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Ceuta ist kein Naturereignis. Ceuta ist ein Spiegel. Zehntausende Menschen drängen an Europas Grenze. Viele sind minderjährig. Sie schwimmen um ihr Leben, klettern über Grenzanlagen oder nehmen den Tod in Kauf, um europäischen Boden zu erreichen. Die Schlagzeilen handeln von Grenzsicherung, Militär und Notstandsplänen. Diskutiert wird darüber, wie Europa seine Außengrenzen besser schützen kann.

Die eigentliche Frage wird kaum gestellt.

Warum verlässt ein Mensch freiwillig seine Heimat?

Die offizielle Erklärung für die aktuelle Entwicklung klingt technisch und beinahe beruhigend: Ein Urteil des spanischen Obersten Gerichts könnte Hoffnungen auf ein Bleiberecht geweckt haben. Schleuser hätten Gerüchte verbreitet. Marokko kontrolliere die Grenze möglicherweise weniger streng. Wirtschaftliche Probleme kämen hinzu.

All das mag zutreffen.

Aber wer ernsthaft glaubt, ein Gerichtsurteil oder eine Nachricht auf TikTok bringe zehntausende Menschen dazu, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, verwechselt den Funken mit dem Brand.

Menschen verlassen ihre Heimat nicht wegen Gerüchten. Sie verlassen ihre Heimat, weil sie keine Zukunft mehr sehen.

Wer Krieg erlebt hat, wer Hunger kennt, wer politischer Verfolgung entkommen muss oder seine Kinder nicht mehr ernähren kann, trifft keine freie Entscheidung. Er flieht. Deshalb stört mich die Selbstverständlichkeit, mit der heute fast ausschließlich von Migranten gesprochen wird. Viele der Menschen an Europas Grenzen sind keine Wohlstandssuchenden.

Sie sind Geflüchtete – auch wenn nicht jeder die enge juristische Definition der Genfer Flüchtlingskonvention erfüllt. Die Realität ist oft größer als das Gesetz.

Es sind nicht nur die Marokkaner

Hinzu kommt: Es sind eben nicht nur Marokkaner. Unter den Menschen befinden sich Geflüchtete aus dem Sudan, aus der Sahelzone, aus Konfliktregionen Westafrikas und anderen Krisengebieten. Sie stranden häufig jahrelang in Marokko – ohne Perspektive, ohne Rechte, ohne Zukunft.

Natürlich hat Europa das Recht, seine Außengrenzen zu schützen. Ein Staat muss wissen, wer einreist. Niemand verlangt offene Grenzen ohne Regeln. Diese Debatte ist legitim.

Aber sie wird zur Heuchelei, wenn sie dort endet.

Denn wir diskutieren über Zäune, statt über die Gründe, weshalb Menschen überhaupt vor ihnen stehen.

Europa profitiert seit Jahrzehnten von globalen Wirtschaftsstrukturen, die anderswo Armut produzieren. Wir kaufen T-Shirts für zwei Euro, Smartphones mit Rohstoffen aus Konfliktregionen und Lebensmittel zu Preisen, die nur möglich sind, weil Menschen am anderen Ende der Lieferkette kaum von ihrer Arbeit leben können.

Wir exportieren Waffen in Krisenregionen, schließen Rohstoffabkommen mit autoritären Regimen und reden von einer wertebasierten Außenpolitik. Unsere Regierungen sprechen von Menschenrechten – und schließen gleichzeitig Deals mit Staaten, die diese mit Füßen treten.

Das Wörtchen Verantwortung

Auch die Vereinigten Staaten und Europa tragen Verantwortung für viele der Krisen, deren Folgen heute an unseren Grenzen sichtbar werden. Unter Donald Trump wurde internationale Solidarität systematisch geschwächt und nationale Abschottung zur politischen Leitidee erhoben. Doch die Wahrheit ist unbequemer: Die Ursachen reichen weit über einzelne Präsidenten oder Regierungen hinaus.

Sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger Machtpolitik, wirtschaftlicher Interessen und eines globalen Systems, von dem der wohlhabende Norden über lange Zeit profitiert hat.

Und wir?

Auch wir können uns nicht vollständig aus dieser Verantwortung stehlen. Wir wussten von Kinderarbeit. Von Hungerlöhnen. Von Bürgerkriegen. Von Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken. Wir wussten von Textilfabriken, die einstürzten, von Minen, in denen Kinder seltene Erden fördern, und von den Folgen eines Klimawandels, den vor allem die Industriestaaten verursacht haben.

Weil Wegsehen keine Option ist.

Wir haben all das gesehen!

Und dennoch weiter konsumiert.

Nicht aus Bosheit, sondern weil Wegsehen einfacher ist als Verändern.

Deshalb sind die Menschen in Ceuta keine Bedrohung für Europa.

Sie sind die sichtbare Erinnerung daran, dass unsere Weltordnung Millionen Menschen im Stich lässt.

Sie kommen nicht, um uns etwas wegzunehmen.

Sie kommen, weil ihnen zuvor fast alles genommen wurde.

