Mit „Zonenkinder“ wurde Jana Hensel 2002 bekannt, hat seither noch mehrere Bücher veröffentlicht und für die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ als Journalistin gearbeitet. Meist recht dicht dran an der Politik und am Osten. Was nach wie vor selten ist in den großen Medien des Landes. Erst recht, seit der Osten einer rechtslastigen Partei zu verfallen droht, die scheinbar alle, wirklich alle Vorurteile über die Ostdeutschen zu bestätigen scheint. Aber warum ist das so? Warum haben so viele Ostdeutsche 36 Jahre nach der „Wende“ scheinbar die Nase voll von der Demokratie?
Eine Frage, die sich auch Soziologen selten stellen. Sie fragen in der Regel nur Einstellungen und Vorurteile ab. Aber nicht nach den Gründen, warum Menschen so abdriften. Warum ein ganzer Landesteil auf einmal blau wählt, als wollte er dem Westen und der Demokratie gleichzeitig den Stinkefinger zeigen.
Aber wie bekommt man das heraus, warum Menschen, die 1990 eigentlich mit ziemlich viel Jubel in die Deutsche Einheit gegangen sind, 36 Jahre später bereit zu sein scheinen, die Demokratie zu opfern und eine Partei zu wählen, die immer offener gegen die Demokratie und ihre Institutionen wettert?
Hat das etwas mit Prägungen zu tun, wie westdeutsche Besserwisser immer wieder behaupten? Mit einer besonderen Affinität der Ostdeutschen zur Diktatur? Verachtung kann so leicht und so schäbig sein. Sie erspart das Denken. Und sie ersetzt das Mitgefühl.
Im Grunde ist Jana Hensels neues Buch nicht nur eine deutliche Kritik am westdeutsch dominierten Politikbetrieb, in dem die Kümmernisse der Ostdeutschen einfach kein Gehör finden. Sie kritisiert auch den westdeutsch dominierten Medienbetrieb mit seinen Vorurteilen, Interpretationsrastern und Frames. Und seiner Blindheit für den Osten und seine Sorgen. Die nicht weniger geworden sind.
Enttäuschtes Vertrauen
Es ist nicht die DDR, die Jana Hensel in diesem Buch beleuchtet, sondern jenes zerrissene Land, das 1990 entstand. Beziehungsweise jenes Ostdeutschland, dessen Bewohner damals mit jeder Menge Zuversicht und Vertrauen den Anschluss an den Westen suchten und dann etwas erlebten, was kein anderes Land in Osteuropa so erlebte: einen fast kompletten Kahlschlag, statt blühender Landschaften den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen und gesicherten Existenzen.
Eine Transformation, die ihnen bis heute in den Knochen steckt. Und Emotionen bedingt, die sich nicht mehr wegreden lasen. Die schon seit Jahren spürbar waren.
Und deswegen vertraut Jana Hensel nicht nur auf Statistiken (auch wenn diese oft in aller Schärfe zeigen, wie der Osten auch heute noch unter den Folgen der Deindustrialisierung leidet). Sie wollte auch nicht nur ihrem Bauchgefühl vertrauen. Immerhin lebt sie in Berlin, das mental irgendwie nicht mehr zum Osten gehört.
Meist auch herausgerechnet wird. Sie suchte sich auch nicht die bequemsten Gesprächspartner im Osten, wagte sich selbst ins Wahlkreisbüro von AfD-Chef Tino Chrupalla und zu Maximilian Krah in Dresden, sprach mit der Thüringer BSW-Politikerin Katja Wolf und der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, der man kurzzeitig Chancen auf eine Kandidatur als Bundeskanzlerin zutraute. Bevor sie fast allein zur Buhfrau für das Nordstream-II-Debakel gemacht wurde.
Aber Jana Hensel weiß – auch aus ihrer Arbeit als Journalistin –, dass man den Osten nicht versteht, wenn man aus der Wachturm-Perspektive über ihn urteilt und nicht die Ursachen für den allerorts wachsenden Frust sichtbar macht. Sie vergleicht es an einer Stelle mit dem Ende einer Ehe, die schon seit Jahren kriselt. Und in der die eine Hälfte schon lange das Gefühl hat, dass es so nicht mehr weitergeht.
