Wikipedia schlägt als Übersetzung des 2022 erschienenen Titels des polnischen „Wymyślone miasto Lwów“ von Ziemowit Szczerek „Die ausgedachte Stadt Lwów“ vor. Google empfiehlt ein „Die imaginäre Stadt Lemberg“. Heute heißt die Stadt in der Westukraine Lwiw. Eine Stadt mit vielen Namen, die von Wechselfällen erzählen, die auch im europäischen Osten dieserart etwas Besonderes sind. So wie die Stadt auch heute noch etwas Besonderes darstellt, nicht nur, weil sich Ziemowit Szczerek hier genauso heimisch fühlt wie in Krakow.
Das hat mit seiner Familiengeschichte zu tun. Auch mit dem langen Kapitel eines polnischen Lwów. Noch heute fühlen sich viele Polen mit dieser Stadt verbunden, aus der sie oder ihre Vorfahren zumeist ab 1944 vertrieben wurden, als Stalin den europäischen Osten komplett neu definierte, Galizien der ukrainischen Sowjetrepublik zuschlug und das neu entstandene Polen dafür Pommern, Ostpreußen und Schlesien bekam.
Das klingt jetzt erst einmal nach trockener Geschichte. Oder nach einem der Vertriebenenromane, die es aus der Feder deutscher Vertriebener ja in Stapeln gibt. Aber wer Szczereks Roman „Sieben“ oder „Mordor kommt und frisst dich auf“ gelesen hat, weiß, dass Ziemowit Szczerek mit einem Augenzwinkern und viel Hintersinn auf die osteuropäische Geschichte schaut.
Er weiß, dass es den Polen in den jüngeren Zeitepochen nicht viel anders ging als den Ukrainern. Von den Juden ganz zu schweigen, die das Leben im alten Lemberg einst prägten und dann im Holocaust der Nazis, die Lwów 1941 besetzt hatten, ermordet wurden.
Eine Stadt voller Vergangenheit
Lemberg ist in Vielem heute eine Stadt der Vergangenheit, voller Erinnerungen und Leerstellen, denen Ziemowit Szczerek auf seine gewohnt lockere Art nachspürt. Mit allen Sinnen. Denn in Lwiw entdeckt er auch etwas wieder, was ihm aus Krakow nur zu vertraut ist. Beides sind Städte, die einst zur Habsburger Monarchie gehörten und architektonisch, kulturell und atmosphärisch auch von der k.u.k.-Monarchie geprägt wurden.
Es ist ein Gefühl, das Ziemowit Szczerek da beschreibt. Und das ihm das ganze einstige Reich Kakanien vertraut sein lässt, egal, wo er hinkommt. Es ist die Stadtstruktur. Es ist die Architektur all jener Häuser, die sowohl Weltkrieg als auch sowjetische Tristesse überlebt haben.
Als Ziemowit Szczerek nach 1990 erstmals nach Lwiw kam, war es eine heruntergekommene, graue Stadt. Scheinbar ohne Flair, teilweise dominiert von den brutalistischen Wohnklötzen aus der Sowjetzeit. Die einstige polnische und jüdische Bevölkerung, die die Stadt geprägt hatte, war verschwunden.
Und so recht konnte sich auch der junge Journalist damals nicht vorstellen, dass diese Stadt jemals wieder Farbe bekommen würde (von weiß gestrichenen Bordsteinen und Baumstämmen abgesehen), gar wieder Leben und Zukunft. Erst recht, weil sie in einem Teil der Ukraine lag, der jahrhundertelang Spielball der großen Mächte war.
Es ist das alte Galizien, das einst zu Polen gehörte, in der ersten Polnischen Teilung dann aber selbst geteilt wurde. Der östliche Teil mit Lemberg kam zu Österreich.
