Am 8. März ist der Internationale Feministische Kampftag. Für Montag, den 9. März ruft die Gruppe „Enough” zum Frauenstreiktag in Leipzig auf – aus Protest gegen die systematische Abwertung von Frauen*, unbezahlte Care-Arbeit, Femizide und männliche Dominanzstrukturen. Die Initiative schließt sich damit einer bundesweiten Aktion an. Ein Gespräch mit den Organisatorinnen Manuela-Lißina und Nadine.
Was hat euch persönlich motiviert, euch an den Vorbereitungen für den Frauenstreiktag in Leipzig zu beteiligen?
MLK: Das Motto „Enough! Genug!“ hat mich sofort abgeholt. Es gibt so viele Nachrichten und Umstände aktuell, auf die ich nur noch mit Kopfschütteln und einem innerlichen „Es reicht!“ reagieren kann. Dabei rütteln uns die Zustände von Klimakrise über Krisen in der Politik auf allen Ebenen bis zur Wirtschaft, in unseren Beziehungen, unserem Zusammenleben wach. Da liegt auf so vielen Feldern so vieles im Argen!
NB: Ich bin seit einigen Jahren an der Organisation des Streikes zum 8. März beteiligt. Als ich von Enough! erfuhr, habe ich sofort spitze Ohren bekommen, weil es mehr denn je darum geht, Kämpfe zu verbinden und dazu ein möglichst breites Spektrum an Personen abzuholen.
Warum braucht es aus eurer Sicht einen Frauen*streik – zusätzlich zum Internationalen Frauentag?
MLK: Es gibt ein Zitat von Hannah Arendt: „Wo Frauen streiken, wird sichtbar, dass Politik nicht nur in Parlamenten stattfindet, sondern dort, wo Menschen ihre Zustimmung verweigern.“ Ich denke, Frauen haben durch ihre strukturell schwächere Position weniger zu verlieren und sind deshalb mutiger, Missstände anzusprechen. Das verrückte System aus Patriarchat und Kapitalismus vor dem Hintergrund einer eskalierenden Klimakrise ist ein Themenkomplex weit jenseits des Internationalen Frauentages. Deshalb braucht es den Frauenstreik. Alle Menschen, die mit einem gewissen Maß an Fürsorge und Verantwortung für ihre Kinder und Enkelkinder in die Welt blicken, können nicht anders als zu sagen: Genug! Es reicht! So geht das nicht weiter!
NB: Für mich ist dieser Streik im Moment nur aus strategischen Überlegungen zusätzlich – zumindest was den Tag angeht. Das Bündnis 8. März hat diskutiert, ob es sich dem 9.3. anschließt, sich aber für dieses Jahr dagegen entschieden. Allerdings unterstützen sie unsere Anliegen, die ja prinzipiell ohnehin dieselben sind. Nächstes Jahr bündeln wir dann alle Kräfte zu einem gemeinsamen GENUG! Bei Feminist Rebellion sagen wir stets auf der einen Seite: GENUG zu patriarchaler Ausbeutung und Zerstörung allen Lebens, GENUG zu einer Culture of Uncare, die uns, unsere Beziehungen und die Welt durchzieht – und auf der anderen Seite: JA zu einer Culture of Care, in der die feministischen Werte Gleichwertigkeit, Fürsorge, Mitgefühl und Solidarität leitend sind. Der Streik steht unter dem Motto „ENOUGH! GENUG! BASTA!“.
Was bedeutet dieser Slogan für euch konkret?
MLK: „ENOUGH! GENUG! BASTA!“ zu Gewalt, Zerstörung, Gier, Geringschätzung und all den anderen destruktiven Formen, in denen sich patriarchale und neoliberal-kapitalistische Mechanismen ausdrücken, von gegeneinander und auf Kosten anderer, unser aller Lebensgrundlage und Zukunft.
NB: Ich würde noch Ausbeutung ergänzen – Die Ungleichwertigkeit im Patriarchat legitimiert die Ausbeutung und Versehrung allen Lebens.
Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben euch zuletzt besonders deutlich gemacht, dass neue Protestformen nötig sind?
MLK: Neoliberale Politik in Deutschland, ob regional oder international, zeigt sich offensichtlicher und dreister denn je, patriarchale Machtstrukturen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik: Trump, Putin, Epstein, menschenverachtender Populismus aus Angst und Hass, gravierende Kürzungen von öffentlichen Fördermitteln für den gesamten Kultur-, Umwelt-, und Sozialbereich … wir können uns noch gar nicht ausmalen, wie viele für unsere Demokratie und Gesellschaft wichtige Organisationen und Projekte dadurch bedroht sind.
NB: Es sind ja im Wesentlichen keine neuen Protestformen, sondern es wird versucht, ein breiteres Spektrum an Personen zu aktivieren und unter dem Ansinnen, das Patriarchat zu beenden, zu vereinen. Denn tatsächlich sind alle von diesem negativ betroffen – allerdings manche deutlich weniger und/oder später.
Die gesellschaftliche Entwicklung – auch global betrachtet – ist ein Laufen in den Kollaps. Ganz gleich, auf welche Ebene wir schauen: Das Patriarchat hat uns Zerstörung und Tod gebracht. Ich habe nicht einmal große Hoffnung, dass hier noch einigermaßen rechtzeitig das notwendige radikale Umdenken stattfindet. Das entbindet uns aber nicht von unserer menschlichen Verpflichtung, für ein anderes Miteinander – mit allem Leben – zu streiten.
