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Wie schreibt man über Russland und die Russen – mitten im Krieg? Wo schon die Verwendung des Wortes „Krieg“ dort verboten ist und Ausländer bereits bei der Einreise kritisch beäugt werden? Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad hat sich 2022, gleich nach Putins Start der „Spezialoperation“, dennoch gesagt, dass man genau das erzählen muss. Hinfahren und mit den Menschen sprechen. Keine Nachrichten aus dritter Hand. Erst da wird Journalismus wirklich zu Journalismus: wenn man selbst hinfährt und mit den Menschen spricht.

Das hat sie ab 2022 mehrfach getan. Dieses Buch erzählt davon auf 600 Seiten. Kompakter kann man derzeit keine Innensicht Russlands bekommen. Bis nach Sibirien führten sie ihre Reisen, in jenes Dorf in der Taiga, in dem Andrej aufwuchs, dem das ganze erste Kapitel gewidmet ist. Andrej schaffte es in Norwegen zu einiger Berühmtheit, denn mitten im Winter überquerte er die – von russischer Seite – stark gesicherte Grenze zwischen Russland und Norwegen, um dort Asyl zu beantragen.

Da lag schon eine monatelange Flucht hinter ihm, denn er war aus einem der Wagner-Verbände geflohen, die in den ersten Monaten der von Putin gestarteten Vollinvasion der Ukraine eine zentrale Rolle spielten, als der erste Versuch der russischen Armee, Kyjiw binnen drei Tagen zu erobern, so kläglich gescheitert war und aus der Operation ein langwieriger Versuch wurde, die Ostukraine in Besitz zu nehmen.

Zeiweilig waren die Wagnertruppen hier die Elite, die den Vormarsch mit brutaler Härte erzwang. Auch und gerade mit Brutalität gegen die eigenen Leute. Es war nicht Andrejs erster Krieg. Doch dieser drohte für ihn zu einem unendlichen Krieg zu werden, aus dem es nur noch einen Weg heraus gab – im Leichensack.

Ein russischer Soldat

Aber Åsne Seierstad wollte mehr von ihm wissen, ließ sich seine komplette Lebensgeschichte von ihm selbst erzählen mit der Kindheit in jenem Dorf in Sibirien, dem tragischen Tod seiner Mutter und den brutalen Erziehungsmethoden seines Vaters. Sie wollte verstehen, warum sich einer wie Andrej sich letztlich bei Wagner verpflichtete, nachdem er schon zuvor ein paar Mal in der russischen Armee gedient hatte, 2014 sogar bereits in der Ostukraine, als Putin erst die Krim annektieren ließ und dann seine Soldaten in Donezk und Luhansk einrücken ließ.

Eigentlich hatte Andrej genug vom Krieg. Aber ihm gelang es nie, wirklich einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Und damit war er nicht der einzige. Was Andrej mit seinem Vater erlebte, war keine Ausnahme, eher typisch für das Verständnis russischer Väter von einer „richtigen“ Erziehung. Man fühlt sich mit Åsne Seierstad geradezu versetzt in eine Welt, die man aus der russischen Literatur seit 200 Jahren kennt, aus der klassischen von Tschechow und Dostojewski genauso wie der sowjetischen. Als hätte sich an der Tragik dieses Riesenlandes trotz aller Revolutionen nie etwas geändert. In der Provinz schon mal gar nicht.

Als wären Menschen tatsächlich nichts anderes als „tote Seelen“, um einmal Gogol zu zitieren. Verfügungsmasse für eine drakonische Macht, die die Menschen, die nicht parierten, in gnadenlose Straflager steckte. Worüber Anton Tschechow ja schon 1890 in seinem Reisebericht „In Sibirien“ schrieb.

Den Åsne Seierstad natürlich erwähnt. Denn der berührt auch die Gegend, in der Andrej aufwuchs, wo aber auch Stalin einst im Straflager steckte, bis ihm die Flucht durch die Taiga gelang. Ja, just der Stalin, der dann in den 1930er Jahren Millionen Menschen erschießen ließ und in die sibirischen Lager verbannte.

Das Russland-Bild der Propaganda

Åsne Seierstad kennt ihr Russland. Hier hat sie in den frühen 1990er Jahren auch studiert, als unter Jelzin alles möglich schien – sogar ein neues, demokratisches, freies Russland. Ein Russland, wie es noch heute in den Köpfen etlicher westlicher Politiker herumspukt, die nicht wahrhaben wollen, dass Jelzins Nachfolger die Uhr zurückdrehte und eine neue Autokratie errichtete, Wahlen zur Farce machte und von einem neuen Imperium träumte, in dem es keine eigenständige Ukraine geben durfte.

