Es war einmal ein Land. Von einer streng bewachten Grenze umgeben, die primär seine eigenen Bürger daran hindern sollte, das Land zu verlassen. Und trotzdem versuchten von 1961 bis 1989 Tausende, diese Grenze irgendwie zu überwinden. Die meisten scheiterten. Viele starben. Auch auf dem gefährlichen Weg über die Ostsee. Wie erlebten das Jugendliche, die von ihren Eltern auf so eine Flucht mitgenommen wurden? Darum geht es in Constanze Neumanns Buch.
Sie ist in Leipzig geboren und war gerade sechs Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus der DDR flohen. Nicht über die Ostsee, sondern im Kofferraum eines Autos. Was ganz bestimmt nicht weniger dramatisch war und von Ängsten begleitet.
Längst ist sie selbst Mutter, leitet den Pfaueninsel Verlag in Köln. Und wollte ihrer Tochter Antonia möglichst plastisch erzählen, „wie es war, in der DDR aufzuwachsen“. Denn in der Flucht der Familie, in der die Buchheldin Jana aufwächst, kulminiert die Geschichte.
Aber vorher lebte Jana natürlich ein ganz normales Leben in Leipzig. So normal, wie es in den 1980er Jahren sein konnte, wenn beide Eltern dem Staat kritisch gegenüberstanden, hier kaum noch eine berufliche Zukunft sahen und das Kind auch nicht emunterten, Mitglied der Pionierorganisation zu werden, in der fast alle Kinder ganz automatisch Mitglied waren.
Denn das wussten ja auch alle: Wer sich dieser Einvernahme in die gesellschaftlichen Massenorganisationen verweigerte, musste nicht nur mit Ausgrenzung und Schikanen rechnen, für den sanken auch die Chancen auf ein Abitur oder gar ein Wunschstudium auf null.
Das Land mit seinen linientreuen Lehrern und Funktionären und der allgegenwärtigen Stasi beurteilte seine Bewohner nach ihrer Bereitschaft zur Unterordnung und Anpassung. Gerade die Stasi praktizierte den Leitspruch „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ mit radikaler Konsequenz.
Nicht ganz zu Unrecht befürchten Janas Eltern, dass ihre Wohnung verwanzt sein könnte und sie mit der Tochter nur im Garten über die Fluchtpläne sprechen können. Unter strengster Schweigepflicht, niemandem etwas zu verraten. Schon gar nicht Katja, ihrer besten Freundin.
Was ist Freiheit?
Denn Katjas Vater arbeitet ausgerechnet bei der Staatssicherheit. Wenn der spitzkriegen sollte, dass Janas Eltern Fluchtpläne schmieden, war’s das, dann würde ihnen Gefängnis sicher sein. Spätestens an der Stelle werden Eltern ihren Sprösslingen so einiges erklären müssen, wenn das Buch hier wichtige Fragen aufwirft.
Fragen, die auch formuliert werden. Was ist das für ein Land, das mit einer martialisch bewachten Grenze seine eigenen Bürger daran hindert, das Land zu verlassen?
Eine Frage, die auch Katja umtreibt, der die starre Haltung ihrer Eltern fremd ist. Bei einem Urlaub in Prerow auf dem Darß erlebt sie selbst, wie gnadenlos die Bewachung auch der Ostseeküste ist, als sie mit ihrem Freund Ingo nachts zum Baden an den Strand geht.
Dass das für sie noch glimpflich endet, hat mit ihrem Alter, zwölf Jahre, zu tun. Aber wohl auch mit dem Einfluss des Vaters, auch wenn der sich regelrecht schämt für die Unvernunft der Tochter. Denn sie leben in einem Urlauberheim, in dem nur staatstreue Genossen untergebracht sind.
So ein kleiner Überwachungsstaat funktioniert auch deshalb relativ leidlich, weil sich auch die staatstreuen Genossen gegenseitig beäugen, misstrauen und überwachen und nicht mal den Gedanken daran zulassen, wie das eigentlich wäre, wenn man wirklich frei wäre.
Was ist wirklich Freiheit? Eine Frage, die sich auch Katja stellt, die sich freilich ebenfalls hütet, ihre Erlebnisse vom Prerower Strand zu erzählen. Das lernt man in so einem Land schnell, was man anderen erzählt und was man lieber für sich behält.
Gefährliche Fluchten
Ein Schweigen, das Jana noch viel schwerer fällt, die mit ihren Eltern zur Oma auf Hiddensee fährt, von wo ihr Vater die Flucht nach Dänemark plant. Wie kann sie den absehbaren Abschied vor Katja verheimlichen? Wo doch alles zwischen ihnen auf Vertrauen und Wahrhaftigkeit beruht?
Denn daraus besteht ja nun einmal die Freundschaft, gerade wenn es die allerwichtigste Freundschaft ist. Eine Freundschaft, die am Ende auch die Flucht übersteht.
Eine Flucht, die Constanze Neumann den auch in Büchern dokumentierten gelungenen Fluchten anderer Familien über die Ostsee nachgestaltet. Es ist ja alles nachlesbar. Und mit ihrer Jugendgeschichte lädt die Autorin geradezu ein, sich mit diesen Dokumenten eines Staates zu beschäftigen, der bis zuletzt alle Kraft darauf verwendete, die Menschen am Verlassen des Landes zu hindern.
