In Leipzig-Plagwitz ist mit dem karlhelga Wagenplatz über 17 Jahre lang eine grüne und kulturelle Oase gewachsen. So vielfältig wie Bewohner/-innen und Nutzer/-innen des Freiraums sind seine Beiträge – ob zur kulturellen Vielfalt im Stadtteil, zur Verbesserung von Luft und Klima oder durch den unversiegelten Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen.
Bei Temperaturen über 40 °C in Städten werden urbane Wälder, wie die 720 kühlenden und luftfilternden Bäume auf dem Wagenplatz-Gelände, unverzichtbar. Und nicht zuletzt als Experimentierraum für nachhaltige Ansätze rund um Wohnen, Arbeiten und Konsum. Mit der Bereitschaft zu Minimalismus ist die Frage eng verknüpft: Was brauchen wir wirklich, wie viel und was davon muss wirklich neu sein?
Seit dem Grundstückskauf durch eine Tochterfirma der CG-Gruppe vor fünf Jahren engagiert sich die Wagenplatz-Gemeinschaft aktiv für den Erhalt des Projekts und setzt aktuell alles daran, das Grundstück bis Ende des Jahres zu kaufen. Die große Unterstützung durch die Nachbarschaft, Angehörige, Freund/-innen, Umweltschutzorganisationen wie der BUND und die Stadtpolitik macht deutlich, dass dieser besondere Ort als Lebensraum und als Kultur- und Veranstaltungsort für viele Menschen einen zentralen Stellenwert hat.
Gelingt der Kauf durch den nutzenden Verein, bliebe der Ort für die Öffentlichkeit mit seinen vielfältigen Angeboten zugänglich.
Bis dahin ist es die Aufgabe des Insolvenzverwalters, mit den Gläubigern eine Lösung zu erarbeiten – möglichst ohne, dass die Bevölkerung und kommunale Strukturen negativ von den Schulden betroffen werden. Die Gläubiger müssten sich mit Verlusten in Millionenhöhe abfinden, statt die spekulierten Gewinnmargen zu erreichen. Öffentliche Infrastruktur, sozialer Wohnungsbau oder gemeinwohlorientierte Projekte leiden darunter, wenn Gelder in private Taschen fließt, während die Kommune auf der Strecke bleibt.
Viele Städte in Deutschland haben stark verschuldete Haushalte und Investitionsrückstände, die ihre Handlungsfähigkeit schwächen. Da ist Leipzig leider keine Ausnahme. Kommunen geraten zusätzlich in Schulden, wenn private Bauunternehmen oder Investoren zahlungsunfähig werden oder Verbindlichkeiten (wie z. B. ausstehende Grundsteuer, Straßenreinigungskosten bei per se schon niedriger Gewerbesteuer) nicht bedienen. Die Folgen für ausstehende Löhne von Handwerkern und Dienstleistern, durch Insolvenz sind da noch nicht berücksichtigt.
Warum karlhelga mehr ist als ein Grundstück
Mit seinen diversen Veranstaltungen – Konzerten, Lesungen, als Proberaum – schafft karlhelga neben dem Wohnen im Wagen Räume für Begegnung, Austausch und Kultur. Und nicht zuletzt ist die Fläche ein wichtiger Ort für die Natur, wie durch Froschkonzerte der Laubfrösche und Wechselkröten im Stadtteil zu hören ist. Die überwiegend unversiegelte Fläche mit Pflanzen und Bäumen macht den Ort zu einem ökologischen Refugium in der Stadt.
Als grüne Insel stehen Freiräume wie karlhelga symbolisch für den Kampf gegen die zunehmende Kommerzialisierung des urbanen Raums und sind ein wichtiger Teil lebendiger, vielfältiger Nachbarschaften. Darüber hinaus machen solche Räume Leipzig für Viele zu einer noch lebenswerten Stadt, welche sich bisher ihren besonderen Charme bewahren konnte.
Mit Visionen wie dieser für Leipzig steht der Wagenplatz karlhelga nicht allein da. Die Mehrheit stimmte dieses Jahr bei den für Leipzig in der LVZ eingereichten Zukunftsvisionen für eine blau-grüne Infrastruktur, Vielfalt und Lebensqualität für alle – nicht nur für wenige. In einer Zeit, in der immer mehr Freiräume der Spekulation weichen, ist der Erhalt solcher Orte eine Zukunftsfrage.