Dass Trennung ins Haus steht. Und die Gefühle sind tatsächlich ganz ähnlich: „Diese Trennung erfolgt nicht abrupt oder mir nichts, dir nichts. Auch die Ostdeutschen spazieren nicht einfach so aus ihrem Leben heraus“, schreibt Jana Hensel fast am Anfang. „Hinter ihnen liegt oftmals ein langer Weg. Um diesen Weg soll es hier gehen.“
Eine Frage des Respekts
Und geht es auch. Auch wenn es dabei verstörende Momente gibt, aber auch Begegnungen mit Hensels eigener Geschichte. Es ist gewiss kein Zufall, dass alle ihre Gesprächspartner um das Jahr 1975 herum geboren wurden, die DDR also nur als Kind erlebten, den Aufbruch 1989 als Jugendliche. S
ie sahen zu, wie ihre Eltern ihr komplettes Leben auf den Kopf stellen mussten, oft genug scheiterten. Manche bissen sich durch. Denn die Einheit war auch eine Herausforderung. Die Ostdeutschen wollten zeigen, dass sie ihr Leben umkrempeln konnten und fit waren für die neue Welt, die sie sich selbst erkämpft hatten.
Mit gutem Recht erwarteten sie Respekt und Anerkennung. Nur: Das gab es schon damals nicht. Die meisten erlebten den Bruch in ihrem Berufsleben als Abwertung, oft als regelrechten Absturz. Und Hensel wirft ihren Lesern auch eine kleine, nicht einfach zu lösende Frage hin: Wer war der Kanzler, der die Ostdeutschen tatsächlich gründlich enttäuschte?
Und damit letztlich den schleichenden Rechtsdrall im Osten in Gang brachte, über den Wolfgang Thierse schon 2000 schrieb, in westdeutschen Gazetten damit eine regelrechte Wortschlacht auslöste und am Ende eigentlich nur Kritik und Abwertung dafür erntete. Was er da analysierte, passte nicht ins Bild, das sich Westdeutsche vom Osten machten. Es war eine Chance. Die nicht genutzt wurde.
Und es war tatsächlich nicht Helmut Kohl, der die Ostdeutschen von der Demokratie enttäuscht sein ließ. Auch wenn ihm der Osten ziemlich egal war und er glaubte, er könnte die „blühenden Landschaften“ mit einer Menge Geld herbeizaubern. Und schön saniert waren ja die ostdeutschen Städte hinterher. Nur: Die Häuser gehörten nicht mehr den Ostdeutschen.
Als die Drift begann
Respekt sieht anders aus. Und dann kam Gerhard Schröder, der ohne die große Zustimmung der Ostdeutschen zur SPD niemals Bundeskanzler geworden wäre. Er versprach, den Reformstau zu lösen. Und 2002, in seinem zweiten Wahlkampf, kam der Osten mit den Überflutungen in Dresden und einem Kanzler in Gummistiefeln sogar ins Bild. Doch was er dann umsetzte, war die etwas rosa angehauchte neoliberale Form des Sozialsystems.
Und jeder, der rechnen konnte, sah, dass Schröders Hartz-IV-Agenda diejenigen Landesteile am heftigsten treffen würde, die am stärksten mit Niedriglöhnen und prekären Arbeitsverhältnissen zu kämpfen hatten. Denn 2004 hatte der Osten die Folgen der Transformation noch lange nicht verkraftet.
Und es ist nicht zufällig das Jahr, in dem jene Drift begann, die Jana Hensel in diesem Buch sehr akribisch und mitfühlend beschreibt. Denn es geht darum zu verstehen, aus welcher Enttäuschung und Frustration der Abschied vieler Ostdeutscher von den Parteien der Demokratie begann. Und er begann – wieder – mit Montagsdemonstrationen.
Heute fast vergessen, wie 2004 Zehntausende im Osten auf die Straße gingen, um gegen die Hartz-Reformen zu protestieren. Was da auf politischer Ebene zum Ausdruck kam, beschrieb schon Jürgen Leinemann in seinem Buch „Höhenrausch“ als Unfähigkeit für alle „Gesten der Einfühlung in die Emotionen der Enttäuschten“. Es war ein wichtiger Moment, in demSchröder vor aller Augen demonstrierte, wie egal ihm der Osten war.