Sicherheit. Perspektive. Heimat. Würde.

Es geht um Ursachen, nicht um Symptome

Wer heute nur nach härteren Grenzkontrollen ruft, bekämpft Symptome und ignoriert Ursachen. Das mag kurzfristig politisch erfolgreich sein. Moralisch ist es ein Offenbarungseid.

Wir sollten endlich aufhören, den „Flüchtling“ zum Problem zu erklären. Das Problem ist eine Welt, in der Reichtum einerseits und Hoffnungslosigkeit andererseits kein Zufall sind, sondern miteinander zusammenhängen.

Mein Feind ist nicht der Mensch, der erschöpft an Europas Grenze ankommt. Mein Feind sind jene politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die Menschen überhaupt erst dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen.

Und deshalb sage ich den Menschen, die vor Krieg, Elend und Hoffnungslosigkeit fliehen, nicht: „Geht zurück“.

Ich sage auch heute noch: Refugees Welcome.

Nicht, weil Europa alle Probleme der Welt allein lösen kann.

Sondern weil Menschlichkeit ihren Wert genau in dem Moment beweist, in dem sie etwas kostet.

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Es gibt 6 Kommentare

„Die Realität ist oft grösser als das Gesetz.“
Es gibt Gesetze, letztendlich Regeln für das Zusammenleben von Menschen, die innerhalb eines definierten Territoriums leben, welche regelmäßig zum Schutz derer, die sich auf diese Regeln geeinigt haben, existieren und nicht überwunden werden dürfen. Natürlich kann man menschliche Gefühle entwickeln auch aus der Projektion heraus, dass man ja selbst in einem Land hätte geboren werden können, in welchem die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse nicht sonderlich günstig sind. Aber zu glauben, dieses grundsätzliche, globale und immer schon existierende Problem unterschiedlicher Entwicklung, ist dadurch zu lösen, dass alles was kommen möchte auch kommen darf, ist letztendlich verantwortungslos gegenüber sich selbst und den anderen, ja man könnte sogar urteilen, es ist infantil.

In einem Punkt hast du recht: Europa sollte die Ursachen von Migration bekämpfen, statt einfach nur ihre Folgen aufzunehmen. Genau das spricht dafür, Menschen dabei zu helfen, in ihren eigenen Ländern funktionierende Gesellschaften aufzubauen und nicht gerade diejenigen abzuwerben, die über das meiste Geld, die beste Ausbildung, den größten Antrieb und die besten Kontakte verfügen. Ein System das jene belohnt, die es bis nach Ceuta schaffen, hilft den Ärmsten nicht. Sondern, es entzieht ihren Herkunftsländern genau die, die dort dringend gebraucht werden.

Was hier fehlt, sind näturlich die strukturellen Probleme in diesen Ländern selbst. Korruption. Autoritäre Herrschaft. Schwache Institutionen. Mangelhafte Bildung. Fehlende Rechtssicherheit. Gewalt. Regierungen, die sich selbst bereichern, statt ihrem Volk zu dienen. WIR geben enorme Summen aus, um genau diese Bedingungen zu verbessern. Es ist bequem, pauschal „unsere Weltordnung“ verantwortlich zu machen. Unbequemer ist die Erkenntnis, dass stabile Regierungen, Rechtsstaatlichkeit, Handel, Investitionen und Eigenverantwortung genau die Faktoren sind, die Milliarden Menschen aus der Armut gehoben haben.

Rund 800 Millionen Menschen weltweit leben von weniger als drei Dollar am Tag. Sind sie deshalb alle Flüchtlinge mit Anspruch auf einer Zuhause in Europa? Deutschland könnte nicht einmal einen Bruchteil davon unterbringen, finanzieren oder ökologisch verkraften. Grenzen und rechtliche Definitionen existieren, weil Mitgefühl ohne jede Begrenzung keine Politik ist. „Refugees Welcome“ klingt mitfühlend. Solange aber niemand beantwortet, wie viele, welche Menschen und auf wessen Kosten, bleibt es nur ein Slogan.

Persönliches PS.: Sie haben offenbar ein sehr einfaches Bild davon, was so alles geschieht, wenn Menschen auf der Flucht in hoffnungslose Situationen landen oder in diese gesteuert werden.

Der übereilte Schnellschuß, der das Motiv des moralisierenden Artikels wohl war, verkennt völlig den Umstand, dass ja der grösste Teil der so benachteiligten „Flüchtlinge“ wieder nach Marokko zurückgekehrt ist. Wie kommt denn das und vor allem passt das ja nun mal wirklich nicht in den globalisierenden Duktus des Autors.

Den Reigen der Diskussion würde ich mal damit anstossen wollen, dass der Artikel nichts anders ist als ein zusammengeglaubtes Konglomerat von woken und selbstverliebten Plattitüden. Ich zähle mich nicht zu dem generalisierten „Wir“ was im Text so anheimelnd verwandt und von Selbstaufgabe genährt wird. Wer die ganze Welt lieben und verstehen will, liebt und versteht niemanden, nicht mal sich selbst.

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