War ja nur russisches „Grenzland“, habe immer zu Russland gehört, so die Thesen, die sich – wie Åsne Seierstad immer wieder erfährt – in den Köpfen der meisten Russen festgesetzt haben. Denn diese Erzählung lief ja spätestens seit 2014 auf allen Kanälen, während sämtlich unabhängigen Medien in Russland nach und nach zum Schweigen gebracht, Journalisten einfach zu „ausländischen Agenten“ erklärt wurden.

Åsne Seierstad hat auch Kontakt zu den letzten noch unabhängigen Journalisten in Russland aufgenommen, den Unentwegten von der „Nowaja Gaseta“, die wenig später auch ihre so tapfer verteidigten Redaktionsräume verloren. Gestürmt von den Agenten des FSB. Da hat sie – wie Åsne Seierstad schreibt – die Seite gewechselt, nachdem ihre bisherigen Reisen vor allem dazu dienten, die „gewöhnlichen“ Russen zu sprechen und zu porträtieren, ihr Leben zu beschreiben, ihre Träume, ihre Haltung zum Krieg, der zwar irgendwo fern tobte, aber noch nicht – wie 2026 – mit ukrainischen Drohnen ins Heimatland des Krieges zurückgekehrt war.

Sie beschreibt die unübersehbare Armut in der sibirischen Provinz, spricht mit Andrejs Lehrern, macht seinen Vater ausfindig, der zwar seine brutalen Erziehungsmethoden verharmlost, aber trotzdem nicht versteht, warum Andrej wieder in den Krieg gezogen ist.

Der kalte Atem der Mächtigen

Sie trifft viele liebenswerte Menschen, auch Andrejs Schwester und Tante, lernt herzerwärmende Gastfreundschaft kennen und bricht diese Art, Russland verstehen zu wollen, erst ab, als ihre gewünschten Gesprächspartner auf einmal anfangen, Termine zu verschieben oder ganz abzusagen. Als wäre alles gesagt. Oder als hätten sie inzwischen alle eine Warnung bekommen. Die Behörden scheinen Åsne Seierstads Vorhaben, ein Buch über die russische Gesellschaft zu schreiben, immer argwöhnischer zu beobachten. Und im vom Geheimdienst FSB durchherrschten Riesenreich bedeutet das nichts Gutes.

Das ist der Moment, in dem Åsne Seierstad „die Seiten wechselt“, wie sie es bezeichnet, und – nach Moskau zurückgekehrt – Termine mit denen macht, die die Kreml-Politik kritisieren. Und das sind nicht nur die Journalisten der „Nowaja Gaseta“, es ist auch eine Ärztin, die sich mutig dafür einsetzt, dass die Männer aus dem Krieg zurückkommen, ein Mitglied der Jabloko-Partei, der längst wie ein Staatsfeind behandelt und – nach dem Ende von Åsne Seierstads Recherche – tatsächlich verhaftet wird.

In Putins Russland muss sich niemand erst schuldig machen, um kriminalisiert und mit fadenscheinigen Argumenten zu jahrelanger Haft verurteilt zu werden. Und dann – wie Alexej Nawalny – im Lager zu Tode zu kommen. Wahrscheinlich vergiftet, auch wenn sich die Behörden bemühten, die möglichen Beweise für diesen Tod zu beseitigen. Auch dieser Todesfall kommt in diesem Buch vor, genauso wie der Marsch der Wagner-Truppen 2023 in Richtung Moskau – als sich die Autorin gerade auf der Fahrt von Moskau nach St. Petersburg befand – und der Tod ihres Anführers Jewgeni Prigoschin.

Ein Krieg, der nicht enden darf

Alles Vorgänge, die fast schon vergessen sind, während der Krieg in der Ukraine einfach kein Ende nahm und immer mehr junge Männer gerade aus den russischen Provinzen verschlang, während in Moskau das Leben scheinbar ungestört weiterlief. Als wäre Moskau eine andere Welt. Und während Åsne Seierstad drei Jahre lang – bis zum Herbst 2025 – immer wieder nach Russland reiste, um weiteres Material für ihr Buch zu sammeln, ging Andrejs Geschichte in Norwegen weiter, wurde der durch Kindheit und Krieg geprägte Flüchtling immer wieder straffällig und zerstörte damit alle seine Chancen, in Norwegen Asyl zu bekommen.

Zu Åsne Seierstad hatte er seit ihren ausführlichen Gesprächen Vertrauen, telefonierte mit ihr auch auf ihren Reisen in seine sibirische Heimat. Aber man spürt, dass er von seiner Lebensgeschichte nicht wegkam, vielleicht auch unter dem Kriegstrauma litt und wahrscheinlich zu Recht wütend war, dass er keine psychologische Betreuung bekam. Es ist ein Einzelschicksal. Aber es trifft auf tausende Menschen zu, die aus den Kriegsgebieten der Erde nach Europa geflüchtet sind. Und auf alle Kriegsheimkehrer in Russland ohnehin.

