Solche Bücher erscheinen in der Regel in einem Universitätsverlag, echter Spezialstoff für Spezialisten. Aber warum nicht, sagte sich Verleger Ralf C. Müller und nahm auch einmal diesen Exoten mit ins Programm. Ein Buch für Spezialisten. Und vielleicht auch für all jene, die als Patienten dem Begriff schon einmal begegnet sind. Denn manchmal gehören Carnitin-Gaben zur Therapie. Und das, obwohl wir Carnitin doch eigentlich über die normale Nahrung zu uns nehmen. Ohne Carnitin aber wird es brandgefährlich.

Oder um Dr. Heinz Löster zu zitieren, der sich am Institut für Pathologische Biochemie und Klinische Chemie der Universität Leipzig (dem späteren Institut für Labormedizin, Klinische Medizin und Molekulare Diagnostik) über Jahrzehnte mit den Wirkungen des Carnitins im menschlichen Körper beschäftigt hat, speziell mit der Wirkung auf den Stoffwechsel des Herzens. Auch das Herz hat einen Stoffwechsel, braucht fortwährend Nachschub an Energie. Aber wie kommt diese Energie in die Mitochondrien?

Da wird es wissenschaftlich und für Liebhaber der Biochemie richtig spannend. Denn ohne Carnitin funktioniert da nichts. Ohne Carnitin kommen die Fettsäuren, die die Mitochondrien zur Energiegewinnung brauchen, nicht durch die Zellmembran.

Das klingt dann so: „Da die Acyl-CoA-Ester langkettiger Fettsäuren die innere Mitochondrienmembran nicht durchdringen können, werden sie an der Innenseite der äußeren Mitochondrienmembran mit Carnitin, katalysiert durch die Carnitin-Palmitoyl-Transferase I (CPT I), zu langkettigen Acylcarnitinen umgeestert. Als solche können sie, katalysiert durch die Carnitin-Acylcarnitin-Translocase, die innere Mitochondienmembran durchdringen.“

Man merkt schnell, dass sich Löster seit seiner Promotion 1975 umfassend mit diesem Stoff beschäftigt hat. An einer Stelle benutzt er dann auch einmal das treffende Wort Carrier: Carnitin ist der Transporter, der die Fettsäuren durch die Mitochondrienmembran transportiert. Ohne ihn läuft da nichts.

Wenn es an Carnitin im Körper mangelt

Und das spielt im gesamten Körper eine Rolle, auch wenn Löster in diesem Buch das Herz in den Mittelpunkt stellt. Denn dass das Herz bei vielen Menschen schlappmacht, hat eben auch oft genug damit zu tun, dass die Energiezufuhr nicht mehr richtig funktioniert, weil der Carnitin-Spiegel zu gering ist.

Für diesen Band hat Löster die Ergebnisse von Jahrzehnten der Forschung zusammengefasst, geht zurück bis ins Jahr 1905, als das Carnitin entdeckt wurde, die Forschung aber noch Jahrzehnte lang im Dunkeln tappte, was die Funktion dieses Stoffes im menschlichen Körper eigentlich ist. Den Durchbruch gab es dann 1952 durch den Zoologen Gottfried Fränkel, der in der Hitlerzeit aus Deutschland flüchten musste und seine wissenschaftliche Karriere dann in den USA fortsetzte. Seitdem weiß man, dass das Carnitin eine unersetzbare Rolle beim Fettstoffwechsel der Mitochondrien spielt.

Und Löster fasst in diesem Buch allein 14 Dissertationen zusammen, die sich mit den speziellen Wirkungen von Carnitin beschäftigen. Beziehungsweise dessen Nichtwirkungen. Denn wie das so bei neu gefundenen chemischen Substanzen im menschlichen Körper ist – irgendwelche Optimisten schreiben dem neu gefundenen Stoff dann irgendwelche Superkräfte zu und versuchen, ihn als Wundermittel an die Welt zu verkaufen.

Elementar für viele Organfunktionen

Etliche der so aufgestellten Hypothesen lösten sich dann im Test schlichtweg in Luft auf. Aber auch das ist Wissenschaft. Sie muss auch falsche Erwartungen korrigieren. Und zwar belastbar. In gut belegten Experimenten und Testreihen.

Sodass man sich mit Löster in diesem Buch nach und nach herantastet an das heutige Wissen über Carnitin und seine Rolle in unserem Körper. Und auch an diverse Krankheitsbilder, die mit dem Mangel an Carnitin zu tun haben. Kleine Überraschung: Das meiste Carnitin nehmen wir über Fleisch zu uns. In vegetarischen Produkten ist deutlich weniger Carnitin enthalten. Ein Thema, das noch nicht ganz ausdiskutiert ist. Denn unser Körper selbst ist ja ebenfalls in der Lage, Carnitin zu produzieren.

Aber zumindest eins hat die Forschung inzwischen gezeigt, so Löster: „Ein Carnitinmangel wirkt sich demzugolge gravierend auf viele Organfunktionen aus.“

Die wichtige Rolle für unser Herz

Hier erwähnt er ein Thema, das den Forschern erst nach und nach klar wurde: dass Carnitinmangel möglicherweise eine Ursache des plötzlichen Kindstods sein könnte. Denn manche Säuglinge werden mit Carnitinmangel geboren. Da das aber eine seltene Erscheinung ist, wird es auch selten publiziert. Kann aber, wenn der Carnitinmangel frühzeitig diagnostiziert wird, behandelt werden.

Es ist in dem Sinne also kein Wundermittel, sondern eine der elementaren chemischen Verbindungen, ohne die unser Stoffwechsel nicht funktioniert. Nicht nur der menschliche. Was Carnitin trotzdem nicht zu einem Leistungsstimulator oder – wie Anfang der 1990er Jahre noch geglaubt – zu einem „Fettverbrenner“ macht, der dann den Leuten als Power-Substanz verkauft werden kann.

Synthetisches Carnitin wird in der Medizin vor allem da verabreicht, wo ein primärer Carnitinmangel nachgewiesen wird. Und den findet man oft im Zusammenhang mit Dialysebehandlungen (wo das Carnitin regelrecht ausgewaschen wird) und in der Spätphase von Diabetes mellitus. Aber auch kräftezehrende Langzeitsportarten können einen Carnitinmangel im Körper auslösen.

Aber im Zentrum von Lösters Buch stehen das Herz und seine eingeschränkte Leistungsfähigkeit, wenn die Erkrankung zum Verlust von Carnitin führt. Hier hilft die Behandlung mit synthetischem Carnitin ganz offensichtlich, die Leistungsfähigkeit des Herzens wieder zu verbessern. Hier ist die Behandlung mit Carnitin also empfohlen, stellt Löster fest, der seine Leser mit diesem Buch mitgenommen hat in die Carnitin-Forschung mehrerer Jahrzehnte. Und wer das Fach nicht studiert hat, lernt einen Stoff kennen, von dem sonst eher selten die Rede ist, der aber elementar ist für unseren Stoffwechsel. Bis hin zur Leistungsfähigkeit unseres Herzens, das ja permanent arbeiten muss und dafür eine stetige Zufuhr an Energie braucht.

Heinz Löster „Carnitin und Herz“ Eudora Verlag, Leipzig 2025, 69 Euro.

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