Ich wollte es euch nur mal sagen, dass das eine schlechte Idee ist. Lassen wir mal die ganzen Nazi-Sachen weg – auch dann ist eure Entscheidung nicht besonders klug. Jaja, jeder kennt das, wenn man mal wütend ist und dann nur noch mit der Faust auf die Tischplatte hauen möchte. Blöd, wenn man sich aber dabei die Hand bricht. Blöd auch, wenn dann der einzige Tisch, den man hat, kaputtgeht. Blöd auch, wenn man es „denen da oben“ irgendwie zeigen will, aber sich dabei selbst den Ast absägt, auf dem man sitzt.

Denken wir doch mal logisch. Sachsen-Anhalt hat bundesweit die älteste Bevölkerung, Tendenz steigend. Das kann ich aus eigenem Erleben bestätigen. Ich kenne kleine Städte in Sachsen-Anhalt, da gab es noch in den 90er-Jahren Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene. Schon vor 5 Jahren waren diese Städtchen gefühlt mausetot und es gab irritierend viel Werbeplakate für Seniorenheime und Bestattungsinstitute.

Das wird sich, so wie sich die demografische Entwicklung gestaltet, nicht mal eben schnell ändern, im Gegenteil. Und so naiv könnt ihr, die circa 42 %*, nicht sein, zu glauben, ihr könntet mal eben, wie einst auf einem AfD-Wahlplakat vorgeschlagen, Deutsche selber machen in entsprechender Stückzahl?

Das werdet ihr nicht hinkriegen, und gerade in Sachsen-Anhalt wandern vor allem junge Frauen ab. Wetten, wenn ihr nun so fröhlich die AfD wählt und die jungen Frauen am besten 20 Kinder kriegen sollen (weil ihr ja „selber Deutsche machen wollt“) – da werden nun noch mehr junge Frauen die Beine in die Hand nehmen und schnellstens auswandern.

Ein Land ohne Jugend

Kein Witz übrigens – lässt sich alles mit Zahlen belegen … einzige Lösung eures Problems wäre Zuwanderung, aber die wollt ihr ja eben nicht, deswegen wählt ihr ja auch die AfD. Nur legt ihr damit den Grundstein für gravierende Probleme, die euch und eure Heimat auch noch in mindestens Jahrzehnten beschäftigen werden.

Wenn keine jungen und mittelalten Arbeitskräfte mehr da sein werden in ausreichender Zahl, werden noch mehr Unternehmen als jetzt schon dichtmachen, entweder weil sie keine Nachfolger mehr finden oder eben keine Arbeitskräfte da sind. Nein, ihr 42 % werdet das auch nicht mit eurem Nachwuchs mal eben ändern können.

Und die AfD möchte ja auch die Schulpflicht abschaffen, was sie zwar nicht realisieren kann (weil das nicht so einfach geht), aber selbst wenn es ihr gelänge, würde das bedeuten, dass dann auch noch viele junge Familien mit Kindern schnellstens Sachsen-Anhalt verlassen werden, damit ihre Kinder irgendwo zur Schule gehen können, wo sie einen Abschluss bekommen, der anerkannt wird.

Und diejenigen Kinder, die dann so einen quasi selbst gemalten sachsen-anhalter Gurken-Schulabschluss bekommen, werden es vermutlich auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer haben. Sprich: noch mehr Gründe, warum Unternehmen aller Art dichtmachen werden, und auch gar nicht erst mehr nach Sachsen-Anhalt ziehen werden.

Ein Land ohne Jobs

Und das bedeutet: Ihr 42 % plus vielleicht noch die paar wackeren Leute, die aus Heimatliebe in Sachsen-Anhalt bleiben, obwohl alles Scheiße ist, werdet es dann noch schwerer haben, in Zukunft einen gut bezahlten bzw. überhaupt einen Job zu bekommen. Vermutlich wird man sowieso viel automatisieren mangels Arbeitskräfte, aber das wird schon ganz schön geisterhaft werden, wenn Ihr nur noch ein paar Geschäfte haben werdet, wo es keine Angestellten mehr gibt. Und auch keine Cafés, keine Restaurants (außer vielleicht ein automatisiertes irgendwo), keine Konzerte, keine Theater, keine Kultur. Und das wollt ihr so?

Heikel ist das auch mit dem Gesundheitssektor. 20 % aller Ärzte in Sachsen-Anhalt kommen aus dem Ausland, bei dem sonstigen Personal ist der Anteil noch höher. Die bleiben doch nicht in Sachsen-Anhalt, wenn ihr sie so behandelt. Das wird ganz schön bitter für euch Sachsen-Anhalter, vor allem, weil ihr ja insgesamt schon die älteste Bevölkerung in ganz Deutschland seid, Tendenz steigend, alles mit Zahlen belegbar.