Mit oft dramatischen und tödlichen Folgen. Und auch Janas kleine Familie kommt nur mit Ach und Krach davon, denn die Küstenwacht der DDR ist dicht gestaffelt. Ein falscher Schritt, und schon fallen möglicherweise tödliche Schüsse. Trotzdem sind rund 600 Fluchten über die Ostsee gelungen.
Aber auch an die mindestens 200 Ertrunkenen erinnert Constanze Neumann. Logisch, dass auch Jana wilde Ängste aussteht auf der Flucht, auf die sie praktisch nichts mitnehmen kann. Und selbst wenn die Flucht glückt, würde das ja – nach den damaligen Regeln der DDR – bedeuten, dass die beiden Mädchen einander erst wiedersehen, wenn sie in Rente sind.
Neugier und Anpassung
Aber Constanze Neumann hat die Geschichte vier Jahre vor dem Mauerfall am 9. November 1989 angesiedelt. Natürlich geht sie gut aus. Und auch die Freundschaft der Mädchen besteht die Zeit.
Zweier Mädchen, die noch unverstellt auf die Stadt schauen, in der sie aufwachsen, neugierig und mit den ganz großen Fragen, die Mädchen nun einmal auch mit zwölf Jahren umtreiben. Da liegt der Herz meist noch auf der Zunge und man ahnt, wie schwer es Jana fällt, Katja nichts zu verraten.
Es sind auch diese scheinbar so ganz gewöhnlichen Erfahrungen aus der späten Kindheit, die das Buch tragen. Einem Alter, in dem Kinder noch ohne Scheuklappen auf das Leben, ihre Familie, die Lehrer und das Land schauen. Scheuklappen, die sich viele erst später zulegen, wenn sie glauben, Anpassung wäre das Allerwichtigste im Leben.
Tun, was die Mächtigen von einem verlangen. Mit den Wölfen heulen, wie das so schön heißt. Und was heute schon wieder Viele tun, die ganz offensichtlich völlig vergessen haben, wie sich der obrigkeitliche Staat von innen anfühlte.
Ganz offensichtlich sind eine Menge Leute nur zu vergesslich, haben das Bedrohliche verdrängt und sich nur das Schöne gemerkt. Das es auch gab. So wie das Freibad, das Katja und Jana besuchen, die Pinguin Milchbar und die langen Ferientage an der Ostsee.
Man konnte die Überwachung und die Abschottung durchaus ausblenden, solange man nur angepasst lebte und nicht allzu hartnäckig fragte, was Freiheit tatsächlich bedeutet. Die Freiheit, selbst über das eigene Leben zu bestimmen, wie es Janas Eltern tun.
Eine sehr, sehr aktuelle Frage, die wieder mitten im Raum steht, seit eine durch und durch autoritäre Partei bei den ostdeutschen Wählern Zuspruch findet. Als hätten sie wirklich alle vergessen, wie es sich lebte in einem Staat, der die Menschen sortierte in die, die dazugehören, und die, die nicht (mehr) dazugehören.
Die Logiken der Bevormundung
Dass dann auch das Denken seltsame Verdrehungen macht, merkt auch Katja nach ihrer Rückkehr von der Ostsee, als sie über ihre Erlebnisse grübelt: „Aber die Frage blieb, die Anja gestellt hatte: Wieso musste man auf Leute schießen, um sie zu schützen?“
Wie verquer die Logik dann wird, wird Katja bewusst, als sie an die Argumentation ihres Vaters denkt: „Dafür kann doch der Staat nichts“, würde ihr Vater sagen. „Das liegt an den Menschen, die nicht mitmachen wollen, die einfach abhauen, als ginge sie das alles hier nichts an. Und weil es solche Menschen gibt, dürfen auch die anderen, die bleiben wollen, nicht an den Strand.“ So verquer wird die Logik, wenn man autoritäres Denken einfach weiterdenkt.
Und Katja stellt sich so einige Fragen, was denn dann Freiheit ist. Wo sie sich doch selbst nicht unfrei gefühlt hat bisher? Zumindest bis zu ihrem Erlebnis am nächtlichen Prerower Strand und dem Tag, als ihre beste Freundin Jana ihr – obwohl sie so sehr damit gekämpft hatte, es nicht zu verraten – von der geplanten Flucht erzählte.
Und beinahe kommen alle heraus. Beinahe. Denn selbst der so linientreue Stasi-Vater von Katja zeigt auf einmal ein Stück Menschlichkeit. Vielleicht auch nur, weil er seine Tochter liebt. Denn wo beginnt Freiheit eigentlich? Doch genau dort, wo wir unsere Menschlichkeit zeigen dürfen.
Wo die Losungen des erstarrten Staates aufhören, die Regeln vorzugeben. Das kommt so ganz beiläufig mit in dieser Geschichte, in der Constanze Neumann das Thema Flucht aus der DDR einmal konsequent und einfühlsam aus der Perspektive zweier Freundinnen erzählt, die in Leipzig aufgewachsen sind und für die die unbeschwerte Kindheit auf einmal endet.
Mit einer Flucht ins Ungewisse. Denn auch Janas Eltern wissen nicht, ob es ihnen gelingt.
Man fiebert mit. Und darf am Ende auch ein bisschen erleichtert sein. Denn die Geschichte geht gut aus für die beiden. Und wer etwas älter ist, weiß auch, was für ein Glück das für alle war, als sich Genosse Schabowski so gründlich verplapperte, dass noch in derselben Nacht die Mauer fiel.
Constanze Neumann Wann werden wir uns wiedersehen? Karibu / Edel Verlagsgruppe, Hamburg 2026, 14,99 Euro
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