Kakanische Erinnerungen
Natürlich erzählt Szczerek auch von den heutigen Träumen einiger Akteure in der Stadt, die versuchen, diesen kakanischen Teil der Geschichte wieder lebendig zu machen. Während andere ihre Identifikation bei Stepan Bandera suchen. Oder gesucht haben. Denn natürlich hat Szczerek auch ein Gespür für den östlichen Nationalismus.
Auch das teilen ja die Ukraine und Polen: eine lange Geschichte der Unselbstständigkeit, von den Großmächten okkupiert, ihre Identität über Jahrhunderte geradezu ausgelöscht. Woran also anknüpfen, als sich nach 1990 endlich eine Tür auftat, eine eigene Nation zu gründen, die sich von der Vormundschaft insbesondere des raffgierigen Russlands abgrenzte?
Das passiert – wie ja auch die Deutschen wissen – selten über die großen Schriftsteller und Dichter der Nation. Viel eher über meist sehr widersprüchliche Politiker. Dabei war Lemberg (nicht nur in der Österreicherzeit) immer auch eine kulturell lebendige Stadt. Auch weil hier Polen, Juden, Ukrainer und Deutsche lange Zeit friedlich miteinander lebten. Bevor die Pogrome und Vertreibungen des 20. Jahrhunderts die Stadt völlig veränderten und zu einem radikalen Bevölkerungsaustausch führten.
Aber Szczereks immer neue Ausflüge über die Grenze, die in weiten Teilen heute identisch ist mit der legendären Curzon-Linie, haben nichts mit Wehmut zu tun. Mit Sehnsucht schon eher. Auch wenn er den in jüngster Zeit wieder gepflegten Galizien-Mythos mit Lust am Demontieren hinterfragt. Und das nicht nur als stiller Beobachter.
Er redet mit den Leuten, bittet auch die Schwergewichte zum langen Interview – so wie den Bürgermeister Andrij Sadowyj, mit dem er vom Balkon des Rathauses über den frisch aufpolierten Marktplatz schaut.
Alles Sowjetische
Mit dem ukrainischen Autor Juri Andruchowitsch taucht er in langen Gesprächen ein in die Lemberger Geschichte und die Tücken des neuen, alten Galizien-Traums. Und natürlich spricht er mit ihm über das Trauma, das nach 1990 über dem ganzen Land lag. Vielleicht war es auch eine Depression, eine Traum- und Hoffnungslosigkeit, die der praktizierte russische Sozialismus auch über Lemberg legte.
„Mein Großvater war in Lemberg zu Zeiten der galizischen Autonomie geboren (also im Habsburgerreich), und er verabscheute alles Sowjetische; mein Vater war im polnischen Lwów geboren, auch er mochte nichts Sowjetisches; ich bin im sowjetukrainischen Lwiw geboren, und ich mochte das Sowjetische auch nicht. Nichts, was in diese Zeit gehörte. Das Sowjetische war ein ästhetisch unattraktives Übel, proletarisch-dörflicher Doktrinarismus, der Lwiw in die Katastrophe geführt hatte.“
Da kommt der Gonzo-Erzähler wieder durch, der Szczerek ja auch bei seinen Spaziergängen und Kneipenbesuchen in Lwiw bleibt. Geboren ist er ja offiziell in Radom. Aber warum nicht: Warum sich nicht mit allen Sinnen eine Stadt zur Geburtsstadt machen, in der man sich – je öfter man hinkommt – immer heimischer fühlt? In diesem Fall auch zuschauen kann, wie die in sowjetischer Tristesse erstarrte Stadt über die Jahre immer mehr aufblüht und auch die neu Zugezogenen sich eingehend mit der Lemberger Geschichte beschäftigen, sie umdeuten und aneignen.
Nach Westen
Denn durch die Habsburgergeschichte ist Lemberg auch ein Teil vom westlichen Europa geworden. Und trug nach 1990 wesentlich dazu bei, dass sich die Ukrainer nach Westen orientierten. Und man bekommt eine Ahnung, warum das so ist. Warum gerade die westliche Offenheit und Toleranz so attraktiv ist.