Was natürlich dumm war. Aber fehlende Empathie und politische Dummheit gehen meist Hand in Hand. Obwohl alle Wahlkämpfer wissen: Wenn sie die Herzen der Wähler nicht erreichen, saufen sie am Wahltag ab. Politik lebt von Hoffnungen, gehaltenen Versprechen, belastbaren Zukunftsbildern … Und da hört es schon auf. Jana Hensel spricht es mehrfach an: Den demokratischen Parteien fehlten zunehmend die Zukunftsvisionen, mit denen sie in die Wahlkämpfe ziehen konnten.
Die neoliberalen Ideen von den billigen, jederzeit willigen Arbeitskräften, die den Unternehmen bedingungslos zur Verfügung stehen, bargen nichts in sich als eisige Kälte, aber keine Empathie. Und auch keinen Respekt. Und das spürten gerade die Betroffenen im Osten, die damals wie heute deutlich niedrigere Löhne erhielten, öfter in prekären und befristeten Jobs feststeckten und fast alle in den 1990er Jahren das Arbeitsamt von innen kennengelernt hatten.
2015
Jana Hensels Fazit: „Schröder hat die Deutsche Einheit mit seiner Politik maßgeblich beschädigt – auch wenn sich die Auswirkungen dieser Beschädigung erst mehr als zehn Jahre später zeigten.“ Das war dann 2015, das Jahr, als Deutschland fast 900.000 Flüchtlinge aus Syrien aufnahm und viele ostdeutsche Kommunen ohne nötige Hilfe vom Bund deutlich überfordert waren. Ein Jahr nach dem Beginn von Pegida. Zwei Jahre nach Gründung der AfD, die sich nun zusehends zu einer migrations- und fremdenfeindlichen Partei entwickelte.
Sie machte etwas ganz Billiges: Sie gab den Enttäuschten und Frustrierten ein neues Feindbild. Quasi als Ersatz für die in 25 Jahren angesammelten Gefühle der Missachtung, der Abwertung und Ausgrenzung. Die Ostdeutschen wurden jetzt scheinbar genau das, was westdeutsche Kommentatoren schon immer gewusst haben wollten: Nazis. Landauf, landab.
Eine billige Wertung, die Jana Hensel nicht teilt. Auch Leute wie Chrupalla fragt sie nach den Momenten ihrer Enttäuschung, den Zeitpunkten, an denen sie das Vertrauen in die Demokratie verloren. Und es überrascht nicht, dass es auch bei Chrupalla ein wirtschaftlicher Moment war. Denn 2015 machten sich auch die demografischen Folgen der 1990er Jahre im Osten immer stärker bemerkbar. Die Jugend war abgewandert gen Westen oder in die Großstädte.
Zurück blieben die Älteren und Alten. Was in den 1990er Jahren noch als Geschäftsidee funktionierte, geriet jetzt in die Krise. Denn gerade kleine Betriebe, vom Handwerker bis zum Dienstleister, leben von Aufträgen aus der Nachbarschaft. Alte Leute aber geben nichts mehr in Auftrag. Ein Land funktioniert nicht mehr, wenn die jungen Menschen fehlen.
Das klingt so nebenbei mit an in Hensels Reise durch den Osten. Man sollte es im Hinterkopf behalten. Denn auch das hat Folgen, sehr emotionale Folgen, wenn die gerade frisch sanierten Kleinstädte zusehends veröden, die Kinder fehlen und damit die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Deswegen ist Hensels Buch stellenweise auch sehr traurig. Selbst wenn sie mehrfach betont, dass sie einen anderen Weg gewählt hat und eben nach Berlin gegangen ist. Aber sie hat ihr Gespür für die ostdeutschen Landschaften und deren Bewohner nicht verloren. Sie kennt dieses Verlustgefühl, das sich in der Frage bündelt: Und wie nun weiter?
Typisch ostdeutsch?!
Darauf hat die Bundespolitik nie wieder eine Antwort gegeben. Im Gegenteil: Den Kanzlern und der Kanzlerin attestiert Hensel in dieser Beziehung geradezu Ignoranz bzw. – bei Angela Merkel – Sprachlosigkeit. Wobei gerade Merkels Sprachlosigkeit wieder typisch ostdeutsch ist. Denn zu Ende ihrer Kanzlerschaft ließ sie zumindest durchblicken, wie ihre Parteikollegen auf die herabgeschaut haben als Ostdeutsche. Und wie sie diese Verachtung immer wieder haben spüren lassen.