Längst ist der Krieg selbst zu einer Falle für den Machthaber im Kreml geworden, denn die traumatisierten und brutalisierten Soldaten mit einem Friedensschluss einfach wieder ins Land zu lassen, wäre der Schlüssel für eine Höllenentwicklung. Russland würde selbst in Gewalt ertrinken. Ohne den Gezeichneten eine Zukunftsperspektive bieten zu können.

Selbst der Hochschuldozent Lukjanow, der die manipulative Politik des Kremls sogar gutheißt, sagt im Gespräch mit der Autorin: „Was wird passieren, wenn hunderttausende gebrochene Männer aus dem Krieg nach Hause kommen? ‚Ihr seid Helden, vielen Dank für euren Einsatz, und jetzt geht dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid.‘ Dann kehren sie in die ‚Tiefe‘ zurück. (…) Ob sie dann das elende Leben akzeptieren, nach allem, was sie geopfert haben? An Blut und an Gliedmaßen?“

Der Wert eines Menschenlebens

Und so werden die Soldaten auch nicht entlassen. Maria, die Ärztin, erlebt es mit ihrem eigenen Mann. Nicht einmal der psychische Zusammenbruch reicht aus, um den Mann endlich wieder ins zivile Leben zurückzuholen. „Als Maria nach ihrem ersten Besuch nach Hause kam, schrieb sie zwei Sätze in ihren Blog: Wir müssen uns darauf besinnen, dass nichts wertvoller ist als ein Menschenleben. Individualität ist die Grundlage für eine gesunde Gesellschaft.“

Dieses Wissen ist, so merkt Åsne Seierstad immer wieder, nicht ganz verloren gegangen. Auch nicht in den vernachlässigten Provinzen, die noch immer so arm sind wie in Sowjetzeiten.

Ein letzter Grenzübertritt wird für Åsne Seierstad zur Warnung, dass sie im Fokus des Geheimdienstes steht. Ein „Gespräch“ bei der Einreise wird zu einem stundenlangen Verhör. Am Ende geht es um Andrej, der mit seiner Angst, dass ihn bei einer Rückkehr nach Russland der Tod erwartet, wohl recht hat. Letztlich ist es seine Geschichte, die in diesem Buch dominiert. Und am Ende mit Fragezeichen endet, weil Norwegen ihm kein Asyl gewähren wird.

Das Lächeln der Freiheit

Dass es auch andere Soldatenschicksale gibt, wird ganz zum Schluss am Beispiel von Stanislaw deutlich, der nach Kriegsausbruch in die Ukraine gegangen ist, um sich der ukrainischen Armee anzuschließen. Auch weil er in den sozialen Netzwerken gesehen hat, dass die Bilder aus dem Westen so überhaupt nicht mit der russischen Propaganda übereinstimmen. Dass die Menschen dort glücklicher wirken, regelrecht lächeln, während er in Russland nur verschlossene, verbitterte Mienen sah.

„Dem Kreml sind Menschen egal“, sagt er. „Den einfachen Leuten Gutes zu tun, steht nicht auf der politischen Agenda, verstehst du?“

Aber da hat Åsne Seierstad Russland schon endgültig verlassen, weiß, dass sie in dieses Russland nie wieder wird zurückkehren können. Ein Glas Honig rettet ihr am Ende auch noch eine kritische Situation beim Zoll. Noch einmal hat sie Glück und kann ihre Geschichte zu „Russland von innen“ erzählen, die von Anja Lerz erstaunlich schnell ins Deutsche übersetzt wurde.

Ein Zeitbild und das Bild eines Russlands, in dem zwar im ganzen Land die Rekrutierungsplakate hingen, der Krieg aber noch weit weg war. Auch wenn er schon über drei Jahre dauerte und hunderttausende junger Russen verschlungen hatte. Und weiter verschlingen würde, weil sich der Machthaber im Kreml nun auch vor den heimkehrenden Soldaten fürchtete. Aber heimkehren würden sie nur, wenn dieser Krieg einmal enden würde. Eine Hoffnung, die fast alle Gesprächspartner von Åsne Seierstad äußern.

Während in den sibirischen Dörfern die Soldatenfriedhöfe wachsen und in den Schulen die Bilder der getöteten einstigen Schüler hängen. Und in Karelien ein ehemaliger russischer Offizier die Gebeine der Soldaten einsammelt, die hier im Zweiten Weltkrieg getötet wurden. Jahrzehntelang einfach „vergessen“. Und der Sohn des Mannes sich freiwillig für den Krieg in der Ukraine meldet und von einer Drohne getötet wird.

Åsne Seierstad „Der Krieg ist anderswo“ Hanser Verlag, München 2026, 32 Euro.

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