Die Romantik lebt bis heute im Gemüt vieler Deutscher. Ihre Gedichte werden immer wieder aufgelegt, ihre Lieder werden gesungen. Leise weht durch mein Gemüt … Man wird regelrecht sentimental, wenn man ihnen lauscht. In sämtlichen deutschen Städten sind oft Dutzende Straßen nach ihnen benannt. Und – da staunte auch Christoph Palmer – erstaunlich viele Grabstätten der berühmten Romantiker sind bis heute erhalten. 54 hat er gefunden in Deutschland und den Nachbarländern. Henning Kreitel hat sie eindrucksvoll fotografiert.
Entstanden ist somit ein reich und anheimelnd bebildertes Buch, in dem Christoph Palmer den Lesern nicht nur die Vielzahl bis heute beliebter romantischer Autorinnen und Autoren nahebringt, sondern sie auch zu einem Thema zu Wort kommen lässt, zu dem sie mehr zu sagen haben als jede andere literarische Epoche in Deutschland – mit Ausnahme vielleicht der barocken Dichtung im 17. Jahrhundert.
Woran das liegt, dürfte durchaus eine Diskussion wert sein. Aber ganz bestimmt hat es mit jenem Aspekt der romantischen Dichtung zu tun, die das Individuum mit seiner intensiven Beziehung zur Welt in den Mittelpunkt stellte. Es ist eine innige und stark verinnerlichte Beziehung zur Welt. Oft auch Weltflucht.
Sehnsucht nach einer heilen Welt, symbolisiert durch Novalis’ blaue Blume. Philosophisch untermauert durch Philosophen wie Friedrich Schelling (dessen Grab Palmer in der Schweiz entdeckte), Hegel (der in Berlin begraben liegt) und Johann Gottlieb Fichte (ebenfalls in Berlin begraben.) Männer, die Karriere machten, könnte man sagen.
Alles begann in Jena
Dabei führt gerade die Spur dieser das Individuum feiernden Philosophen in eine Stadt, die auf der dem Buch beigegebenen Karte gar nicht vertreten ist: nach Jena. Denn natürlich hat die Romantik einen Geburtsort. Sogar ein Geburtsdatum, wie Wikipedia feststellt: „Obwohl es nicht sinnvoll ist, ein einzelnes Datum als Startpunkt der Frühromantik festzulegen, kann der 8. Juli 1796 als symbolischer Beginn der Jenaer Romantik ausgemacht werden.“
Hier begann alles. Auch das große Schisma, das Romantik und Klassik bald gründlich auseinanderdividieren würde. Denn eigentlich hatte Friedrich Schiller selbst den Literaturhistoriker, Schriftsteller und Übersetzer August Wilhelm Schlegel und seine Frau Caroline nach Jena eingeladen. Und selbst wer glaubt, von Schlegel nie etwas gehört zu haben, hat seinen Ton im Ohr. Denn er war es, der Shakespeare mustergültig ins Deutsche übersetzt hat – in einer Version, die auch heute noch auf den Bühnen gespielt wird.
Und natürlich kommen August Wilhelm und seine Caroline in diesem Buch vor. August Wilhelms Grab findet man in Bonn, Carolines in Maulbronn. Zu jeder gefundenen Grabstätte hat Palmer eine kurze Biografie geschrieben, die dem Leser erzählt, mit wem er es da zu tun hat.
Manche der Gewürdigten sind bis heute berühmt – von Novalis bis Tieck, von E.T.A. Hoffmann und Hölderlin bis Heinrich Heine, der sich selbst einen „entlaufenen Romantiker“ nannte und in Paris begraben liegt. Andere sind fast vergessen, spielen aber trotzdem eine wichtige Rolle in den Netzwerken der Romantik – so wie Luise Hensel, Hermann Kurz oder Justinus Kerner.
Romantik und Tod
Bei manchem kam auch Palmer ins Grübeln: Gehört der Bursche nun streng genommen dazu oder nicht? E.T.A. Hoffmann ist so ein Streitfall. Sein Grab findet man in Berlin. Dafür hat Palmer auf Kleist verzichtet. Jakob und Wilhelm Grimm rechnet er genauso dazu wie den Thüringer Sagensammler Ludwig Bechstein.
Oft sind es die hinterlassenen Schriften, Gedichte und Lieder, die den Ausschlag gaben, die Auserwählten mit aufzunehmen in die Sammlung. Texte, in denen jenes Motiv aufscheint, das sich konsequent durch die komplette Romantik zieht – die Jenaer Frühromantik genauso wie die folgende vom Schwäbischen Dichterkreis geprägte Spätromantik (mit Wilhelm Hauff, Eduard Mörike, Gustav Schwab) und die Heidelberger Romantik (mit Achim von Arnim, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff).
Bei allen findet Palmer Texte, die sich intensiv mit Tod und Vergänglichkeit beschäftigen. Und zwar in verschiedenster Form. Anlass für ihn, einen großen Essay mit ins Buch zu packen, der die verschiedenen Sichtweisen der Romantiker auf Tod und Vergehen untersucht. Denn die eine klagende Sicht auf den Tod gibt es dort nicht. Die verschiedenen Texte changieren zwischen Weltflucht, Erotik, Nihilismus, aber – gerade bei den Spätromantikern – christlicher Hoffnung und – da wird es dann sogar modern – dem Eingang in den Kreislauf der Natur.
Aber dahinter steckt etwas, was man den durchaus literarischen Widerspruch zur Abgeklärtheit der Epoche, zur Nüchternheit der Aufklärung nennen könnte: das Erleben der Endlichkeit als Bewusstwerden des eigenen Lebens. „Die Epoche hat den Tod nicht verdrängt“, schreibt Palmer, „wie es vielfach in der Gegenwart zu beobachten ist.“
Aber nicht nur das wird fassbar. Denn die Vergegenwärtigung des Todes erhellt den Blick auf den Reichtum (und die Kürze) des eigenen Lebens. Palmer: „Das volle Leben auszuschöpfen, in allen Facetten, erfindungs- und ideenreich, abseits von Konventionen und Vorgabe, also die gegebene Zeit gut und produktiv zu nutzen, das war ein Wesensmerkmal der Epoche.“
Gegen die Konventionen
Wobei das Wort Epoche hier für Verunsicherung sorgt, denn tatsächlich wirkte die Romantik ja parallel zur Spätaufklärung und zur Klassik. Später dann zu Biedermeier und Vormärz. Bei manchen der Porträtierten sind diese zeitlichen Überlappungen spürbar. Aber es ist auch die Unbedingtheit, mit der sich selbst die Frauen der Romantik zu Wort meldeten, die diese literarische Strömung bis heute lebendig hält.
Das sind neben Caroline Schlegel etwa Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff oder Karoline von Günderode. Gerade bei ihnen wird sichtbar, dass in der – deutschen – Romantik tatsächlich ein Anspruch steckt, der bis heute nicht eingelöst ist: der Anspruch, ein bedingungslos selbst gestaltetes Leben leben zuj dürfen. Gegen Konventionen, starre Hierarchien, gesellschaftliche Zwänge und Vorurteile.
Wie weit kann das gehen? Die Begabtesten unter den Romantikern haben versucht, es in eindrucksvolle Geschichten zu packen – Eichendorff etwa in seine „Taugennichts“ oder Chamissos in seine „Peter Schlemihl“. Wieviel Anderssein ist möglich in einer von Moden beherrschten Gesellschaft? Fragen, die sich auch ein Hölderlin stellte und die in Salons wie dem von Rahel Varnhagen diskutiert wurden.
Blühen und Vergehen
Hinter der intensiven Beschäftigung der Romantiker mit dem Tod steckt die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Das immer infrage steht. Das wussten sie alle nur zu gut. Viele sind verblüffend jung gestorben – und haben trotzdem – wie Novalis und Hauff – ein bis heute beeindruckendes Werk hinterlassen. Andere haben sich in Ämtern und Anstellungen zähmen lassen und die jugendliche Kühnheit ihrer frühen Schriften eingebüßt.
Man merkt schon: Es ging immer auch um die Frage, wie sehr man sich von den harten Bandagen einer Gesellschaft vereinnahmen ließ. Oder ob man sich die Kühnheit bewahrte, ein ganzes Leben zu fordern, wo einem vor allem Fügung und Anpassung abverlangt wurden.
Und das wirkt bis heute. Und so ist Palmers Buch auch eine Anregung, sich die zitierten Werke der 54 Gefundenen doch einmal auf den Lesetisch zu packen, sich einzulassen auf diese Unbedingtheit, die das Ende immer mitbedachte, den Tod als Spiegelbild des Lebens sah. Erschrecken und Bedauern und ein Vergegenwärtigen des „Blühens und Vergehens“ aller Dinge. (Günderode)
Wer so lebt, lebt intensiver. Und lässt eben auch Gefühle zu, die der sonst rastlose Mensch nur zu gern ignoriert. Und das ausblendet, was viele Texte der Romantik bis heute lebendig hält: das Gefühl, dass es da mehr geben muss als die strengen Normen der Zeit.
So gesehen ist das Buch auch eine Einladung, die Begräbnisorte der Romantikerinnen und Romantiker zu besuchen. Auch wenn sie oft ganz woanders begraben sind, als wo sie ihre literarische Laufbahn begannen. Aber man findet einige trotzdem nicht allzu weit weg von Leipzig in Weißenfels, Ichtershausen und Dresden.
Christoph Palmer „Die Gräber der deutschen Romantik“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 24 Euro..
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