Ein Hausverbot in gastronomischen Einrichtungen und Feinkostläden erregte vor einigen Wochen in Leipzig die Gemüter: Verkäuferinnen und Verkäufer des Straßenmagazins Kippe bekommen seitdem pauschal keinen Zutritt mehr, weil sie sich aufdringlich und beschimpfend, teilweise aggressiv benommen haben sollen. Berichte dieser Art häufen sich, wenn man mit Menschen spricht. Was ist dran?
Claudia genoss einen angenehmen Abend. Sie saß mit einem langjährigen Kumpel gemütlich zum vertrauten Gespräch beisammen, als ein Kippe-Verkäufer zu ihnen trat und das gleichnamige Straßenmagazin wortlos unter die Nase hielt. Selbst nach einer klaren Kaufablehnung sei der Mann nicht weggegangen und habe gebettelt, sodass ihr Begleiter mit einem „Ich habe Nein gesagt!“ sehr laut und nachdrücklich geworden sei.
So geschehen im Frühjahr in einem Café im Süden Leipzigs. Sie fühlte sich nicht direkt bedroht, aber es sei einfach eine beengende, unangenehme Situation gewesen, schildert Claudia, eine Leipzigerin, die eigentlich anders heißt, der LZ. Nur ein Einzelfall? Hört man sich um, so beschreiben auch andere negative Erfahrungen, beobachten die Situation teilweise schon länger.
Bettelei und penetrantes Auftreten
Dazu gehört Margit, die mit ihrer Familie in der Südvorstadt lebt. Auch sie möchte ihren echten Namen lieber nicht veröffentlicht wissen. Als sie vor einigen Jahren neu zuzog, so erzählt die Wahl-Leipzigerin, hatte sie zu Verkäufern der Kippe Kontakt, kam mit ihnen ins Gespräch, empfand sie meist als zurückhaltend, angenehm, höflich. Heute sei die Lage anders: „Die fangen sofort an zu betteln.“
Besonders ein Verkäufer in der Südvorstadt fiel Margit zeitweise unangenehm auf, weil er trotz Ablehnung des Kaufs immer wieder auf sie zugekommen sei und aufs Neue gebettelt habe. Auch beim Feinkost-Flohmarkt seien verschiedene Verkäuferinnen und Verkäufer ganztägig präsent gewesen, hätten an Ständen schon offensiv nach Klamotten gewühlt, während der Verkauf offiziell noch nicht mal begonnen hatte.
„Es muss etwas passieren“
Von Aggressivität bekam sie nichts mit, so Margit. Jedoch seien auch ihre minderjährigen Kinder schon von penetranten Verkäufern angesprochen worden und hätten sich über ein Gefühl der Einschüchterung beklagt. Für die Südvorstädterin ein unhaltbarer Zustand: „Der psychische Aspekt ist da echt nicht wenig.“
Und die Kippe selbst? Habe schon vor einigen Jahren auf ihren Hinweis mit der Zusage reagiert, sich zu kümmern. Passiert sei nichts. Dabei habe sie früher immer nur den Kopf geschüttelt, wenn Leute für viel Geld essen gehen und dann keine zwei Euro für einen Kippe-Verkäufer übrig haben. Heute bringt Margit für die Zurückhaltung eher Verständnis auf. Es müsse etwas passieren, auch im Sinne der Straßenzeitung selbst: „Ich finde es so schlimm für das Projekt an sich. Für die ist das ja der Todesstoß.“
„Das Projekt ist nicht mehr das, was es mal sein sollte“
Das sieht auch Carl Pfeiffer so, der offen über die Problematik spricht. Der 58-Jährige ist Betreiber der Röseling-Feinkostgeschäfte sowie von Killiwilly, Kaiserbad, Volkshaus und Luise. Sein pauschales Hausverbot im Killiwilly sowie im Volkshaus, der Luise und dem Röseling sorgte Mitte März für Aufregung.
Früher habe man die Kippe als soziales Projekt gern unterstützt: „Aber mittlerweile werden wir von den Verkäufern beinahe täglich angeschrien, körperlich bedroht und tatsächlich sogar angegriffen“, heißt es in einem Aushang. „Zur eigenen Sicherheit“ wurde daher allen Kippe-Verkäufern bis auf Weiteres der Zutritt untersagt.

