Der Begriff des „demokratischen Burnout“ wurde hier kürzlich in der Leipziger Zeitung als Diagnose ins Gespräch gebracht – ein Vergleich, den Hamburger Psychologen aus Gesprächen über veränderte demokratische Kommunikationszustände in Ostdeutschland ableiteten. Ein streitbarer Begriff. Denn Demokratie ist kein Organismus, der einfach kollabiert wie ein überlasteter Körper. Sie ist ein Gefüge aus Institutionen, Verfahren und – vor allem – Menschen. Wenn wir also ein Burnout in Betracht ziehen, stellt sich die Frage: Wer oder was brennt hier eigentlich aus?

Der Vergleich mit einer medizinischen Diagnose mag irritieren, ist aber durchaus produktiv. Sie zwingt uns dazu, genauer hinzusehen. Meint sie die psychisch-kommunikative Erschöpfung jener Bürgerinnen und Bürger, die Demokratie täglich tragen? Oder beschreibt sie eine institutionelle Erosion demokratischer Strukturen? Beide Diagnosen klingen ähnlich, setzen aber an unterschiedlichen Punkten an.

Eine organisch-institutionelle und eine kommunikativ-energetische Diagnose

Zwei aktuellere Bücher zum Thema – Bitz’ „Demokratie im Burnout“ (Lau-Verlag, 2024) und Christina Christiansens „Republik im Burnout“ (Books of Demand, 2025) – zeigen, wie unterschiedlich, aber zugleich komplementär diese Erschöpfung gelesen werden kann.

Während Bitz die Demokratie als überlastetes System beschreibt, das unter einem permanenten Erwartungsdruck, institutioneller Komplexität und digitaler Beschleunigung ächzt, richtet Christiansen den Blick stärker auf die gesellschaftlich-emotionale Dimension: auf eine Republik, die im Modus des Daueralarms lebt, deren Bürgerinnen und Bürger zwischen Überforderung, politischer Angst und sozialem Rückzug pendeln.

Der unterschiedliche Fokus der beiden Diagnosen ist auch biografisch verständlich: Ferdinand Bitz ist langjähriger Verwaltungs- und Parlamentspraktiker mit Stationen in Ministerien, im Bundestag und im Bundespräsidialamt – ein Autor, der Demokratie aus der Perspektive politischer Handlungsfähigkeit, institutioneller Leistungsfähigkeit und staatlicher Verantwortungslogik betrachtet.

Demgegenüber steht Christina Christiansen als aktivistische Publizistin, kritische Beobachterin gesellschaftlicher Stimmungen und kultureller Erschöpfungsphänomene, die politische Zustände entlang alltäglicher Wahrnehmungserfahrungen, sozialer Erschöpfung und kollektiver Müdigkeit beschreibt.

Zusammen spiegeln sie damit zwei Welten des Denkens: das strategisch-systemische und das sozial-erlebte Bild von Demokratie.

Institutionelle Demokratieförderung in Sachsen unter Druck

Die Realität entwickelt sich weiter und Bitz’ Diagnose bleibt nicht mehr nur theoretisch. Denn auf lokaler Ebene zeigen sich bereits klare Symptome eines institutionellen Substanzverlustes. Zahlreiche „Partnerschaften für Demokratie“ des Bundesprogramms Demokratie leben! stehen in Sachsen vor dem Aus, weil veränderte Förderbedingungen und fehlende kommunale Kofinanzierung ihre Fortführung erschweren.

Eine aktuelle Analyse der Amadeu-Antonio-Stiftung sieht 2026 wichtige Demokratieprojekte vor dem Kollaps: Durch „die derzeitigen Mehrheitsverhältnisse in den sächsischen Kommunen [stehen] eine Vielzahl der sächsischen Partnerschaften für Demokratie vor dem Aus“, wird die sächsische Staatsministerin für gesellschaftlichen Zusammenhalt Petra Köpping in einem Brief an Bundesbildungsministerin Karin Prien zitiert. Und weiter: „Die Demokratiestärkung im Freistaat Sachsen, insbesondere im ländlichen Raum, würde dadurch irreparablen Schaden nehmen.“

Schon 2025 verwies die „Leipziger Erklärung der Zivilgesellschaft“ auf eine vorbestehend chronische Unterfinanzierung politischer Bildungs- und Beratungsarbeit in Leipzig – selbst Träger wie RosaLinde Leipzig e.V. mussten Angebote einschränken.

Dem rot-rot-grün dominierten Leipziger Stadtrat muss man allerdings zugutehalten, dass ausbleibende Landesmittel zum Teil aufgefangen wurden. Und dennoch: Auch Leipzig als Metropole, die im sächsischen Vergleich als urbanes Zentrum mit progressiv-pluralistischer Politkultur gilt, spürt das schrittweise Ausdünnen demokratischer Infrastruktur.

Doch das eigentliche Problem besteht in den mittelgroßen und kleineren Städten sowie im ländlichen Raum.

Wurzen und Pirna: Zwei Beispiele politischer Entscheidungen gegen demokratische Infrastruktur

In Wurzen verweigerte der rechtskonservativ dominierte Stadtrat 2025 die kommunale Kofinanzierung für das Netzwerk für Demokratische Kultur e.V. – und lehnte später sogar private Spenden ab, die als Eigenanteil für Landesmittel gedacht waren. Damit wurden nicht nur Stellen und Programme ausgebremst, sondern ein langjähriger Demokratieakteur bewusst geschwächt. Die Verantwortlichen vor Ort sprachen von einer klar politischen Entscheidung, nicht von einer finanziellen Notwendigkeit.