Der Osten mit seinen 16 Millionen Einwohnern interessierte sie einfach nicht. Und die westdeutschen Politprofis hatten auch kein Gefühl für die Menschen, die hier erlebten, wie sie abgehängt und ausgegrenzt wurden. Und immer deutlicher auch sagten, dass sie sich wie Bürger 2. Klasse fühlten. Was sie ja auch waren und sind: schlechter bezahlt als im Westen, mit entwerteten Qualifikationen, Brüchen im Lebenslauf und ohne die Chance, ein sicheres Eigentum aufzubauen.
Sie kennen fast alle das Gefühl, wenn man zehn, zwanzig, dreißig Jahre immer knapp am Limit arbeitet und dafür nicht belohnt wird, sondern gegängelt. Jedes Herummurksen an Hartz IV oder Bürgergeld wird als direkte Bedrohung erlebt. Und jeder dumme Politikerspruch von den „faulen Arbeitnehmern“ als direkte Beleidigung.
Aber wird die AfD den Laden retten? Das bezweifelt Jana Hensel berechtigerweise. Was die AfD in ihren Wahlprogrammen stehen hat, ist knallharter Neoliberalismus – mit massiven Steuergeschenken für die Reichen und Vermögenden, zu denen die Ostdeutschen in der Regel nicht gehören. Im Gegenteil.
Und trotzdem wählen viele von ihnen eine Partei, die ganz offen ankündigt, die Demokratie demolieren zu wollen. Lässt sich das erklären? Durchaus, wenn man die Emotionen dabei berücksichtigt, denn das Wählen von AfD-Kandidaten hat mit Verdruss und Frust zu tun. Und mit einer tief sitzenden Enttäuschung von einer Demokratie, in der die Ostdeutschen immer in der Minderheit waren und damit auch immet überstimmt wurden.
Ohnmachtsgefühle
Und nicht nur hier machten sie die Erfahrung, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen an den Rand gedrückt wurden. Auch in den Medien kamen sie nicht vor. Da kam in der Regel nur das Zerrbild vor, das sich westdeutsche Redakteure immer schon vom Osten gemacht hatten. Für abschätzige Leitartikel muss man ja nicht in den Osten fahren und schon mal gar keine Empathie aufbringen für Leute, die eigentlich nichts anderes fordern als Verständnis, Respekt, Würdigung all ihrer Anstrengungen. Das Ergebnis: Ohnmachtsgefühle.
„Die Ohnmacht vieler Ostdeutscher jedoch ist eine erlebte und keine behauptete“, schreibt Jana Hensel schon fast zum Ende ihrer Reise. „Das zuzugestehen, bedeutet nicht, die Mittel des Rechtspopulismus zu legitimieren oder seine Ziele zu unterstützen. Im Gegenteil, es soll vielmehr seine Fundamente offenlegen und erklären, warum er so erfolgreich werden konnte.“
Und da darf man den Fokus durchaus öffnen. Denn darin ist der deutsche Osten nichts Besonderes. Denn genau dieselben Mechanismen wirken in allen Regionen des Westens, wo neoliberale Politik für Verwüstungen gesorgt hat und die Abgehängten und Frustrierten nur zu bereit sind, den falschen Versprechen der Rechtspopulisten zu folgen. Oder so formuliert: Politische Verachtung für die „Erniedrigten und Beleidigten“ und die devastierten Regionen hat Folgen. Empathielose Politik produziert nicht nur den Frust, sondern auch den Boden für den lautstarken Rechtspopulismus.
Der Osten ist nicht allein
Dass genau das so zutrifft, zeigen auch die jüngeren Wahlergebnisse in Westdeutschland, etwa in NRW, wo die AfD ebenfalls im Arbeitermilieu ihre Stimmen sammeln konnte. Auch dort nennt sich die Tragödie Strukturwandel. Und Zeitungsartikel benennen dort noch deutlicher, was die Leute wütend und ohnmächtig werden lässt: „Als Gründe, warum die AfD dort so erfolgreich gewesen war, wurden kleine Renten, steigende Krankenkassenbeiträge und Pflegekosten oder hohe Zuzahlungen zu Medikamenten thematisiert.
