„Was bleibet aber, stiften die Dichter“, erhoffte sich dereinst Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht „Andenken“. Was aber, wenn das von einigen Leuten gar nicht erwünscht ist, die schon Anfang der 1990er Jahre daran gingen, die DDR-Literatur und ihre namhaften Autorinnen und Autoren zu verdammen, wortgewaltig regelrecht hinauswarfen aus der deutschen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts? War denn nicht ihr ganzes Land gescheitert und waren all die Vielgelesenen im Osten nichts anderes als Staatsdichter? Was tun, wenn das auch 35 Jahre später immernoch zu gelten scheint? Eine aufregende Frage.
Nicht nur für den Germanisten und Autor Klaus Bellin, der auch als Redakteur die heftigen Kämpfe um die Literatur, Titel und Autoren in der DDR miterlebte. Muss man das überhaupt noch erwähnen, dass die großen Konflikte in der DDR nicht in den Nachrichten und Zeitungen ausgetragen wurden, sondern in den Büchern, über die das halbe Land diskutierte?
Bücher, die das enge Korsett der Funktionäre nicht nur in Literaturfragen aufrissen und immer wieder neu die eigentliche Frage stellten: Was ist das überhaupt für ein Land? Ist es das, was sich alle erträumten, als sie 1949 dieses Konstrukt DDR aus der Taufe hoben, mit all seinen Versprechungen für eine neue, menschenwürdige und friedliche Gesellschaft?
Es sind vor allem die Autorinnen und Autoren der frühen DDR-Zeit, die Klaus Bellin mit seinen kurzen Porträts würdigt. Autoren, die zu ihrer Zeit Millionenauflagen erlebten und oft auch schon vor der Machtergreifung der Nazis eindrucksvolle Erfolge feierten – so wie Arnold Zweig, Bertolt Brecht oder Ludwig Renn. Die dann praktisch alle ins Exil gingen und nach 1945 eigentlich gar keine Wahl hatten – außer im Exil zu bleiben.
Denn im Westen Deutschlands waren die Emigranten unerwünscht, galten sie als „Verräter“. Der braune Geist köchelte dort noch heftig vor sich hin. Wohin also zurückkehren?
Hoffnung und Enttäuschung
War der Osten eine Hoffnung? Jedenfalls wurden die aus dem Exil Heimkehrenden dort mit offenen Armen empfangen – von Louis Fürnberg und Anna Seghers bis zu Walter Kaufmann und Hans Mayer, denen allen Bellin ein Porträt widmet. Aber schon das zerrissene Porträt von Johannes R. Becher auf dem Buchcover deutet darauf hin, dass das in keinem einzigen Fall eine konfliktfreie Entscheidung war.
Im Gegenteil: Der schöne Honeymoon verwandelte sich für fast alle schnell in eine raue Begegnung mit einer Parteipolitik, in der nicht einmal der Kulturminister bestimmte, was in der Literatur erwünscht war, sondern das Ulbrichtsche Politbüro.
Mit dem gnadenlosen Höhepunkt dummer vermundschaftlicher Politik beim berüchtigten 11. Plenum der SED 1965, dem sogenannten Kahlschlagplenum, dem auch Dutzende Bücher zum Opfer fielen. Autorenschicksale ohnehin. Und selbst Autorinnen wie Anna Seghers, die als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes eigentlich über den Dingen zu schweben schien, litten unter dieser dummdreisten Bevormundungspolitik.
Es ist ja nicht so, dass die Schicksale der einst berühmten Schriftstellerinnen und Schriftsteller der DDR seit 1990 völlig ignoriert wurden. Im Gegenteil: Bellin kann mehrfach auf ambitionierte Veröffentlichungen zurückgreifen, in denen die konfliktreichen Leben der so oft Geschmähten sichtbar wurden.
