Es ist nicht nur die Klimaerhitzung, die Deutschland zu schaffen macht. Sie macht erst richtig spürbar, wie zerstört unsere heimischen Landschaften längst sind. Sie bieten kaum noch Schutzfunktionen gegen Wetterextreme. Das macht eine neue ECONICS-Studie drastisch sichtbar. Deutschland verliert die natürliche Schutzfunktion seiner Landschaften: Der am Mittwoch, dem 25. Juli, vom NABU und dem ECONICS Institut in Berlin vorgestellte ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index (GFKI) 2026 zeigt bundesweit, wie leistungsfähig Natur bei Kühlung, Wasserrückhalt und Klimaanpassung ist. Das Ergebnis alarmiert.
Viele Regionen verlieren ihre Fähigkeit, Hitze zu mildern, Wasser in der Landschaft zu halten und die Folgen der Klimakrise abzufedern.
In Sachsen zeigt sich, wie die Veränderungen der Landschaft infolge intensiver Bewirtschaftung, Versiegelung und Zerschneidung die natürliche Infrastruktur beeinträchtigen, stellt der NABU Sachsen fest, der die ECONICS-Studie in Auftrag gab. Nur wenige Gebiete, wie die Dübener und Dresdener Heide, die Moritzburger Teichlandschaft oder das Erzgebirge, zeigen ein gutes oder gar sehr gutes Potenzial. Sie repräsentieren eine stabile und gut vernetzte natürliche Infrastruktur, die ihre Ökosystemleistungen in großem Umfang ausführen.
Diese Regionen stechen jedoch inselartig hervor. Auffällig ist, dass es kaum funktionierende Verbundsysteme gibt. Die großen Flusslandschaften Sachsens sind kaum zu erkennen, deren Auen in jedem Biotopverbund, aber auch im natürlichen Klimaschutz eine herausragende Rolle spielen. Selbst die europarechtlich geschützten FFH-Gebiete zeigen durchweg eine kritische Schädigung oder höchstens mäßiges Leistungspotenzial auf.
„Der ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index macht deutlich: Natur ist keine Kulisse, sondern unsere natürliche Infrastruktur. Intakte Wälder, Moore, Auen und Grünflächen speichern Wasser, kühlen ihre Umgebung und machen unsere Landschaften widerstandsfähiger gegen die Folgen der Klimakrise“, sagt NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.
Der GFKI bewertet Landschaften anhand der drei Faktoren Grün, Feucht und Kühl. Besonders intensiv genutzte Agrarregionen, stark versiegelte Städte und ausgebaute Gewässerräume weisen häufig Defizite auf. Der bundesweite Trend ist negativ.
Forschung mit hochauflösenden Satellitendaten
„Die Ergebnisse des ECONICS-Grün-Feucht-Kühl-Index‘ und seines Veränderungstrends beruhen nicht auf Experteneinschätzungen, sondern werden gemessen. Es werden vor allem große Mengen hochauflösender Satellitendaten eingesetzt. Neu ist auch, dass wir sehr konkret vorschlagen, welche Gebiete mit hoher Priorität geschützt, stabilisiert oder wiederhergestellt werden müssen“, sagt Studienautor Prof. Dr. Pierre Ibisch.
„Die Daten bestätigen, was wir seit Jahren beobachten“, sagt Maria Vlaic, Landesvorsitzende des NABU Sachsen. Jedes Frühjahr betreuen NABU-Aktive in ganz Sachsen Amphibienschutzzäune an Feuchtgebieten. Dabei zeigt sich: Die Zahl der Amphibien, die zu ihren Laichhabitaten wandern, nimmt kontinuierlich ab. An einigen Standorten werden inzwischen keine Schutzzäune mehr aufgebaut, weil kaum noch Tiere zu ihren Laichgebieten wandern. Die Ehrenamtlichen des NABU können dort lediglich noch dokumentieren, dass geeignete Lebensräume verloren gegangen sind.
Gleichzeitig zeigt der Index: Renaturierung wirkt. Wo natürliche Prozesse zugelassen und geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt werden, können Landschaften ihre Funktionen zurückgewinnen, etwa durch regenerative Landwirtschaft mit Zwischenfruchtfolgen, die Wiedervernässung von Mooren, die Renaturierung von Flüssen und Auen oder mehr Grün in den Städten.
Brutofen Leipzig
Wer Leipzig auf der Karte mit den Infrastrukturen sucht, findet es mitten in einem tiefroten Gebiet, das sich von der Magdeburger Börde im Norden und dem Thüringer Becken im Süden bis nach Dresden erstreckt. Eine Landschaft fast ohne Wald, dafür geprägt von einer intensiven Landwirtschaft mit riesigen Feldern, auf denen sämtliche Strukturen für den Wasserrückhalt fehlen. Dazwischen industriell geprägte Regionen, in denen große, versiegelte Flächen eine Aufheizung in heißen Sommern regelrecht vorantreiben.
Ein kleiner grüner Fleck nordöstlich von Leipzig zeigt die Dübener Heide, weit und breit das einzige noch einigermaßen intakte Gebiet mit hoher ökologischer Resilienz.
Für Leipzig gilt die höchste und damit schlechteste Kategorie: „Sehr stark geschädigt und gefährdet, sehr hohe Priorität für Schutz- und Wiederherstellungsmaßnahmen.“
Und selbst den Verlauf der Weißen Elster kann man auf der Karte kaum erkennen, obwohl sie in Leipzig vom FFH-Gebiet „Leipziger Auensystem“ geprägt ist. Oder sein sollte. Denn seit 100 Jahren ist der Leipziger Auwald vom Fluss abgeschnitten, leidet entsprechend selbst unter der Dürre, während die Aue ihre kühlende Wirkung für die Stadt nicht entfalten kann. Das seit Jahren geforderte Auenentwicklungskonzept, über das nun seit Jahren diskutiert wird, soll es erst 2027 geben.
Was noch nicht bedeutet, dass dann tatsächlich schon die Arbeiten zur Revitalisierung der Aue beginnen. Mit einer Öffnung der Deiche ist wohl frühestens 2029 zu rechnen.
Staatliche Prozesse laufen längst viel zu langsam und halten mit dem Tempo der Klimaveränderungen nicht Schritt. Ob sie – wie im Fall des Leipziger Auensystems – am Ende reichen, um die Klimaresilienz in Leipzig zu verbessern, ist offen. Denn der Blick auf die Karte zeigt, dass auch im weiteren Umfeld resiliente Ökosysteme fehlen. Selbst die Auensysteme an Saale und Mulde sind viel zu schmal ausgelegt, um wirkliche Effekte für die Klimaresilienz der mitteldeutschen Region zu entwickeln.
Klares Ergebnis einer Umfrage von 2025
Dass die Bevölkerung diesen Weg unterstützt, zeigt auch eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des NABU: Über 80 Prozent der Menschen in Sachsen befürworten das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Die Ergebnisse unterstreichen den breiten gesellschaftlichen Rückhalt für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme und für Renaturierungsmaßnahmen als wirksamen Beitrag zum Klima-, Natur- und Hochwasserschutz.
Der NABU fordert Bund und Länder auf, die natürliche Infrastruktur konsequent zu stärken. Auch in der derzeitigen Haushaltslage darf Natur nicht ins Hintertreffen geraten, denn nur intakte Ökosysteme sichern unsere Lebensgrundlage und unseren Wohlstand. Die angekündigten Haushaltskürzungen im Bereich der sächsischen Naturschutzförderungen sind vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar.
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