Es ist ein verstörendes Buch, das Gisela Graichen und Matthias Wemhoff diesmal gemeinsam geschrieben haben – Graichen als eine der versiertesten Autorinnen im Themenfeld Geschichte und Archäologie, Wemhoff als Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, außerdem Landesarchäologie von Berlin. Er plant eine große Ausstellung zu Dschingis Kahn. Anlass: Der Tod von Dschingis Khan vor 800 Jahren im Jahr 1227. Aber was hat der Mongolenführer ausgerechnet mit Deutschland und Berlin zu tun?

Hier liegt das Verstörende. Und die meisten Schülerinnen und Schüler erfahren es in ihrem Geschichtsunterricht nie, weil es zu lange her ist, scheinbar nur ein Streiflicht der europäischen Geschichte, dass die Mongolenheere im Jahr 1241 bis nach Mitteleuropa vordrangen, Ungarn und Schlesien überrollten, ganze Ritterheere auslöschten und in Europa Panik und Schrecken auslösten. Denn nichts schien sie aufhalten zu können. Und wo sie auftauchten, brachten sie Tod und Zerstörung.

Sie metzelten nicht nur die Heere der christlichen Fürsten nieder, sie brannten die eroberten Städte ab und ermordeten auch gleich noch die gesamte Bevölkerung. Wo sie gewütet hatten, blieb nur noch verbrannte Erde, übersät mit den Leichen der Getöteten. Und auf einmal steckt in diesen 800 Jahre zurückliegenden Ereignissen ein Blitzlicht auf die Gegenwart, das Graichen und Wemhoff nach ihrer Reise durch das Leben Temüdschins auch ansprechen.

Denn wenn man den Aufstieg des verwaisten jungen Mannes zum Khan der Mongolen verfolgt und seine brutale Radikalität beim Aufbau eines bis dahin nie gesehenen Imperiums, dann wird man an zumindest einen Krieg der Gegenwart erinnert. Und das nicht zufällig.

Imperiale Entgrenzung

Denn zur Geschichte gehört auch, dass die Geschichte Kiews und Moskaus aufs Engste mit dem Einfall der Mongolen verstrickt ist, der letztlich dazu führte, dass die alte Kiewer Rus in Flammen aufging und das unbedeutende Moskau zur Hauptstadt eines neuen Reiches wurde, das den Gedanken imperialer Größe direkt von den Mongolen und der Goldenen Horde übernommen zu haben scheint.

Samt der völligen Entgrenzung, die die benachbarten Völker und Reiche immer nur als Objekte betrachtet hat, die es zu erobern und zu beherrschen gilt. Das scheint so tief in die russische Matrix eingeschrieben, dass man die Ursprünge dieser imperialen Entgrenzung tatsächlich bei Dschingis Khan und seinen Enkeln vermuten mag.

Aber das skizzieren Graichen und Wemhoff nur. Denn sie wollten vor allem etwas zeigen, was in der deutschen Geschichtsschreibung kaum erwähnt wird. Und wenn, dann oft nur in regionalen Zusammenhängen – etwa der frühen Geschichte der Mark Meißen, die nach dem unheilvollen Sieg Batu Khans (eines Enkels von Dschingis) bei Liegnitz im Jahr 1241 mitten im Sturmwind der mongolischen Reiterscharen zu stehen schien.

Graichen und Wemhoff betonen zwar die kurze Distanz von Liegnitz, wo das schlesische Heer von Batu Khans Reitern komplett ausgelöscht wurde, bis nach Berlin – gerade einmal 230 Kilometer, kaum mehr als zwei Tagesmärsche für die Reiterhorden. Aber in die Mark Meißen wäre der Weg noch kürzer gewesen. In den sächsischen Städten und Dörfern befürchtete man das Schlimmste.

Denn gleichzeitig standen die Mongolen dicht vor Wien. Und keines der schwerfälligen Ritterheere der Zeit hatte gegen die mongolischen Reiter mit ihren tödlichen Kompositbögen bislang bestehen können.

Der Aufstieg eines Waisenjungen

Da wollten Graichen und Wemhoff schon genauer wissen, wer dieser Dschingis Khan eigentlich war, der eigentlich nach der Ermordung seines Vaters vogelfrei war, ein Ausgestoßener, der im Gerangel der mongolischen Stammesfürsten eigentlich nur erwarten konnte, dass er bei nächster Gelegenheit hingemetzelt würde.

Es war eine gnadenlose Welt, in der er aufwuchs und sich nach und nach eine Position aufbaute, in der er nicht nur zu einem der gefürchtetsten mongolischen Khane aufstieg, sondern auch die zersplitterten und meist verfeindeten Mongolenstämme in vielen Kämpfen und Gemetzeln zu einer Einheit zwang, die sie vorher nicht gekannt hatten.

Dass er dabei keine Skrupel kannte, ganze besiegte Stämme auszulöschen, davon erzählen etliche der schriftlichen Überlieferungen, die vom Aufstieg Temüdschins zum Dschingis Khan, dem Khan aller Khane, erzählen.

