2022 überraschte Christine Koschmieder die Leserinnen und Leser mit einem Buch, das sich so selten eine Autorin oder ein Autor zu schreiben traut: Sie schrieb über ihre Alkoholsucht und wie sie darum kämpfte, diese Sucht – und den Alkohol – aus ihrem Leben zu verbannen. Jeder, der so anfällig ist für die Sucht ist, weiß, dass oft genug uralte Bewältigungsstrategien aus der Kindheit dahinterstecken. Oft die Dramen der Eltern, die mit ihren eigenen Gefühlen nicht zurechtkamen. Aber was macht man aus seinem Leben, wenn man König Alkohol gezähmt hat? Naja: Man kann sich ein Haus kaufen.
Und genau das hat die bislang in Leipzig lebende Literaturagentin und Autorin auch getan. Gleich damals, als sie ihren Ausstieg aus dem Alkohol schaffte, worüber sie 2022 in „Dry“ geschrieben hat. Was nur der Anfang war.
Nicht nur für den Erwerb des kleinen, 160 Jahre alten Schifferhauses in der Bauhaus-Stadt Dessau, sondern auch für zwei weitere Bücher, in denen die Suche nach den Brüchen in ihrer eigenen Familiengeschichte weitertrieb – „Schambereich“ (2023) und „Frühjahrskollektion“ (2025).
Bücher, die entstanden, während sie zwischen Leipzig und Dessau pendelte, in Leipzig erst die inzwischen viel zu groß gewordene Altbauwohnung kündigte und in eine kleinere Neubauwohnung zog, währemd sie in Dessau auch die Sanierung und den Umbau des kleinen Häuschens organisierte.
Denn es sollte wirklich ihr ganz eigenes Zuhause werden, ihre neue Hülle in einer Welt, in der sie – wie die meisten Leipziger – bisher vor allem kannte, wie andere Leute und äußere Umstände die eigenen Wohnverhältnisse bestimmten. Sie hatte jahrelang tapfer in einen Bausparvertrag eingezahlt, hatte also das nötige Geld, um das kleine Häuschen zu kaufen.
Alles ganz schrecklich, oder?
Bei den folgenden Sanierungen aber merkte sie schnell, dass auch die Auffrischung eines alten Häuschens ins Geld geht, erst recht, wenn auch noch Elektrik und Heizung modernisiert werden müssen. Es ist also ein sehr reales Erlebnis, in das Christine Koschmieder ihre Leserinnen und Leser in diesem Buch mitnimmt.
Aber es ist kein Handwerkerbuch geworden – auch wenn eine Menge fleißiger Handwerker und handwerklich begabter Helfer und Helferinnen darin vorkommen. Schon das allein ist ja ein Abenteuer, das manchen ein Leben lang beschäftigen kann.
Aber schon hier wird etwas deutlich, was beim Wohnen im „bösen“ Osten ganz schnell zum Thema wird: Man begegnet Menschen und Leuten. Auch im Kreis Anhalt-Bitterfeld, in diesem wilden Sachsen-Anhalt, wo jetzt eine rechtsgedrehte Partei bei der nächsten Wahl zu gewinnen droht.
Da türmen sich wieder die Medienberichte über die wildgewordenen „Ossis“ und ihr kaputtes Verhältnis zur Demokratie. Nur: Die Menschen, denen die Autorin begegnet, sind ganz anders – freundlich, hilfsbereit, manchmal gesprächig, aufgeschlossen.
Es ist also kein Zufall, dass auch diese deutsch-deutsche Diskussion ins Buch gefunden hat. Und die Selbstbefragung der Autorin, warum das so ist. Warum so viele Menschen hier eine rechtsradikale Partei wählen. Da sie mit den Leuten spricht und zuhört, wenn sie erzählen, wird einiges klarer.
Auch beim Gang durch die Stadt, für die das Bauhaus das große Aushängeschild ist. Aber beim Gang durch die Straßen sieht man eben auch, was alles verschwunden ist, wie die Stadt in den vergangenen 30 Jahren ausgeblutet ist und Geschäfte und Kaufhäuser schlossen. Der Missmut kommt ja nicht von ungefähr. Er hat mit Verlustgefühlen und mit einer gewissen, allgegenwärtigen Ohnmacht zu tun.
Auch wenn die Menschen, denen die Autorin begegnet, ihren Stolz und ihre Offenheit bewahrt haben. Vielleicht hat sie ja auch nur solche getroffen. Denn auch für Sachsen-Anhalt gilt: Die Mehrheit wählt dort demokratische Parteien.
Andererseits gehen viele Programme, die eigentlich Demokratie befördern sollen, an den Bewohnern des Landes vorbei, treffen sie nicht dort an, wo sie leben und arbeiten und sich über das kärgliche Geld in ihrer Börse ärgern.
Wie uns Eltern-Häuser prägen
Aber wo sind die Orte, an denen sich Menschen austauschen und miteinander ins Gespräch kommen können? Auch so eine Frage, die Christine Koschmieder beschäftigt, während sie gleichzeitig die verschiedenen Häuser und Wohnungen in ihrem Leben rekapituliert. 19 an der Zahl, angefangen mit dem Elternhaus, in dem sich die Dramen ihrer Eltern abspielten.
Das ist eigentlich der Nukleus des Buches, der Ur-Beginn. Denn in der Kindheit werden wir geprägt. Und speichern die Emotionen, die uns mit Orten verbinden. Und manchmal sind das bedrückende Emotionen und Erinnerungen. Nur: Das Haus ist nicht schuld an den Tragödien, die sich da zwischen den Eltern abspielten.
Auch nicht am Gefühl der heranwachsenden Kinder, in der neuen Partnerschaft des Vaters unerwünscht zu sein. Selbst ein Amerikaaufenthalt just im Jahr 1989 wird Thema, in dem die Erzählerin die ganz selbstverständliche Freundlichkeit ihrer Gasteltern erlebte und damit etwas erfuhr, was sie so aus ihrer Kindheit nicht kannte.
Wir alle brauchen diese Erfahrung, dass unser Leben nicht so verlaufen muss, wie es in der Kindheit angelegt war. Dass es Menschen gibt, die uns einfach offenherzig und gastlich begegnen und sich sogar dafür interessieren, wer wir sind.
Aber manchmal bieten neue Wohnungen auch die Chance, ein Stück Freiheit kennenzulernen. Denn genau das begegnete Christine Koschmieder, als sie in den 1990er Jahren nach Leipzig kam, als die meisten Häuser noch gar nicht saniert waren, die Mieten wirklich erschwinglich und die Freiräume riesengroß. Viele Leipziger werden sich an diese Zeit ganz bestimmt noch mit Wehmut erinnern.
Und dann auflisten können, wie sich nach und nach die Mieten erhöhten, auch weil die Häuser neue Besitzer bekamen. Und wie man auf einmal rechnen lernen musste, ob man sich die Wohnung überhaupt noch leisten kann.
Wenn es um Sicherheit und Geborgenheit geht
Da und dort merkt man auch bei Christine Koschmieder, dass das eine ganz elementare Frage ist, die an unser aller Geborgenheitsgefühl geht. Wenn auf einmal die Angst da ist, dass die Miete nicht mehr aus dem eigenen Erwerbseinkommen aufgebracht werden kann, dann zieht die Unsicherheit ins Leben ein.
Oft genug zusätzlich zu den Problemen beim Geldverdienen, mit den Lebenspartnern und Kindern. Da greifen viele zu den Bewältigungsstrategien, die sie von ihren Eltern gelernt haben. Und von denen man oft nicht wahrhaben will, wie verheerend und falsch sie sind.
So gesehen war es nur konsequent, dass die Autorin dann kurzerhand beschloss, ein Häuschen zu kaufen, das sie sich irgendwie noch leisten konnte. Begleitet von einem Gedanken, der seit dem grandiosen Buch „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf nicht mehr abzutun ist: Dass auch Frauen ein Recht auf einen eigenen Platz haben in dieser Welt, der ihnen ganz gehört, wo sie sich verwirklichen können. Oder den sie – wie es Christine Koschmieder tut – auch in eigener Handarbeit so gestalten, dass es wirklich ein sicheres Zuhause für sie wird.
Ein Ort, an dem sie nicht mehr das Gefühl haben, dass sie wieder einmal aus- und umziehen müssen. Auch wenn die Autorin am Ende kurz über einen Verkauf des Häuschens nachdenkt, in das nicht nur – für sie – eine Menge Geld geflossen ist, sondern auch einige hundert Stunden eigener Arbeit mit Spachtel, Pinsel, Schleifer.
Denn nicht jeder hält das Unfertige aus. Oder Räume, die irgendwie nicht zum eigenen Empfinden passen. Erst recht, da ihr nun niemand mehr hineinreden kann, wenn sie alles so gestaltet, wie sie es sich gewünscht hat. Auch wenn die Ratenzahlungen drücken und jede Möglichkeit für einen Zuverdienst genutzt wird.
Ein Platz in der Welt
Es ist also irgendwie kein Buch über das Sesshaftwerden, sondern eines über die Eroberung eines Ortes und damit die Schaffung einer ganz persönlichen Freiheit. Dass immer wieder auch das Bauhaus eine Rolle spielt, ist kein Zufall.
Denn die Intentionen der Bauhaus-Meister gingen ja in eine ganz ähnliche Richtung. Und erweckten deswegen den Zorn der Konservativen und der Nazis, die diesen Einbruch von Freiheit in ihre durch alte Biedermeier-Bilder geprägte Welt nicht verstehen wollten. Deswegen sind Wörter wie Heimat im Deutschen auch so schwer belastet und kaum reparabel.
Da hilft der dokumentarische Stil, in dem Koschmieder erzählt, als wolle sie die Leser einfach teilhaben lassen an jedem Schritt, mit dem sie ihr Haus zu ihrem Haus macht. Stolz auf das, was sie an Arbeit hineingesteckt hat.
Erschrocken über die Summen, die es am Ende doch gekostet hat. Aber irgendwie froh, sich jetzt endlich einen Ort in der Welt geschaffen zu haben, der ganz ihr allein gehört.
Ein Gefühl, das auch viele Leser nachempfinden dürften. Und das Erstaunliche ist: Es ist ein durch und durch rationales Gefühl. Und eins der Selbstbehauptung, die letztlich jeder Mensch braucht in diesem Leben: Das Gefühl, das Wichtigste im Leben selbst gestalten zu können.
Und damit auch die Verfügung übers eigene Leben zu haben. Oder sich erobert zu haben. Aber wenn man den Gedanken konsequent weiterdenkt, ahnt man, dass das eine Menge mit dem Unmut zu tun haben könnte, der nicht nur in Sachsen-Anhalt die Stimmung verdüstert.
Christine Koschmieder Ein Haus für mich Kanon Verlag, Berlin 2026, 22 Euro.
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