In diesem Buch erzählt der Wissenschaftsjournalist Geid Leidig im Grunde von einer Revolution, welche die Psychotherapie in den letzten 30 Jahren umgekrempelt hat. Und das hat direkt mit den jüngsten Forschungsergebnissen aus den Kognitionswissenschaften zu tun. Denn die haben immer deutlicher gezeigt, dass unser Gehirn nicht so funktioniert, wie sich das die meisten Menschen so vorstellen. Es ist keine Maschine, es ist kein Computer, und schon gar nicht sieht es die Welt, wie sie wirklich ist.

Und das hat Folgen. Auch für unsere psychische Gesundheit, unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung. Und natürlich auch die Muster, die uns durchs Leben begleiten und uns manchmal unfähig machen, unser Leben tatsächlich zu leben. „Unser Denkorgan ist kein passiver Empfänger von Informationen, sondern ein unermüdlicher Wahrsager, ein Meister der Antizipation. Es versucht durchgehend, die Welt vorherzusagen, basierend auf dem, was es kennt.

Weicht die Realität von der Vorhersage ab, entsteht ein ‚Vorhersagefehler‘, der für das System eine Form von informellem Chaos darstellt“, geht Leidig gleich zum Start auf die grundlegende Funktionsweise unseres Gehirns ein.

„Dieses Streben nach Vorhersagbarkeit, das moderne Theorien wie das Prinzip der freien Energie (FEP) wissenschaftlich fassen, ist kein Designfehler. Es ist ein zutiefst überlebenswichiges Energiesparprogramm, das uns hilft, in einer komplexen Welt den Kurs zu halten. Unsere Gewohnheiten und tiefsten Überzeugungen sind die stabilen Routen, auf denen unser innerer Lotse am liebsten fährt.“

In Routinen gefangen

Wie das funktioniert, das erzählt Leidig gleich im ersten Kapitel sehr ausführlich. Denn wenn man diese grundlegenden Funktionsweisen unseres Gehirns und sein Bedürfnis, möglichst energiesparsam zu arbeiten, kennt, wird nach und nach auch deutlicher, warum einige dieser früh angelernten Gewohnheiten/Denkschleifen zum Problem werden können, wenn sich die äußeren Umstände geändert haben, wir in völlig neuen Lebensabschnitten sind, in denen früh angelerntes Schutz- und Kontrollverhalten auf einmal zum Handicap werden kann, oft auch zur schweren Belastung, weil die eingeübten Routinen verhindern, dass man sein Leben wieder als selbstgestaltet empfinden kann.

Oft kennt man seine eigenen Schleifen sogar, weiß intellektuell, wie sie einen festhalten und einengen. Und kommt trotzdem nicht heraus. Auch nicht mit Motivationstrainern und guten Ratschlägen. Denn die angelernten Schleifen sind ja Teil jenes komplexen Ichs, als das wir durchs Leben gehen, eines Ichs, das keineswegs starr ist, für immer festgelegt.

Im Gegenteil: So, wie wir uns in früher Kindheit die Muster unserer Selbstwahrnehmung zugelegt haben, so können wir ein Leben lang flexibel auf die Veränderungen in unserer Umwelt reagieren, uns anpassen. Auch wenn es uns schwerfällt, weil unser Gehirn „in einem Zustand niedriger Flexibilität feststeckt. Es hat seine Fähigkeit verloren, durch neue, überraschende Daten von außen korrigiert zu werden. Das Denken wird zu einem Monolog, das Fühlen zu einem einzigen dumpfen Grundton.“

Das sind so beiläufig fallende Sätze, die ahnen lassen, dass diese verlorene Flexibilität des Gehirns auch gesellschaftliche Folgen hat. Denn wenn sich eine Menge Gehirne nicht mehr kompatibel fühlen mit den veränderten Bedingungen in ihrer Umwelt, dann reagieren sie mit Stress.

Und oft genug eben auch einer Flucht in die gewohnten, alten Denkbahnen, die sich doch in der Vergangenheit immer wieder als schneller Weg gezeigt haben, wieder Kontrolle über das eigene Empfinden und Fühlen zu bekommen. Eigentlich eine sehr hilfreiche und nützliche Eigenschaft, mit der man früher doch oft komplizierte Situationen gemeistert hat. Warum funktioniert das auf einmal nicht mehr, wenn sich das eigene Leben verändert? Und warum „schaltet“ unser Gehirn so ungern um?