Bedeutet: Auch die Rentner werden perspektivisch, wenn sie können, die Beine in die Hand nehmen und Sachsen-Anhalt verlassen, und das nicht wegen der AfD, sondern wegen der schlechten Gesundheitsversorgung. Und nur wenige Ärzte und Krankenpfleger mit migrantischen Wurzeln werden in Zukunft freiwillig nach Sachsen-Anhalt ziehen. Und ihr 42 % werdet mit eurer AfD-Regierung dann auch gar kein Geld haben, um die Leute mit einem so guten Gehalt anlocken zu können, dass sie vielleicht doch in 10 oder 20 Jahren ihre Meinung ändern würden.

Was soll ich sagen: Auch in der Pflege wird das nicht anders laufen, aber da werdet ihr 42 % dann vielleicht einen Pflegeroboter bekommen, der euch dreht und wendet, wenn ihr dann bettlägerig seid. Vielleicht singt euch dann eine KI ein Schlaflied. Ich weiß ja nicht. Mir wären echte Menschen lieber.

Ein Land ohne Leute

Die anderen westlichen Bundesländer werden euch in Zukunft auch nur ungern mit Geld helfen, warum sollten sie auch?

Offen gestanden fehlt mir echt das Verständnis, wie man auf so eine Idee kommen kann, die AfD zu wählen. Ich kann es verstehen, dass man vielleicht sauer auf die CDU oder die SPD ist usw. usf., aber es wird euch keine Punkte bringen. Die AfD erzählt euch lauter Märchen und verkauft euch ein gutes Gefühl, da habt ihr 42 % mal das Gefühl, gesehen zu werden und mal wieder wer zu sein, aber im Endeffekt, so leid es mir tut, werdet ihr einfach beschissen und ihr lasst euch auch offenen Auges bescheißen.

Prinzipiell könnte es mir sogar egal sein. Ich kann ja wegziehen. Ich fühle mich ganz wohl in Westdeutschland, und Europa ist groß. Da kann man doch so viel entdecken, arbeiten, an so tollen Orten leben. Aber es ärgert mich schon. Weil ich in Sachsen-Anhalt geboren und aufgewachsen bin und es eigentlich ein schönes Land ist, voller Geschichte und Kultur und schöner Natur. Und ihr 42 % macht es kaputt und sorgt dafür, dass unsere Heimat sehr wahrscheinlich in Zukunft ziemlich menschenleer und abgehängt sein wird.

Mir täte es leid, wenn dann öffentliche Gelder fehlen, um unsere Kulturdenkmäler zu erhalten – es geht ja jetzt schon so viel an Baudenkmälern kaputt. Mir tun auch die hübschen Städte und Dörfer leid, die dann vermutlich wüst fallen werden. Ich meine, fahrt doch mal durch Weißenfels oder Zeitz, da steht gefühlt jetzt schon jedes 5. Haus leer und zerfällt.

Und zwar richtig schöne, alte Häuser, auch mit Denkmalschutz. Es ist ein Jammer. Aber euch 42 % scheint eure Heimat völlig schnurz zu sein – oder denkt ihr einfach nur nicht über die Konsequenzen eures Handelns nach? Und ihr behauptet, ihr wärt Patrioten. Eigentlich wäre das zum Lachen, wenn es nicht so traurig wär.

Vielleicht seid ihr 42 % auch heimliche Lost-Place-Fans? Weil – wenn die Entwicklung, die ihr befeuert, zwangsläufig so weitergeht, wird Sachsen-Anhalt eines Tages der Lost-Place-Hotspot von ganz Europa. Wenn Ihr dann tot seid, werden sich vielleicht eines Tages junge Menschen finden, die dann geführte Touren durch die Ruinen von Haldensleben anbieten, und die Menschen werden schaudernd und fasziniert durch die zerfallenen Gemäuer ziehen.

Ein Land für Wisente oder Agrarkonzerne

Vielleicht seid ihr 42 % auch Naturfans und euer Plan ist, aus Sachsen-Anhalt, wenn dann kaum noch Bevölkerung da sein wird, ein riesig großes Naturschutzgebiet zu machen? Dann könnte man dort Herden von Wisenten, Wildpferden und Heckrindern aussetzen, die Wölfe hätten mehr Platz … vielleicht würde sich dort dann wegen des Klimawandels so etwas wie eine Savanne oder eine Steppe entwickeln. Ab und zu gäbe es sicher noch eine Ortschaft, wo die Touristen dann übernachten können und was zu essen kriegen, die in der Sachsen-Anhalter Steppe auf Safari gehen.

Wahrscheinlicher wird aber eher Folgendes passieren. Sachsen-Anhalt hat fruchtbaren Boden. Landwirtschaftskonzerne werden das Zepter übernehmen und alles mit automatisierten, von der KI gesteuerten, riesig großen Maschinen bewirtschaften. Weil möglichst große Felder am rentabelsten sind, wird die Natur eher vor die Hunde gehen. Die Landwirtschaftskonzerne brauchen vor Ort auch keine Arbeitskräfte, läuft alles automatisch.

