Leipzig bietet viele Möglichkeiten, auch mit wenig Geld auszugehen. Trotz aller Widrigkeiten hat sich die Stadt eine lebendige Subkultur bewahrt – mit offenen Räumen, DIY-Spirit und einer Szene, die immer wieder neue Formate hervorbringt. Doch ein Muster zieht sich durch viele Angebote: Alkohol und andere Drogen gehören meist selbstverständlich dazu.

Genau in diese Lücke hinein haben wir im Februar 2024 das Pink Cloud Kollektiv gegründet: Feiern, Kunst, Nachtleben – ohne Alkohol und andere Drogen und damit ohne Konsumdruck.

Unsere Hintergründe sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Sie reichen von eigener Betroffenheit von Suchterkrankung über Erfahrungen mit alkoholbedingten Übergriffen, von Menschen, die weniger konsumieren möchten, bis hin zu Menschen, die schon immer die meiste Zeit über nüchtern gelebt haben. Was uns verbindet, ist ein gemeinsamer Gedanke: dass Kultur, Rausch und Spaß nicht an Alkohol- oder Drogenkonsum gekoppelt sein müssen. Und dass es Räume braucht, in denen Menschen genau das ausprobieren und leben können.

Im September 2024 haben wir unsere erste Sober-Party veranstaltet – in einem nichtkommerziellen Raum im Leipziger Osten. Was zunächst wie ein Experiment wirkte, entwickelte schnell eine eigene Dynamik. Es folgten viele weitere Partys, die meisten davon in nichtkommerziellen Projekten. Von Techno, Drum ’n’ Bass, HipHop und Electropunk bis hin zu Performancekunst und Live-Bands bewegen wir uns bewusst durch Genres, Szenen und Ausdrucksformen.

Ein zentrales Element auf jeder Party ist unser Artspace. Hier können Gäste während der Veranstaltung eine kreative Pause einlegen – mit Wasserfarben, Stiften, Acrylfarben, Collagenmaterial, Papier, Kleber und allem, was Lust auf Gestaltung macht. Der Artspace ist ein Teil unseres Konzepts: ein Ort, an dem Menschen kurz kreativ aussteigen können. An dem niemand performen muss. Und an dem Begegnung über Gestaltung passieren kann – aber nicht muss.

Unser Ansatz versteht sich als Ergänzung zu bestehenden Kultur- und Feierformaten. Wir schaffen bewusst einen zusätzlichen Raum, in dem kein Alkohol und keine anderen psychoaktiven Substanzen angeboten oder konsumiert werden. Medizinisch notwendige Medikamente sind davon selbstverständlich ausgenommen. Sie dienen der gesundheitlichen Versorgung, Stabilisierung und Teilhabe und sind kein Teil von Konsum- oder Rauschdynamiken. Niemand muss offenlegen, welche Medikamente eingenommen werden.

Auch Rauchen gehört nicht zum Partyraum: Wer rauchen will, muss dafür das Partygelände verlassen. Damit bleibt der Ort selbst frei von typischen Konsumreizen – ein Detail, das für viele Menschen den entscheidenden Unterschied macht.

Gerade Menschen mit Suchthintergrund bekommen dadurch einen echten Safer Space. Denn wer frisch aus einer Suchterkrankung kommt – aber auch im späteren Verlauf – kennt die Realität: Es ist unglaublich schwer, abends auszugehen oder sich zu vernetzen, wenn die jeweiligen Suchtmittel überall verfügbar sind.

Und zwar nicht nur nachts im Klub, sondern auch an Supermarktkassen, auf Geburtstagen, in Restaurants, auf Kinderfesten oder bei Team-Events. Die Liste ist lang. Und mit ihr steigt für Menschen mit Suchtgeschichte entweder das Rückfallrisiko – oder das Risiko sozialer Isolation.

Wir möchten hier eine Pause anbieten. Einen Raum, in dem Menschen sich ohne Konsumdruck kennenlernen können, in dem getanzt, gefeiert und sich vernetzt werden kann. Einen Ort, an dem nüchterne Begegnung Freiheit bedeuten kann und nicht Verzicht – bestenfalls mit schönen Erinnerungen am nächsten Tag, ohne Kater, ohne Filmriss, ohne Konsumfolgen.

Damit diese Räume nicht nur konsumfrei, sondern auch so inklusiv wie möglich sind, haben wir ein eigenes Awarenesskonzept für sober-safer-spaces entwickelt. Wir setzen es auf jeder Veranstaltung um und entwickeln es stetig weiter.

Dass dieses Konzept überhaupt funktioniert, liegt auch an einer entscheidenden strukturellen Frage: Wir veranstalten fast ausschließlich in nichtkommerziellen Räumen. Alle Mitwirkenden arbeiten ehrenamtlich. Dadurch sind wir unabhängig vom Alkoholverkauf – und konnten unser Sober-Partyformat inzwischen bereits zum neunten Mal erfolgreich umsetzen. In einer Clubkultur, die wirtschaftlich oft auf Getränkeeinnahmen und vor allem auf den Verkauf von Alkohol angewiesen ist, ist das ein bemerkenswerter Punkt. Soberräume sind möglich. Aber sie brauchen andere Bedingungen.

Seit Sommer 2025 sind wir als gemeinnütziger Verein organisiert. Das schafft eine stabilere Grundlage, um langfristig weiterarbeiten zu können, und macht gleichzeitig sichtbar, wie sehr solche Projekte auf solidarischen Support angewiesen sind. Wir freuen uns daher über Unterstützung – egal ob finanziell oder als aktive Mitwirkende –, damit auch in Zukunft sober Safer Spaces entstehen können.

Und genau hier wird deutlich, warum nichtkommerzielle Orte in Leipzig nicht nur „nice to have“ sind. Sie sind Voraussetzung dafür, dass neue Konzepte überhaupt entstehen können. Orte wie der Karl-Helga-Wagenplatz sind für uns besonders wichtig. Sie bieten einen Raum und eine Atmosphäre, die Eigeninitiative und Mitgestaltung fördert: offen, warm, DIY, solidarisch. Sie passen zu einem Konzept, das ebenfalls aus Selbstorganisation und kollektiver Verantwortung entsteht.

Wagenplätze und selbstverwaltete Projekte unterstützen neue Ideen wie Pink Cloud lange, bevor sie irgendwo als „Trend“ gelten. Sie bieten Strukturen, in denen Experimente möglich sind – fernab von Profitlogik. Für uns – und für viele andere Kulturschaffende – bilden solche Orte die Grundlage, um eigene Konzepte überhaupt umsetzen zu können. Denn Kultur entsteht dort, wo Menschen Raum bekommen.

In Zeiten steigender Mieten, Verdrängung und wachsendem ökonomischen Druck auf Kulturorte geraten nichtkommerzielle Projekte immer wieder unter Rechtfertigungszwang und fallen schlimmstenfalls dem Aufkauf und der Profitorientierung zum Opfer. Dabei ermöglichen sie Kultur, Vernetzung und Mitgestaltung. Sie bieten niedrigschwellige Teilhabe. Sie schaffen Räume, in denen neue Formate entstehen können – und in denen gesellschaftliche Fragen nicht nur diskutiert, sondern gelebt werden.

Wenn Leipzig eine Stadt bleiben will, in der Kultur nicht nur konsumierbar, sondern auch gemeinschaftlich, solidarisch und zugänglich ist, dann braucht es genau diese Orte. Und es braucht eine Stadtpolitik, die den Wert solcher Orte schützt. Nichtkommerzielle Räume halten Kultur offen, lebendig und zugänglich.

Aktuell läuft eine Crowdfunding-Kampagne zum Erhalt des Karl-Helga-Wagenplatzes. Wer den Erhalt dieses Platzes unterstützt, unterstützt damit nicht nur den Wohnraum von rund 60 Menschen und nachhaltiges Leben in Verbindung mit der Umwelt, sondern auch nichtkommerzielle Kulturinitiativen wie den Pink Cloud e. V.

Und wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich gerne den 18.04.2026 im Kalender einkreisen: Dann feiern wir unseren zweijährigen Geburtstag – mit einem bunten Mix aus Live-Bands und DJ-Acts, leckeren Mocktails, Geburtstagskuchen und natürlich auch wieder einem Artspace.

https://paths.to/pinkcloudkollektiv

https://www.gofundme.com/f/ein-ort-fur-gelebte-utopien-karlhelga

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