Vergangene Woche saß ich als ehrenamtlicher Helfer in einer Oberschule in Leipzig in einer Helferkonferenz mit einer Familie, die ich seit längerer Zeit begleite. Der Fall dieses Kindes ist kein Ausnahmefall: Er steht exemplarisch für ein System, das vorhandene Hilfen immer häufiger nicht mehr wirksam zu den Kindern bringt.

Das Kind braucht dringend Unterstützung in der Schule, darüber sind sich alle Beteiligten einig: die Eltern, die Lehrer, die Fachkräfte und sogar das Jugendamt. Und trotzdem bekommt dieses Kind keine Schulbegleitung.

Nicht heute. Nicht nächste Woche. Vielleicht irgendwann.

Während wir Erwachsenen über Teilhabe, Chancengleichheit und Inklusion sprechen, wartet ein Kind seit Jahren auf genau die Hilfe, die ihm gesetzlich zusteht.

Das Absurde daran: In der betreffenden Klasse arbeitet bereits ein Integrationshelfer. Er unterstützt zwei Kinder. Alle Beteiligten trauen ihm fachlich zu, auch das dritte Kind angemessen zu begleiten. Die pädagogische Lösung liegt also direkt vor uns.

Aber sie darf nicht umgesetzt werden. Nicht, weil das Kind die Hilfe nicht braucht. Nicht, weil die Fachkraft überfordert wäre. Nicht, weil die Schule dagegen wäre. Sondern weil das System dafür keine passende Regelung vorsieht.

Für wen ist das System eigentlich da?

In diesem Moment fragte ich mich: Für wen haben wir dieses System eigentlich geschaffen? Für die Kinder oder für die Verwaltung?

Als ehrenamtlicher Helfer begleite ich Menschen in schwierigen Lebenslagen. Ich sehe Eltern, die kämpfen. Lehrkräfte, die am Limit arbeiten. Kinder, die Unterstützung brauchen, um überhaupt an Bildung teilhaben und soziales Miteinander lernen zu können.

Und ich sehe immer häufiger Träger der Eingliederungshilfe, die unter Bedingungen arbeiten müssen, die man in kaum einem anderen Bereich akzeptieren würde. Oft wird der Fachkräftemangel als zentrales Problem benannt. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit und greift zu kurz.

Das eigentliche Problem ist ein Finanzierungssystem, das jede flexible und sinnvolle Lösung bestraft.

Wenn in einer Klasse drei Kinder Unterstützung benötigen, könnte ein erfahrener Integrationshelfer diese Aufgabe häufig deutlich effizienter erfüllen als drei einzelne  Begleitungen mit drei verschiedenen Verwaltungsakten, Dienstplänen, Abrechnungen und Dokumentationen.

Doch statt Ressourcen dort einzusetzen, wo Kinder sie brauchen, produzieren wir Bürokratie. Statt effektive Hilfen zu ermöglichen, verlieren wir uns in Zuständigkeitsfragen  und finanzieren Bürokratie und Verwaltung.

Ein bürokratisches Dilemma

Besonders deutlich zeigt sich das Dilemma in der Schulbegleitung. Die Politik fordert flexible Poolinglösungen und begründet dies mit steigenden Fallzahlen und fehlendem Budget. Doch tragfähige, unbürokratische und deutlich preiswertere Lösungen fehlen und machen jeden Versuch eines zielführenden Poolings zum wirtschaftlichen Roulette für die Träger.

Pooling bedeutet, eine Fachkraft begleitet mehrere Kinder und sorgt dafür, dass Unterstützung dort ankommt, wo sie gerade gebraucht wird. Klingt vernünftig. Klingt plausibel.

Doch tatsächlich wird die Finanzierung von Faktoren abhängig gemacht, die der Träger selbst nicht beeinflussen kann.

Denn sobald ein Kind krank ist, reduziert sich die Vergütung. Ist ein weiteres Kind nicht da, sinkt sie erneut. Die Fachkraft bleibt jedoch im Einsatz, die Lohnkosten laufen weiter, die Verantwortung bleibt bestehen.

Die Stadt bezahlt die Anwesenheit von Kindern, verlangt aber die ständige Verfügbarkeit von Fachkräften. Damit entstehen systemisch prekäre Arbeits- und Finanzierungsbedingungen in einem Bereich, in dem wir eigentlich Verlässlichkeit schaffen müssten: bei der Bildung und Förderung unserer Kinder. Ausgerechnet dort, wo über unsere gesellschaftliche Zukunft entschieden wird.

Genau an diesem Widerspruch scheitern viele gute Lösungen bereits, bevor sie einem Kind helfen können.

Ein dysfunktionales System

Kein anderer Wirtschaftszweig könnte unter solchen Bedingungen dauerhaft arbeiten.
Von Trägern wird erwartet, qualifiziertes Personal vorzuhalten, Vertretungen zu organisieren, Fortbildungen anzubieten, Qualitätsstandards einzuhalten und gleichzeitig wirtschaftlich zu arbeiten.

Das Ergebnis ist vorhersehbar. Immer mehr Zeit fließt in Nachweise, Abrechnungen und bürokratische Absicherung, statt in die Unterstützung von Kindern.
Wir verwalten Mangel. Wir verwalten Ausfälle. Wir verwalten Zuständigkeiten.

Und währenddessen warten Familien auf Hilfe.

Viele Verantwortliche in Verwaltung und Politik wissen um diese Probleme. Die Mitarbeitenden im Jugendamt erleben den Druck jeden Tag selbst. Auch dort arbeiten Menschen, die helfen wollen. Deshalb richtet sich diese Kritik nicht gegen einzelne Mitarbeitende. Sie richtet sich gegen ein System, das gute Lösungen verhindert.

Wenn wir als Gesellschaft Inklusion ernst meinen, müssen wir endlich den Mut haben, die Finanzierung an der Realität auszurichten.

Die Rechnung zahlen die Kinder

Wir brauchen Modelle, die Fachkräfte finanzieren, und nicht einzelne Fehlstunden.

Wir brauchen Lösungen, die den tatsächlichen Hilfebedarf des gesamten Systems Schule in den Blick nehmen.

Wir brauchen echte Kooperationen zwischen dem Jugendamt und dem Schulträger (LaSuB) statt jahrelanger Blockaden.
Wir brauchen Vertrauen in professionelle Träger und Fachkräfte statt immer neuer Nachweis- und Kontrollmechanismen.

Vor allem aber sollten wir aufhören, nur zu fragen, was Inklusion kostet.

Die wichtigere Frage lautet: Was kostet es unsere Gesellschaft, wenn wir Kinder von Anfang an ausgrenzen, statt ihnen Bildung und Teilhabe zu ermöglichen?

Jeder Euro, der heute nicht in funktionierende Unterstützung investiert wird, taucht später an anderer Stelle um ein Vielfaches mehr wieder auf: In gescheiterten Bildungsbiografien, in sozialer Isolation,  in einem wachsenden Bedarf an Hilfen im Erwachsenenalter und in dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Solange wir darüber nicht reden, diskutieren wir die falschen Kosten.

Die Rechnung zahlen die Kinder. Und später zahlen wir sie alle.

Richard Gauch ist Preisträger „Couragiert in Leipzig“ (2013), Preisträger „Aktiv für Demokratie und Toleranz – 2012“ des Bündnisses für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt bei der Bundeszentrale für politische Bildung und Preisträger für „Zivilcourage und beherztes Engagement“ der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen (2017).

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