Extreme klimatische Auswirkungen auf Menschen und Umwelt werden häufig mit sehr hohen globalen Erwärmungsniveaus von drei oder vier Grad Celsius in Verbindung gebracht. Eine neue Studie unter Federführung des in Leipzig ansässigen Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zeigt, dass diese Annahme zu kurz greift. Denn auch eine moderate Erwärmung von 2 Grad Celsius könnte erhebliche Klimarisiken für Sektoren mit besonderer gesellschaftlicher und ökologischer Bedeutung mit sich bringen.

Dazu gehören Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen, Dürren in wichtigen Agrargebieten und extreme Feuerwetterbedingungen in Wäldern. Dies unterstreiche, so das UFZ, wie dringlich schnelle Klimaschutzmaßnahmen sind, um die Risiken zu begrenzen. Die Studie ist im Fachmagazin Nature veröffentlicht.

Weil Klimamodelle immer noch erhebliche Unsicherheiten aufweisen, lässt sich nicht ausschließen, dass sich das Klima dramatischer entwickelt als erwartet.

„Im Sinne einer verantwortungsvollen Risikobewertung sollten wir deshalb über die wahrscheinlichsten Entwicklungen hinausblicken und auch extreme Szenarien berücksichtigen, die schwerwiegende gesellschaftliche oder ökologische Folgen haben könnten“, sagt Erstautor und UFZ-Klimaforscher Dr. Emanuele Bevacqua.

Die Grenzen bisheriger Klimamodelle

Bislang wurden diese extremen, sogenannten globalen Worst-Case-Szenarien in der Regel anhand der Durchschnittswerte vieler Klimamodelle bei hohen Erwärmungsniveaus von 3 oder 4 Grad Celsius beschrieben. Dieser Ansatz berücksichtigt jedoch nicht, dass selbst bei moderaten Erwärmungsniveaus einzelne Klimaprojektionen für bestimmte Regionen sehr gravierend ausfallen können.

„Zudem ist das Wetter in benachbarten Regionen stark korreliert, während es mit dem Wetter in weit entfernten Regionen weitgehend unkorreliert ist. Das erschwert es, aus lokalen Unsicherheitsabschätzungen Rückschlüsse auf globale Risiken zu ziehen“, sagt Co-Autor und Prof. Dr. Jakob Zscheischler, Klimaforscher am UFZ und Professor für Data Analytics in Hydro Sciences an der Technischen Universität Dresden (TUD).

Deutliche Abweichungen vom 4-Grad-Modell

Die Forschenden wählten daher für ihre Studie einen neuen Ansatz: Sie identifizierten sektorspezifische Treiber wie etwa Niederschlagsextreme oder Dürren sowie Regionen, in denen die vulnerablen Sektoren Wald, Landwirtschaft oder dicht besiedelte Regionen vorhanden sind. Deren Kombination ermöglicht es, Klimaveränderungen dort zu untersuchen, wo sie für bestimmte globale Risiken besonders relevant sind. So analysierten sie beispielsweise Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen, Dürren in globalen Agrarflächen und das Feuerrisiko in Wäldern.

Dafür werteten sie globale Simulationen vieler Klimamodelle aus, die auch die Grundlage für die Berichte des Weltklimarats (IPCC) bilden. Auf diese Weise konnten sie jene Modellprojektionen identifizieren, die im Vergleich die stärksten (Worst-Case) beziehungsweise die geringsten (Best-Case) Auswirkungen zeigen – jeweils bezogen auf den untersuchten Sektor.

Das zentrale Ergebnis: Für jeden der drei untersuchten globalen Bereiche (starke Regenfälle in dicht besiedelten Regionen, Dürren in globalen Agrarregionen und Brandgefahr in Wäldern) zeigen einzelne Klimamodellprojektionen bei einer Erwärmung von 2 Grad deutlich stärkere Veränderungen als die durchschnittliche Veränderung über alle Modelle hinweg bei 3 oder sogar 4 Grad.

Besonders deutlich wird dies beispielsweise im Bereich der Ernährungssicherheit und damit in Anbauregionen, die einen großen Teil der weltweiten Produktion von Mais, Weizen, Soja und Reis abdecken. Hier zeigen die Klimamodelle sehr große Unterschiede: Je nach Modell kann die Häufigkeit von Dürren bei 2 Grad Erwärmung unverändert bleiben – oder um mehr als 50 Prozent zunehmen.

Ernährungssicherheit, Lieferketten und globale Märkte

„10 der 42 untersuchten Modelle liefern bei 2 Grad Ergebnisse, die deutlich über dem Modellmittel bei 4 Grad Erwärmung liegen“, sagt Emanuele Bevacqua. Das Risiko von Dürren in global wichtigen Anbauregionen ist somit deutlich höher, als es eine Analyse der Durchschnittswerte erwarten ließe. Angesichts ihrer Bedeutung für die Ernährungssicherheit, für globale Lieferketten und internationale Märkte müssten die Folgen solcher extremen Klimaentwicklungen genauer untersucht werden. Auch in den Bereichen „Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen“ und „extreme Feuerwetterbedingungen in Waldgebieten“ zeigen die Worst-Case-Modelle bei 2 Grad Klimatrends, die die durchschnittlichen Veränderungen bei einer Erwärmung um 3 Grad übertreffen.

Die große Spannbreite der Ergebnisse ist vor allem auf die Unterschiede zwischen den Klimamodellen zurückzuführen, nicht auf natürliche Klimaschwankungen.

