Liebe Nachbarn & Mitmenschen, uns verbinden Geschichte und Erfahrungen – vielleicht sind wir so etwas wie Geschwisterländer. Auch wir kennen Unzufriedenheit mit lokaler wie nationaler, vergangener wie gegenwärtiger Politik. Doch wir erkennen auch an: Wir leben in einer Zeit vieler, überwiegend menschengemachter Krisen. Das macht Politik schwierig – auch wenn manche allzu genau zu wissen meinen, was warum geschieht, wer dafür verantwortlich ist und welche Lösungen es gibt.
Erstaunlich ist, wie oft der Osten aktuell über seine vermeintliche Gefühlslage beschrieben wird: Frust, Angst, fehlende Anerkennung, sogar Wut. Aber ist unsere Gefühlswelt wirklich so eindimensional? Wir schreiben euch, weil uns diese Entwicklung Sorge macht – und weil wir zugleich nicht glauben wollen, dass wir einander menschlich und politisch zu verlieren drohen.
Wir alle wissen aus unserem eigenen Leben, dass Menschen komplizierter sind. Wir können jemanden lieben und gleichzeitig wütend auf ihn sein. Stolz auf unsere Kinder und trotzdem genervt. Uns auf etwas Neues freuen und zugleich Angst davor haben.
Warum sollte das in Gesellschaft und Politik anders sein? Deshalb möchten wir euch vor euren Landtagswahlen einen Gruß und eine Bitte schicken:
Hört auf eure Gefühle. Auf alle – nicht nur auf das lauteste.
Kein „Experimentierfeld für Wutbürger“
Nehmen wir mal die Wut. Sie ist kein angenehmes, aber ein starkes Gefühl. Und sie sagt uns etwas: Hier stimmt für mich etwas nicht. Ich fühle mich ungerecht behandelt, machtlos oder übergangen. Oder mir ist etwas einfach sehr wichtig. Wut kann berechtigt sein. Aber der Osten ist kein „Experimentierfeld für Wutbürger“. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, genauer hinzuschauen: Was liegt neben der Wut?
Neben Wut können Enttäuschung, Angst oder Hilflosigkeit stehen – und genauso Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen, Neugier oder Stolz. Gefühle sind wertvolle Informationen. Aber eben doch keine fertigen Antworten.
Wut sagt uns noch nicht, wer schuld ist – Angst nicht, was passieren wird, und Hoffnung nicht, dass ein Versprechen wirklich eingelöst werden kann.
Interessant wird es deshalb, wenn plötzlich alles ganz einfach erscheint: Ich bin wütend. Ich weiß, warum. Ich weiß, wer schuld ist. Oder: Ich habe Hoffnung. Ich weiß, wer alles besser machen wird.
Kennen wir nicht alle solche Momente emotionaler Einfalt? Nicht im Sinne von Dummheit, sondern wörtlich: Aus Vielfalt wird Einfalt – aus vielen gleichzeitig vorhandenen Gefühlen bleibt manchmal nur eine einfache emotionale Sicht auf eine Situation oder auch die ganze Welt. Eine eindeutige Welt kann entlasten. Und dennoch kennen viele von uns diesen kleinen Zweifel: Moment mal. Stimmt das wirklich?
Wir fragen uns: Verengen vielleicht unsere Sorgen, Enttäuschungen oder Hoffnungen manchmal den Blick?
Auf der Suche nach weiteren Gefühlen
Zweifel ist nicht zwingend eine Schwäche. Sehen wir ihn eher als Brücke zwischen Gefühl und Verstand. Wir können es selbst ausprobieren: Denken wir an eine politische Frage, bei der wir uns ziemlich sicher sind. Was fühlen wir dabei? Und welches Gefühl kommt nach dem ersten? Suchen wir nach dem zweiten Gefühl.
Was liegt neben meiner Wut? Gibt es neben meiner Enttäuschung Hoffnung? Neben meiner Begeisterung einen Zweifel? Neben meiner Überzeugung noch Neugier? Und dann können wir prüfen: Was weiß ich tatsächlich? Welche Tatsachen sprechen dafür oder dagegen? Ist das Versprechen realistisch?

In unserer Auseinandersetzung mit einem möglichen „demokratischen Burnout“ haben wir uns gefragt, wie Menschen nach politischer Enttäuschung und Erschöpfung wieder in demokratische Verständigung zurückfinden. Vielleicht gehört auch das dazu: mehr als eine einseitige Gefühlswelt zuzulassen und die eigene Gewissheit gelegentlich noch einmal zu prüfen.
Liebe Nachbarn, ihr habt bald die Wahl. Natürlich blicken auch wir mit eigenen Überzeugungen, Sorgen und Hoffnungen auf diese Wahlen. Vielleicht lohnt sich neben dem Wahl-O-Mat deshalb noch ein ganz persönlicher Gefühl-O-Mat. Er stellt nur zwei Fragen: Was fühle ich eigentlich alles? Und: Habe ich meine Erklärung für diese Gefühle wirklich geprüft?
Am Ende darf daraus eine sehr klare Entscheidung entstehen – eine Entscheidung, die wir bewusster getroffen haben und in der möglichst viel von uns selbst steckt.
Und natürlich wünschen auch wir uns mehr Kreativität in der Politik, um die aktuellen Krisen zu bewältigen.
Viele Grüße aus Sachsen – und gute Wahl!
Eine kleine Bürgerinitiative aus dem Leipziger Neuseenland – UferLeben Störmthaler See e.V.
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