgeschichte gemeint ist, sondern die Frage, wie wir mit unseren Nächsten umgehen.“

Denn – das streift er eher beiläufig – das schließt die Frage mit ein, wie wir mit uns selbst umgehen. Denn wer sich selbst nicht ausstehen kann, der wird auch nie ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner Mitwelt gewinnen. Und da wird es ganz aktuell und brisant, weil genau diese ethischen Debatten verschwunden sind, als hätte es sie nie gegeben. Oder als wären sie nur der Stoff eines vergangenen Säkulums, abgeheftet und entsorgt, weil es sich mit Dogmen besser prügeln und lamentieren lässt.

Aber wo ist der Platz für diese Debatten, wenn die Kirche ihn nicht mehr bietet und gerade die sich christlich nennenden Parteien in der gnadenlosen Rhetorik ihr neues Heil suchen?

Die Frage steht. Und da lohnt es sich durchaus, mit Peter Gutjahr-Löser noch einmal ein Leben passieren zu lassen und dabei immer wieder den Fokus auf die Gretchenfrage zu lenken. Die heute so aktuell ist, wie sie es zu Goethes Zeiten war. Wahrscheinlich noch viel aktueller.

Peter Gutjahr-Löser „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2025, 24 Euro.

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