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Bundeskanzler Friedrich Merz ist ein kommunikatives Schwergewicht, so sieht er sich selbst. Mit dem verbalen Knüppel versucht er seine Agenda unters Volk zu bringen und wundert sich anschließend, dass dieses ihn nicht von Herzen liebt. Jetzt hat seine CDU bei der Wahl in Sachsen-Anhalt eine historische Niederlage eingefahren und als er dann vor die Kamera trat, wollte er zum x-ten Male an seiner Kommunikation arbeiten.

Pressekonferenz nach der Wahlschlappe

Diese war ein Stück gelebte Merz-Kommunikation, bei ZDF heute kann man das verfolgen. Nach den Wahlumfragen der letzten Wochen, ja auch ich zweifle oft an denen, sagt er zum Ergebnis nur: „Wir haben es in dieser Form so nicht erwartet.“ Er meint aber, man müsse es akzeptieren, weil das die Regeln unserer Demokratie verlangen.

Dann holt er den verbalen Knüppel raus und drischt auf das Wahlvolk ein: „Wenn fast 60 Prozent der Wählerinnen und Wähler in einem Bundesland bei sehr hoher Wahlbeteiligung politische Parteien wählen, die die demokratischen Institutionen und Spielregeln unseres Landes grundlegend infrage stellen, dann ist das ein Wahlergebnis, mit dem wir nicht zur Tagesordnung übergehen können.“

Hier müssen wir doch mal nachrechnen, damit können sich schließlich alle nicht-CDU-wählenden Menschen angesprochen fühlen. Die AfD holte, Stand 07.09. 03:26 Uhr, 43,8 % und das BSW, welches eine Zusammenarbeit nicht ausschließt, holte 5,3 % der Zweitstimmen. Das sind insgesamt 49,1 Prozent, wer ist mit den etwa 10 Prozent, die zu den merzschen 60 % fehlen, gemeint? Grüne, Linke und SPD liegen alle um die 9 Prozent – es darf sich also jede Wählerin und jeder Wähler, außer den CDU-Wählenden, angesprochen fühlen.

Ergebnis derLandtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026. Quelle Landeswahlleitung

Selbstverständlich meint Merz das nicht so, warum sagt er nicht klipp und klar wen er meint?

Wir müssen es besser erklären!

Ja, auch das ist eine Aussage des Bundeskanzlers in der Pressekonferenz. Vorher sagt er allerdings noch: „Wir brauchen grundlegende Reformen in Deutschland. Dass wir sie auch nicht nur rational begründen, sondern emotional vermitteln müssen, ist jetzt eine gemeinsame Aufgabe, der ich mich auch stelle.“

Es ist zum Haareraufen, wieder einmal die Ansage „Unsere Politik ist gut, wir müssen an der Kommunikation arbeiten.“ An dieser Stelle der Verweis auf ein Interview mit Prof. Dr. Christian Pieter Hoffmann von der Universität Leipzig. Wir fragten ihn:

Viele Menschen sind der Meinung, dass die Politik, die Politiker, die Regierung, auf welchen Ebenen auch immer, nicht mehr mit Ihnen, sondern über ihre Köpfe hinweg kommunizieren. Kann man das so im Raum stehen lassen?

Die Politik hat die Neigung, politische Probleme als Kommunikationsprobleme auszulegen. Es ist bequem zu sagen: Wir haben unsere Politik einfach nicht gut genug kommuniziert, aber die Politik selbst war richtig. Das scheint mir auch eine populäre Reaktion auf die jüngste Europawahl gewesen zu sein. Das verkennt aber, dass manchmal die Probleme nicht auf der Ebene der Kommunikation liegen, sondern tatsächlich auf der Ebene substanzieller Politik, auf der Policy-Ebene.

Es liegt also nicht an der Erklärung, es liegt an der Politik der Bundesregierung.

Die emotionale Vermittlung durch Merz

Wie schon in der Überschrift angeführt, es fühlen sich viele Menschen von Friedrich Merz emotional abgeholt. Nur eben nicht positiv. Wenn er über Lifestyle-Freizeit schwadroniert, die arbeitenden Menschen unter den Generalverdacht des Missbrauchs der telefonischen Krankschreibung stellt oder auch wenn er einfach mit falschen Zahlen zur Jahresarbeitszeit die Menschen als faul beschreibt.

Von den „kleinen Paschas“ von denen die Zahnarztpraxen verstopft werden, den Ärzt:innen als Nutznießern des Gesundheitssystems und den auf Grundsicherung angewiesenen Menschen, die natürlich faul sind, ganz abgesehen ist Friedrich Merz emotional ganz bei seinem Volk. Da kommt er gegen den gut gelaunten AfD-Kandidaten kommunikativ nicht an, der streichelt die Seele seiner Wählerschaft. Wen interessiert schon, dass er keine Lösungen hat.

Friedrich Merz und die Medien

Merz hat auch die Macht der Medien völlig falsch eingeschätzt, besonders die der rechten Medien. Weil es ihm gelungen ist NIUS, Springer und andere gegen die Ampel, besonders gegen den „Kinderbuchautor“ Habeck, einzusetzen war er der Meinung er beherrsche das Spiel. Dass sich eben jene Medien gegen ihn wenden und ihre eigene Agenda verfolgen, das hat er jetzt zu spüren bekommen.

Die anderen Medien, besonders die öffentlich-rechtlichen, folgen (zu) hohen Standards. Man kann sie nur schwer für einen Shitstorm einsetzen. So lief das Framing „Duftverkäufer“ einfach ins Leere. Die konzertierte Aktion der rechten Parteien und Medien gegen den ÖRR hat diesen weitgehend kastriert. Den Politikerinnen und Politikern von AfD und BSW wurde viel Raum gegeben, das ist teilweise tatsächlich so festgelegt. Ihnen wurde aber zu selten widersprochen und Falschbehauptungen wurden, wenn überhaupt, erst nachträglich thematisiert.

Erinnert Sie das auch an das Toleranz-Paradoxon?

Es fehlt eine Vision

Auch wenn Helmut Schmidt 1980 sagte „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, wir alle brauchen Visionen, solange diese nicht im religiösen oder Drogen Kontext entstehen.

So kam die „Vision“ des AfD-Kandidaten, der zurück in die 90er Jahre will, scheinbar gut an. Es wurden als Gegenargumente die Baseballschlägerjahre, der wirtschaftliche Zusammenbruch, die hohe Arbeitslosigkeit und anderes angeführt, das half nicht. Schaut man aber auf die Zahlen in den 90ern versteht man manche Rückerinnerungen, diese sind ja immer besser als die damalige Zeit tatsächlich war.

So fiel zu Anfang der 90er die Zahl der Geburten in Sachsen-Anhalt von 31.837 im Jahr 1990 auf den Tiefstand 14.280 im Jahr 1994. 1999 gab es schon wieder 18.176 Geburten, was auf einen Schub von Hoffnung für die Zukunft schließen lässt. Diese Zahl blieb über die Folgejahre relativ konstant und fiel ab 2019 stetig bis zum historischen Tiefststand von 11.978 Geburten im Jahr 2025.

Bevor jemand auf Alterungsprozesse in der Bevölkerung hinweist, diese spielen selbstverständlich eine erhebliche Rolle. Aber die Alterung in der anhaltinischen Bevölkerung hat auch etwas mit Wegzug, besonders von jungen Frauen zu tun.

Nimmt man die Geburtenzahl als ein Kriterium für Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit, dann wollen viele Menschen emotional zurück in die 90er. Da gab es, nach den ersten Enttäuschungen, wieder Hoffnung, dass es besser wird. Diese fehlt heute vollkommen.

Was ist mit den anderen Parteien?

Diese haben durchaus Visionen, nur verschwinden diese hinter dem gemeinsamen Ziel „Verhindern wir die AfD“. Gerade im Wahlkampf ist dieses Ziel dominant, besonders wenn es um „taktisches wählen“ geht. Das wird, hier spreche ich über meine Erfahrungen aus Gesprächen, als die pure Verzweiflung betrachtet. Es geht nicht mehr um „Was will ich für die Zukunft“, es geht nur noch um die Abwendung des größeren Übels. Auch davon fühlen sich viele Menschen nicht angesprochen.

Fazit: Was brauchen wir? Wir brauchen eine Politik, die den Menschen Hoffnung macht und diese auch in Schritten erfüllt. Die Hoffnung die die jetzige Bundesregierung mit dem Wirtschaftsfokus wecken will, ist eine die als „Die Reichen werden reicher, was nützt mir das?“ verstanden wird.

Ehrlich gesagt, für mich sind Friedrich Merz und auch Lars Klingbeil nicht die Politiker, die diese Hoffnungen wecken können. Es ist aber auch nicht zielführend nur gegen diese zu wählen und anderen Populisten auf den Leim zu gehen.

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Menschen emotional „abzuholen“ und Politik gut zu erklären ist das eine – und es wäre wünschenswert, wie ein festes Rad nach einem Werkstattbesuch. Aber wenn es „an der Politik der Bundesregierung“ liegt: Geht es nun darum, ob Menschen eigentlich noch erleben, dass sie selbst politisch etwas bewirken können? Oder was ist eigentlich die Zielvariable für „richtige“ Politik?

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