Im Tal des Leides

Das haben reihenweise Forscher der Kognitionswissenschaften in den letzten Jahren untersucht. Auch die Frage, warum Menschen lieber in ihren leidvollen Denkgewohnheiten verharren, als ihr Leben zu ändern. Das hat nämlich gute Gründe, wie Leidig feststellt: „Wir verharren im Leid, nicht weil wir Masochisten sind, sondern weil das Leid für unser System der Zustand der höchsten Vorhersagbarkeit und damit der geringsten energetischen Kosten geworden ist.

Aus diesem Tal zu klettern bedeutet, gegen die ‚Schwerkraft‘ der eigenen Vorhersagen zu arbeiten – ein Prozess, der zunächst massive Energie (Unsicherheit, Angst, Chaos) erzeugt. Das System wehrt sich gegen die Heilung, weil Heilung zunächst eine Zunahme an Unvorhersehbarkeit bedeutet.“

Was dann oft genug auch das Scheitern einer Therapie bedeutet. Erst recht, wenn dabei das Gefühl dominiert, dass man es unbedingt schaffen muss. Da hatte Rilke nun leider Unrecht: Du MUSST dein Leben nicht ändern. Das funktioniert nämlich nicht. Weshalb moderne Therapien anders arbeiten: einfühlsamer, kooperativer, den leidenden Menschen als Partner betrachtend, mit dem gemeinsam die Ursachen und „Programme“ gesucht werden, die das Leiden bedingen, die Schleifen, die das Leben zur Qual machen. Sie sind Teil unseres Ichs und man kann sie nicht einfach abschaffen, ausradieren, negieren.

Aber man kann die Flexibilität des eigenen Gehirns wiederentdecken, die Ur-Fähigkeit unseres Gehirns, neue Denkmuster zu entwickeln, um auf Veränderungen aus der Außenwelt zu reagieren. Das, was scheinbar als kognitiver „Fehler“, als Unstimmigkeit wahrgenommen wird – oft aber auch die tiefe Verunsicherung ist, wenn wir sogar körperlich spüren, dass unsere Denk- und Lebensgewohnheiten mit unseren tiefsten menschlichen Bedürfnissen kollidieren. Was tun?

Werdet wie die Kinder

Die modernen Therapieansätze, von denen Leidig im zweiten Teil des Buches die wichtigsten schildert, münden vor allem in einen anderen Umgang mit dem Problem: „Statt ‚Ich muss das schaffen‘ (Leistungsmodus, der Angst erzeugt) gilt ‚Ich will wissen, wie sich das anfühlt.‘ (Neugiermodus. Neugier ist der einzige Affekt, der Unsicherheit nicht fürchtet, sondern sucht. Wir verwandeln damit diffuse Ungewissheit (die nicht berechenbar ist und Angst macht) in kalkulierbares Risiko.“

Werdet wie die Kinder, könnte man an dieser Stelle sagen. Denn niemand lebt Neugier so furchtlos und glücklich aus wie die Kinder. Nur wir Erwachsenen haben das oft genug verlernt und fürchten auf einmal die kleinste Abweichung vom gewohnten (und oft leidvollen) Trott.

Das heißt: Wir müssen unser Leben nicht von heute auf morgen auf den Kopf stellen. Wir können Räume und Zeiten für die Neugier schaffen, ausprobieren, wie sich das anfühlt, wenn wir Dinge einfach mal ausprobieren, anders machen, anders betrachten. Wie fühlt sich das an? Das Ergebnis wird oft genug überraschend sein. Und ermutigend, auch wenn es – wie Gerd Leidig richtigerweise betont – keinen schnellen Erfolg gibt. Denn die alten Denkbahnen sind ja tief ausgefahren – im Gehirn bestens vernetzt.

Sie sind geübt, da rutschen wir fast automatisch immer wieder hinein, wenn Chaos und Kontrollverlust drohen. Aber mit einer erfolgreichen Therapie können wir wieder lernen, dass unser Gehirn plastisch und flexibel ist, durchaus bereit und in der Lage, Neues zu lernen und zuzulassen. Und – mit Geduld und Übung – auch neue Denk-Weisen einzuüben. Die ja – siehe oben – vor allem Interpretationen sind über die Welt „da draußen“.