„Da die Projektionen mit Unsicherheiten behaftet sind, sind extreme Klimaentwicklungen selbst bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad möglich und werden häufig unterschätzt, wenn der Fokus auf Modellmittelwerten liegt. Diese Orientierung an Durchschnittswerten kann zu einem falschen Sicherheitsgefühl beitragen“, sagt Emanuele Bevacqua.

Eine moderate globale Erwärmung ist daher keine Garantie für moderate Auswirkungen. Zugleich warnen die UFZ-Forschenden vor Fehlinterpretationen: „Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine 2-Grad-Erwärmung insgesamt so gravierend wäre wie eine deutlich stärkere Erwärmung. Vielmehr zeigen sie, dass extreme Auswirkungen in besonders verwundbaren oder gesellschaftlich wichtigen Sektoren auch bei einer moderaten Erwärmung von 2 Grad auftreten können“, sagt Jakob Zscheischler.

Deshalb sollten die Ergebnisse der Studie nach Meinung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Bewertung von Klimarisiken und die Planung von Klimaanpassungsmaßnahmen einfließen. Zugleich machen sie deutlich, wie dringend ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen erforderlich sind, um die globale Erwärmung deutlich unter 2 Grad zu begrenzen.

Publikation: Emanuele Bevacqua, Erich Fischer, Jana Sillmann and Jakob Zscheischler. Moderate global warming does not rule out extreme global climate outcomes, Nature

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Es gibt 4 Kommentare

Urs, sie könnten z.B. die Gewichtung politischer Themen bei Ihren Wahlentscheidungen unter Berücksichtigung dieser Information treffen. Es gibt nicht die eine und einfache Maßnahme dafür, die Erwärmung zu begrenzen. Aber ohne eine weltweit informierte politische Öffentlichkeit und Kenntnisse über die ökologischen und ökonomischen Folgen von nicht getroffenen Entscheidungen wird noch weniger versucht werden.

Das ist ja Ausdrucks des Problems, Gevatter, daß es mit dem Vorangehen mit gutem Beispiel so eine Sache ist: wenn die im Artikel konstatierte Dramatik so besteht, reichen gute Beispiele und eigenes Hirnen, was jeder selbst tun kann, nicht aus. Und dann: in welcher Weise kann ich aufklären? Daß weniger mehr ist? Mit Moral oder gar Hypermoral ist Scheitern vorprogrammiert. Und ganz bestimmt auf regionalem Niveau. Denn wenn die Probleme so groß sind wie von den Autoren beschrieben, dann hilft ganz bestimmt nicht zu versuchen, etwa Leipzig “klimaneutral” zu machen. Und zu hoffen, daß es sich im Erfolgsfall wie ein Lauffeuer verbreitet, wie gut Leipzig war, so daß es einen Nachahmer-Domino-Effekt geben könnte etc. pp.

Diese unsere Gesellschaft, die von vielen Seiten in die Mangel genommen wird, wie die Gesellschaften in vielen anderen Ländern auch, kann leider nicht die Erwärmung und viele andere Probleme quasi zusammen im Bouquet lösen, und das immer zu Lasten der weithin über die Erschöpfung hinaus agierenden gesellschaftlichen Mehrheit.

Die UFZ-Autoren freuen sich über ihre Nature-Publikation, in der sie mitteilen, daß selbst bei “nur” 2K Erwärmung garstigere Extremwettersituation vorkommen werden, als bisher gedacht. Tja. Und nun? Ernstes Gesicht und Schulterzucken. Und ich muß sagen: was soll sonst rauskommen, unter ggw. gesellschaftlichen Bedingungen, in der einerseits der Wissenschaft selbst als ökonomisiertem Player nur noch mit größter Skepsis begegnet werden kann und andererseits etwa Fernwärmeprojekte auf jeden Fall ein Kostendesaster mit sich bringen werden, weil die ökonomischen Bedingungen so sind wie sie sind.

Wie wäre es mit gutem Beispiel voranzugehen und dein Umfeld dabei aufklären und mitnehmen?
Die Energie für deinen aus meiner Sicht sinnlosen Text hier — hättest du dir zb. sparen können.
Und ernsthaft mal darüber nachdenken könnte dir bei deiner Suche was du tun könntest auch sehr helfen.

Die UFZ-Autoren schreiben am Ende des Hauptteils ihres Textes: “Angesichts der bevorstehenden globalen Erwärmung um nahzu 1,5 °C (mit Selbst-Referenz: eigener Artikel der Autoren, erschienen bei ‘Nature Climate Change’ im Jahr 2025) unterstreicht diese Studie die Dringlichkeit ambitionierter Minderungsstrategien, die darauf abzielen, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten […].” Tja, keine Literaturverweise dazu, ob und wodurch und inwieweit “ambitionierte Minderungsstrategien” Erwärmung aufhalten.

Was soll ich als Leser machen? Das weltumspannende Verjuchteln von Energie bei mir im Kleinen angehen? Kein Teelicht mehr anzünden? Flach atmen? Die spekulativ hochgetriebenen Treibstoffpreise bejubeln? Mir einen Erdbunker zulegen? Auf der Sachsenbrücke rote Striche dranmalen und dann auf Bongos trommeln? Mich über die dräuende Superwirtschaftskrise freuen? Die UFZ-Autoren bewundern?

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