Es ist eine Stelle, an der man sich wünscht, es gäbe auch in deutschen Landen mehr Gonzo-Journalismus, mehr unverblümte Begeisterung für das blanke, quirlige Leben. Und mehr Verachtung für die nationalistische Steifnackigkeit, die eigentlich nur eine einzige Wurzel hat: die Verachtung anderer Menschen, die nicht so sind wie die selbstgerechten Eingeborenen.
Wie idiotisch das ist, stellt Szczerek fest. „Und dass wir doch wählen können sollten, wo wir uns zugehörig fühlen. West oder Ost. Und ich wähle den Westen, weil er für mich menschlicher ist, sich auf für meinen Geschmack reifere Prinzipien stützt, und weil ich Teil davon sein will und nicht Teil des viel brutaleren und ungemütlicheren Ostens.“
Der Krieg
Worte, die natürlich einen Hallraum haben, den Szczerek im letzten Kapitel „Der Krieg und Lwiw“ thematisiert. Denn am 25. Februar 2022, als Millionen Ukrainer verzweifelt Richtung Polen flohen, fuhr Szczerek in die Gegenrichtung, in sein geliebtes Lwiw, und erlebte die Stadt nun im Ausnahmezustand, einige Tage später auch erstmals als Ziel russischer Bombenangriffe – in diesem Fall noch auf den Flughafen.
Aber er erlebte auch ein Phänomen, das es so ähnlich auch in Kyjiw gab: Zwar prägten Luftalarme den Alltag zunehmend – aber die Bewohner der Stadt ließen sich dadurch die Freude am Leben nicht nehmen, kehrten zurück in die Cafés und Kneipen. Von den Moskovitern wollen sie sich nicht diktieren lassen, wie ihr Leben zu sein hatte.
Das Buch erschien in Polen tatsächlich schon 2022, und war im Grunde eine einzige Liebeserklärung an die Stadt in der Westukraine. Mit durchaus kritischen Tönen, die sich ein gestandener Journalist einfach nicht verkneifen kann, etwa wenn es um die Monopolisierung der Lwiwer Kneipenszene geht. Aber er nutzt die Ausflüge in die wieder farbenprächtig angemalte Stadt auch, um auf den Spuren eines Autors zu wandeln, der 1921 in diesem damals noch jüdischen Lemberg geboren wurde: Stanislaw Lem, der seine Kindheit in „Das hohe Schloss“ beschrieben hatte.
Ein Erinnerungsbuch, das geradezu einlädt, auf den Spuren des kleinen Lem zu wandeln. Und genau das tut Szczerek und blendet dabei auch immer wieder die Konflikte mit ein, die Lwów/Lwiw in Aufruhr versetzten – vom Pogrom 1918 bis hin zu den Vorfällen um den Euromaidan 2013/2014.
Im Visier
So entsteht – mit den Augen eines zutiefst verliebten Gastes gesehen – ein facettenreiches Bild einer Stadt, die nach den tristen Sowjetzeiten in den letzten Jahren nach ihrer neuen und gleichzeitig alten Identität gesucht hat.
Sich regelrecht neu erfunden hat, wie so viele Städte im Osten, getrieben von der Kreativität junger Leute, die vom ganzen Postsowjetismus einfach nur angeödet waren und der Stadt ein geradezu südländisches Flair zurückgaben, das Lwiw auch auf diese Art in dieser Region einzigartig macht.
Halb in der Imagination einer reichen Geschichte existierend, halb als Mythos einer selbstbewussten Gegenwart. Und Szczerek war ganz bestimmt nicht der einzige, der Anfang 2022 richtig wütend war, als die Russen über die Ukraine herfielen und auch Lwiw ins Visier nahmen.
Ziemowit Szczerek „Lemberg. Eine Vorstellung“ Voland & Quist, Berlin 2026, 24 Euro.
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