Eigentlich brauchen wir die alten Griechen nicht, um für uns selbst ein erfülltes Leben zu finden. Aber es ist eben leider so, dass immer mehr von uns das nicht mehr schaffen. Unglücklich sind, depressiv werden, völlig ratlos in einer Welt des Überflusses, die vor unseren Augen gerade aus den Fugen gerät. Kann es sein, dass wir uns von falschen Glücksversprechen haben irre machen lassen? Einsam, ratlos und verzweifelt? Aber was hat es mit der Eudämonia zu tun, die Oliver Hoffmann uns hier so dringend ans Herz legt?

Es geht bis zu Aristoteles zurück, der den Begriff des „gelingenden Lebens“ philosophisch zu fassen versuchte. Oder „gelungene Lebensführung“, wie man den Begriff auch übersetzen kann. Mit „Glück“ oder „Glückseligkeit“ wäre er und wurde er falsch übersetzt. Und einen erwähnt Hoffmann lieber nur am Rand: den Königsberger Immanuel Kant, dem da zu wenig Sitte und Moral drinsteckten, zu wenig sittliches Gesetz. Da kam der Preuße in ihm durch. Mit schwerwiegenden Folgen bis heute, wenn man an die ach so „deutschen“ Tugenden Fleiß, Ordnung und Disziplin denkt.

Wie leer diese sind, merkt jeder, der sich durch diese anerzogene preußische Selbstzucht ein Leben in Wohlstand aufgebaut hat und trotzdem das mulmige Gefühl nicht loswird, sich völlig umsonst abgerackert zu haben. Nicht glücklich ist, nicht froh und schon gar nicht bei sich selbst.

Ganz zu schweigen von den fehlenden sozialen Verbindungen. Das heutige kapitalistische Glücksversprechen ist Kant – leider – viel näher als Aristoteles. Und es hat einen gewaltigen Anteil daran, dass immer mehr Menschen vereinsamen und psychisch erkranken. Und dass unsere Gesellschaft so völlig ins Rutschen gerät.

Sinn und Handlungsfähigkeit

Und so macht es Hoffmann in diesem Buch sehr gründlich, setzt sich mit dutzenden Aspekten der Eudämonia auseinander. Denn es ist eben kein primitives „So-wirst-du-glücklich“-Konzept. Im Gegenteil. Es ist ein Konzept der Rückgewinnung eigener Handlungsfähigkeit, von Sinn und Erfüllung. Ein Konzept, das vor Jahrhunderten auch mal ein paar christliche Denker interessierte, die den darin steckenden Gedanken vom Verzicht so toll fanden. Und den dann einfach auf links krempelten und dem gläubigen Volk Zufriedenheit in Armut predigten.

Genau das aber war von Aristoteles & Co. nicht gemeint. Aber dazu mussten wir, um das zu begreifen, erst einmal so richtig in den Schlamassel geraten, angefixt von einer völlig enthemmten Konsumgesellschaft, die einem auf allen Kanälen predigt, das Glück sei käuflich. Man müsse sich nur all die tollen Dinge kaufen (und leisten können), mit denen man sofort Status, Glück und Zufriedenheit bekommt. Quasi per Postbote.

Dumm nur, dass alle Statistiken zeigen, wie immer mehr Menschen unglücklich werden, psychisch erkranken und ausbrennen. Völlig überfordert von einer rabiat beschleunigten Arbeitswelt und den immerfort wachsenden Ansprüchen, die uns mit dem, was wir haben, nie zufrieden sein lassen.

Das kannten auch die griechischen Eliten schon. Deswegen war ja das, was Aristoteles und Sokrates da in die Welt setzten, so wirksam. Es zeigte, dass auch die wohlhabenden Griechen schon auf Abwege geraten und sich selbst verfehlen konnten. Und dass die Jagd nach dem (schnellen) Glück die fatalste Zielsetzung war, wenn man ein sinnerfülltes Leben leben wollte.

Doch genau diese Jagd wird den Bewohnern der schönen Neuen Welt als Ziel und Erfüllung angepriesen. Während man ihnen in aller Unverfrorenheit einredet, sie würden trotzdem nicht genug leisten. Wären faul und undankbar.

Eine Gesellschaft brennt aus

Man merkt es auch bei Hoffmann, der von Beruf Wirtschaftspsychologe ist, wie ihn diese Überforderungen nerven, verstören, ärgern. Denn er sieht ja, wie diese falschen Versprechen die Menschen reihenweise unglücklich machen, das Klima vergiften, und am Ende eine kalte und gehässige Ellenbogengesellschaft erzeugen, in der immer mehr Menschen verzweifelt Hilfe beim Psychotherapeuten suchen.

Mal ganz davon zu schweigen, dass inzwischen das ganze Land auf die Couch gehört, demoliert von arroganten Schnöseln, die nicht mal eine Ahnung davon haben, was eigentlich ein erfülltes Leben auf dieser Erde ist. Denn das hat mit Haben und Kaufen und Protzen nichts zu tun. Das wussten auch schon Aristoteles und seine Nachfolger.

Denn wir sind nicht auf dieser Erde, um uns mit immer mehr Wohlstandsmüll immer unglücklicher zu schuften. Das ist der Punkt, der wie Verzicht auch in der Eudaimonia auftaucht, der aber eben kein Verzicht wegen „kann ich mir nicht leisten“ ist, sondern ein bewusster Verzicht auf all die Dinge, die unser Leben nicht wirklich reicher, tiefer, faszinierender machen.

Stattdessen sollte es ja reicher werden an Beziehungen und starken Emotionen. Und vor allem so, dass wir das starke Gefühl haben, dass es tatsächlich unser Leben ist, das wir selbst leben und gestalten und mit Sinn erfüllen.

Ein Geschenk

Wozu man nun einmal gründlich zu sich selbst kommen muss. Also den ganzen quäkenden Kram aus dem Fenster schmeißen darf, den uns die Werbung als unerlässlich fürs Glücklichsein verkauft. Schrott, der unser Leben verschlingt, während wir immerfort das Gefühl haben, uns selbst zu verfehlen und – selbst unter Menschen – immer einsamer zu werden. Denn für das Ausloten von Sinn braucht man Zeit, Stille, Aufmerksamkeit und Selbstvergewisserung. Auch die stete Vergewisserung, dass unser Leben auf diesem Planeten ein einmaliges Geschenk ist.

Und auch die moderne Psychologie bestätigt das: Menschen, die ihrem Leben selbst einen Sinn geben, sind seelisch stabiler, haben mehr menschliche Beziehungen, sind glücklicher. Nicht weil sie dem Glück nachjagen, sondern auch weil sie sich in Krisen nicht gleich in Panik treiben lassen. Sie wissen, dass alle Entscheidungen in ihrer eigenen Hand liegen, dass sie sich auf Freunde und Vertraute verlassen können. Sie haben eine psychische Widerstandskraft, nennen es die Psychologen.

Die fatale Verkümmerung der Resilienz

Andere nennen es Resilienz. Ein Wort, mit dem man heute ja die Hühner aufscheuchen kann. Denn es wurde von den Phrasendreschern des Neoliberalismus völlig missbraucht, geradezu in sein Gegenteil verkehrt. Sie haben daraus den disziplinierten Malocher gemacht, der sich fit hält, um jeden Tag für seinen Job wieder die volle Leistungsfähigkeit zu bringen.

Hoffmann beschreibt die Verdrehung dieses Begriffs so: „In neoliberalen Regimen avanciert Resilienz zu einer Aufforderung, dass Subjekte selbst unter Bedingungen von Unsicherheit, Ungleichheit und Überforderung funktionsfähig und emotional kontrolliert bleiben. Resilienz wird hier zum rhetorischen Vehikel einer Gouvernementalität, die die Bearbeitung sozialer Krisenerfahrungen zum Aspekt individueller Selbstoptimierung macht.“ Hoffmann spricht von einer „Entpolitisierung des Leids“.

Man merkt schon hier: Eudämonie betrifft nicht nur jeden Einzelnen, auch wenn diese Suche nach einem sinnerfüllten Leben natürlich zuerst eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Es geht um die ganze Gesellschaft, die völlig aus dem Lot geraten ist. Auch weil sie selbst keinen Sinn mehr hervorbringt. Oder findet.

Alles ist einem entfesselten Nützlichkeitsdenken unterworfen – und einer entfesselten Jagd nach dem billigen Glück, das so schnell verschwunden ist, wenn man sein Geld wieder für völlig unnützen Kram ausgegeben hat. Mal ganz zu schweigen davon, dass eine Gesellschaft, die keinen Sinn mehr findet, mit ihren Mitgliedern am Ende nur noch funktional, schäbig und rücksichtslos umgeht. Sie wird empathielos und kalt.

Genau da stehen wir jetzt.

Das Bedürfnis nach einer bewohnbaren Welt

Und auf einmal tauchen bei Hoffmann Begriffe auf, die die alten Griechen noch nicht kannten, die aber zeigen, dass es bei einem sinnerfüllten Leben auch um Dinge wie Nachhaltigkeit geht, einen sorgenden und schonenden Umgang mit uns selbst und unserer Welt. Hoffmann: „Die Orientierung an Nachhaltigkeit ist hierbei anthropologisch fundiert. Sie entspringt dem Bedürfnis des Menschen, in einer Welt zu leben, die als sinnvoll, stabil und bewohnbar erfahren werden kann.“

Deswegen leiden wir auch, wenn die lebendige Welt vor unseren Augen stirbt. Oder bewusst zerstört wird, weil „wirtschaftliche Interessen“ höher gewichtet werden als der Erhalt einer lebendigen Natur. Und Hoffmann erinnert auch daran, dass Eudämonie bei Aristoteles auch nie nur das „stille Glück allein“ meinte, wie es oft missinterpretiert wird. Sondern dass dazu auch im alten Griechenland immer die soziale Teilhabe gehörte, das Gefühl, in seiner Gemeinschaft gut eingebunden zu sein.

Hoffmann: „Der Mensch ist ein zoon politikon, ein Gemeinschaftswesen, dessen Freiheit nicht in Abgrenzung von anderen, sondern im gemeinsamen Streben nach dem Guten zu finden ist.“ Das ist der völlige Kontrast zum neoliberalen Freiheitsbegriff, „in dem Selbstverwirklichung häufig mit der Abwesenheit von Bindung gleichgesetzt wird.“

Rituale und kleine Schritte

Im letzten Teil des Buches erläutert Hoffmann dann, wie man für sich selbst – ganz bewusst – ein sinnerfülltes Leben gestalten kann. Das beginnt mit kleinen Schritten, mit Bewusstmachen, Suchen, Ausprobieren. Und sogar mit Ritualen und Gewohnheiten, die unserem Tag Struktur geben. Struktur, die uns trägt, auch wenn es mal turbulent wird. Und auch hier betont Hoffmann die gesellschaftliche Dimension.

Denn sinnerfülltes Leben funktioniert nur gemeinsam und braucht „institutionelle Vermittlung“, all die Einrichtungen, die Solidarität in unserer Gesellschaft erst ermöglichen, das so selbstverständliche Vertrauen auf die Gemeinschaft, das von den neoliberalen Predigern geradezu verhöhnt und verächtlich gemacht wird. Schulen, Gesundheitswesen, Sozialpolitik, die staatliche Hilfe für die Schwächsten in der Gemeinschaft …

Aber Hoffmann merkt eben auch an, dass es ein gelingendes Leben für sich allein nicht gibt. Dass dazu nicht nur die eigene Gemeinschaft gehört, sondern auch der „Horizont planetarischer Verantwortlichkeit“. Denn wenn wir unseren Planeten ruinieren, nur um selbst in einem unsinnigen Wohlstand zu schwelgen, zerstören wir die lebendige Zukunft unserer Kinder und aller nachfolgenden Generationen.

Zeit für eine Revision

Deswegen geht Hoffmann auch auf das konfliktreiche Begriffspaar Freiheit und Verantwortung ein. Und zeigt eben, dass es eine Freiheit ohne Verantwortung nicht geben kann. Dass wir tatsächlich erst frei sind, wenn wir uns unserer Verantwortung stellen – den Kindern gegenüber, den Mitmenschen, aber auch uns selbst.

Und es führt eben kein Weg daran vorbei, auch die gesellschaftlichen Vorstellungen von Glück und Wohlstand zu revidieren. Wenn Politik nicht mehr das Gemeinwohl zum Ziel hat, ist sie längst auf dem Holzweg. Ganz zu schweigen vom Verlust von Sinn in einer Politik, die völlig ratlos im Nebel stochert und nicht verstehen will, dass das eigentliche Ziel aller Politik die Ermöglichung von sinnerfülltem Leben sein muss.

Und so liest sich eine der letzten Passagen im Buch wie eine Gardinenpredigt für derart selbstvergessene Politiker: „Nicht Kontrolle, Haltung ist verlangt: sich selbst zu begreifen als Mitgestalter eines Lebens, in dem das Gute, das Wahre und das Sinnvolle einen Platz haben dürfen. Diese Haltung verlangt Mut zur Wahrheit, zur Differenz, zur Begrenzung – und sie setzt Tugenden voraus, die heute als unzeitgemäß gelten: Geduld, Maß, Verantwortung, Reflexion.“

Da suche man mal auch nur einen Politiker, der das verkörpert. Und man ahnt, welche Verwüstung 40 Jahre Neoliberalismus nicht nur in der Politik angerichtet haben, sondern auch in unserer Vorstellung von einem gelingenden Leben.

Oliver Hoffmann „Glück ist nicht genug“ Reclam Verlag, Ditzingen 2026, 25 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar