Mit seinem dreiteiligen Ausflug in die Metaphysik der Gegenwart „Der gekränkte Mensch“ hat der Philosoph Jürgen Große im Grunde die Basis gelegt für all seine folgenden Bücher, mit denen er das Dilemma einer gefühlten Bürgerlichkeit untersucht, die eigentlich nur noch ein großes Jammern und Wehklagen ist. Ratlosigkeit allerorten. Thema natürlich auch seiner jüngste Trilogie zur bundesdeutschen Psychohistorie, die er nun mit diesem Band abschließt. Einer tastenden Suche nach der Mitte. Achja, die Mitte.
Hat unsere Gesellschaft eine Mitte? Ist das, was so gern medial als Mitte bezeichnet wird, tatsächlich der viel gepriesene Ort der Mäßigung und des Ausgleichs? Oder doch nur ein Gärfass der Ressentiments, wie es Jürgen Große im Grunde in den beiden Vorgängerbänden „Die kalte Wut“ und „Gefühlte Bürgerlichkeit“ gezeichnet hat? Denn ganz offensichtlich sitzt dort alles Unbehagen, alle Unzufriedenheit mit den unzuverlässigen Zuständen unserer Welt – die Angst um den Abstieg genauso wie die Sehnsucht nach einem wohlverdienten Aufstieg. Wohin auch immer. Wohlstand und Stress, alles schön verpackt in einem Normenkanon des Wettbewerbs, der Anpassung und des etablierten Neids.
Mit Neid wird Politik gemacht. Er gehört zum Wesen dieser Mitte, die selbst keine Kontur hat. Was Große auch in diesem dritten Versuch einer Umkreisung feststellt, in dem er letztlich immer wieder neu versucht, in die Psyche dieser diffusen Mitte vorzudringen, die so gern von den Parteien umworben wird, sich aber nur definieren kann über ihre Differenz zu den Anderen. Also denen da am Rand, da draußen, da unten. Ihr ganzer Stolz ist es, nicht zu „denen da“ zu gehören. Und Große geht bis zu jenem Augenblick zurück, in dem dieses ganze alt-bundesdeutsche Konstrukt der Geborgenheit in die Binsen ging, in die Zeit von „Wende“ und deutscher Einheit, als die behäbige westdeutsche Bürgerlichkeit sich auf einmal erschrocken einer Schar von Neuankömmlingen gegenübersah, die nicht nur mit allem Recht dazugehören wollten, sondern auch noch uralte Ängste wachriefen, die man in der alten Bonner Republik so schön eingehegt und marginalisiert hatte – Ängste vor dem Fremden, der Konkurrenz um denselben Anspruch an Erfolg und Wohlstand.
Die Angst der Mitte vor dem Osten
Auf einmal gehörten die Kommentarspalten der großen – westdeutschen – Magazine und Zeitungen den „Jammerwessis“, die da aus dem neuen deutschen Osten lauter Bedrohungen für die Wohlfühlrepublik Bonn heranfluten sahen. Und das Gefühl trog die Berufsjammerer nicht. Denn die Vergrößerung der alten Bundesrepublik um die Bewohner des einst realsozialistischen Ostens, die eben ganz und gar nicht faul, sondern gut ausgebildet, strebsam, diszipliniert und willig waren, hat das sowieso fragile Gebilde (west-)deutscher Mentalität ins grelle Rampenlicht gestellt.
Im Grunde stellt Große mit diesem Band das ganze hegemoniale Selbstbild alt-bundesdeutscher Selbst-Verherrlichung in Frage. Denn was bleibt, wenn man auch nur ein wenig am Lack kratzt, und das taten ja die Ostdeutschen, von denen die meisten ganz schnell genauso werden wollten wie ihre „Brüder und Schwestern“ im Westen? „Ein konsumistisches Ethos von Erlebnisgesellschaft und Selbstgenuss beherrschte in den 1990ern weithin die (alt)bundesdeutsche Massenseele“, schreibt Große. „Zudem aber rückte durch jene neuen Deutschen die ‘alte’ Bundesrepublik in einen unbarmherzigen Vergleichsblick. Waren kultureller Pluralismus und soziale Gerechtigkeit vielleicht einzig auf dichtem Wachstumshumus lebensfähig? War die freiheitliche Gesellschaft nur eine ‘Gesellschaft von durchtrainierten Angebern, Blendern, Vorteilsrittern, Gesinnungsgewinnlern und Gemeinplatzbewachern’?“
Hier zitiert er Botho Strauß, der damals eine gewichtige Stimme im Chor der Frustrierten hatte.