Freiräume – auch dafür steht Leipzig
Wenn Parks und der Auwald die grüne Lunge Leipzigs sind, sind Freiräume und Subkultur Herz und Seele der Stadt. Welche Bedeutung Freiräumen wie dem karlhelga Wagenplatz in der heutigen Stadtentwicklung zukommt, unterstreicht der BiB.Monitor 2024: Eine bessere Luftqualität geht mit einem höheren subjektiven Wohlbefinden in Metropolen einher. Grünflächen sind nicht nur „grüne Lungen“ der Stadt, die die Luftqualität verbessern und zum Artenschutz beitragen – sie sind auch zentrale Schutzfaktoren für die mentale und physische Gesundheit der urbanen Bevölkerung. Gleichzeitig schaffen Freiräume wie der karlhelga Wagenplatz durch alternative Lebensentwürfe ein Experimentierfeld für nachhaltige, kreative Ansätze.
Durch gemeinschaftliches Wohnen im Wagen, entsteht Raum für kritische und konstruktive Auseinandersetzungen mit den sozialen, finanziellen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Wagenleben bedeutet Eigenverantwortlichkeit. Gemeinsam wird sich um den Bau, die Wartung und Pflege der Infrastruktur gekümmert. Der Bezug zum Verbrauch und Konsum von Wasser, Strom und anderen Ressourcen bleibt greifbar in sinnvollem Zusammenhang mit dem eigenen Tun und Fähigkeiten sowie gegenseitiger Unterstützung.
Dass der Earth Overshoot Day dieses Jahr bereits Mitte Mai war, also der Tag, ab dem wir in Deutschland mehr natürliche Ressourcen verbrauchen, als die Erde in einem Jahr erneuern kann, ist ein erneuter Weckruf. Ab diesem Zeitpunkt leben wir auf Pump – auf Kosten anderer Regionen und kommender Generationen. Dabei schafft die Bereitschaft zu selbstgewählten, minimalistischen Lebensmodellen einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen.
Sie setzen genau dort an, wo das Problem entsteht: beim zu hohen Ressourcenverbrauch und Überkonsum. Statt immer neue Produkte herzustellen und wegzuwerfen, geht es darum, weniger zu verbrauchen, Dinge länger zu nutzen und Materialien im Kreislauf zu halten. Bis unser Ressourcenverbrauch oder Klimaemissionen wieder ausgeglichen sind.
Ein Aufruf zum Handeln
Die Zukunft des karlhelga Wagenplatzes ist auch eine Frage der Stadtplanung. Bei der Erschließung neuer Flächen müssen infrastrukturelle, gesundheitliche und soziale Faktoren stärker berücksichtigt werden, um lebenswerten und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Der Erhalt von Freiräumen ist kein Luxus – er ist eine Notwendigkeit für eine Stadt, die lebenswert bleiben will.
Wem die Vielfalt Leipzigs am Herzen liegt, der kann mit der Gemeinschaft des karlhelga-Wagenplatzes den Kauf zum Erhalt des Freiraums mit ermöglichen und z. B. in Form eines Direktkredits ab 500 € unterstützen. Je mehr wir sind, desto eher gelingt es uns soziale Ungleichgewichte auszugleichen und Bauträger oder Investor/-innen gegenüber Kommunen und der Bevölkerung zur Verantwortung zu ziehen.
Wer unterstützen möchte, sendet eine Mail an: karlhelga@posteo.net oder findet noch mehr Infos über: karlhelga.noblogs.org.
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Es gibt 3 Kommentare
Hey kayto, danke dass du deine Meinung hier kundgetan hast, vor allem auch falls mehr Menschen diese Gedanken und Bedenken haben ist es gut hier in den Diskurs zu gehen.
Veranstaltungen:
Die Website ist da keine gute Quelle um einen Überblick zu bekommen. Es wäre sicher schön dass dort regelmäßig einzupflegen, vielleicht klappt das auch irgendwann besser. Da alles ehrenamtlich geschieht haben da vielfältige andere Aufgaben aber erstmal Vorrang.
Es gibt sowohl auf Signal als auch auch auf Telegramm einen Veranstaltungsverteiler wo über aktuelle Termine informiert wird. Sonst geschieht viel noch analog mit Flyern und Plakaten.
Im Schnitt sind es ~ 5 Veranstaltungen im Monat.
Nachhaltigkeit:
-Wasser: Der durchschnittliche Wasserverbrauch einer vierköpfigen Familie auf dem Wagenplatz liegt bei 120 liter pro Woche
Singlehaushalt:
durchschnittlicher Wasserverbrauch 123 Liter pro Person pro Tag
(Quelle: bitte einfach mal suchen nach durchschnittsverbrauch. Ich hatte die Quellen hier verlinkt, dann wird mein Kommentar aber denke ich nicht freigeschalten.. )
-Strom:
Der Verbauch auf dem Wagenplatz liegt bei ~600kwH pro Person im Jahr, der Realverbrauch dürfte nochmal deutlich niedriger sein, da wir bislang Stromverbräuche die durch Veranstaltungstechnik entstehen nicht rausrechnen können.
Demgegenüber stehen 1800 kwH in einem Single-Haushalt
(Quelle: s.o.)
-Heizen:
Hier ist mit Sicherheit am meisten Potential für mehr Nachhaltigkeit beim Leben auf Wagenplätzen. Im Vergleich zu Heizen mit fossilen Energieträgern wie Öl/Gas/Kohle ist es auf jeden Fall die Beste Option, vor allem wenn mit Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft geheizt wird.
Nutzung der Fläche:
Versuch einmal einen Ort zu konzipieren, wo Gewerbe, Kulturbetrieb, Proberäumlichkeiten, bald vielleicht auch Fitnessgym, Garten, Wald, Wohnen, Arten und Klimaschutz auf etwas mehr als einem Hektar möglich wird.
Wenn ich einen Architekten mit diesen Anforderungen um ein Konzept bitten würde, bin ich mir ziemlich sicher dass er mir den Vogel zeigt. Hier ist das alles geworden und gestaltet worden. Privelegiert? Ich weiß ja nicht, es steckt ein unendlicher Haufen Arbeit dahinter. Es gibt hier durchaus Leute die mehr als 40 Stunden pro Woche ehrenamtlich tätig sind und trotzdem Vollzeit arbeiten. Das muss man dann schon wollen. Wäre das für dich ein guter Deal, oder gar als Privileg zu verstehen? Eine zweite Vollzeitstelle für eine günstige Miete?
Liebe Grüße, ein Wagenplatzbewohner
(p.s. an die Redaktion: bitte dann diesen Kommentar ohne Links zu Quellen nehmen, und den Kommentar der auf Freischaltung wartet gerne verwerfen, zweimal muss er ja nicht gepostet werden, vielen Dank)
@kayto
Im Kritisieren sind sie gut. Aber ihre argumente leiden unter ihrer Voreingenommenheit. So ist das, wenn man vom urteil bereits ausgeht bevor man überlegt hat. Ein häufiger Fehler, das entlastet sie.
Zur Sache: Sie stellen alles gegenüber, was z.T. eben zusammenpasst:
Inmitten der Wohnform existieren bereits die Bäume.
Nur weil sie nichts davon gehört haben und nur weil sie es auf den bekannten Wegen darüber nichts erfahren, heisst es nichts, dass es etwas nicht gibt. Um dorthin zu kommen sollte man entweder Verbindungen zu „Leuten“ haben – da muss man sich a) in bestimmte Kreise begeben was eine gewisse Neugier udn Aufgeschlossenheit voraussetzt – oder b) absolut nichtkommerzielle Homepages besuchen oder c) Plakate lesen, die es hier und dort in der Stadt noch gibt und die von Veranstaltungen berichten, die es – teils gewollt – nicht auf die Seiten von Veranstaltungsmagazinen oder in die sozialen Medien schaffen.
Es hat übrigens niemand gefordert, dass jeder deutlich vergünstigt leben können soll und es ist auch nicht der Fall, dass diese Forderung jedes gegenteilige Interesse einfach so aussticht. Eines der Gegenargumente, ein wichtiges, ist, dass ich sie ganz konkret frage, warum die Entwicklung und Orientierung hin zum Kapitalinteresse erfolgen soll. Und was die vielen übrigen Bürger eigentlich davon haben, wenn solche Nischenräume – wo es mal anders laufen kann – auch noch dicht gemacht und dem Verwertungsprinzip unterworfen werden? Ich glaube, die haben da wenig davon ausser, dass gewisses Ungerechtigkeitsempfinden stattgegeben wird, das nicht selten an Neid grenzt. Und ob der Neid sinnvoll ist, das ist eine offene Frage für mich. Gerechtfertigt erscheint er mir nicht, auch deswegen, weil Wagenplatz eben nicht nur „Zuckerschlecken“ ist.
Ich würde übrigens einiges darauf verwetten, dass der ökologische Fussabdruck des durchschnittlichen Wagenplatzresidenten den des gewöhnlichen Leipzigers nicht (deutlich) übertrifft, wenn überhaupt. Also auch hier wieder das Suchen nach dem Wurm im Apfel.
Ihre implizite Annahme im letzten Absatz, Stadt sollte Verdichtung heißen und dass Nachverdichtung stets gut ist, ist Ideologie. Klipp und Klar. Es gibt genug Probleme mit stark versiegelten, stark verdichteten Städten.
Ihre Zeitachse „wenige Jahrzehnte“, da werde ich auch hellhörig: Schauen sie mal, wie häufig Wohngebäude saniert werden (müssen). Es ist auch nicht so, dass die einfach 100 Jahre herumstehen, da muss man ran, das ist Kosten- und Ressourcenintensiv.
Übrigens ist ein Teil des öffentlichen Nutzens schon der Nutzen der Bewohner und ihres Umfeldes. Sie tun ja gerade so, als sei da kein nennenswerter Nutzen. Das stimmt nicht. Auch diese alternative Lebensform kann gut oder sogar „nützlich“ sein, langfristig und nicht unbedingt monetär ausgedrückt (für mich besteht zwischen Nutzen und Geld keine Identität!). Warum auch sollte es schlecht sein, dass da welche ein etwas anderes Lebensmodell leben können, ohne dass sie reich dafür sein müssen? Wissen wir denn, wie unsere gesellschaft sich entwickeln wird? Wissen wir heute, ob nicht doch in einiger Zeit mit einer „Post-Wachstums-Ökonomie“ klarkommen müssen, ob nicht bestimmte Dienste und Funktionen wieder weniger über Märkte abgedeckt werden (können)? Ich weiss das heute nicht, aber ich sehe dass wir ziemliche Probleme haben und es ist nicht nur mir aufgefallen, dass die Wirtschaftsweise und unser Planet nicht „harmonieren“. Wer sagt, dass das bisherige Modell so immer weiter bestehen wird? Sagt keiner, kann keiner sagen, bisher hat sich noch alles verändert und manchmal war es eher „revolutionär“ als schleichend.
Sie sehen: Kritisieren ist nicht die schwerste Kunst auf Erden.
Ein „Veranstaltungsort“ für Veranstaltungen, von denen offenbar kaum jemand je gehört hat, selbst auf der eigenen Website findet sich dazu praktisch nichts (last update 2024).
Auch die ökologische Argumentation überzeugt mich nicht: zahlreiche einzelne Wagen zu beheizen, deren Lebensdauer oft nur wenige Jahrzehnte beträgt, macht die Luft nicht automatisch sauberer. Ressourcen zu sparen bedeutet nicht, dass Menschen in Wagen statt in langlebigen Gebäuden wohnen müssen.
Und „bezahlbar“… ist das Modell vor allem deshalb, weil die Bewohner für das Grundstück offenbar nicht in derselben Weise aufkommen müssen wie andere Bürger? Kostenloses oder deutlich vergünstigtes Land hätte vermutlich jeder gern. In einer dicht besiedelten Stadt mit ohnehin knappem Bauland kann dieses Privileg jedoch unmöglich allen gewährt werden, erst recht nicht mitten in einer Wohnungskrise.
Außerdem werden hier zwei Dinge vermischt: Der Erhalt von Bäumen und Fläche kann sinnvoll sein, ohne deshalb eine äußerst flächenintensive Wohnform dauerhaft zu privilegieren. Entscheidend wäre doch, wie viele Menschen dort wohnen, welche Kosten sie tatsächlich tragen, wie hoch Energie- und Ressourcenverbrauch sind und welchen öffentlichen Nutzen die angeblich zahlreichen Veranstaltungen wirklich haben. Dazu liefert der Artikel leider nix.