Es ist ein reizvoller Ansatz: Was geschah eigentlich im ersten Jahr unserer Zeitrechnung? Also im Jahr Null. Das es gar nicht gab. Das aber, wie ein Anfang, da steht in unserer Zeitrechnung, verknüpft mit der Vorstellung, es habe etwas mit der Geburt von Jesus zu tun. Das kleine Rechenproblem spricht Moritz Aisslinger auch an, bevor er sich ins Getümmel stürzt. Denn leer war die Zeit um das erste Jahr unserer Zeitrechnung ja nicht. Im Gegenteil: Diese Zeit war tatsächlich rappelvoll gefüllt mit historisch bemerkenswerten Ereignissen.
Die auch gut dokumentiert sind. Zumindest für einige Weltgegenden wie das Römische Reich, China und Judäa. Geschichten, die man oft aus den einzelnen Regionalerzählungen kennt. Oder – die ganz Neugierigen – auch aus den Schriften von Horaz, Tacitus, Strabo, Vitruv, Flavius Josephus, der Bibel usw. Aber Geschichte ist ein Teppich, ein Gewebe von Ereignissen, die an unterschiedlichen Orten oft parallel geschehen. Oft völlig disruptiv, unlogisch, unberechenbar. Und selten so eindeutig, wie sie die großen Geschichtsschreiber aufgeschrieben haben.
Was aber passiert, wenn man all die bekannten Puzzlestücke und Daten zusammenfügt, einordnet nach dem Maßstab unseres heute gültigen Kalenders, und dann chronologisch erzählt? Genau das wollte der „Zeit“-Redakteur Moritz Aisslinger einmal ausprobieren. Nicht beschränkt auf das Jahr Null allein. Sondern im Blick über eine ganze Epoche, deren große Ereignisse auch heute noch Stoff für große Filme, Romane und historische Arbeiten bieten.
Und da staunte wohl auch Aisslinger selbst, als er die Daten sortierte und merkte, was in diesem gedrängten Zeitraum vom Jahr 29 vor der Zeitrechnung bis zum Jahr 35 „nach der Zeitenwende“ alles geschah.
Der Strom der Zeit
Ein Zeitstrahl am Seitenfuß zeigt den Lesern stets, wo sie sich gerade befinden. Auch wenn sie keinen der Zeitgenossen danach hätten fragen können, welches Jahr nach christlicher Zeitrechnung eigentlich war. Denn die hat erst über 500 Jahre später der Mönch Dionysius Exiguus zusammengebastelt. Wobei er nicht einmal direkt auf die Geburt des Jesus-Kindes abzielte.
Das dann wahrscheinlich auch schon vier Jahre früher geboren wurde und damit auch in Aisslingers Reise durch ein halbes Jahrhundert Geschichte auftaucht. Eingebettet in die chaotische Zeit nach dem Tod des Herodes und den unüberlegten Strafaktionen eines gewissen Varus, dem man 13 Jahre später im Teutoburger Wald wiederbegegnen wird.
Die römische Welt ist erstaunlich klein, wenn man zuschaut, wie die Statthalter, Heerführer und Kaiser in diesem riesigen Reich herumreisten, das inzwischen am „Mare Nostrum“ lag, „unserem Meer“, wie die Römer es nannten, weil sie alle Länder drumherum beherrschten. In Rom regierte der erste römische Kaiser Augustus, der sich an seinem Lebensende genauso von der Macht korrumpiert zeigt wie Herodes in Judäa und Wang Mang in China. Männer, die einen erstaunlicherweise an die machtbesessenen Männer der Gegenwart erinnern, die in denselben Fallen der Macht landen.
Natürlich steht Rom im Mittelpunkt dieser Vergangenheitsreise. Hier ist die Geschichte am besten dokumentiert, gibt es die dichtesten schriftlichen Überlieferungen, viele mit genauen Zeitangaben, die die Ereignisse datierbar machen. Und damit auch die Überschneidungen der Schicksale. Denn sie lebten ja nicht nur zeitgleich in dieser tatsächlich turbulenten Zeit, sie liefen sich auch über den Weg, waren in die Leben der Zeitgenossen verflochten. Manchmal als Berater und Zeitzeuge gleichzeitig, wie Nikolaus von Damaskus. Manchmal aber auch als Opfer der mächtigen Männer – wie Ovid, der den Rest seines Lebens am fernen Schwarzen Meer verbringen musste.
Von China bis Germanien
Es ist, als würde Moritz Aisslinger die Kamera hin und her schwenken, von einem Sendeplatz zum nächsten umschalten, um die Ereignisse vor Ort nah heranzuzoomen und einzubetten in die große Erzählung. Manchmal mit „Live-Schalten“ ins Partherreich, nach China, Mexiko und in die Maya-Staaten. Streiflichter lassen die künftigen Ereignisse in Britannien ahnen und zeigen den legendären Erfolg des Arminius gegen den in die Falle tappenden Varus.