In alternativen Welten

Interpretationen, die wir uns sogar direkt aus der Bibliothek holen können, wie Leidig im Kapitel „Die Apotheke der Literatur: Wie wir die richtige Medizin finden“ schreibt. Denn – anders als die wilden, häppchenweisen Nachrichten aus dem modernen digitalen Chaos bieten Bücher etwas Einmaliges: Sie lassen ihre Leserinnen und Leser direkt eintauchen in alternative Welten. Sie lassen direkt erleben, wie es sich in anderen Schicksalen und Lebensgeschichten anfühlt. Sie stärken das Gefühl, dass man sein Leben tatsächlich ändern kann. Und sie machen Lust darauf. Nicht aufs Müssen, sondern aufs Können.

Erst recht, wenn eine gute Therapie schon den Boden bereitet hat und Therapeutin und Patient die Muster lokalisiert haben, die das Leiden bedingen. Muster, die eben keine Krankheit sind, sondern wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit. Hat man die Muster erkannt, kann man daran gehen, die eigene Haltung zu ändern, den Leidensdruck nicht als unlösbare Belastung zu sehen, sondern als Signal, anders mit sich und den Signalen seines Gehirns umzugehen, Alternativen zu entwickeln. Oder eben überhaupt: die eigene Fähigkeit, ein verändertes Verhalten wiederzuentdecken.

Oder mit Leidigs Worten: „Wahre Freiheit liegt nicht in der Leugnung unserer Grenzen, sondern in der präzisen Vermessung jenes Raumes, in dem wir wieder zum Autor unserer eigenen Bewegung werden. Es ist die bewusste Entscheidung, Energie nicht im sinnlosen Kampf gegen das Unveränderliche zu verschwenden, sondern sich auf die Gestaltung der eigenen Haltung zu konzentrieren.“

Und weiter: „Unsere Symptome sind wie Boten mit wichtigen Nachrichten – über alte Verletzungen, gegenwärtige Werte, zukünftige Möglichkeiten. Erst dieser Akt der Anerkennung nimmt ihnen ihre lähmende Macht und ermöglicht uns, ihre Botschaft zu verstehen.“

Die Kunst zu leben

Warum hat man bei solchen Sätzen das Gefühl, dass das auch für unsere Gesellschaft gilt? Weil unsere Gesellschaft genau von solchen Botschaften durchdrungen und dominiert ist. Botschaften, mit denen Menschen auch systematisch manipuliert werden, ohne dass sie es merken.

Das wird deutlicher, wenn Gerd Leidig im Kapitel zur „Ars vivendi nova“ feststellt: „Wir stellen fest, dass wir zwar gelernt haben, die Welt effizient zu managen, dabei aber die Fähigkeit verloren haben, sie zu spüren. Der Mensch der Gegenwart leidet nicht an einem Mangel an Ressourcen, sondern an einer tiefgreifenden ‚Stille der Welt.‘

Wir optimieren unsere Körper und Karrieren bis zur Erschöpfung, nur um festzustellen, dass das Leben unter der Last dieser Verfügbarmachung erstarrt. Wir leben in einer Zeit der inneren Taubheit. Unsere Weltbeziehung ist verstummt, weil wir sie wie ein technisches Problem behandeln statt wie eine Symphonie, die es zu hören, zu fühlen und mitzugestalten gilt.“

Die von Leidig geschilderten modernen Therapieansätze helfen dabei, diese verlorene Musik wieder zu hören und zu spüren. Auch wenn die Betroffenen dabei jede Menge Geduld brauchen, denn – wie oben geschildert – braucht das Gehirn Zeit, um neue Wege zu bauen, neue Selbstgewissheiten zu implementieren und das verschüttete Gefühl wieder spürbar zu machen, dass wir unser Leben tatsächlich selbst ändern können: aufmerksam, mitfühlend (es gibt auch ein ganzes Kapitel zur „Kunst des Mitgefühls“) und gespannt, was passiert, wenn wir uns mal wieder trauen, Neues auszuprobieren.

Gerd Leidig „Wie unser Gehirn Denken und Fühlen organisiert“, Vandenhoek & Ruprecht, Paderborn 2026, 28 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar