In diesem Buch finden sich grob gezählt 38 witzige Umschreibungen dafür, sich zu besaufen, einige subtile bis schwarzhumorige Sexszenen, eine bitterböse Polemik darüber, dass Lesungen (fast) immer scheiße sind, und eine Menge anrührend realistische Gedanken über Liebesdinge, die man so noch nicht gelesen hat.  Was sich in diesem Buch nicht findet, sind Langeweile oder ein bequemes Einrichten in Klischees.

Was sich ebenfalls nicht findet, sind Gewissheiten. Und das ist eines der größeren Verdienste dieses Romans. Nicht einmal das Geschlecht des oder der Ich-Erzählerin steht wirklich fest. Was das Lesen des Textes nur umso aufregender macht, weil man sich so als Leser regelmäßig gezwungen sieht, die eigenen Geschlechtervorurteile zu hinterfragen.

Falls das nun eine Frau ist, deren Leben ich da gerade nach-lese, weshalb spricht die über Bier wie erfahrene Spätieckensäufer? Trotzdem trug sie/er/es doch vorhin noch ein Kleid, oder nicht? Und gerade, wenn man sich mit sich selbst darüber geeinigt hat, dass man eben doch einem männlichen Erzähler nach-liest, finden sich Beziehungsdiskurse oder Beschreibungen, die so nicht aus rein männlicher Perspektive verfasst worden sein können.

Der Plot von „Das geht nicht gut aus“ ist einfach erzählt: Mensch verliebt sich, Mensch gerät mit geliebten Menschen in Alltag, Alltag ist teilscheiße und wird durch weiteres Gefühlschaos zusätzlich kompliziert. Das Leben, das da geschildert wird, spielt sich zwischen WGs, Kleinstwohnungen, Berliner Clubs und allerlei Groß- und Kleinkunstevents ab. Wobei von DJs, Bands und arrivierten Künstlern und deren Fans jeder gerecht verteilt sein sarkastisch durchformuliertes Fett wegkriegt.

Auf einer anderen Ebene ist der Roman auch ein aufrichtiges Plädoyer für Polyamorie, jener allmählich heranwachsenden kleinen Schwester der Monogamie. Von der nicht nur polyamor lebende Menschen zunehmend glaubhaft behaupten, sie sei die Wurzel von mehr Lügen und Übeln in unserer Gesellschaft, als Liebesschmonzetten, Netflix-Serien oder Disney-Melodramen zugeben dürften.

Benjamin Schmidt: Das geht nicht gut aus. Cover: Edition  Ourtbird
Benjamin Schmidt: Das geht nicht gut aus. Cover: Edition Ourtbird

Wobei Schmidt die Probleme, die jedwede Form von Mehrfachliebesbeziehungen aufwerfen, in seinem Roman gar nicht beschönigt. Sein schriftstellerisches Verdienst besteht darin, dass er diese Probleme zum Spannungsfaktor in seinem Text macht.

Mit zwei Eigenheiten, die er seinen Leser*innen zumutete, hatte ich persönlich Anfangsschwierigkeiten. Er hat seinen Roman als Gedankenfluss seines Helden/seiner Heldin angelegt und wie das sowohl bei fließenden Gewässern als auch bei Gedanken üblich ist, kommt es zu kleineren Staus oder unerwarteten Wirbeln, die nicht immer so rund geraten sind wie der absolut überwiegende Rest des Textes. Das sind allerdings ganz persönliche Beobachtungen dieses Kritikers und andere mögen diese Textteile deutlich höher schätzen als ich.

In der Literaturszene geht’s ja gern mal so zu wie in der Politik oder bei den Royals: Die Suche nach Nachfolgern beginnt lange bevor Königin, König, Kanzler oder Parteichefin überhaupt zurückgetreten sind (oder: zurückgetreten wurden). Im Fall von Benjamin Schmidt darf man hoffen, dass er die Art von distanziert melancholischer, aber psychologisch exakt beobachteter Literatur fortsetzt, die Dirk Bernemann in Deutschland Anfang der 2000er Jahre etablierte. Es gab und gibt nämlich zu wenig davon.

Benjamin Schmidt „Das geht nicht gut aus“, Edition Outbird, Gera 2026, 15 Euro

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