Demokratie ist anstrengend. Sie fordert unser Gehirn, denn sie zwingt zu Kompromissen, ist hochkomplex, erfordert die Zusammenarbeit von Menschen, die völlig unterschiedlich ticken. Und selten ist das Ergebnis dann so eindeutig, dass es Erleichterung verschafft. Demokratie ist mühselig und trotzdem die einzige Form menschlichen Miteinanders, in der ein gutes Leben für alle möglich ist. Aber daran zweifeln derzeit immer mehr Menschen und scheinen sich nichts sehnlicher zu wünschen als eine Autokratie, in der ihnen das Denken und die Freiheit endlich abgenommen werden.

Autokratien haben ihren Reiz. Gerade in Krisenzeiten, wenn eine Krise die nächste überlappt, keine gelöst wird und Menschen sich schlichtweg überfordert fühlen von den Herausforderungen, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Da greifen Endzeit- und Untergangsvorstellungen um sich, von Populisten und Rechtsradikalen befeuert, die damit eben nicht nur Ängste schüren, sondern sich auch als „Retter in der Not“ verkaufen.

Und ihre simplen Lösungen fallen auf fruchtbaren Boden, holen viele Menschen genau da ab, wo sie sich in der Demokratie hilflos alleingelassen fühlen. Und das hat mit Rationalität, Vernunft oder Moral alles nichts zu tun. Nicht einmal mit der Überzeugung, dass die Demokratie für die meisten Menschen die bestmögliche Herrschaftsform ist, wie Umfragen immer wieder bestätigen. Auch Menschen, die ihr Kreuz bei rechten und populistischen Parteien machen, sind größtenteils der Überzeugung, dass die Demokratie unbedingt wichtig ist. Nur wenn dann nach dem Vertrauen in die derzeitigen Institutionen der Demokratie gefragt wird, rauschen die Zahlen in den Keller.

Das Phänomen wird von verschiedenen Wissenschaften völlig verschieden begründet. Liya Yu ist neuropolitische Philosophin und lehrt in Berlin. Neuropolitik ist ein sehr junger Forschungszweig, der etwas unternimmt, was man aus politikwissenschaftlicher Sicht nicht einmal versuchen würde: Sie untersucht die Rolle unserer Gehirne bei politischen Entscheidungen. Darauf hätte man schon viel früher kommen können, denn dass unser Gehirn aus mehreren Schichten besteht, die evolutionär eine nach der anderen entstanden sind, ist ja schon länger bekannt. Auch dass die „unteren“ Schichten nicht einfach aufhören, unser Verhalten zu beeinflussen, wenn wir unser Gehirn ganz rational benutzen.

Keine Politik ohne archaische Gefühle

Und das ist auch gut so, denn die älteren Teile unseres Gehirns sind ja in Zeiten entstanden, als unsere Vorfahren in der freien Wildbahn instinktiv und schnell reagieren mussten, wenn sie überleben wollten. Da blieb keine Zeit zum Nachdenken und Analysieren. Ein Gefahrensignal im Augenwinkel genügte, um im Gehirn sofort alle Alarmabläufe auszulösen – weglaufen, verstecken, kleinmachen oder brüllen und angreifen.

Jeder kennt diese Gefühle. Sie sind alle noch da und setzen den rationalen Teil unseres Gehirns oft einfach außer Kraft. Dann handeln wir instinktiv und oft genug irrational. Und das betrifft uns alle. Wir alle laufen mit so einem Gehirn herum, auch wenn wir oft meinen, wir hätten das alles mit Moral, Ethik, Vernunft und rationalem und richtigem Handeln begriffen, gelernt, verinnerlicht, sind auch keine Rassisten mehr, haben Respekt vor Anderen und helfen Schwächeren. Im Kopf sind wir lauter edle Wesen.

Aber jahrzehntelange Forschungen der Neurowissenschaften haben gezeigt: Wir machen uns etwa vor. Etwas rational zu „wissen“ bedeutet nicht, dass wir es auch tatsächlich denken und fühlen. Denn genau die Mechanismen, die Rassismus und Homophobie befeuern, waren im Lauf der Evolution immer auch Schutzmechanismen, definierten in unseren Köpfen, wer zur In-Gruppe gehört und wer nicht. Und ob die Leute aus der Out-Gruppe gefährlich sind oder Typen, mit denen man reden, verhandeln und auf die Jagd gehen konnte.

Konservative und liberale Gehirne

Liya Yu nimmt ihre Leser mit in diese Evolutionsgeschichte unseres Gehirns. So versteht man erst, dass eben nicht nur unser rationales Vernunft-Gehirn Politik macht, sondern auch der ältere, archaische Teil, in dem die Ängste, die Wut, der Wunsch nach Übersicht, Schutz und Kontrolle zum Vorschein kommen. Und noch etwas kommt hinzu: Es gibt augenscheinlich tatsächlich zwei Typen von Gehirnen, die sich in der modernen Politik spiegeln: das konservative Gehirn, das vor allem auf Ordnung, Kontrolle und Sicherheit setzt und auf Krisen mit erhöhtem Kontrolldruck reagiert. Und das liberale Gehirn, wie es Liya Yu nennt, das jene Areale stärker ausgeprägt hat, die mit Neugier, Toleranz und der Fähigkeit, Komplexität auszuhalten, zu tun haben.

Nur scheint von dieser liberalen Fähigkeit derzeit kaum noch etwas vorhanden zu sein. „Leider befinden wir uns in der Situation einer akuten gesellschaftlichen Polarisierung, in der Populismus, gegenseitige Schuldzuweisungen und moralische Überlegenheitskämpfe im Vordergrund stehen“, schreibt Liya Yu. „Auf linksliberaler Seite herrscht tiefe Ratlosigkeit, wie diese Polarisierung überwunden werden kann, denn nur wenige haben eine Idee, wie man in den Köpfen von Menschen ankommt, die man mit Moralargumenten und Fakten nicht mehr erreicht.“

Im Gegenteil: Moralische Appelle und trockene Fakten prallen einfach ab. Sie erreichen nicht die Ebene, auf der Menschen mit ganz elementaren Gefühlen auf Krisen reagieren. Wo ihre Ängste sich ballen und das Gehirn einfach nach einer simplen, schnellen Lösung schreit. Denn permanente Verunsicherung halten wir nicht aus. Und dazu kommt noch, so Liya Yu: „Hinzu kommen die physische Isolation durch den Konsum sozialer Medien und die Ausweitung des Homeoffice – beides führt zu weniger realen menschlichen Begegnungen im Alltag, die unser Gehirn dazu anregen würden, sich in die Gedankenwelt von Menschen außerhalb der eigenen Bubble hineinzuversetzen. Wir mentalisieren zunehmend Menschen in unserem eigenen Kreis und immer weniger die, die außerhalb davon liegen.“

Lost in Bubbles

Wie die Fähigkeit zum Mentalisieren in der frühen Kindheit entsteht, beschreibt die Autorin natürlich auch. Mit dieser Fähigkeit lernen Kinder, die anderen Menschen um sich herum auch als anders zu verstehen und damit auch zu akzeptieren. Es ist eine unersetzliche Fähigkeit für die Demokratie – geht aber augenscheinlich derzeit gründlich vor die Hunde. Immer mehr verschwinden die politischen Akteure in ihren eigenen Bubbles. Und damit in ihren jeweils eigene „Realitäten“, die sich immer öfter als unvereinbar erweisen. Erst recht in Zeiten multipler Krisen, für die die politischen Akteure ganz offensichtlich keine schnellen und eindeutigen Lösungen anbieten können.

Ein offenes Tor für den Rechtspopulismus, denn der lebt davon, dass er den Menschen ins Gesicht sagt, dass die Lage katastrophal ist, dass alles schiefläuft, die Nation dem Untergang geweiht ist, wenn man nicht mit stählernem Besen auskehrt. Und dazu muss man nur lauter Out-Gruppen definieren, die schuld an der Misere sein sollen. Oder mit Liya Yus Worten: „Sie instrumentalisieren die Tatsache, dass unsere Gehirne andere Out-Gruppen mühelos dehumanisieren und primär die eigene In-Gruppe als schutzbedürftig und menschlich wertvoll betrachten. Sie schlagen Lösungen vor, die unsere kognitive Anfälligkeit für fatalistische und begrenzte Zukunftsoptionen verstärken.“

Das fällt auf fruchtbaren Boden, wenn die Krisen der Zeit immer mehr Menschen verunsichern. „Viele Menschen fühlen sich hilflos, weil keine guten Lösungen in Sicht sind“, schreibt Liya Yu. „Auch diese Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit nutzen die Rechtspopulisten aus.“

Wie löst man Probleme?

Es geht um Bilder in den Köpfen. Da können die Deutschen nach wie vor in einem Wohlstand leben, um den sie von anderen Völken beneidet werden. Aber selbst in diesem Wohlstand fällt es Populisten leicht, Bilder von Not und Abstieg in die Köpfe zu pflanzen. „Unser Gehirn ist vor allem von subjektiven Wahrnehmungen der Ressourcenknappheit gesteuert“, schreibt die Autorin, „wir sind sensibel gegenüber dem Eindruck, es sei nicht genug für alle da.“ Wer diesen Eindruck befeuert, sorgt ganz einfach dafür, dass sich auf einmal alle in einem wilden Verteilungskampf zu befinden scheinen.

Dann heißt es: „Wir gegen die.“ Und selbst eh schon benachteiligte Gruppen suchen sich noch schwächere „Gegner“, die sie dann bekämpfen. Und natürlich stellt sich Liya Yu die Frage, wie man aus dieser fatalen Entwicklung wieder herauskommt. Und die Lösungen haben natürlich mit den Grundfunktionen der Demokratie zu tun, vor allem der Fähigkeit zum Mentalisieen – sich also in den Anderen hineinversetzen zu können, auszuhalten, wenn er anders denkt, aber auch gleichzeitig zu akzeptieren, dass man Probleme nur gemeinsam lösen kann. Ganz pragmatisch. Ohne Schuldzuweisungen, ohne Moralkeule, ohne Cancel Culture.

Das dafür notwendige Denken kann man lernen. Unser Gehirn ist in der Lage dazu, muss aber lernen, diese Kräfte zu entfalten, stellt die Autorin fest. Weshalb sie einen möglichen Ansatz bei der Bildung junger Menschen sieht, diese Fähigkeiten ihres Gehirns auszubilden. Mit Kursen, die sie in Schulen gibt, versucht sie es selbst umzusetzen. Man ahnt schon: Das wird dauern, denn wirklich implementiert ist es im starren deutschen Bildungssystem nicht. Auch weil deutsche Bildungspolitiker in der Regel keine Ahnung haben, wie unser menschliches Gehirn funktioniert.

Billige Rezepte für die In-Group

Man kann den Zustand unserer Gesellschaft auch als Ergebnis verpeilter Bildungspolitik begreifen. Wie sollen junge Menschen die Demokratie bereichern, wenn sie nie gelernt haben, Diskussionsräume zu öffnen, die In-Group zu verlassen und menschliche Beziehungen vorurteilsfrei anzugehen, statt mit Moral und Vorurteilen? Doch es wird moralisiert, dass die Balken krachen. Politik scheint nur noch ein einziges Geschäft der Rechthaberei zu sein. Nichts wird mehr erklärt und begründet. Die ungelösten Probleme werden mit Phrasen zugeschwallt, hinter denen auch die Eigeninteressen der jeweiligen Politiker verschwinden.

Logisch, dass immer mehr Menschen in Umfragen ihr Misstrauen gegen dieses Politikgeschehen äußern, sich überfordert fühlen von Bürokratie und einem politischen Hin und Her, in dem es keine gerade Linie zu geben scheint. Logisch auch, dass gerade da die billigen Rezepte der Rechtspopulisten verfangen, die mit Ausgrenzung, Abschiebung und Entrechtung ganzer Gruppen behaupten, das Problem dann wenigstens für die eigene In-Group zu lösen. Da sollten – so Liya Yu – die demokratischen Parteien wohl langsam anfangen, weniger zu moralisieren und stattdessen die Probleme selbst beim Namen nennen. Klartext reden, nennt man das. Den Bürger als erwachsen und mündig zu betrachten. Und als fähig, sich einem ehrlichen Dialog zu öffnen.

Und – darauf kommt die Autorin am Schluss noch – die Haltung des Fatalismus zu verlassen, mit der die Populisten die Köpfe besetzen. „Wir befinden uns nämlich nicht am ‘Ende der Geschichte’, sondern an einer existenziellen Schnittstelle der Menschheit, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir uns noch zu einem liberaldemokratischen Gesellschaftsvertrag bekennen und ob wir die inkludierenden und ambiguitätstoleranten Gehirne, die wir dafür brauchen, in uns selbst kultivieren wollen.“

Demokratie ist anstrengend. Aber die Perspektive ändert sich gründlich, wenn Menschen die Zukunft als Raum der Möglichkeiten betrachten. Aber der öffnet sich nur, wenn Menschen miteinander kooperieren. Über Gruppen-Grenzen hinweg. Mit Respekt füreinander und einem grundsätzlichen Verständnis dafür, dass wir alle dasselbe Gehirn unter der Schädeldecke tragen, wie die Autorin nicht müde wird zu betonen.

Liya Yu „Hirn statt Moral“, Econ / Ullstein, Berlin  2026, 23,99 Euro

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