Diesen Erzählungen folgt dieses Buch in weiten Teilen, da sie sich größtenteils ergänzen und bestätigen. Beobachter aus den unterschiedlichsten Regionen Asiens und des Mittleren Ostens hielten die auch für ihre Zeit atemberaubenden Ereignisse fest, hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Entsetzen. Denn so wie Temüdschin mit den verfeindeten Mongolen-Stämmen umgegangen war, so ging er nun auch mit all jenen Völkern um, die zu den nächsten Zielen seiner Heerzüge wurden.

Denn mit der Einigung der Mongolen gab er sich nicht zufrieden. Er fiel mit seinen Reiterscharen in China ein, überrollte die Kaukasusvölker, und nichts schien diese zu einer straffen Reiterarmee formierten Mongolen aufhalten zu können.

Und gleichzeitig schuf er ein Riesenreich, das vom Pazifik bis zum Kaspischen Meer reichte – unter seinen Enkeln dann sogar bis nach Ungarn und Polen. Ein Reich, in dem der Handel florierte. Die chinesische Seidenstraße führte mitten hindurch und brachte die begehrten Waren Asiens bis ans Mittelmeer, wo besonders die Italiener von dieser verlässlichen Handelsroute profitierten.

Die zwei Gesichter des Dschingis Khan

Beides liegt eng beieinander – die gnadenlose Brutalität, mit der Dschingis Khan und seine Enkel das Reich immer weiter vergrößerten – und gleichzeitig die Staatskunst des schreibunkundigen Dschingis Khan, der sich die besten Handwerker und Ratgeber direkt aus den eroberten Provinzen kommen ließ und von ihnen lernte, einen für seine Zeit erstaunlich modernen Staat zu schaffen – samt einer Art Hauptstadt, die er im Herzen der Mongolei aus dem Boden stampfen ließ.

Heute graben Archäologen die Reste dieser legendären Stadt Karakorum aus. In der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar ist das Nationalmuseum nach Dschingis Khan benannt. Professionell wird dort gezeigt, was man an Spuren und Artefakten zum Reich Dschingis Khans gefunden hat. Etliche der dort gesammelten Fundstücke wird man auch in Berlin sehen, wenn es dort die große Dschingis-Khan-Ausstellung gibt.

Auch wenn die Berliner Ausstellung natürlich den Fokus verschieben wird und stärker die Widersprüchlichkeit des Mannes zeigen wird, der seine Feldzüge vor allem deshalb gewann, weil er mit gnadenloser Härte gegen die Unterlegenen vorging. Entsetzen lähmt.

Und gleichzeitig ist da der „Fürst des Unermesslichen“, wie es im Untertitel des Buches heißt, der ein für seine Zeit geradezu modernes Staatsgebilde schuf, das auf einmal das bisher so ganz und gar auf sich selbst fixierte Europa mit seiner Kleinstaaterei mit den unermesslichen Weiten Asiens und dem fernen, sagenhaften China verband.

Eine Art frühe Globalisierung, wie Wemhoff und Graichen feststellen. Wobei gerade Wemhoff die Leser immer wieder mitnimmt zu den archäologischen Ausgrabungsstätten, wo die Spuren des einstigen Mongolenreiches ans Tageslicht kommen – ob in der Mongolei selbst, oder in einigen der von den Mongolenscharen verwüsteten Städte und Klöster, wo noch heute die Spuren ihres brutalen Vorgehens aufzufinden sind.

Rettung in letzter Minute

Insgesamt ist das Buch eine notwendige (Wieder-)Entdeckung eines Mongolenherrschers, der mit seinem Aufstieg zu Dschingis Khan und der Verwandlung der zuvor zerstrittenen Mongolen zur effizienten Reiterarmee Angst und Schrecken weit über die einstigen Weidegebiete der Mongolen hinaustrug.

Und dessen Enkel dabei ungebremst bis nach Mitteleuropa vorstießen und nicht nur in der Mark Meißen alle Alarmglocken läuten ließen. Denn gegen diesen Sturm schien kein Kraut gewachsen, keine Waffe geeignet, kein Ritterheer befähigt. Das Entsetzen hallte selbst in Rom und Paris wider.

Was wäre aus Europa geworden, wären die Heere Batu Khans 1241 nicht unverhofft umgekehrt, weil in der fernen Mongolei eine Nachfolge zu klären war? Was hätten sie allein im zerstrittenen und kleinstaatlichen Deutschland angerichtet? Nicht ganz unwichtige Fragen, die heute ihren Widerschein finden in der Diskussion, wie weit der heutige Herrscher im Kreml gehen würde, wenn ihm der Krieg gegen die Ukraine nicht mehr genügt.

Tickt er wie Dschingis Khan? Oder hat er schlicht nicht das Format dieses Mongolenherrschers, der in diesem Buch – so weit das die Quellen hergeben – Gestalt annimmt. Geradezu lebendig wird samt dem Riesenreich, das er schuf und das seine Enkel noch ausbauten. Ein Reich, das am Ende 200 Jahre lang Bestand hatte, bevor es von den Landkarten verschwand.

Gisela Graichen, Matthias Wemhoff „Dschingis Khan“ Propyläen/Ullstein, Berlin 2026, 22 Euro.

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