Wer wissen will, wie sich die DDR von innen anfühlte, der kann auch heute noch mit Gewinn die Bücher von Erich Loest lesen. Auch sein gnadenlos ernüchterndes Buch „Es geht seinen Gang“, dessen „Held“ und Erzähler kein Held sein will und auch keine Karriere machen. Nicht aufsteigen in diesem Funktionärsland, in dem Bewegung und Fortschritt zur hohlen Phrase verkommen sind. Der ernüchternde Befund „Es geht seinen Gang“ war 1978, als „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ beim Mitteldeutschen Verlag erschien, allgegenwärtig. Bertram Kober hart diese Welt fotografiert.

Kober ist einer der bekanntesten Fotografen aus Leipzig. Seine Bildbände halten das Zeitgeschehen fest, sind aufmerksamste Straßen- und Alltagsfotografie. Die Leidenschaft fürs Fotografieren hat Kober schon früh gepackt, lange vor seinem Studium an der HGB, wo ihn Evelyn Richter und Arno Fischer prägten. Was ihn nun in die Lage versetzte, auch Fotografien aus Leipzig beizusteuern zu diesem Band, die den erlebten Stillstand, der auch Leipzig zusehends zermürbte, ab dem Jahr 1977 ins Bild bringen.

So überlappen sich die Fotos zeitlich mit dem Erscheinen des Romans, auch wenn dessen Handlung rund zehn Jahre vor dem Hauptteil der Fotos spielt, die Bertram Kober hier ausgewählt hat. Denn was Loest in „Es geht seinen Gang“ schon für die 1970er Jahre antizipierte, galt umso mehr auch für die 1980er Jahre, aus denen der Großteil der von Bertram Kober ausgewählten Fotos stammt. Es sind Bilderstrecken, die auch ohne Worte zeigen, was hinter dem letztlich ermüdenden Spruch „Es geht seinen Gang“ steckte, wie sich der Stillstand direkt im Stadtbild zeigte und das Gefühl allgegenwärtig war, dass man eigentlich nur noch im gewohnten Trott unterwegs ist. Die großen Visionen haben sich in Luft aufgelöst, auch jene Hoffnungen, die sich in den 1970er Jahren noch mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker verbunden hatten.

Wülffs Eigensinn

Aber was wird aus einem Land, in dem sich die großen Visionen in langweilige Losungen und billige Transparente verwandelt haben? Wie wirkt das auf Menschen, die eigentlich nicht aushalten, dass immerfort eine triumphierende Zukunft gemalt wird, während der Alltag von Mangel und Tristesse gezeichnet ist? So wie es Wülff in Loests Roman geht. Eigentlich lebt Wülff, der zum Zeitpunkt der Romanhandlung 26 Jahre alt ist, ein „Leben wie aus dem DDR-Bilderbuch“, wie die damalige FAZ-Literaturkritikerin Sabine Brandt schrieb, „wäre da nicht der Eigensinn, mit dem Wolfgang obrigkeitliche Einwirkung auf seine Lebensgestaltung abwehrt.“

Ihre Kritik ergänzt den Fotoband und führt die Leser, die Loests Buch noch nicht kennen, in Wülffs Geschichte ein.

Wülff will nicht in der Hierarchie zum Diplomingenieur aufsteigen. So wenig, wie er damals Offizier werden wollte. Er riskiert ganz bewusst auch den Bruch seiner Ehe mit Jutta, die überhaupt nicht versteht, dass er so gar keinen Ehrgeiz hat. Und auch noch alles mies macht. Der Sozialismus siegt doch fortwährend, oder?

Die Romanausschnitte, die die Bilderfolgen in diesem Band auflockern, erzählen etwas anderes. Sie erzählen von einem Mann, der sich keine Illusionen macht über die Gesellschaft, in der er lebt. Geprägt hat ihn sowieso die Leipziger Beatdemo von 1965, auf der er am eigenen Leib erlebte, wie gnadenlos die Staatsmacht auf jugendlichen Protest reagierte. Seitdem misstraut er der Macht, will mit ihr nichts zu tun haben.

Bilder aus dem realen Leipzig

Und so wurde dieser Loest-Roman nicht nur zu einem Schlüsselroman über den inneren Zustand der DDR und die Zerrissenheit von Menschen wie Wolfgang Wüllff, die darin versuchten, ein anständiges Leben zu leben, ohne sich für die Macht zu verbiegen. Auch die gab es. Loest schrieb ihnen ja geradezu aus dem Herzen. Menschen, die all die blumigen Phrasen satt hatten. Die regelrecht mit Wut auf die Übergriffigkeit kleiner und großer Funktionsträger reagierten. Dabei ist er ein Mensch voller Mitgefühl, rastet im Schwimmbad regelrecht aus, als er die martialischen Methoden sieht, mit denen die Kinder schwimmen lernen sollen.

