Die Bürgermeisterwahl in Altenberg am Sonntag, dem 25. Januar, brachte ein eindeutiges Ergebnis: 61,8 Prozent für André Barth (AfD) im ersten Wahlgang, bei einer Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent – ein Wert, den viele größere Städte nicht erreichen. Die Konkurrenz bestand ausschließlich aus parteilosen oder lokal gebundenen Einzelbewerbern: Johanna Franz (21,3 %), Steffen Götze (7,6 %), Lars Schlegel (4,9 %) und Attila Dorkó (4,4 %).

Alle vier traten engagiert an, viele aus reinem Verantwortungsgefühl. Doch ohne Parteien, Strukturen oder starke lokale Netzwerke ist es schwer, in kurzer Zeit die notwendige Sichtbarkeit zu erreichen.

Altenberg im Vergleich: Das Großschirma-Muster

Was in Altenberg passiert ist, folgt einer Logik, die man in Sachsen schon gesehen hat. In Großschirma gewann 2024 der AfD-Kandidat Rolf Weigand ebenfalls im ersten Wahlgang, ebenfalls mit rund 60 Prozent, ebenfalls in einer kleinen Kommune mit schwacher Parteipräsenz.

Noch deutlicher wird die Parallele, wenn man die Profile nebeneinanderlegt. Beide: langjährige Landtagsabgeordnete. Beide: aus der kommunalen Fläche stammend, mit hoher regionaler Sichtbarkeit. Beide: treten als „erfahrene Alternative“ in Kommunen an, in denen etablierte Parteien kaum noch verankert sind. Beide: profitieren davon, dass sich Gegenkandidaturen auf parteilose Einzelinitiativen beschränken.

Mit anderen Worten: Das Erfolgsmodell der AfD in schrumpfenden Kommunen ist inzwischen erkennbar reproduzierbar.

In Orten, in denen klassische Parteien kaum noch vor Ort sind, reicht ein bekannter Landtagsabgeordneter aus, um einen strukturellen Vorteil zu erzeugen, den unabhängige Bewerber kaum einholen können. Altenberg ist dafür nun das zweite deutliche Beispiel.

MdL-Bekanntheit als Faktor der Etablierung und Normalisierung

Ein Kandidat mit langjährigem Mandat im Sächsischen Landtag wirkt nicht wie ein politisches Experiment, sondern wie jemand, der das politische Geschäft beherrscht. Genau das verschafft André Barth einen Vorteil, der in Gemeinden ohne stabile Parteistrukturen besonders stark durchschlägt: Seine Biografie übernimmt die Rolle, die früher lokale Parteien erfüllten – Verlässlichkeit, Sichtbarkeit und Wiedererkennbarkeit.

Zugleich entfaltet ein solcher Kandidat einen zweiten Effekt: Normalisierung.

Ein langjähriger MdL ist kein Außenseiter mehr, sondern ein etablierter Teil des politischen Betriebs. Seine Kandidatur vermittelt Routine und Professionalität – und entlastet Wählerinnen und Wähler von der Unsicherheit, die parteilose Herausforderer oft nicht überwinden können.

Hinzu kommt eine parteiinterne Dynamik: Mit Barth rotiert ein erfahrener Landespolitiker in ein kommunales Spitzenamt, während im Landtag Platz für neue AfD-Gesichter frei werden könnte. Für die Partei ist das doppelt attraktiv: Sie stärkt ihre Präsenz in der Fläche und schafft zugleich Raum, um ihren parlamentarischen Kader zu erneuern.

Einzelbewerber: Mut ohne Resonanzräume

Die vier Einzelbewerber in Altenberg traten mit Mut, persönlicher Verantwortung und echtem lokalem Engagement an. Doch sie starteten unter Bedingungen, die kaum auszugleichen sind: ohne Parteiapparat, ohne mediale Verstärkung, ohne gewachsene Netzwerke und ohne jene dauerhafte Sichtbarkeit, die politisches Vertrauen überhaupt erst entstehen lässt.

Ein wesentlicher Unterschied zur Ausgangslage des Wahlsiegers bleibt deutlich:
Während André Barth zehn Jahre lang als MdL politisch präsent war, traten die übrigen Kandidierenden erst im Wahlkampf stärker öffentlich in Erscheinung. Für viele Wählerinnen und Wähler waren sie damit neue Gesichter – nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern weil die politischen Kanäle, die früher Sichtbarkeit erzeugten, in Altenberg weitgehend verschwunden sind.

Gerade weil parteipolitische Strukturen in vielen Kleinstädten weggebrochen sind, entsteht ein Vakuum, das engagierte Bürgerinnen und Bürger plötzlich selbst zu füllen versuchen. Sie springen ein, wo Parteien nicht mehr präsent sind, wo Verantwortung auf wenige Schultern fällt. Doch ohne Resonanzräume, ohne Team und ohne langfristige Verankerung ist es fast unmöglich, gegen einen professionell erfahrenen und etablierten Kandidaten anzutreten.

Diese strukturelle Benachteiligung hat nichts mit persönlicher Naivität zu tun. Im Gegenteil: Ihre Kandidaturen sind Ausdruck eines vitalen Bürgerwillens in einer politischen Landschaft, die neue Menschen dringend braucht. Wenn dieser Mut nicht einmalig bleibt, sondern in kontinuierliches Engagement übergeht, kann daraus langfristig genau jene Sichtbarkeit entstehen, die jetzt fehlte.

Die Botschaft bleibt: Dranbleiben lohnt sich – denn lokale Demokratie lebt von denen, die nicht nur kandidieren, sondern bleiben.

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