Welche zentralen Themen und Forderungen verbindet ihr mit dem Aktionstag?
MLK: Mehr Sichtbarkeit und Gleichstellung für Frauen. Mehr Kooperation statt Konkurrenz, mehr Fürsorge statt Ausbeutung und Profiten, damit wir als Menschheit überhaupt noch über eine Zukunft nachdenken können.
NB: https://feministrebellion.org/enough-genug/
Oft wird über Gender Pay Gap, Care-Arbeit oder strukturelle Benachteiligung gesprochen. Wo erlebt ihr diese Ungleichheiten im Alltag?
MLK: Wenn Männer im Haushalt ihre Hilfe anbieten und gesagt bekommen wollen, was sie tun sollen, lagern sie die Koordination all dieser Aufgaben und die damit verbundene Mental Load an ihre Frauen ab. Das ist erschöpfend für Frauen. Wenn Frauen sich üblicherweise um alle Geburtstagsgeschenke für Familienangehörige und Schwiegerfamilienangehörige kümmern, ist auch da eine Disbalance. Das sind nur zwei Mikrothemen von unzählig vielen.
NB: Ich bin Psychologin und Psychotherapeutin und ich möchte sagen: Das Patriarchat ist überall. Das heißt auch, es ist in unseren Köpfen und Körpern, weil wir es seit Jahrtausenden transgenerational kultivieren und es über Sozialisation/Be- und Erziehung internalisieren. Es wird so zu impliziten (d. h. eher unbewussten, deshalb aber umso wirkmächtigeren Wissensstrukturen), die bestimmen, was wir wie wahrnehmen, bewerten und welche Handlungen wir für adäquat halten. Dass Frauen* z. B. große Probleme haben, wütend zu sein und diese Wut gar laut zu äußern, ist ebenfalls eine Folge des Patriarchats in uns, das uns sagt: Das gehört sich als weiblich gelesene Person nicht! Tatsächlich sanktionieren sogar wir Frauen* das untereinander. Wir können diesem Patriarchat in uns nicht entkommen – ABER: wir können und sollten es reflektieren. Und dann sehen wir es überall (wie auch mal eine Patientin meinte)… und spüren es überall und nehmen die Gewalt wahr, die alles durchzieht. Dann sind wir hoffentlich wütend und überwinden Scham und Angst… und stellen uns Seite an Seite gegen ein durch und durch toxisches System – für einen tatsächlich radikalen Systemchange.
Welche langfristigen Veränderungen erhofft ihr euch?
NB: Es sollte deutlich geworden sein, dass wir uns eine radikale Veränderung in Richtung einer Culture of Care erhoffen. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass das in absehbarer Zeit gelingt. Ich fürchte, es wird (erst einmal?) sehr dunkel werden. Ich sehe eine wirklich wichtige Aufgabe darin, den Menschen die Botschaft zu erhalten: Eine andere Welt ist möglich! Patriarchat, Kapitalismus, Neoliberalismus und die mit ihnen einhergehenden Zerstörungen sind NICHT naturgegeben. Es sind Entscheidungen. Und das heißt, wir können und müssten uns anders entscheiden. Wenn wir van Schaik und Co folgen, dann ist das Patriarchat und mit ihm Annahmen wie „der Mensch ist des Menschen ein Wolf“ (was ja schon eine Projektion von unserer dunklen Seite auf die Wölfe ist) eben nicht unsere erste Natur, denn 99 % der Menschheitsgeschichte haben wir egalitär und solidarisch gelebt. Da Geschichte aber von Herrschenden geschrieben wird, soll genau dieses Wissen verloren gehen – so wie viele Frauen* aus der Geschichte getilgt worden sind. Deshalb muss es sichtbarer und weiter getragen werden.
Glaubt ihr, dass solche Protestformen gesellschaftlich etwas verschieben können?
NB: Es ist eine jahrzehntelange Diskussion, welcher Protest wirkt – allein diese Diskussion halte ich mittlerweile für eine Abwehr. Denn diese Diskussionen kann ich (noch) von der warmen Couch aus führen. Protest – egal welcher, vor allem aber jener, der wirkt – wird auf Widerstand stoßen. Und das heißt: Er ist auch eine Zumutung für mich, die ich mit diesem Widerstand, der in unserem Kontext durchzogen ist von misogyner Gewalt im weitesten Sinn geprägt ist, umgehen. Ich denke mittlerweile: Macht! Macht alles, was Euch einfällt! Und natürlich weiß ich, dass wir sinnvollerweise auf strukturelle Veränderungen zielen. Und ich weiß, dass wir unsere Kräfte einteilen müssen – was dann Fragen der Effizienz nach sich zieht. Aber so ohnmächtig, so sehr in der Vermeidung und Abwehr die meisten Menschen (mittlerweile?) sind, denke ich:
Wer überlegt, was zu machen… Mach! Sprich darüber, denn soziale Ansteckung ist sehr viel wirksamer, als wir alle vermuten! Schaue nicht nach individuellen Differenzen (agree to not agree ist hilfreich) – suche nach der solidarischen Klammer! Macht, macht, macht!
Wenn ihr einen Satz an die Leipziger Öffentlichkeit richten könntet – welcher wäre das?
NB: Schau in den Spiegel und frage dich: Wer will ich gewesen sein? Welche Geschichte wird über uns und unsere Stadt erzählt werden? Würde ich diese mit Stolz und Würde lesen?

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