In Altenberg im Osterzgebirge ist es erneut geschehen: Mit 62 Prozent hat ein AfD-Kandidat das Rathaus übernommen – ein Ergebnis, das sich in Entwicklungen anderer sächsischer Kommunen einreiht. Auch in Großschirma und Pirna wurden bereits AfD-Männer ins Bürgermeisteramt gewählt. Diese Verschiebungen könnten auch für die Landtagswahlen 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bedeutsam werden.

Dort, wo demokratische Strukturen über Jahre ausgelaugt sind, treten politische Veränderungen oft überraschend und innerhalb nur einer Wahlperiode zutage. Sie basieren weniger auf der Stärke einer neuen Bewegung als auf der schleichenden Erschöpfung demokratischer Kommunikationsräume – verstärkt durch allgemeine politische Unzufriedenheit und Vertrauensverlust.

Dabei ist wichtig zu betonen: AfD-Wähler sind nicht automatisch Gegner der Demokratie. Doch ein spürbarer Teil befindet sich in einem Zustand politischer Erschöpfung oder Entfremdung, der demokratische Räume schwächt. Gleichzeitig geraten zentrale demokratische Sicherungen – wie Medienunabhängigkeit, Minderheitenschutz und rechtsstaatliche Bindungen – dort unter Druck, wo Erschöpfung in autoritäre Deutungsangebote kippt.

„Demokratischer Burnout“ – eine unsichtbare Krise

Viele Menschen wollen Demokratie unterstützen – und viele haben das lange getan: im Ehrenamt, im Beruf, in Vereinen, in lokalen Netzwerken. Doch zunehmend zeigt sich eine Tendenz zum Rückzug. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Erschöpfung.

Diese Entwicklung ist weniger statistisch belegt als in zahlreichen Gesprächen und zivilgesellschaftlichen Erfahrungen sichtbar: Engagement wird seltener, weil unklar geworden ist, was heute überhaupt noch wirksam sein kann – und weil politische Kommunikation darauf oft keine Antworten mehr liefert.

„Was Sie beschreiben, würde ich eine Art demokratischen Burnout nennen“, formulierte Johannes Ruppel, Psychologe eines renommierten Instituts für Kommunikationspsychologie, in einem Gespräch pointiert. Der Begriff trifft einen wunden Punkt: Menschen verlieren nicht ihren guten Willen – sie verlieren die Zuversicht, dass er noch etwas bewirkt.

Über Jahrzehnte war Demokratie für viele Menschen etwas Gegebenes und somit selbstverständlich. Friedemann Schulz von Thun fasste diese Verschiebung in unserem Austausch so zusammen: „Der Rückzug ins Private schien nicht weiter gefährlich. Wenn aber Zeiten anbrechen, in denen Demokratie gefährdet ist, dann ist Demokratie nicht mehr gegeben, sondern aufgegeben. Und dann stellt sich die Frage: Welche Art von Engagement entspricht meinen Kräften, meinen besonderen Fähigkeiten?“

Genau hier wird die Lage fragil: Nicht mangelnde Zustimmung ist das Problem, sondern schwindende Beteiligungsfähigkeit. Diese Lücke bildet den Hintergrund für das Modell der vier kommunikativen Zustände.

Das Orientierungsmodell: vier kommunikative Zustände – und die Bewegung dazwischen

Das ‚demokratische Kommunikationsökosystem‘ ist ein zivilgesellschaftliches Denk- und Orientierungsmodell. Es ist kein akademisches Theoriegebäude und kein politisches Programm. Es ist aus praktischer Erfahrung entstanden: aus Gesprächen, Beobachtungen, Engagement, Erschöpfung – und der Frage, wie Demokratie tragfähig bleiben kann, ohne Menschen zu überfordern.