Von bröckelnder Infrastruktur war die Rede, von maroden Kindergärten und Schulen, hohen Energie- und Lebensmittelpreisen und einer durch die Wirtschaftskrise wieder steigenden Arbeitslosigkeit“, schreibt Hensel. „Und nicht zuletzt von fehlenden Aufstiegschancen in einer Gesellschaft, die immer undurchlässiger wurde und in der oben und unten weiter auseinanderdriften.“
Das kommt einem doch sehr bekannt vor. Und auch Hensel schreibt: „Das sind allesamt Fragen, die sich im Osten natürlich auch stellen.“
So entstehen Grauzonen und Fehlstellen, in denen ganze Bevölkerungsgruppen verschwinden. Sie werden einfach nicht mehr gesehen, spielen in der Politik keine Rolle mehr. Ihre Wünsche und Erwartungen finden keinen Widerhall. Und am Ende versucht Jana Hensel auch einzuordnen, was die Reise durch den Osten mit ihr gemacht hat. Immerhin war sie ja mit der frustrierenden Erwartung gestartet, dass der Osten komplett abdriften würde, die AfD die Macht übernehmen würde und die deutsche Teilung damit erneut Wirklichkeit wäre – ein völlig zerrissenes Land, in dem sich die Ehepartner völlig entfremdet haben.
Aber bevor man über Lösungen überhaupt nachdenkt (was ja derzeit auf dem politischen Parkett niemand zu tun scheint), muss man die Gründe für das Auseinanderdriften kennen. Das wäre ein Anfang: „Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche“, schreibt Hensel etwas eigentlich ganz Selbstverständliches. „Ich rede davon, dazugehören zu wollen, ernst genommen und gesehen zu werden.“
Das, was in der von Olaf Scholz in seinem Wahlkampf benutzten Formel „Respekt“ hätte stehen können.
Wenn Zukunft wie ein Jobcenter aussieht
Und das berührt auch die Frage: Warum gehen Bürger überhaupt zur Wahl? Doch wohl in der Hoffnung, dass sie damit nicht nur die Gegenwart, sondern auch ihre Zukunft beeinflussen können. Was aber passiert, wenn das Ergebnis jedes Mal Enttäuschung und Ignoranz ist? Und die Zukunft nur noch wie ein Jobcenter aussieht, in dem einem die miese Arbeit zugewiesen wird, mit der man sich gnadenlosen Bundeskanzlern gegenüber legitimieren kann?
„Wenn man den Glauben an die Zukunft zu verlieren scheint, tritt an seine Stelle nichts anderes, sondern nur eine Leere“, stellt Hensel am Ende ihrer Reise fest. Wie aber geht man mit so einem Gefühl in die nächsten Jahre? Besinnt man sich auf die kleinen Dinge?“
Kinder erwähnt sie.
Obwohl gerade die in vielen ostdeutschen Städten und Dörfern selten geworden sind.
Das Bild, das Jana Hensel vom Osten zeichnet, ist natürlich auch nicht vollständig. Aber sie berührt Themen, die in der medialen Darstellung des Ostens fast immer fehlen. Auch weil sie nicht in das gewohnte Schema passen, gar in das medial gepflegte Bild vom Ostdeutschen. Eine Lösung kann die Autorin natürlich nicht vorschlagen.
Aber sie zeigt die Ursachen, die zu all dem geführt haben, was in den letzten Wahlen im Osten so unübersehbar wurde. Und sie zeigt, dass das nicht mit irgendeinem ostdeutschen Charakter zu tun hat, sondern mit ganz realen Verlust- und Frustrationserfahrungen. Und etwas, das Jana Hensel sogar zuversichtlich stimmt: „Ich rede von der Sehnsucht nach Gleichberechtigung, Augenhöhe, Teilhabe, Aufstieg. Die Antidemokraten der AfD können diese Wünsche nicht erfüllen, sie können diese Sehnsüchte nicht stillen.“
Sie schüren nur die Wut, haben aber nichts zu bieten. „Hinter der Wut stecken Fragen, die nur Demokraten beantworten können.“
Ein Hoffnungsfunke. Ein ganz kleiner.
Jana Hensel „Es war einmal ein Land“, Aufbau Verlag, Berlin 2026, 22 Euro.
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