Dieses Buch ist ein richtiger Spaß für Literaturhistoriker und Buchforscher. Eine kleine, sehr satirische Zeitreise sowieso. Es geht direkt ins Jahr 1784, ins Zeitalter der Spätaufklärung. Die Leser haben sich längst daran gewöhnt, dass die geistigen Schlachten der Gegenwart in Büchern und Zeitschriften ausgetragen werden.

Manchmal mit richtig scharfer Klinge. Man gab sich nichts. Erst recht, wenn man – wie der Pädagoge, Hochschullehrer und Dichter David Christoph Seybold – mal so richtig seine Meinung kundtun wollte zum jährlich produzierten literarischen Müll. Und davon gab es jede Menge.

Und den kauften ganz offensichtlich auch etliche Leute. Und Buchhändler gerade in den Provinzstädten des Deutschen Reiches verlegten das Zeug auch noch, hoffend, dass sie genug Dummköpfe finden würden, die das Buch kaufen würden.

Und es gab im Reich genug Hungerleider und Schriftgutpraktikanten, die nur zu bereit waren, die billige Ware auch für trocken Brot zu liefern. Auch wenn es die Zeit war, in der es den ersten Autoren gelang, von ihrer Schreibtischarbeit zu leben.

Einige sogar mutig genug, in das völlig neue Genre Selbstverlag einzusteigen – von Christoph Martin Wieland bis Friedrich Gottlieb Klopstock, wobei letzterer ja kläglich scheiterte. Was aber nicht an der Idee lag, Bücher über Subskription zu finanzieren, sondern am Stoff, der wirklich niemanden vom Hocker riss.

Ehre für einen Satiriker

Das nun im Lehmstedt Verlag veröffentlichte Büchlein ist auch eine kleine Reminiszenz an den heute nicht mehr ganz so berühmten David Christoph Seybold, dessen Leben Herausgeber Ernst Fischer in seiner ausführlichen Einführung „Gelehrte zu Hammerpreisen“ ausführlich rekapituliert.

Zu seiner Zeit muss Seybold durchaus bekannt gewesen sein in der literarischen Welt, schrieb erfolgreiche Romane, veröffentlichte aber auch Schriften zur griechischen und römischen Literatur, gab Anthologien heraus und historische Handbücher.

Er war Hochschulprofessor in Jena, freilich nicht lange. Auch in seiner Funktion als Rektor diverser Schulen wechselte er immer wieder nach kurzer Zeit den Ort. Er muss ein selbstbewusster, widerspruchsvoller Geist gewesen sein, der freilich auch die Französische Revolution mit großer Skepsis betrachtete, deswegen sogar verhaftet und eingesperrt wurde als „Aristokratenfreund“.

Sein Vorbild war Joseph II., der als aufgeklärter Herrscher in Wien regierte. In einer Reform von oben sah Seybold den richtigen Weg zur Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände. Revolutionäre Umstürze waren ihm ein Graus.

Das klingt in den beiden Texten sogar an, die Ernst Fischer für dieses Buch nicht nur zusammengestellt und kommentiert hat, sondern in einem ausführlichen Anhang auch weitgehend entschlüsselt. Denn das, was Seybold 1784 in „Die Gelehrten-Verstaigerung nach dem Lucian“ porträtierte, war die literarische Welt dieser Zeit.

Angelehnt an die 1.700 Jahre zuvor von Lukian geschriebene „Philosophen-Auktion“. Ein geradezu verführerisches Vorbild, nicht nur in seiner satirischen Schärfe, sondern auch im Umgang mit diversen – augenscheinlich überbewerteten – schreibenden Zeitgenossen. Welchen Preis haben sie wirklich, wenn man sie mitsamt ihrem hellen oder nicht so hellen Köpfchen versteigert, wie auf einem (griechischen) Sklavenmarkt?

Die Makulatur der Aufklärungszeit

Lukian erlebte auch in der Aufklärungszeit eine kleine Renaissance, seine Satiren wurden immer wieder neu übersetzt und aufgelegt. Das Modell der Versteigerung war zumindest in den literarischen Kreisen bestens bekannt, als Seybold es mit seinem Text direkt auf den aktuellen deutschen Buchmarkt anwendete und den Gott der Händler und Diebe, Merkur, allerlei literarische Spezialisten direkt an die deutschen Buchhändler versteigern ließ – ganz der Landschaft des damaligen deutschen Buchmarktes entsprechend, der (immer noch) überschwemmt war von einer Menge theologischer, pädagogischer und (pseudo-)historischer Schriften.

Auch das war Aufklärung: Ein Berg von unlesbarem Zeug, das die Buchhändler zur Messe schleppten und das schon damals kaum jemand wirklich noch las. Dazu kamen die ganzen Autoren der zurückliegenden Literaturstile, die sich so vergänglich erwiesen, dass heute kaum noch einer diese sentimentalen Texte mit Fingerspitzen anfasst.

Oder die Berge von Anakreontik, die wie eine Modewelle übers Lesepublikum schwappten, geschrieben von phantasielosen Nachahmern, die immer mehr vom gleichen Zeug produzierten und sich nun in Seybolds kleinem Verstaigerungs-Drama sagen lassen müssen, dass ihre Zeit schon lange vorbei ist.

Und da es Buchhändler sind, die hier über ihre Gebote zeigen, was ihnen die schreibenden Tölpel wert sind, wird auch deutlich, dass auf dem deutschen Buchmarkt längst eine tiefgreifende Veränderung im Gang war, in der sich die Marktgesetze gnadenlos durchsetzten.

Pech – oder auch Glück – für allerlei unbegabte Schreiberlinge. Denn einige zeigten sich auch in dieser Versteigerung nur zu bereit, dem kaufwilligen Buchhändler alles zurechtzuschreiben, womit der auf dem Buchmarkt seine Käufer zu finden hoffte.

Ein paar Ketzer gefällig?

Fischer aber kann nicht nur Seybold als Verfasser des „Verstaigerungs“-Textes benennen, er bietet dem Leser auch gleich noch einen zweiten Teil der „Verstaigerung“, den Seybold 1791 in seinem Roman „Lucian’s Neueste Reisen“ versteckte – ein Roman, der selbst wieder ein satirisches Porträt der Zeit und der närrischen Zeitgenossen war.

Seybold hatte ganz offensichtlich nichts an seiner Lust an der beißenden Satire verloren. Und beide Texte dürften gerade für die literarische Welt seiner Zeit auch gut entschlüsselbar gewesen sein.

Dass am Ende sogar diverse Ketzer vesteigert werden und die Theologen fleißig bieten, um diese Kritiker der allein seligmachenden Moral auf den Scheiterhaufen zu bringen, wirft geradezu ein Blitzlicht in die Zeit, in der die Gegenaufklärung genauso zum „Buch als Waffe“ griff, um Stimmung zu machen. Am Ende sind den Theologen sogar viel zu wenige Ketzer im Angebot: „Wir möchten auch gerne die Freude haben …“

Urheberrecht? Egal …

Seybold aber skizziert mit den versteigerten Autoren nicht nur die – in weiten Teilen sehr prekäre – Welt der Textverfasser, sondern lässt auch die in Teilen dubiosen Geschäftspraktiken einiger Buchhändler sichtbar werden, die die Ware Buch vor allem als Mittel betrachten, möglichst billig zu gängigen Titeln zu kommen.

Dabei ist ihnen die Qualität von Übersetzungen oft genauso egal wie das Urheberrecht, das es damals noch gar nicht gab. Der Markt war geschwemmt mit sogenannten Nachdrucken, mit denen diverse Verleger einfach anderswo erfolgreiche Buchtitel ins eigene Programm nahmen, ohne Autor und Originalverlag auch nur zu fragen.

Geistiges Eigentum war – auch das zeigen die „Verstaigerungen“ – noch keine Münze wert. Aber Seybold spielte natürlich auch mit den Erwartungshaltungen seiner Leser, ließ seinen Merkur sogar vollmundig versprechen, am Ende der Versteigerung würden dann auch noch die Romanenschreiber versteigert.

Aber so wie er in seinen Texten ganz bewusst Verluststellen einbaut, lässt er auch dieses Versprechen offen. Irgendwie hat Merkur nach der Versteigerung der Ketzer keine Lust mehr. Und dabei wäre gerade das auch für neugierige Leser von heute spannend gewesen.

Denn den ganzen theologischen, pädagogischen und hingeschluderten Nachahmungs-Müll von damals liest heute kein Mensch mehr. Er interessiert auch nicht, nicht mal im wissenschaftlichen Sinn.

Während einige Romane des späten 18. Jahrhunderts auch heute noch immer wieder aufgelegt werden und auch ihr Publikum finden. Übrigens auch Seybolds Romane.

Und wie man sieht, haben Literaturforscher sogar ihren Spaß, wenn sie Seybolds Satiren einmal genauer unter die Lupe nehmen und die im Text zu findenden Hinweise entschlüsseln, wen dieser umtriebige Autor da nun gerade aufs Korn genommen und für billiges Geld an einen dubiosen Buchhändler aus der Provinz verscherbelt hat.

Oder unverkäuflich auf die Seite gestellt hat, weil wirklich niemand mehr auf diesen Schreiberling bieten wollte.

David Christoph Seybold Die Gelehrten-Verstaigerung Lehmstedt Verlag, Leipzig 2026, 40 Euro

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