Spiegel-Bilder
Von „beklemmenden Ängsten vor der ‘Verostung’“ kann Große berichten, der tatsächlich noch einmal hineintaucht in dieses deutsch-deutsche Lamento, das die ersten Jahre nach der Deutschen Einheit bestimmte und letztlich für die unaufgelösten Fronten sorgte, die bis heute verhindern, dass der Osten ganz selbstverständlich Teil eines ganzen Deutschland sein kann. Er ist bis heute „das Andere“ geblieben, dem alle möglichen Eigenschaften zugeschrieben werden, die die tonangebenden Taktgeber West im eigenen Spiegelbild nicht wahrnehmen wollen. Die neuen Brüder Ost sind zum Negativ-Bild all dessen geworden, was die Vorbilder West nie gewesen sein wollen.
Große untersucht dabei zwei Phänomene genauer, die im Grunde zeigen, dass es mit den vorbildlichen Brüdern West gar nicht so weit her ist und hinter der frisch gefönten Fassade nicht allzu viel los ist. Schon gar nichts, was man greifen und festhalten könnte. Das eine ist der Amerikanismus, der im moralischen Feld schon lange geschwisterlichen Reigen mit einem gepflegten Antiamerikanismus feiert. Erbe einer noch lange nicht verdauten Nachkriegsgeschichte, in der sich die nun plötzlich vom Nazismus befreiten Deutschen (West) dem neuen Retter und Vorbild USA anheimgaben. Nicht nur auf kultureller Ebene, sondern eben auch auf moralischer. Auf einmal gehörte man durch die Gunst der richtigen Seite wieder zu den Guten, hatte in den USA eine wohlwollende Schutzmacht gefunden und konnte sich immer hinter der Floskel verstecken, fest an der Seite der USA zu stehen.
Da konnte man nichts falsch machen. Waren doch die USA das glänzende Vorbild für Demokratie, Schutz und Beistand. Nur dass dieses Verhältnis logischerweise spätestens mit einem Donald Trump gewaltige Risse bekam und sichtbar machte, dass das ganze Verhältnis nichts als Ausweichen war vor der seit 1945 nie wirklich beantworteten Frage, wer denn die Deutschen eigentlich sind und sein wollen.
Fremde Vorbilder
Eine Frage, die durch den Wegfall des Feindbildes Ost 1990 an Aktualität gewann und trotzdem nicht beantwortet wurde. Denn auf einmal konnte man sich nicht mehr selbst als das „bessere Deutschland“ gegenüber der zum Schreckbild gemachten DDR definieren und sich auch noch über den dort verzweifelt erfolglosen Versuch mokieren, dem westlichen (Konsum-)Wohlstand nachzueifern. Große deutet es zumindest an, dass die Sichtweisen in Ost wie West an diesem Punkt erstaunlich nah beieinander lagen, denn so wie sich der Westen elitär immer über den Osten erhob, verglichen sich die Ostdeutschen immer in ihrem kärglichen Wohlstand mit den sichtlich erfolgreichen Bewohnern des Westens. Und sie übernahm genauso freudig und frenetisch ganze Teile der amerikanischen Kultur. Selbst Umfragen, die Große zitiert, bestätigten diese Bewunderung im Osten für das ferne, für die meisten unerreichbare Amerika.
Nur: Aus Nachahmung wird kein Selbstbild. Und so richtig Lust, danach zu suchen, hatte auch nach 1990 niemand. Außer die durchgeknallten Chargen ganz rechts, die das Heil mal wieder im alten, chauvinistischen Nationalismus suchten. Was leider kompatibel ist bis in die selige Mitte hinein. Weshalb in Großes Buch eben nicht nur die Ostdeutschen als „die Anderen“ thematisiert werden, sondern auch die Migranten, die auf ihre Weise dieselbe Abwehr durch die ach so von „Werten“ geprägte Mitte erfuhren. Weshalb nicht ganz zufällig dieses obskure „Werte-Deutschland“ im zweiten Teil des Buches immer wieder zitiert wird. Ein Werte-Deutschland, das sich in den Medien und Sonntagsreden so gern als geläutert präsentiert und nur zu gern Anderen (innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen) seine Vorstellungen von Werte-Politik zur gefälligen Befolgung empfiehlt.
Dumm nur, dass das weder folgsame Schüler nach sich zieht noch Antworten gibt auf die bis heute virulente Frage, wer diese Deutschen denn nun eigentlich sind und sein wollen. Da hat auch die ganze Werte-Diskussion der CDU nichts geholfen.
Die leere Mitte
Aber vielleicht findet man ja so etwas wie eine echte Mitte? Einen Ort, an dem sich die Seele der heute so zusammengewürfelten Deutschen finden lässt? Jürgen Große hat so einen Ort vor Augen: das Humboldt-Forum in Berlin, erbaut an der Stelle, an der bis 2008 der Palast der Republik stand, für die einen ein zu schleifendes Überbleibsel der verachteten SED-Diktatur, für die Anderen eine Erinnerung an ein Land, mit dem man sich identifizierte, weil man nun mal drin gelebt hat. Nicht zu vergessen, dass noch früher an dieser Stelle das Schloss der Hohenzollern stand, im Zweiten Weltkrieg zerstört und unter Walter Ulbricht abgerissen.
