Dirk Thärichen hat den Begriff „work in progress“ nicht benutzt, dieser stammt vom Autor, er hat es aber elegant umschrieben auf seiner Pressekonferenz am 22. April 2026 im Leipziger Ratskeller. Die Frage, ob es gut ist, wenn ein Kandidat um das Amt des Oberbürgermeisters von Leipzig ohne ein wenigstens rudimentäres Programm antreten will, wird im Februar 2027 beantwortet. Ziemlich klug ist es jedenfalls, wenn er bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur sagt:

„Im Ergebnis des jetzt beginnenden Austauschs mit den Vereinsmitgliedern, aber auch mit vielen anderen drumherum, möchte ich gerne, dass im Herbst ich mein Wahlprogramm dann veröffentlichen kann. Natürlich gibt es gewisse Zielstellungen, die ich habe. Und ich möchte aber extra alle Leipzigerinnen und Leipziger einladen, an diesem Diskurs, an dieser Findung der Prioritäten für mein Wahlprogramm und natürlich auch für die Entwicklung der Stadt teilzuhaben.“

Werden die Leipzigerinnen und Leipziger mitmachen? Es ist, m. E., anzunehmen, dass die Person des Unterstützers Peter Escher bei den älteren Menschen, also der Generation „Ein Fall für Escher“, und die angelaufene Social-Media-Kampagne, wenn diese sich auf die Mitarbeit am Programm konzentriert, förderlich sein werden. Selbstverständlich werden auch die Netzwerke der anderen Unterstützer wichtig und hilfreich sein.

Wir hatten im Vorab mit Dirk Thärichen ein kurzes Interview, im Anschluss an die Pressekonferenz, vereinbart und auch Fragen vorbereitet. Das waren konkrete Fragen nach programmatischen Inhalten, die konnten wir also vergessen wollten wir nicht in Kauf nehmen auf den Herbst verwiesen zu werden.

Peter Escher, Anja Herzog, Dirk Thärichen, Catherine Bader Pressekonferenz 22.04.2024. Foto: Thomas Köhler

Offene Fragerunde

Einige Antworten gab es aber schon in der offenen Fragerunde am Ende der Pressekonferenz. So will sich Dirk Thärichen nicht nur mit dem Thema Sport, Wirtschaft oder Handel in Verbindung bringen lassen. Schon in dieser Runde will er noch keine konkreten Aussagen treffen.

Er betont allerdings: „Wenn wir dieses wirtschaftliche Problem nicht lösen, und wir haben ein haushalterisches Problem was man nur wirtschaftlich lösen kann, dann haben wir ganz wenig Spielräume, um egal in welchem Bereich, ob das Sport ist, ob das Soziales ist, ob das Kultur ist, agieren zu können. Und von der Seite her ist das im Moment das Hauptthema, dass wir diese Stadtfinanzen wieder in Ordnung bringen. Und von der Seite ist das mein Hauptthema, wofür ich antrete.“

Es erübrigen sich also viele programmatische Fragen, wie wir sie anderen Kandidierenden gestellt haben, also haben wir improvisiert. Die nachstehende Textversion ist, aus Gründen der Lesbarkeit, sprachlich leicht geglättet und weicht somit, den Wortlaut betreffend, vom Video ab. Inhaltliche Veränderungen wurden nicht vorgenommen.

Pressekonferenz mit Dirk Thärichen im Ratskeller Leipzig am 22. April 2026. Foto: Benjamin Weinkauf

Das Gespräch

Zuerst die Frage, der Verein ist ja, wie ich Herrn Escher verstanden habe, kein Unterstützerverein für Dirk Thärichen, sondern Dirk Thärichen ist der Kandidat der vom Verein unterstützt wird. Herr Escher hat mir auch bestätigt, es wird den Verein auch im Falle, dass Sie nicht Oberbürgermeister werden, weiter geben. Werden Sie dann auch weiter dabei sein?

So ist das, jawohl.

Sie haben es schon angesprochen, Leipzig hat große Probleme, was die Einnahmen aus der Wirtschaft betrifft. Konkrete Vorschläge haben Sie noch nicht, aber geht es Ihnen mehr um Diversifizierung, oder wir machen einfach mit dem Alten weiter?

Nein, ich glaube, dass dieses Wirtschaftsthema wirklich ein Schlüsselelement ist, um die Stadt Leipzig voranzubringen. Ich glaube, dass dort eine ganz wichtige Ressource ist, die wir heben müssen. Und wenn wir die heben, geht es natürlich um die Unternehmen, die schon da sind. Es geht auch um Neuansiedlung, es geht um Start-ups. Ich bin selber bei den Business Angels aktiv, wo wir genau mit diesen Themen zu tun haben. Ich bin Vizepräsidentin der IHK, wo wir genau mit diesen Themen zu tun haben. Und ich erhoffe mir, dass durch diese steigende Wirtschaftskraft natürlich Arbeitsplätze geschaffen werden, natürlich auch wieder Geld ins Stadtsäckel kommt und mit diesem Geld dann auch unsere Stadt so lebenswert bleibt und vielleicht an der einen oder anderen Stelle noch lebenswerter gemacht werden kann, als sie jetzt schon ist. Dann Investitionen in Sport, wo wir zurzeit kürzen, in die Kultur, wo wir zurzeit kürzen, in sozialen Bereichen, wo wir zurzeit kürzen, und das müssen wir aufheben, und deshalb müssen wir versuchen, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

Andere Themen, mit denen sich Parteien direkt identifizieren sind zum Beispiel Umwelt und Klima. Welche Rolle spielt das für Sie persönlich?

Für mich spielen alle Themen eine Rolle, die mir von den Leipzigern priorisiert vorgetragen werden. Deshalb gibt es ja den Verein, deshalb gibt es auch diese Möglichkeiten mitzumachen, in dem Verein, und natürlich auch das Wahlprogramm, mit dem ich im Herbst herauskommen möchte, mitzugestalten. Und von der Seite bin ich da themenmäßig sehr offen. Natürlich habe ich meine berufliche Laufbahn im Bereich Sport, im Bereich Wirtschaft, Handel, jetzt im Bereich Tourismus mit dem Stadthafen. Aber ich bin für diese kompletten Themen, die eine Stadtgesellschaft berühren und bewegen, natürlich offen und freue mich, wenn man dort ins Gespräch kommt.

Dirk Thärichen nach der Pressekonferenz auf der Rathaustreppe. Foto: Benjamin Weinkauf

Thema Sport, Olympia-Bewerbung. Sie sind dafür?

Ja, ich bin ein großer Fan von Olympia, weil ich glaube, das ist ein wunderbares Ereignis aller vier Jahre, wo sich die Jugend der Welt trifft und ich hätte mir schon gewünscht, dass wir das 2012 in Leipzig hinbekommen hätten. Jetzt haben wir 36, 40, 44, hoffentlich nochmal eine neue Chance. Also ich drücke Berlin die Daumen, dass sie das beim DOSB erfolgreich bestreitet. Und dann hoffe ich natürlich, dass Leipzig von diesem Kuchen eine Menge abbekommt. Und wenn ich dann Oberbürgermeister sein sollte, würde ich mich dafür auch dann ganz starkmachen.

Andere Frage: Bildungspolitik. Leipzig hat Probleme, ob bei Grundschulen, Oberschulen, Gymnasien, aber auch im Universitätsbereich, durch permanente Kürzungen. Der Oberbürgermeister muss sich beim Land und beim Bund, über den Deutschen Städte- und Gemeindetag, stark machen. Können Sie auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen?

Ich kann auf jeden Fall mit der Faust auf den Tisch hauen. Das habe ich, glaube ich, im Konsum nachgewiesen. Dort haben wir eine ganz, ganz schwierige Situation gehabt, wo wir den Konsum aus einer Problemlage wieder herausgeholt haben. Und da waren viele Diskussionen und viele einschneidende Maßnahmen notwendig. Und so etwas wird sicherlich als Oberbürgermeister auch von mir verlangt werden. Und dafür stehe ich, dass ich solche Themen natürlich voranbringe und entscheiden kann.

Sie wurden vorhin gefragt, mit wem Sie zusammenarbeiten würden. Oberbürgermeister Jung hat ja eine Partei komplett ausgeschlossen. Sie sagen: Kommt alle auf mich zu und ich entscheide, wie es aussieht. Sie schließen also im Moment noch niemanden aus?

So ist das.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung: Die letzte Frage bezog sich auf folgende Antwort zur Frage der OAZ in der offenen Fragerunde: Der Leipziger Stadtrat ist ja sehr stark fragmentiert, ähnlich wie in vielen anderen Kommunen in Deutschland. Gibt es bestimmte politische Kräfte, die Sie für eine Zusammenarbeit bevorzugen würden, oder sind Sie da recht offen, was die Zusammenarbeit angeht?

D.T.: Ich mache ein Angebot heute mit der Kandidatur und ich bin erstmal für Gespräche komplett offen und, werde mich mit allen unterhalten und werde dann meine Schlüsse ziehen, mit wem man zusammenarbeiten kann, mit wem vielleicht auch nicht.

Fazit: Dirk Thärichen zieht mit „Wahlprogramm in Erarbeitung“ und „für alle Anregungen offen“ in das Rennen bei der Oberbürgermeisterwahl 2027. Wir werden ihn und seine Kampagne, wie auch die der anderen Kandidierenden, im weiteren Verlauf des Wahlkampfes weiter beobachten und berichten.

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