Animierende Bücher zur Leipziger Architektur gibt es schon eine Reihe, meist mit spezifischem Blick etwa auf die Leipziger Gründerzeit oder die besonderen historischen Sehenswürdigkeiten. Aber wie betrachtet man eine Stadt, wenn man darin versucht, die Architekturepochen der vergangenen 1.000 oder gar 3.000 Jahre zu entdecken? Und es gibt etwas zu entdecken. Das weiß Stefan W. Krieg aus seiner beruflichen Arbeit, denn von 1995 bis 2022 war er Stadtbezirkskonservator bei der Stadt Leipzig.
Die Idee für das Buch hatte eigentlich seine Frau. Im „Dank“ würdigt er ihre Anregung. Ihr früher Tod ließ das Projekt beinahe scheitern. Da braucht es Mutmacherinnen, die einem sagen: Bleib dran. Bring das Projekt zu Ende. Und er hat es geschafft. Und lädt nun mit diesem Buch ein, in Leipzig einfach loszuziehen und sich auf – stimmt – letztlich sogar über 3.000 Jahre Architekturgeschichte einzulassen.
Was so beiläufig deutlich macht, wie sehr alle, wirklich alle Architekturstile der Neuzeit in einer langen Tradition stehen, die nicht nur bis zu den Römern und Griechen zurückreicht, sondern bis zu den alten Ägyptern. Eine Tatsache, die auch schon Katrin Löffler 2025 in ihrem Buch „Pyramiden an der Pleiße“ aufmerksam machte.
Stefan W. Krieg bindet das ein in einen großen Überblick aller in Leipzig sichtbaren Architekturstile und ihren Anleihen bei den Pyramidenbauern Ägyptens, den Tempelbauern Griechenlands und den Baumeistern der Kolossalbauten Roms.
Der lange Schatten Roms
Und gerade das Römische Reich mit seinen Nachwirkungen bis ins Frankenreich Karls des Großen hat auch die mittelalterlichen Baustile beeinflusst, die mit aufmerksamem Auge auch in Leipzig zu finden sind – Romanik und Gotik. Auch wenn die Reste dieser mittelalterlichen Bauwerke in Leipzig selten sind. Was logisch ist.
Denn auch die Leipziger bauten Jahrhunderte lang nur ihre Kirchen aus Stein. Die Wohn- und Lagergebäude wurden bis weit in die Neuzeit aus den vergänglichen Materialien der Umgebung gebaut: Holz, Stroh und Lehm. Sodass es im Stadtkern eigentlich nur die Front der Nikolaikirche ist, die diesen tiefen Blick in die Geschichte ermöglicht.
Aber Krieg nutzt bei solchen Gelegenheiten auch den Blick über den Stadtrand hinaus, in kleinere Orte im Umland, in denen oft architektonische Schätze zu finden sind, die es in der immer wieder umgebauten Leipziger Innenstadt schon lange nicht mehr gibt.
Das permanente Neu-Erfinden der Stadt, das Leipzigs wohlhabende Bürger betrieben, hat eben immer zwei Seiten gehabt – den Verlust älterer Bausubstanz und den Gewinn neuer, prächtiger Architekturlösungen. Und manchmal haben die vermögenden Kaufleute auch getrickst, haben ihr oft aus der Renaissance stammendes Stammhaus einfach mit einer neuen Fassade versehen, um den aktuellen Modetrends Paroli zu bieten.
Gerade jene Gebäude, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstanden haben, bieten in ihrem Kern, in Kellern und Treppenhäusern oft überraschende Blicke tief in die Geschichte der Stadt. Manchmal haben diese Spuren an unerwarteter Stelle überdauert, wie Krieg an den Beispielen des Treppenturms des Hauses Zur Goldenen Fahne und dem benachbarten Torbogen zeigt, Zeugnisse der einst hier stehenden Renaissance-Bebauung.
Strenge Muster und Schwelgereien
Aber schon bei seinen großen Ausflügen in die Welt von Pyramiden und Säulen schärft Stefan W. Krieg den Blick der Leser für die ganz bewussten Anleihen moderner Architekten bei den prägenden Baulementen der antiken Baumeister. Auf einmal merkt man, wie stark auch die Leipziger Gründerzeit von diesen Architektur-Zitaten geprägt ist. Das sagt sich in Leipzig so leicht hin: Gründerzeit. Als wäre es eine unverhofft aufploppende Architekturepoche, die nicht ins Raster des schönen Bauens passt.
Bereits bei den vorhergehenden Epochen von der Renaissance über Barock und Rokoko bis zur Klassik zeigt Krieg anschaulich – und mit vielen Fotos unterlegt –, wie sich die neuen Architekturstile jedes Mal direkt aus der vorhergehenden Epoche entwickelten, manchmal regelrecht zur Übertreibung gerieten (wie Manierismus und Rokoko), manchmal aber auch in Abgrenzung gegen diese Architekturschwelgereien und als Rückkehr zu den klassischen Vorbildern – wie eben der Klassizismus, der als Architekturepoche dem Historismus – dem wesentlich prägenden Architekturstil der Gründerzeit – vorausging.
Und Historismus heißt letztlich nur, dass sich die Architekten in dieser Zeit überhaupt keinen Zwang mehr auferlegten, die großen Architekturstile der Vergangenheit zu kopieren. Oder – was eigentlich noch eher die Regel war – zu zitieren.
Manchmal mit dem Mut zu völlig neuen Lösungen, zu denen sie ja ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend gezwungen waren, als Leipzig zur Großstadt heranwuchs und Wohn- und Arbeitsraum für immer mehr Menschen in immer kürzerer Zeit geschaffen werden musste. Und das oft mit einer Qualität, die heutige Bauherren verblüfft.
Vom opulenten Fassadenschmuck ganz zu schweigen, der – wie oben erwähnt – Architekturvorbilder aus rund 3.000 Jahren immer wieder lustvoll zitiert. Oder regelrecht inszeniert, wie am Reichsgerichtsgebäude (dem heutigen Bundesverwaltungsgericht), der Universitätsbibliothek oder dem Neuen Rathaus wunderschön zu sehen ist.
Die Lust, nach oben zu schauen
Wenn Sie also in nächster Zeit Leute entdecken, die mit in den Nacken zurückgelegten Köpfen an den Fassaden hinaufschauen, dann könnten das Leser dieses Buches sein, erstmals wirklich angeregt, nach all den Details Ausschau zu halten, mit denen Architekten Wirkung erzielten. Und bis heute erzielen.
Maßstab auch für alle folgenden Stilepochen, für die Krieg in Leipzig ebenfalls anschauliche Beispiele gefunden hat – vom Jugendstil über den Reformstil und das Neue Bauen bis zur Moderne der Nachkriegszeit (die in Leipzig mit dem Traditionalismus des großen Vorbilds Moskau zu ringen hatte) und der Postmoderne, die in Leipzig schon vor 1989 mit Beispielen zu finden war.
Die jüngere Zeit – ab 1990 – untersetzt Krieb natürlich auch mit dutzenden Beispielen eindrucksvollen Bauens, auch wenn diese Zeit irgendwie noch nicht zu einem eigenständigen Stilkanon gefunden zu haben scheint. Vielleicht auch nur eine Fortsetzung der Postmoderne mit anderen Mitteln ist. Manchmal schlicht den falschen, wie Krieg mit Hinweis auf die opulent angelegten großen Fensterfronten anmerkt, die in Zeiten der Erdüberhitzung schlichtweg kontraproduktiv sind.
Jede greifbare Stilepoche hat in diesem Buch ein eigenes Kapitel mit einer kenntnistreichen Einführung in die Zeit und ihre stilistischen Bezüge bekommen. Und wie es die Baumeister dann umgesetzt haben, zeigt Krieg – mit großer Lust am Detail – dann an einigen markanten, ausgewählten Gebäuden. Die findet man im Umschlag des Buches dann auch noch auf zwei Stadtkarten, sodass man sich auch als Neuleipziger problemlos hinfindet und das Staunen lernt über den Reichtum Leipziger Architektur.
Städte brauchen erlebbare Geschichte
Eine Architektur, die Krieg wiederum als Beispiel sehen möchte. Denn vergleichbare Bücher könnte man auch über andere europäische Städte schreiben. Nicht über alle, denn in vielen Städten, gerade im Westen, haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs ganze architektonische Schichten ausgelöscht. Und als man die Städte nach dem Krieg wieder aufbaute, nahmen die Architekten wenig Rücksicht auf die historische Substanz, schlugen die breiten Einfallstraßen mitten durch die Trümmerwüsten.
Manche Städte – wie Frankfurt am Main – haben ihren historischen Stadtkern erst in den letzten Jahren mühsam rekonstruiert. Für teuer Geld natürlich. Aber auch die Frankfurter haben gelernt, dass es sich in einer Stadt, deren Geschichte baulich nicht mehr zu finden ist, nicht besonders heimisch werden lässt.
Was ja eine der Attraktionen Leipzigs ist: Dass der Großteil der innerstädtischen Bausubstanz nicht nur die Bombardements des Weltkriegs, sondern auch die Vernachlässigung in der DDR-Zeit überlebt hat und nach 1990 liebevoll restauriert werden konnte.
Stets unter Begleitung von Leipzigs Denkmalschützern, die selbst ihre Überraschungen erlebten – spätestens, wenn sie die Villen und Wohnhäuser der Gründerzeit betraten und merkten, dass die Architekten nicht nur auf eine schöne Fassade geachtet haben, sondern auch auf kluge Wohnungsgrundrisse und eindrucksvolle Treppenhäuser mit faszinierenden Malereien oder sogar prachtvollen Säulen, die einen wie einen König auftreten lassen, wenn man das prächtige Vestibül vor sich hat.
Weil aber all die prächtigen Gebäude zumeist in Privatbesitz sind, gibt es eher wenige Fotos aus ihrem Inneren. Aber allein schon die Aufnahmen von Türen, Balkonen und Fenstern lassen den Betrachter auch von außen ahnen, wie königlich es sich in diesen Häusern wohnen lässt. Während Krieg bei vielen Bauten der jüngeren Vergangenheit mit ihren oft unbeständigen Baustoffen so seine Zweifel hat, ob sie in ein paar Jahren noch in Bauführern auftauchen werden oder je so etwas wie den Denkmalstatus erreichen können.
Vielleicht eher im negativen Sinn: Als verunglückter Versuch, an der falschen Stelle zu sparen.
Stefan W. Krieg „Leipzig. Europas Architektur in einer Stadt“ Verlag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2026, 39,90 Euro.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:















Keine Kommentare bisher