Das demokratische Kommunikationsökosystem beschreibt, wie Demokratie davon lebt, dass viele Menschen auf unterschiedliche Weise beitragen – sichtbar oder leise, aktiv oder unterstützend, zeitweise oder dauerhaft. Es macht deutlich: Nicht alle müssen alles tun und demokratische Beteiligung braucht Ressourcen, Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit. Pausen, Rollenwechsel und Rückkehr sind kein Rückzug aus Verantwortung, sondern Teil demokratischer Stabilität.

Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems mit vier kommunikativen Zuständen/Typen (linke Abbildung) und Dynamiken zwischen den einzelnen Zuständen (rechte Abbildung). Grafik: Frank Beutner
Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems mit vier kommunikativen Zuständen/Typen (linke Abbildung) und Dynamiken zwischen den einzelnen Zuständen (rechte Abbildung). Grafik: Frank Beutner

Das Modell unterscheidet vier Räume: aktiv-stabilisierend (oben links): Menschen, die tragen, übersetzen, vermitteln. Passiv-stabilisierend (unten links): Die große, stille Mehrheit, die Demokratie bejaht, aber im Wesentlichen passiv bleibt. Resignativ (unten rechts): Überforderte, Rückgezogene, Frustrierte. Aktiv-autoritäre Muster (oben rechts): ideologisch verfestigte Räume.

Entscheidend ist nicht nur die Typologie – sondern die Dynamiken zwischen ihnen: Regeneration: zurückziehen und tragfähig wiederkommen. Aktivierung: von passiv zu aktiv. Erschöpfung: von aktiv zu Resignation, Radikalisierung: von Resignation zu Ideologie. Rückkehrfähigkeit: Von Resignation zurück in demokratische Räume.

Auch das Bundespräsidialamt hat auf das Modell reagiert. In einem Schreiben aus dem Amt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird besonders der Aspekt der Rückkehrfähigkeit hervorgehoben: „Der Gedanke der Rückkehrfähigkeit – dass Demokratie Räume für Zweifel, Distanz und erneute Annäherung bereithalten sollte – ist ein anregender Beitrag zur Debatte über demokratische Resilienz.“

Rückkehrfähigkeit wird somit zu einem politischen Schlüsselbegriff.

Was im Osten kippt: Die linke Seite schrumpft, die rechte Seite wächst

An Orten wie Altenberg zeigt sich eine neue Realität: Die demokratiestützenden Räume werden kleiner, die erschöpften und gefährdeten größer. Nicht, weil die Menschen plötzlich radikal wären. Sondern weil Erschöpfung irgendwann strukturell wird.

In Regionen, in denen politische Kräfte an die 40-Prozent-Marke und darüber hinausrücken, geschieht Folgendes: Widerspruch wird leiser – und mitunter riskant. Rückzug wird vernünftig. Schweigen wird Selbstschutz. Demokratie verliert ihre Zirkulation. Das ökologische Gleichgewicht kippt – und mit ihm die demokratische Kommunikationsfähigkeit.

Warum Rückkehrfähigkeit die entscheidende Ressource ist

Die zentrale Erkenntnis lautet: Nicht nur die Zahl der Aktiven entscheidet über das Überleben der Demokratie – sondern auch die Zahl der Rückkehrfähigen. Denn Demokratie braucht nicht, dass alle immer reden. Sie braucht, dass Menschen wiederkommen können, wenn sie erschöpft, enttäuscht oder verunsichert waren.

Das unterscheidet demokratische Kulturen von autoritären Milieus: In einer Demokratie bleibt Rückkehr möglich. In autoritären Milieus wird Rückkehr unwahrscheinlich. Genau hier liegt der zentrale Unterschied zwischen unten rechts und oben rechts im Modell.

Warum Politik allein Demokratie nicht stabilisieren kann

Die Entwicklungen in Ostdeutschland machen sichtbar, dass Politik Demokratie nicht allein stabil halten kann. Verschiedene Bundes- und Landesregierungen – ob Große Koalition, Ampel, Kenia oder andere Regierungs-Patchworks – haben die Verschiebungen der vergangenen Jahre nicht aufhalten können. Das liegt nicht zwingend an schlechter Politik; die Zeit war außergewöhnlich krisenreich.