Streiflichter gelten auch Indien und Nordafrika. Leute wie Augustus und Tiberius könnten dabei zu Helden werden, die ihr Zeitalter überstrahlen. Doch der Nahblick zeigt sie als Männer, die über Leichen gingen, wo es um ihre Macht ging. Und selbst dieser Umgang mit den von ihnen Verurteilten und Verbannten kommt einem erstaunlich bekannt vor.
Kann es sein, dass die machtbesessenen Männer nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte lernen? Dass sie immer wieder dieselben Fehler machen, weil sie glauben, nur Gnadenlosigkeit und Angst wären die Pfeiler ihrer Macht? Das werden zum Teil bedrückende Geschichten, wenn etwa das Schicksal der Kaisertochter Julia oder das der Kaiserenkelin Agrippina erzählt wird. Auch das macht Aisslingers Blick in die Geschichte so lebendig: Er beleuchtet auch die Rolle der Frauen und der Kinder. Zeigt eben auch, wie Kleopatras Tochter Selene zum Spielball Roms wird, aber auch, wie Salome am Königshof des Herodes Unheil stiftet.
Wenn Liebe zum Verbrechen wird
Aber deutlich wird eben auch, warum diese Zeit um das Jahr Null so dicht gepackt war mit Ereignissen, die bis heute nachwirken. Ob das Scheitern der Römer bei der Eroberung Germaniens, ob die Entstehung einer neuen Religion, mit der ein gewisser Saulus zum Paulus wurde, ob das tragische Ende der Ptolemäer-Herrschaft in Ägypten oder die Rebellion der römischen Truppen am Rhein – man ist mittendrin und merkt: Langweilig war diese Zeit gewiss nicht.
Selbst Nachrichten waren schneller unterwegs, als man sich das vorstellt, in einer Zeit ohne Zeitungen, Fernsehen und Smartphones. Selbst der verzweifelte Ovid in seiner Verbannung schickte Brief um Brief nach Rom, wo er seine großen Erfolge geschrieben hatte. Nur das Thema seiner Bücher passte dem Kaiser nicht. Denn autoritäre Zeiten sind auch empathielose Zeiten. Wer da von freier Liebe schwärmt, erzürnt den obersten Sittenwächter.
Auch das ist etwas, was einen an die Gegenwart und die erzkonservativen Moralisten erinnert, die öffentlich Wasser predigen und freie Geister verdammen. Heimlich saufen sie dann Wein. Man merkt schon: Aisslinger, der auch Geschichte studiert hat, hat die Quellen und viele Arbeiten moderner Historiker gegen den Strich gelesen, den ganzen Schmonzes an Herrscherverherrlichung abgekratzt und die tatsächlichen Taten der Mächtigen herausdestilliert. Das, was auf den Ruhmesäulen meist nicht zu finden ist, womit sie aber ihre Gegenwart und nicht selten auch ihre eigene Familie in Angst und Schrecken versetzt haben.
Veränderte Perspektive
Da wird dann verständlicher, warum ein junger Prediger in Galiläa eine andere Haltung zu Gott und Moral zu predigen begann, seine Jünger völlig verwirrte und trotz seines Todes am Kreuz die Weltgeschichte veränderte. Und eben jenen Saulus, der auf dem Weg nach Damaskus begriff, was eigentlich an dieser neuen Sekte so Weltumstürzendes war, dass die neue Lehre nicht nur die Juden ansprechen sollte. Es ist die Veränderung der Perspektive, die im Grunde auch Aisslingers Erzählung bestimmt.
Denn wenn man die Taten der Mächtigen nicht aus der Position der historischen Verklärung erzählt, sondern eher aus der Position derer, die ihren Missmut auf sich gezogen haben, dann wird tatsächlich erst sichtbar, wie gnadenlos und rücksichtslos sie Politik betrieben.
Selbst dann, wenn sie – wie Wang Mang – das chinesische Reich in eine Art Ur-Sozialismus reformieren wollten. Ein Experiment, das auch damals scheiterte – nicht nur an der Überschwemmungskatastrophe des Gelben Flusses, sondern auch an den Verzerrungen der Macht, die auch Wang Mang den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren ließen.
Und mittendrin begegnet man einigen der berühmtesten Autoren der Zeit – von Vergil bis Ovid. Die römische Elie war bestens versorgt mit guter Literatur – auch wenn diese dem Kaiser aus verlogenen Moralgründen nicht passte. Und am Ende beginnt auch noch Seneca seine Karriere und der junge Nero taucht auf. Die Geschichte geht weiter. Sie endet nicht.
Auch das schafft Aisslinger mit seiner Geschichtsrekonstruktion: Geschichte zu zeigen wie einen großen breiten Fluss, in dem die Personen, Ereignisse und Orte ineinandergreifen. Sehr stark konzentriert auf das Römische Reich. Man ahnt zumindest, dass da auch in den anderen Weltregionen Geschichte abrollte, die Wirkungen bis in die Gegenwart haben sollte. Bis hin zu den Bootsbauern in Ozeanien, die sich wagemutig immer wieder auf die Suche nach neuen Inseln begaben.
Moritz Aisslinger „Im Jahr Null“ Propyläen/Ullstein, Berlin 2026, 25 Euro.
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