Das liest sich noch immer gegenwärtig. Denn diese Schieflagen zwischen falscher Macht und frustriertem Mitgefühl, die gibt es auch heute noch. Die tauchen in jeder Gesellschaft auf, in der Hierarchien bestimmen, wer was zu sagen hat, und Rücksichtslosigkeit der übliche Umgang geworden ist. Aber der Bildband besticht natürlich dadurch, dass er jene Welt, die Eich Loest beschrieb, in Fotos umsetzt, Bilder vom realen Leipzig, in dem ja auch die Wülff-Geschichte handelt. Ganz im Zentrum: das Neubaugebiet um die Straße des 18. Oktober, wo Wülff lebt und wo Kober aufgewachsen ist in einem der noch existierenden alten Häuser, die damals unsaniert waren. Ein riesiger Kontrast. Aber so typisch für das Leipzig der 1980er Jahre, als die Planer ganze Gründerzeitviertel abreißen wollten, um darauf dann die Einheitswohnblocks zu bauen, die damals die Neubaugebiete der DDR prägten.

Und weil das alles nicht so schnell ging, rissen mitten in den Wohnquartieren große Brachen auf, Schlammwüsten, leer geräumte Straßenzüge, wo alte Autos vor sich hinrosteten und grelle Plakatwände von einer blühenden Zukunft erzählten. Größer konnten die Kontraste gar nicht sein. Aber Kober fotografierte auch die Menschen. Sie waren ja nicht verschwunden. Manchmal füllten sie – wie zur Eröffnung des neuen Gewandhauses – den ganzen Augustusplatz, manchmal feierten sie in den Jugendklubs der Stadt das Leben so wild, wie sie nur wollten, manchmal turnten sie über das Kriegsgerät, das zu den LVZ-Zeitungsfesten aufgefahren wurde. Manchmal geht der Blick auch über die Grenzen der Stadt hinaus, kommt die beklemmende Kohlelandschaft im Leipziger Süden ins Bild.

Die blumigen Ziele anderer Leute

Es ist die Zeit, in der sich nicht nur die Architekten zu fragen begannen: „Ist Leipzig noch zu retten?“ Denn es ist ja unübersehbar, dass dem Land die Kraft fehlte, den zunehmenden Verfall der Stadt aufzuhalten. Gar die Stimmung zu drehen. Die Menschen auf den Straßen scheinen sich abgefunden zu haben, das Provisorische ihres Lebens zu akzeptieren. Es geht eben seinen Gang. Aber die Zukunft ist völlig aus dem Blick verschwunden. Und nicht nur Wülff hatte keine Lust mehr, sich zu falscher Euphorie befehlen zu lassen. Dann schon lieber ein einfaches Leben führen, ohne große Ansprüche, und halbwegs ehrlich mit sich selbst sein. Schwer genug in einer Gesellschaft, die immerfort Ansprüche an ihre Bürger stellte.

Und das liest sich eben nicht nur wie eine Zeitreise in ein vergangenes Kapitel DDR-Geschichte. Es lässt auch Gegenwärtiges anklingen. Denn die Herausforderung steht für alle Wülffs zu allen Zeiten: Wie sehr verbiegt man sich, um mit den Wölfen heulen zu können? Oder ist das tiefe Gefühl stärker, dass man sich weder für Karriere noch Geld verbiegen lassen will? Sich also nicht vernutzen lassen will für die blumigen Ziele anderer Leute? Eine höchst aktuelle Frage, denn genau diesen Vorwurf machen ja blasierte Politiker heute nur zu gern der jungen Generation.

Es ist eine immer neu zu beantwortende Frage: Wie sehr lässt man sich verbiegen für Versprechen von Aufstieg und Erfolg? Oder hat der Mensch nicht das unverbriefte Recht, zu alledem „Nein“ zu sagen? Konsequent und mit Konsequenzen. Es ist eine Geschichte aus einem widersprüchlichen Land – mit Bertram Kobers ebenso widerspruchsvollen Fotos eben nicht nur illustriert, sondern ergänzt und erweitert. Wer das erstarrte Leipzig damals nicht kennengelernt hat, kann es in Kobers Fotografien sehen. Und sich so auch bildlich sehr gut hineinversetzen in die Welt des Wolfgang Wülff.

Bertram Kober „Es geht seinen Gang. Fotografien 1977 – 1990“, Romanauszüge von Erich Loest, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 28 Euro

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