Ähnlich in Pirna: Dort strich der Stadtrat Anfang 2026 zwei etablierte Projekte des Aktion Zivilcourage e.V. von der Förderliste, bevor deren Inhalte überhaupt geprüft wurden. Auch die über 20 Jahre bestehende Kooperation Markt der Kulturen wurde beendet. Die Streichungen erfolgten auf Antrag der AfD und mit Unterstützung weiterer Ratsmitglieder. Auch hier wurde kritisiert, dass nicht das Projekt, sondern das Verfahren selbst beschädigt wurde – und damit das Vertrauen in demokratische Abläufe.

Erschöpfende Dynamiken in der Kommunikation

Eine andere Perspektive setzt nicht bei den Institutionen, sondern wie Christiansen bei den Menschen an. Das Modell des demokratischen Kommunikationsökosystems des Uferleben e.V. beschreibt Demokratie als dynamischen Raum von Beiträgen, Rollen und Energien. Hier steht nicht die Statik des Systems im Vordergrund, sondern die Zirkulation von Aufmerksamkeit, Engagement und Anerkennung.

Demokratie erscheint in dieser Sicht als kommunikativer Schwarm. Menschen bringen sich ein, ziehen sich zurück, wechseln Rollen. Doch dieser Raum ist heute geprägt von Dauererregung, Polarisierung, Informationsüberlastung. Soziale Medien beschleunigen Konflikte, moralische Empörung wird zur Dauerhaltung, Komplexität schlägt in Überforderung um.

Wer sich heute in Bürgerinitiativen oder lokalen Debatten engagiert, kennt diese Dynamik: Phasen intensiver Mobilisierung wechseln mit Ermüdung und Rückzug.

„Demokratischer Burnout“ meint hier nicht institutionelle Erosion, sondern affektive Erschöpfung. Bürgerinnen und Bürger verlieren das Gefühl von Wirksamkeit, ziehen sich resigniert zurück oder verhärten sich ideologisch. Die demokratische Kommunikation wird entweder schrill oder still.

Ähnlich wie bei Christiansen lebt die Demokratie in dem Modell eben nicht nur von Regeln und Institutionen, sondern vor allem von Beteiligung. Wenn diese Beteiligung unter Dauerstress gerät, verliert das System seine lebendige Grundlage – auch wenn die Institutionen formal intakt bleiben würden.

Erschöpfung verläuft nicht überall gleich

In der Psychologie gilt Burnout nicht als plötzlicher Zusammenbruch, sondern als schleichender Prozess mit unterschiedlichen Stadien – von Überengagement über Frustration bis hin zu Umdeutung von Werten und Rückzug. Überträgt man diese Diagnose vorsichtig auf demokratische Prozesse, dann wäre auch politische Erschöpfung kein einheitlicher Zustand, sondern ein abgestuftes Phänomen.

Dabei ist offensichtlich, dass sich demokratische Belastungen regional unterschiedlich verdichten. Politische Frustration, institutionelles Vertrauen und Beteiligungsformen variieren zwischen urbanen und ländlichen Räumen ebenso wie zwischen Ost und West. Demokratischer Burnout wäre dann kein homogener Zustand, sondern ein unterschiedlich ausgeprägtes Spannungsfeld – je nach sozialem, wirtschaftlichem und historisch-kulturellem Kontext.

Regeneration und Rückkehrfähigkeit: Die neuen Schlüsselbegriffe

Zwei Begriffe werden zentral, die beide Perspektiven verbinden können: Regeneration und Rückkehrfähigkeit. Während Bitz auf institutionelle Resilienz zielt, fragt das Kommunikationsökosystem nach der Fähigkeit, Erschöpfung zu integrieren und Menschen wieder einzubinden.

Regeneration und Rückkehrfähigkeit bedeuten, dass demokratische Räume Pausen erlauben. Dass Rückzug nicht automatisch als Verlust gilt. Dass Menschen nach Phasen der Überforderung wieder Anschluss finden können – ohne Stigmatisierung, ohne moralische Abwertung.

Eine Demokratie, die nur Dauerengagement kennt, überfordert ihre Träger. Eine Demokratie, die Rückkehr ermöglicht, bleibt beweglich. Institutionelle Sicherung und Reformen allein genügen nicht, wenn der kommunikative Raum toxisch bleibt. Ebenso reicht psychische Regeneration nicht aus, wenn die Strukturen erodieren. Entscheidend ist, ob beides zusammen gedacht wird: strukturelle Stabilität und kommunikative Regeneration.

Entspannung, Reflexion sowie die Neuausrichtung persönlicher Erwartungen und Ansprüche gelten als zentrale Therapiesäulen des medizinischen Burnout-Syndroms – und es lohnt, zu überlegen, was davon auf einen demokratischen Burnout übertragbar wäre.

Ob „Burnout“ als Diagnose taugt, wird sich zeigen: Der Befund kommt jedenfalls nicht von oben und versteht sich hier als Angebot zur gemeinsamen Klärung – aus der Zivilgesellschaft heraus. Politik und Gesellschaft müssen gemeinsam klären, was unsere Demokratie wieder stärkt. Denn ohne neue Impulse aus der Politik bleibt der Begriff nur ein Ruf – und keine Antwort.

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