Viele Menschen empfinden politische Kommunikation als schwer nachvollziehbar. Entscheidungen wirken wechselhaft, zu taktisch oder zu sehr in medialen Erwartungsrhythmen gefangen. In Leserkommentaren verschiedener Medien tauchen immer wieder ähnliche Wünsche auf: mehr Offenheit, mehr Ehrlichkeit, weniger taktische Sprache, klarere Verantwortung – und weniger politisches Reagieren im Takt medialer Erregung. Es ist bemerkenswert, dass diese Erwartungen aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen geäußert werden.

Problematisch wird es dort, wo das Misstrauen gegenüber politischer Kommunikation auf die Demokratie selbst übergeht. Manche ziehen aus Enttäuschung nicht nur Rückschlüsse auf Akteure, sondern auf das demokratische Verfahren insgesamt. In dieser Verkürzung liegt ein Risiko: Eine Krise politischer Kommunikation wird als Krise des demokratischen Prinzips missverstanden – und schafft damit Raum für autoritär-nationalistische Angebote, die einfache Deutungen liefern, wo eigentlich differenzierte Antworten nötig wären.

Wenn Menschen dann mithilfe demokratischer Verfahren Parteien stärken, die demokratische Sicherungen infrage stellen, zeigt sich vor allem ein zunehmend erschöpfter kommunikativer Raum. Dieser lässt sich nicht allein von Regierungen reparieren.

Demokratische Stabilität entsteht nicht primär durch Politik, sondern durch ein funktionierendes kommunikatives Umfeld: durch Alltagserfahrungen, durch Resonanz, durch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und wieder einzuklinken, ohne den Anschluss zu verlieren. Genau hier setzt das Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems an – als Versuch, verständlich zu machen, warum Demokratie dort anfällig wird, wo ihre kommunikativen Strukturen brüchig sind.

Wer kümmert sich um die Demokratie im Osten?

Vielleicht nicht alle – aber hoffentlich noch genug, um etwas zu bewirken. Die Frage ist, ob unser demokratisches Kommunikationsökosystem ihnen genug Räume lässt, um bleiben – oder zurückkehren – zu können.

2026 wird dafür ein Prüfstein sein: In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stehen Landtagswahlen an, bei denen sich erstmals abzeichnet, dass demokratische Parteien – trotz aller Unterschiede – stärker koordiniert auftreten könnten, um einer autoritären Kraft entgegenzutreten. Das ist eine demokratische Möglichkeit, die in Görlitz auf kommunaler Ebene schon einmal gelang. Doch die Tatsache, dass sie nötig geworden ist, zeigt zugleich, wie tief die Not inzwischen reicht. Und der Ausgang bleibt offen.
Demokratie braucht nicht, dass alle ständig sprechen. Aber sie braucht, dass genug Menschen bleiben – und zurückkehren können. Und genau das entscheidet sich im Osten früher als anderswo.

Wer 2026 demokratische Mehrheiten sichern will, muss auch zeigen, dass Demokratie lernfähig ist. Die Lage ist ernst.

Zum Autor Frank Beutner: Der Autor ist Vorstandsmitglied von UferLeben e. V. und seit vielen Jahren im ländlichen Sachsen zivilgesellschaftlich aktiv. Aus dieser Praxis – dem Wechsel von Engagement, Frustration und Erholung – entstand das Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems. Als Mediziner betrachtet er die Demokratie wie ein erschöpftes Organ: Diagnosen helfen nur, wenn auch Behandlungsschritte folgen.

Demokratie stabilisiert sich nicht allein politisch, sondern im Zusammenspiel mit den Menschen, die sie tragen – oder verlieren. Das Modell verbindet Diagnose und Behandlung: Es beschreibt, was erodiert – und wo Regeneration möglich ist. Damit es wirkt, braucht es Menschen, die es anwenden, übersetzen und weiterdenken.

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