„Das Projekt ist nicht mehr das, was es mal sein sollte“, erklärt Pfeiffer, als er die LZ in seinem hellen Büro zum Gespräch empfängt. Jüngst sei ein Kollege geschubst worden. Mit den ersten wärmeren Frühlingstagen 2026 hätten Verkäuferinnen und Verkäufer den Freisitz des Killiwilly an einem Abend geschätzt 40 bis 50 Mal aufgesucht: „Die bilden so eine richtige Kette.“ Kellnerinnen hätten besonders von männlichen Verkäufern Geschrei ertragen müssen und auch Gäste von einem Gefühl der Bedrohung berichtet. Oft gehe es um Bettelei, die Straßenzeitung sei nur noch ein Vorwand.
Sein Personal habe ihn zum Schutz gedrängt, zumal auch die Polizei nicht die Kapazität habe, zeitnah vor Ort einzugreifen, bedauert Pfeiffer. Auch wenn die Verkäufer aus seiner Sicht wohl „arme Schweine“ auf der Suche nach einem Ausweg seien, zog er die Reißleine. Vorwürfe erhebt der 58-Jährige besonders gegen die Macher der Kippe, denen aus seiner Sicht die Kontrolle entglitten sei. Bereits im Spätsommer 2025 habe er sich an die Zuständigen gewandt und die Probleme geschildert. Ein Mailwechsel, welcher der LZ vorliegt, bestätigt das.
Verantwortliche räumen Probleme ein
Die vom Suchtzentrum herausgegebene Kippe feierte letztes Jahr 30-jähriges Jubiläum und ist keine reine Obdachlosenzeitung, sondern wird von Menschen verkauft, die beispielsweise ohne Wohnung, vom Wohnungsverlust bedroht oder auch anderweitig in sozialer Not sind. So sollen ihnen ein Zuverdienst von 1,20 Euro pro verkauftem Kippe-Exemplar, Tagesstruktur und Kontakt mit der Gesellschaft ermöglicht werden: Selbsthilfe zur Stabilisierung des eigenen Lebens.
Die Projektverantwortlichen bestreiten einen Kontrollverlust, räumen aber ein, dass es Grenzüberschreitungen gab und gibt: „Das ist natürlich inakzeptabel und das lehnen wir auch komplett ab, ein solches Verhalten“, sagt Projektleiterin Sandy Feldbacher auf LZ-Anfrage. Die Masse der Verkäuferinnen und Verkäufer verhalte sich korrekt, es reichten aber wenige Abweichler, damit Unruhe aufkommt.
Rundgänge und gezielte Kommunikation sollen helfen
Um gegenzusteuern, könne man autorisierten Verkäufern als „ultima ratio“ die Ausweise entziehen – eine Sanktion, die bei zwei Männern angewandt wurde, welche schon 2025 durch aggressives Gebaren auffielen. Nach aktueller Kenntnis seien sie inzwischen nicht mehr in Leipzig, sagt Sandy Feldbacher.

Allerdings, so vermutet sie, hätten sie womöglich auf eigene Faust den Verkauf der Kippe zeitweise fortgesetzt. Hinzu kam, dass mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wahrscheinlich viele der Verkaufenden gleichzeitig loszogen, was ihre hohe Frequenz an Freisitzen in der beliebten Karli erklären könne.
Obwohl der Plan für Verkäuferinnen und Verkäufer feste Standorte vorsehe: „Eigentlich ist dieses Unterwegs-Verkaufen nicht die Norm“, sagt Kippe-Redakteur Heiner Uebbing. Für den Moment habe sich die Lage beruhigt, nachdem Ende Februar via Social Media erste Problemmeldungen aufgeploppt waren und die Sache viral gegangen war.
Neben regelmäßigen Rundgängen des Kippe-Projektteams und Gesprächen in Bars sei im Zuge der Debatte mit dem gesamten Verkaufstrupp geredet worden, um noch einmal zur Einhaltung der Regeln und zu respektvollem Miteinander zu sensibilisieren.
Kritik an Hausverboten: „Das trifft irgendwie alle“
Kein Geheimnis ist, dass sich die Struktur der Kippe-Verkäuferschaft über die Jahre gewandelt hat: 90 Prozent haben nach Angaben der Verantwortlichen eine Migrationsgeschichte, wobei hier der Großteil wiederum den Sinti und Roma angehört. Eine Gruppe, die bekanntermaßen häufig Diskriminierungen und Vorurteilen ausgesetzt ist.
Mitunter, so die Kippe-Leitung, landeten Menschen im Verkauf, die keineswegs blauäugig, sondern mit großer Motivation nach Deutschland kamen und hier in Not gerieten, weil sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen konnten oder ihnen der Lohn verweigert wurde. Es sind Umstände, die traurig machen. Ein Freibrief für Fehlverhalten sind sie freilich nicht. Obgleich das von Lokalbetreiber Carl Pfeiffer gezeichnete Bild der Lage das mit Abstand drastischste sei und man auch andere Rückmeldungen erhalte, könne man den Unmut nachvollziehen, betonen Sandy Feldbacher und ihre Kollegen.
Die – rein rechtlich sauberen – Hausverbote sehen sie dennoch skeptisch: „Das trifft irgendwie alle“, kritisiert der Kippe-Vertriebsverantwortliche Mathias Schreiber. In dem Sinne äußert sich unter anderem auch Zoltan, einer der Verkäufer, der regelmäßig in der Südvorstadt die Kippe anbietet. Er fände es schade, dass alle unter Generalverdacht gerieten, meint er.
Polizei sieht keine Hinweise auf kriminelle Struktur
Auf organisierte Strukturen von Kippe-Verkäufern, wie im Lauf der Recherche von einigen vermutet, gibt es laut Leipziger Polizeidirektion derzeit keinen Hinweis: Darüber sei nichts bekannt und es liege auch außerhalb polizeilicher Zuständigkeit, solange keine Straftatbestände erfüllt sind, so Behördensprecher Paul Engelmann auf LZ-Anfrage. Eine Auslesung erfasster Fälle etwa von Nötigung oder Hausfriedensbruch aus der Datenbank sei allerdings auch zu aufwendig und ohne Garantie, dass sich immer ein Bezug zur Kippe herstellen lasse.
Wird die Lage also dramatisiert? Schon eine fixe Suchmaschinenabfrage zeigt, dass einige User in den letzten Monaten von unangenehmen Begegnungen mit Verkäufern berichten, wobei sich die Muster auch hier gleichen: penetrantes Betteln, Wechselgeld-Tricksereien, Sprachbarrieren, Nichtakzeptanz eines „Nein“.
Wie soll man dem begegnen? Die Kippe verweist gegenüber der LZ auf Hebel zur Sanktionierung bis hin zum Ausschluss vom Verkauf. Diese Hebel bräuchten allerdings Zeit. Der Appell der Kippe-Macher lautet, Fehlverhalten unbedingt zu melden, egal ob es sich um ungebührliches Benehmen, Aufdringlichkeit oder Probleme beim Wechselgeld handelt. Wichtig sei die Identifizierung des Verkäufers oder der Verkäuferin.
Dazu solle man auf den Ausweis achten, der jährlich aktualisiert wird, 2026 grün und individuell nummeriert ist. Nur dieser berechtigt überhaupt zum Verkauf.
Lage hat sich offenbar entspannt, Hausverbote stehen
Außerdem soll auch die auf jeder Kippe-Ausgabe abgedruckte Nummer oben links unter dem Jahrgang eine Rückverfolgung ermöglichen, wenn autorisierte Verkäufer ein Heft einfach an Unberechtigte ohne Verkaufsausweis weiterreichen. Dies ist ein Verstoß gegen die Regeln, so die Kippe-Leitung. Weitgehend machtlos sei man allerdings da, wo Trittbrettfahrer ohne Lizenz sich beispielsweise zurückgelassene Ausgaben schnappen und eigenmächtig zum Kauf anbieten, räumen die Projektverantwortlichen ein.
Dennoch wollen sie zuversichtlich nach vorn schauen: „Wir haben keine Glaskugel, aber wir sind dabei, das für alle Seiten so entspannt wie möglich zu gestalten“, sagt der Vertriebszuständige Mathias Schreiber. Carl Pfeiffer erklärt am 19. April auf eine weitere LZ-Nachfrage, dass er im Moment kein akutes Problem mehr in seinen Geschäften habe: Die Hausverbote zeigten Wirkung, meint er. Er wolle vorerst daran festhalten.
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