So auch die seelische Last, die Anna Seghers trug, die sich öffentlich möglichst nicht anmerken ließ, wie sie das Gebaren der Funktionäre fand. Doch in ihren Briefen wird ihre Verzweiflung dennoch sichtbar. „Anna Seghers hat unter solchen Restriktionen gelitten“, schreibt Bellin in Bezug auf das Kahlschlagplenum. „Sie hatte in diese DDR all ihre Hoffnungen investiert, aber sie sah mit Sorge schon früh, wie durch Dummheit, Borniertheit und Dogmatismus alle Ansätze, in diesem Land eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, vernichtet wurden.“
Das Unaussprechliche sagen
Und damit war sie nicht die einzige. Gerade weil Bellin die ältere Generation der DDR-Schriftsteller/-innen in den Fokus nimmt, wird auch die ganze, gar nicht so kleine Hoffnung sichtbar, die nicht nur die zurückgekehrten Emigranten in dieses Land setzten. Selbst bei jüngeren Autoren wird deutlich, dass sie ihr Schreiben überhaupt nicht als Dienst an irgendeiner Partei sahen, sondern – ganz ursprünglich – als intensive Auseinandersetzung mit einer als sperrig, unfertig, ungemütlich empfundenen Gegenwart betrachteten.
Man sehe nur Christa Wolf und Brigitte Reimann. Ihre Bücher wurden gekauft, gelesen und diskutiert, weil sie nach dem Allzumenschlichen fragten, dem Menschsein in oft genug widrigen und quälenden Zuständen.
Und dass sich etliche der von Bellin Porträtierten dann 1976 im Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung trafen, ist kein Zufall. Der Umgang der Parteibonzen mit Biermann widerlegte alle heiligen Beteuerungen, es ginge in der DDR um die Würde und Selbstbestimmung des Menschen. Nicht nur Anna Seghers litt unter dieser dummen Parteipolitik. Und das Erstaunliche ist ja auch, dass genau dieser Konflikt dann selbst wieder in heiß diskutierten Büchern thematisiert wurde – etwa in Volker Brauns „Hinze-Kunze-Roman“.
Die Leser/-innen warteten geradezu auf solche Bücher, die das Unaussprechliche zur Sprache brachten. Selbst wenn sie jahrelang auf diese Bücher warten mussten, weil die (offiziell nicht existierende) Zensur die Veröffentlichung verhinderte. Aber Bellin würdigt auch die Verleger, die oft mit Geschick die heiß umstrittenen Titel dennoch bis zum Druck brachten – Elmar Faber zum Beispiel, den langjährigen Chef des Aufbau Verlages.
Widerständigkeit und listenreiches Vorgehen stehen neben Schweigen und Verunsicherung. Nicht nur Anna Seghers hatte ja gelernt, dass man seine Gedanken und Gefühle bestmöglich verbarg, um in einem derart durchherrschten System nicht zur Zielscheibe zu werden, wie es Peter Huchel und Stephan Hermlin erlebten.
Dünnhäutige Funktionäre
Widerspruch oder gar Kritik vertrugen die Parteifunktionäre überhaupt nicht. Was macht man da als Autor? Lässt man sich verbiegen, schreibt seine eigenen Lebenserinnerungen um, wie es Arnold Zweig zugemutet wurde, nur weil die regierenden Stalinisten mit einzelnen Passagen ihre Bauchschmerzen hatten? Manche Autoren – wie Hermann Kant und Fritz Rudolf Fries – entwickelten geradezu ironische Erzählweisen, in denen sie die bestehenden Zustände mit Hintersinn karikierten.
Manche nutzten die Veröffentlichungsmöglichkeiten im Westen, um den unbelehrbaren Genossen Paroli zu bieten – so wie Stefan Heym, der nach 1990 genauso ins Kreuzfeuer des westdeutschen Feuilletons geriet wie Christa Wolf. Als hätten die westdeutschen Kritiker nun auf einmal endlich die Gelegenheit, Köpfe rollen zu lassen und ihre ganze Verachtung für das kleine Land im Osten auszukübeln.