Da könnte man eigentlich erwarten, dass die Streiter für das Humboldt-Forum es schaffen würden, hier im Herzen von Berlin etwas zu schaffen, das gleichzeitig auch das Herz der bundesdeutschen Republik sein könnte. Einen Ort der Begegnung, der Selbstverständigung, der Identifikation. Aber nichts davon ist gelungen. Die Mitte ist leer. Ein Museum.
Was vielleicht nicht falsch ist, wenn man sich den Zustand der deutschen Selbstvergewisserung beschaut, wie Große das tut. Auch wenn fast alle Diskussionsstränge, die er beleuchtet, befremden. Nicht weil sie so nicht tatsächlich passiert sind. Das sind sie ja. Aber es ist die oft genug selbstreferentielle Kommentarwüste ausschließlich alt-bundesdeutscher Medien, wo sich fast ausschließlich westdeutsche Großdenker und Politiker die ganze Zeit über den miserablen Zustand der deutschen Seele echauffierten und sich am Ende immer in eine völlig fruchtlose Werte-Debatte flüchteten – frei nach dem Motto: Wir sind doch die Guten. Wir haben unsere Lektion gelernt.
Irrationale Ängste
Was schon immer ein Selbstbetrug war. Und jedes Mal platzte, wenn die Bundesrepublik tatsächlich mal wieder in die internationalen Querelen und Konflikte hineingezogen wurde. Was „früher“ immer ganz gut ausging, weil man sich freundlich hinter dem großen Bruder aus Washington verstecken konnte. Was der machte, war richtig und vorbildlich. Da brauchten die Deutschen keine Meinung und keine Haltung zu haben.
Nur funktioniert das nicht mehr, seit der Präsident in Washington selbst alle bisher geltenden Regeln außer Kraft setzt und deutsche Bundeskanzler konsterniert feststellen, dass man auf einmal ziemlich allein und ratlos in der Gegend herumstand und nicht weiterwusste und weiterweiß. Das führt jetzt schon teilweise über Großes Untersuchung des Seelenzustands der dritten deutschen Republik hinaus. Aber es hat damit zu tun. Denn die gerade medial inszenierte Ratlosigkeit spiegelt sich inzwischen eben auch in der Politik und im Gestammel von Politikern, die sich ihr Leben lang immer nur hinter Werte-Diskussionen versteckt haben, aber verlernt haben, dass Politik nie wirklich werte-geleitet ist, sondern interessengeleitet.
Und wer in fetten Kommentarspalten erzählt, dass die Wähler es anders erwarten, der lügt. Es stimmt einfach nicht. Vielleicht beleuchtet diese Einsicht auch den deutsch-deutschen Konflikt besser, in dem alte Gespenster ihr Unwesen treiben, irrationale Ängste genutzt werden, die Ressentiments zu schüren und nicht nur die zu Anderen gemachten Ostdeutschen das Gefühl haben, dass sie im politischen Diskurs weder gebraucht noch erwartet werden. Während die immerfort weiterdefinierende sogenannte Mitte immer neue Andere markiert und damit bestimmt, wer dazugehört und wer am Rand bleiben soll.
Die Fiktion der Mitte
Was am Ende trotzdem die Frage stehen lässt: Wer ist denn nun eigentlich die Mitte, die ja – wie Jürgen Große bestätigt – nur eine mehr als diffuse Vorstellung von sich selber hat und alle ihre Ängste und Vorurteile auf die von ihr definierten Anderen projiziert? Oder ist diese ganze Mitte nichts als eine Fiktion? Suggeriert von auflagenstarken Kommentatoren, die die kleinbürgerlichen Vorstellungen vom „richtigen Verhalten“ gern zum Muster für die ganze Gesellschaft machen, während sie gleichzeitig lautstark verkünden, wer alles nicht dazu gehört?
Eine offene Frage. Erst recht nach diesem dritten Band, mit dem Jürgen Große etwas untersucht, was meist unbehelligt als Hintergrundrauschen mitflackert, wenn Politiker und Kommentatoren über „Werte“ reden, statt Klartext zu reden, zu wem dieses Deutschland eigentlich gehört. Stattdessen wird endlos darüber schwadroniert, wer dazugehören darf und wer nicht. Logisch, dass das nie im Leben etwas Gemeinsames wird. Schon gar kein Projekt, mit dem sich alle die „Anderen“ identifizieren können.
Und so beleuchtet Jürgen Große letztlich die riesige Leerstelle in der Mitte dieser Nation, in der eine konturlose Mitte-Gesellschaft versucht, ihre eigene Orientierungslosigkeit zum Kompass für die ganze Republik zu machen.
Jürgen Große „Im Deutschland der Anderen“, Büchner Verlag, Marburg 2026, 20 Euro
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