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Der Anteil von Frauen bei der bevorstehenden Wahl des neuen Stadtoberhauptes liegt bisher bei 10 Prozent der Bewerber, das hat sich auch nach der Bekanntgabe des Bündnisgrünen Kandidaten nicht geändert. Mit Wolfram Günther steigt nicht nur ein weiteres politisches Schwergewicht in den Ring, sondern auch ein weiterer gebürtiger Leipziger.
Auch wenn es vorerst nur die Bekanntgabe seiner Kandidatur ist, die Aufstellungsversammlung findet am 8. September statt, trafen wir uns mit Wolfram Günther zum Gespräch. Unseres Erachtens nach sind bei der Aufstellungsversammlung keine Überraschungen zu erwarten.
Herr Günther, ist es Ihnen leicht gefallen diese Kandidatur anzunehmen, als Sie vom Vorstand angesprochen wurden?
Als ich gefragt wurde, musste ich nicht lange nachdenken. Ich bin in Leipzig geboren, aufgewachsen, habe hier meine Familie gegründet und meine Anwaltskanzlei eröffnet. Leipzig ist meine Stadt und deshalb habe ich mich hier engagiert: mit dem Stadtforum, der Denkmalstiftung und am Runden Tisch Verkehr.
Ich sehe sehr deutlich, wo wir richtig anpacken müssen, damit Leipzig auch in Zukunft so cool, lebenswert und weltoffen bleibt. Ich habe sehr konkrete Vorstellungen von dem, was liegengeblieben und was zu tun ist.
Sie sind zwar nicht in der Kommunalpolitik zu Hause, aber in der Landespolitik. Sie kennen also den Umgang mit Ämtern, das ist für Sie nicht neu. Neu ist vielleicht die Rolle als Chef der Verwaltung und der 71. im Stadtrat, dessen Stimme unter Umständen entscheidend sein kann. Wie gehen Sie damit um?
Mit dem Stadtforum und der Denkmalstiftung habe ich, haben wir uns massiv in die Kommunalpolitik eingemischt, immer aus der Position der Bürgerinnen und Bürger heraus.
Ich bin nicht aus Versehen Verwaltungsjurist geworden. Wie der Staat mit uns Bürgerinnen und Bürgern umgeht, ist ja im Prinzip die tagtäglich erfahrbare Seite unserer Demokratie. Das hat mich interessiert. In meiner Kanzlei war ich vor allem im Planungsrecht unterwegs. Ich habe dort viel mit Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und Unternehmen gearbeitet, also auch wieder mit der Zivilgesellschaft. Ohne sie keine Demokratie.
Dann bin ich Minister geworden im Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Energie und Klimaschutz. Ich würde sagen: Verwaltung kenne ich ziemlich gut von beiden Seiten – der Bürgerinnen und Bürger und desjenigen, der sie leitet.
Sie haben sich, wie ich lesen konnte, stark mit Umweltthemen, mit Denkmalschutz, mit Bau und Stadtentwicklung beschäftigt. Als Oberbürgermeister käme ja die ganze Bandbreite von Aufgaben auf Sie zu, von Bibliotheken über Kitas, Wohnen usw. Was wäre denn so Ihre Priorität für die berühmten ersten 100 Tage?
Leipzig ist eine der lebenswertesten und attraktivsten Städte des Landes. Leipzig lebt von Freiräumen und vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Das ist unsere DNA. Das war so, als das Gewandhaus gegründet wurde und das ist heute so bei den Superblocks im Leipziger Osten.
Aber diese Leipziger DNA ist in Gefahr. Die Freiräume werden weniger. Und den Engagierten werden immer mehr Steine in den Weg gelegt. Das kreide ich der aktuellen Stadtspitze an. Freiräume zu erhalten und den Engagierten die Steine wegzuräumen, das hätte für mich höchste Priorität.
Und Leipzig muss sich wirtschaftlich weiterentwickeln. Auch dafür braucht es Freiräume und weniger Steine, vom Start-up in der Biocity bis zum Späti. Leipzig muss eine Stadt für alle bleiben, für Menschen, denen die Miete auf den Geldbeutel drückt genauso für Menschen, die hier wachsen wollen.
Das ist eine riesige Vielfalt an Bedürfnissen. Und das ist nicht immer deckungsgleich mit dem, wo Menschen sich am lautesten melden oder am besten organisiert sind. Es gilt aber, alle diese Bedarfe zu beachten. Das verstehe ich unter Stadt für alle.
Das soll aber nicht bedeuten, dass Sie als Oberbürgermeister alles besser wüssten als die Zivilgesellschaft?
Natürlich nicht, es geht ja genau darum, die Dinge mit den Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam zu entwickeln. Aber manche Menschen melden sich nicht lautstark. Eine Alleinerziehende kann nicht zu jeder Bürgerversammlung gehen.
Das heißt aber nicht, dass ihre Belange unter den Tisch fallen dürfen, sondern die muss man sehen. Und das gilt auch für die Unternehmerin und sogar für die Verwaltung. Überall wollen sich Menschen einbringen und werden dann viel zu oft ausgebremst.
Sie müssen aber Freiraum bekommen für Ihre Ideen, das müssen wir wieder organisieren.
Es ist ja nicht das erste Kandidierendeninterview welches ich führe, alle hatten bisher Prioritäten. Welche sind denn Ihre?
Wir befinden uns in einem sehr herausfordernden Umfeld, wirtschaftlich und geopolitisch. Das macht vor Leipzig nicht halt, Beispiel Arbeitsplätze in der Automobilindustrie. Nicht alles haben wir in der Hand. Aber wir haben es in der Hand, gute Rahmenbedingungen in Leipzig zu schaffen, für die Stärkung bestehender Unternehmen, zum Wachsen, für Start-ups, für die Gastronomie, die Kreativwirtschaft.
Leipzig muss besser für eine Zukunft mit dem Klimawandel angepasst werden. Wie dringend das ist, hat auch dieser Sommer wieder eindrücklich gezeigt. Anpassung an den Klimawandel ist auch eine soziale Frage. Stadt für alle heißt auch, dass alle Menschen in allen Stadtvierteln gut und sicher durch Hitzetage und tropische Nächte kommen.

Wohnen muss bezahlbar bleiben und es darf keine weitere soziale Entmischung in den Stadtvierteln geben. Ich möchte unbedingt verhindern, dass wir in Leipzig solche sortierten Viertel haben, in denen Leute mit richtig viel Geld leben und in anderen ballen sich soziale Probleme.
Ein großes Thema ist die Mobilität. Eine Mobilität in dieser Stadt, die wirklich vom Menschen her gedacht ist. Sehr viele Menschen sind zu Fuß unterwegs, viel mehr Menschen als früher fahren regelmäßig Fahrrad und es gibt einen öffentlichen Nahverkehr, der sehr dicht ist, aber auch sehr teuer und in manchen Vierteln definitiv ausbaufähig.
Und viele Menschen sind aufs Auto einfach angewiesen. Dieses Miteinander der Mobilitätsformen müssen wir mit konkreten Angeboten an konkreten Orten verbessern. Ich halte nichts vom Kampf gegen das Auto, sondern sehr viel davon, bessere Lebensqualität im öffentlichen Raum herzustellen.
Stichwort Kampf gegen das Auto, den Grünen wird ja immer Ideologie vorgeworfen. Sind Sie ideologisch unterwegs, oder pragmatisch?
Ich lege Wert darauf, die unterschiedlichen Perspektiven im Blick zu behalten. Ich bin passionierter Rennradfahrer, ich fahre Auto, ich nutze die Bahn und liebe es, Städte als Fußgänger zu erleben.
Mobilität muss für alle gedacht sein und vom konkreten Bedürfnis her. Da geht’s nicht um Verdrängung und Entweder-oder. Und da sind viele Dinge mitzubeachten: Aufenthaltsqualität, Sicherheit zum Beispiel für Kinder, aber auch Luftqualität.
Zum Schluss noch die Frage: Angenommen Sie würden Oberbürgermeister, wie sieht Leipzig am Ende der ersten Amtszeit 2034, in Ihrer Vorstellung, aus?
Ich möchte, dass wir 2034 einen Wohnungsmarkt haben, der Menschen nicht verdrängt, sondern es allen ermöglicht, angstfrei hier zu leben und zu wohnen. Ich möchte, dass wir wesentlich weiter sind, was die Klimawandelanpassung dieser Stadt anbelangt, also Durchgrünung, Entsiegelung, Gewässer beispielsweise.
Ich möchte, dass wir bei der Rettung des Auwaldes ein richtiges Stück vorangekommen sind, weil der die natürliche Klimaanlage dieser Stadt ist. Ich möchte in einer Stadt leben, in der man respektvoll miteinander umgeht, in der die verschiedenen Akteure und Gruppen an Entscheidungen beteiligt werden. Und in der engagierte Menschen Freiräume fürs Machen und Mitgestalten vorfinden.
Ich kenne die schwierige Haushaltslage der Stadt. Bis 2034 wird es uns gelungen sein, auch dank Digitalisierung, mit weniger Ressourcen eine funktionsfähige Verwaltung zu behalten, vielleicht sogar eine noch funktionsfähigere Verwaltung als heute zu haben. Und umgekehrt soll es den Menschen in der Verwaltung Spaß machen, Dinge zu ermöglichen und zu bewegen. Auf gar keinen Fall dürfen wir an der Zukunftsfähigkeit Leipzigs kürzen.
Herr Günther, ich bedanke mich für das Gespräch.
Wolfram Günther ist der zehnte Kandidierende, es werden bestimmt noch mehr werden. Wir werden später, in der heißen Phase des Wahlkampfes mit den Kandidierenden erneut sprechen.
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