Die Oberbürgermeisterwahlen 2027 werfen ihre Schatten voraus und langsam geht es los mit der Kür der Kandidatinnen und Kandidaten der Parteien. So stellte die Partei Die Linke am 12. März 2026 Skadi Jennicke als Kandidatin für das Amt auf und zieht mit ihr in den Wahlkampf. Wir haben um einen Gesprächstermin gebeten und uns am 27. März im Liebknecht-Haus mit Frau Jennicke getroffen.

Selbstverständlich könnte man die Kandidatin fragen „Haben Sie sich das gut überlegt?“, „Trauen Sie sich das Amt zu?“ oder „Wollen Sie sich so einen Wahlkampf wirklich antun?“, das wäre auf jeden Fall unangebracht. Von, wie in diesem Fall, einem Mann an eine Kandidatin gestellt, könnte man diese schon als herablassend bezeichnen.

Skadi Jennicke geht schließlich mit etwa 17 Jahren kommunalpolitischer Erfahrung, 2009 bis 2016 als Stadträtin und 2016 bis heute als Kulturbürgermeisterin, und auch landespolitischer Erfahrung, als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Landtagsabgeordneten, in diesen Wahlkampf. Die Antwort auf alle drei Fragen wäre wohl ein klares „Ja“, vielleicht mit einem höflich genervten Gesichtsausdruck verbunden. Aber Fragen haben wir auch.

Frau Jennicke, schön, dass es heute geklappt hat. Sie waren schon vor der letzten OBM-Wahl bei einigen Leipzigerinnen und Leipzigern im Gespräch, haben sich aber nicht aufstellen lassen. Wie lange haben Sie überlegen müssen, um sich diesmal zu der Kandidatur zu entschließen?

Ad-Hoc trifft man so eine Entscheidung nicht. Ich glaube, mit dem Ende der Amtszeit von Burkhard Jung gibt es für die Linke eine sehr realistische Chance, das Oberbürgermeisteramt zu gewinnen und in der gesamten Stadt mit einer linken Position zu überzeugen. Persönlich überlegt man diesen Schritt sehr lange, weil es ist doch, neben den konditionellen Herausforderungen, mit erheblichen Einschränkungen an persönlichen Freiheiten verbunden ist, noch viel stärker, als es jetzt als Bürgermeisterin ohnehin schon der Fall ist.

Da spreche ich jetzt nicht vom Wahlkampf, der ist ja irgendwann vorbei, sondern in den Überlegungen spielte für mich die größere Rolle, was bedeutet so ein Amt für einen persönlich. So etwas muss man auch sehr gründlich mit der Familie besprechen und ich bin sehr dankbar, dass ich von meiner Familie wirklich sehr großen Rückenwind bekomme und die quasi als Fans in der ersten Reihe stehen. Das ist ein sehr schönes Gefühl.

Seit der Oberbürgermeister wieder demokratisch gewählt wird, war noch kein gebürtiger Leipziger in diesem Amt, Sie wären also die Erste.

Das stimmt tatsächlich.

Sie sind bei den Leipzigerinnen und Leipzigern bekannter als Kulturbürgermeisterin, also als Fachpolitikerin, weniger als Politikerin der Linken. Soll das auch als Oberbürgermeisterin so bleiben?

Wenn ich gewählt werde, wäre ich Oberbürgermeisterin für alle 632.000 Leipzigerinnen und Leipziger. Ich habe natürlich eine politische Haltung, eine Grundeinstellung und Wertevorstellungen, die aus einer linken Überzeugung kommen. Aber, ich glaube, die Aufgabe fordert einen sehr viel breiteren Horizont, als nur parteipolitisch zu agieren. Das würde nicht genügen.

Der ehemalige FDP-Stadtrat Sascha Matzke sagte uns im Dezember, als wir Leipzigerinnen und Leipziger nach ihren Wünschen und Träumen fragten: „Leipzig braucht nach der Amtszeit Jungs eine Frau im Amt, die politische Strömungen von links bis zur breiten Mitte vereint, die weiß auch konservative Kräfte für progressive Ziele dieser Stadt mit ins Boot zu holen und die es versteht die Verwaltung durch schwierige Zeiten wie Digitalisierung und Fachkräftemangel zielgenau zu lenken.“ Sehen Sie sich da beschrieben?

Mich überrascht schon, dass ein FDP-Politiker das so beschreibt. Aber ich würde mich mit dieser Beschreibung erfasst sehen, ja.

Als Oberbürgermeisterin müssten Sie, besonders in den Zeiten der Sparhaushalte, oft unpopuläre Entscheidungen treffen und vertreten. Sie kennen das ja schon aus dem Kulturressort. Wie werden Sie damit umgehen?

In einem solchen Amt darf man nicht erwarten, bei allen beliebt zu sein. Jede Entscheidung, die man trifft, ist für irgendjemanden unangenehm, nicht erfreulich oder erfüllt die Erwartungen einzelner Menschen nicht. Es ist für mich wichtig – und so handhabe ich das jetzt auch schon als Bürgermeisterin – die Optionen auf den Tisch zu legen; klar zu formulieren, was definitiv nicht geht, in welchem Rahmen Spielraum besteht. Ich wünsche mir, dass politische Entscheidungen für die Menschen nachvollziehbar sind. Und sind die Würfel gefallen, wäre es mein Anspruch, einen Blick für jene zu haben, die von der Entscheidung nicht profitieren. Ich möchte auch ihnen wieder begegnen können. Dazu gehört Respekt und Anerkennung, das ist mir ein wichtiger Wert in der politischen Auseinandersetzung.

Leipzig ist Kulturstadt, Sportstadt, aber auch im Besonderen ein starker Wirtschaftsstandort in Sachsen, der gerade aktuell unter Druck steht. Wo sehen Sie ihre Rolle in der Leipziger Wirtschaftspolitik?

Der Stadtrat hat eine überarbeitete Cluster-Strategie beschlossen. Diese setzt auch auf die Branchen, die ohnehin schon stark sind. Ich teile die Auffassung, dass wir mit Biotech und der Medizintechnik in Leipzig auf eine Branche setzen, die Wachstumspotenzial hat. Im ersten Schritt würde ich noch mal stärker hinhören wollen, was Wirtschaftsvertreter sich wünschen. Natürlich will ein Unternehmer Profit machen, das soll er auch dürfen in dieser Stadt. Man muss aber schauen zu welchen Bedingungen. Wenn er dafür eine öffentliche Infrastruktur nutzen möchte, dann muss man aushandeln zu welchen Bedingungen.

Ich verstehe den Frust in der Wirtschaft, was das Übermaß an Regelungen betrifft, darunter leiden wir als Verwaltung zuweilen selbst. Nicht alles davon können wir kommunal lösen, da ist auch die Bundes- und Landesregierung gefragt. Die Landesregierung hat sich mit ihrem Bürokratieabbauplan auf den Weg gemacht. Mal schauen, was dabei rauskommt. Fakt ist, dass das, aus meiner Sicht, auch im internationalen Vergleich eine große Wachstumsbremse ist.

Eines der aktuellen Lieblingsprojekte von Burkhard Jung ist eine erneute Leipziger Olympiabewerbung. Wie stehen Sie zu dem Thema?

Leipzig ist eine Sportstadt. Ich weiß, dass es ganz viele Sportbegeisterte in dieser Stadt gibt, die Olympia wollen. Ich würde sagen: Man darf Olympia wollen, aber nicht zu jedem Preis.

Eine große Herausforderung für die Arbeit der neuen Oberbürgermeisterin wären die gegensätzlichen Positionen der Fraktionen im Stadtrat, beispielsweise in der Sozialpolitik, in der Kinder- und Jugendhilfe und in der Umweltpolitik. Die Positionen sind festgefahren, die Mehrheitsverhältnisse ausgeglichen. Wie sieht Ihrer Meinung nach eine kluge Arbeit des oder der nächsten OBM aus?

Die Mehrheitsverhältnisse sind in der neuen Wahlperiode deutlich schwieriger geworden. Wir haben das Leipziger Modell. Das meint im Kern, dass es keine festen Mehrheiten gibt, sondern man sich in der Sache einigt. Diese Orientierung auf die Sachpolitik hat der Stadt Leipzig, glaube ich, in den letzten 35 Jahren sehr gutgetan. Das würde ich fortführen wollen. Natürlich wird man, insbesondere in der Sozialpolitik, Jugendpolitik, Schulpolitik, aber auch in der Kulturpolitik, die Mehrheiten deutlicher auf der linken Seite des Stadtrates finden. Aber es ist Aufgabe einer Oberbürgermeisterin, möglichst breite Mehrheiten zu finden. Nur dann haben Entscheidungen auch Bestand.

Die Wahlkämpfe in den letzten Jahren waren teils sehr emotional, um nicht schmutzig zu sagen. Persönliche Diffamierungen und Fake News bestimmten oft Diskussionen. Welche Art von Wahlkampf wollen Sie führen und wie wollen Sie auf persönliche Angriffe und Verleumdungen reagieren?

Dort, wo mir gegenüber Grenzen des Persönlichkeitsrechts verletzt werden, würde ich rechtlich dagegen vorgehen. Ich möchte einen respektvollen und fairen Wahlkampf, ich habe immer im Hinterkopf, dass man auch nach dieser Wahl weiter zusammenarbeiten muss. Ich mache mir keine Illusion, es wird derlei Angriffe und Diffamierungen geben. Ich habe aber eine persönliche Wertvorstellung, dass man das nicht auf gleicher Weise heimzahlt. Das ist eine Härteprüfung für das persönliche dicke Fell, welches man in dieser Position mit Sicherheit braucht.

Sollten Sie 2027 die Leipziger Oberbürgermeisterin werden, was wäre Ihre Vision wie unsere Stadt 2034 aussieht?

Ich wünsche mir ein Leipzig, in dem man gut wohnen kann, in dem die Menschen zufrieden mit ihrer Wohnsituation sind und noch genug Geld im persönlichen Geldbeutel haben, um sich Kultur leisten können. Ich wünsche mir eine breite Sportlandschaft und vor allen Dingen wünsche ich mir, dass wir trotz Wachstum und Verdichtung das Grün in unserer Stadt erhalten, weil das für die Lebensqualität mindestens genauso wichtig wie die kulturellen Angebote ist.

Frau Jennicke, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Linke hat für den Wahlkampf, zumindest vorläufig, den Slogan „Und los! SKADI27“ ausgerufen. Wir werden die Kandidatenaufstellungen der anderen Parteien und den Wahlkampf selbstverständlich journalistisch begleiten.

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