Bellin formuliert es noch deutlicher: Als ob sie die komplette DDR im Orkus der Geschichte verschwinden lassen wollten. Aber Geschichte wird nicht dadurch ausradiert, dass man die seinerzeit viel gelesene Literatur der DDR einfach entsorgt und im Nirwana verschwinden lässt. Als hätte es all die Bemühungen um ein anderes, vielleicht sogar besseres Land nie gegeben.
Mal ganz zu schweigen davon, dass es die Deutsche Einheit ohne den Mut der Ostdeutschen nie gegeben hätte. Genau hier steckt das Unerledigte, Unbeantwortete der Deutschen Einheit: Verschwindet ein ganzes Land, wenn es der dicken, bräsigen BRD beitritt? Hat sich damit auch die ganze DDR-Literatur erledigt?
Der Traum von einer lebenswerten Gesellschaft
Da muss Bellin gar nicht erst auf Autoren wie Franz Fühmann, Johannes Bobrowski oder Rolf Schneider zu sprechen kommen, um zu zeigen, dass die Autoren aus der DDR immer (auch) Themen bearbeitet haben, die weit über den Horizont der DDR hinausgingen. Genauso wie die Versprechungen aus den Anfangsjahren der DDR weit über die Grenzen des kleinen Ländchens hinauswiesen.
Denn hier stand von Anfang an die Frage eines anderen, menschlicheren Umgangs miteinander im Zentrum, der Traum von einer wirklich lebenswerten Gesellschaft, der schon früh an den stalinistischen Doktrinen und der Engstirnigkeit der Funktionäre zu scheitern schien.
Der aber gerade von den ambitionierten Autor/-innen nie aufgegeben wurde, sondern in immer neuen literarischen Gewändern neu auf die Tagesordnung kam – und die Herren im Politbüro zutiefst verärgerte. Denn es waren diese Bücher, die den Allmächtigen im Osten den Spiegel vorhielten, die nach dem Menschsein und Menschbleiben in einer durchherrschten Gesellschaft fragten.
Und so nach und nach – auch vermittelt durch Bellins vehemente Fürsprache für all die von ihm porträtierten Autorinnen und Autoren – ahnt man, dass etliche der von ihm erwähnten Bücher immer wieder aufgelegt, gelesen und diskutiert werden sollten. Ob nun die (Anti-)Kriegsbücher von Ludwig Renn oder Arnold Zweig oder die vehementen Selbstbefragungen von Brigitte Reimann oder Christa Wolf. Das ist alles nicht erledigt.
Eher erzählt die Nichtrezeption von heutigen blinden Stellen in der Wahrnehmung der deutsch-deutschen Geschichte. Denn dazu gehört auch jene Hoffnung, die Christa Wolf später äußerte: „Wir haben dieses Land geliebt.“
Es war eine Utopie, für die sich nicht nur Schriftsteller einsetzten. Und die am Ende bitter enttäuscht wurde, begraben unter Dogmatismus und Bevormundung. Das kann man mitdenken, wenn man an das Ende der DDR denkt, das eben aus einer tief sitzenden Enttäuschung heraus ins Rollen kam. Aber was wird aus dem Anspruch an eine wirklich gerechte und lebenswerte Gesellschaft? Verschwindet der einfach, wenn ein Land verschwindet?
Eine offene Frage. So, wie die Frage nach einem besseren Land in den viel diskutierten Büchern der DDR immer mitschwang. Das verschwindet nicht einfach. Und es dürften nicht wenige Bücher sein aus dieser Zeit, die es sich immer wieder zu lesen lohnt, weil es genau um diese Fragen geht: Wie lebt man ein aufrechtes Leben, wenn die Verhältnisse wie erstarrt und versteinert sind?
So gesehen ist Bellins kleine Porträtsammlung geradezu eine Einladung, die großen Buchveröffentlichungen der DDR (die oft auch parallel im Westen erschienen) doch wieder zu lesen und ihre Qualitäten zu entdecken, die sich im deutsch-deutschen Literatur-Dialog nicht verstecken müssen.
Klaus Bellin „Was bleibet aber“ quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2025, 16 Euro.
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