Ebenso funktionieren dann auch Solarparks und Windparks. Die AfD möchte ja mehr Braunkohleabbau. Im Süden von Sachsen-Anhalt werden dann die sowieso leerstehenden Dörfer und Städte devastiert und weggebaggert. Die drei Nachfahren von euch, die dann noch dort wohnen, haben eh nichts mehr zu sagen und gehen vielleicht sowieso freiwillig. Ich meine, mich zu erinnern, dass die AfD auch Atomkraft nach wie vor interessant findet? Kein Problem, wenn dann im Harz und Harzvorland die demografische Entwicklung zuschlägt, hat Deutschland endlich einen Platz für ein riesiges Atommüllendlager.

Auch dort werden die paar Leute, die dann noch dort leben, nichts mehr zu sagen haben.

Tja, ihr „Patrioten“. Dann macht mal an der Wahlurne. Ihr haltet euch ja für so clever und rebellisch. Tja, dann werdet ihr auch mit den Konsequenzen eures Handelns leben müssen. Viel Spaß dann im vollautomatisierten Altenheim ohne menschliche Pfleger und Ärzte.

***

* Die 42 Prozent beziehen sich auf die 42 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt, die laut der letzten Wahlumfrage zur Landtagswahl am 6. September AfD wählen wollen.

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Es gibt 27 Kommentare

Das schöne an diesem Medium ist, daß man oft ganz manierlich diskutieren kann, was ich ausdrücklich auch als Lob und Dank an die Redaktion von L-IZ richten möchte. Daß sich nicht selten auch Autoren unter den Diskutanten (m/w/d/x) befinden, ist auch nicht alltäglich.

Ich bin überzeugt, daß die aktuelle, teils brisante politische Lage es unabdingbar macht, in die jüngere und insbesondere die um 1990 stattgehabte Vergangenheit zu blicken. Damals jedenfalls waren die heute angeblich händeringend gesuchten Fachkräfte (ein furchtbares Wort, das ich ausnahmsweise mal nicht ausspare) noch in Scharen da, putzigerweise. Das ach so vom Himmel gefallene „Wegbrechen von Absatzmärkten“ war halt kein Naturereignis, sondern fabriziert oder billigend in Kauf genommen, das wollen wir bis heute bitte nicht vergessen.

Hinsichtlich des gestrigen Wahlausgangs in Sachsen-Anhalt empfehle ich ein kerniges Essay von Heiner Flassbeck von heute: https://www.relevante-oekonomik.com/2026/09/07/sachsen-anhalt-die-demokratie-wehrt-sich-gegen-die-guten-demokraten

So nun ist die AfD bei 44% gelandet, jetzt werden wir ja sehen was passiert. Eine schöne Woche, in einer neuen Welt.

Sie beide führen eine interessante Diskussion und ich finde beide stellen ihren STandpunkt gut da. Ich glaube, Urs ist näher an der Wahrheit (das ist wie gesagt eine Vermutung von mir). Ich bin mir sicher, dass ich mit in seinem Schiff sitze. Ich bin jedenfalls – auch wenn es bei weitem nicht die ganze Geschichte ist – ganz sicher, dass es nicht nur im Osten „Abgehängte“ gibt. Der Bumerang könnte aus unerwarteter Richtung zurückschleudern.

Aber eine kleine Beobachtung zur ganzen AFD-Storie. Die Tatsache, dass die „Ossis“ politisch die Faschisten wählen (so wird es oft geframed), sorgt für Druck auf „Wessis“, es nicht zu tun: „Du bist doch kein Ossi.“ Dazu die lange bereits besprochene Wirkung, dass man das eigene Problem und die Schieflage des GANZEN Landes auf den Osten abschieben kann. Wenn es keinen „Ossi“ gäbe, müsste man ihn erfinden.

Niemand – wie sehr man auch versucht ist und sich logisch gut aufgestellt fühlt, kann wirklich die Zukunft vorhersagen, nichtmal politisch über nenneswerte Zeiträume hinweg. Aber die Randbedingungen auszublenden, wird die Prognose von Anfang an für den Mülleimer qualifizieren (aus falschen Prämissen lässt sich alles folgern). Die Randbedingungen aber sehen sie in den anderen Demokratien auch. Und sie sehen sie auch in vielen Großstädten des Westens. Die „Oss“-Schiene zu fahren, ist daher wie ein Schmerzmittel, um sanfter in der harten Realität des rechten Populismus zu landen. Verständlich, aber Schmerzmittel haben auch ihren Preis. Hier politische und auch solche, die den inneren Zusammenhalt des Landes schwächen. Man wird dann sehen, was wir daraus lernen.

Man darf ja alles entscheiden, man ziehe wohin man will, man wähle sich seinen guten Ort zum Leben. Gute Reise! Es darf jeder sein Glück versuchen, nur ist das eine persönliche Lösung, keine politische. Und man übersehe nicht, dass dieses Spiel aus handfesten Gründen nur begrenzt funktioniert.

Hallo Urs, schön dass sie endlich erkannt haben dass ich kein Fan des Neoliberalismus bin. Aber der wird so oder so nicht verschwinden (leider). Also müssen wir wohl oder übel damit leben. Ganz so ist es auch nicht, dass in den Neuen Bundesländern gar keine gut ausgebildeten jungen Leute wären, aber wir wissen ja, dass sie schon seit Jahrzehnten fortziehen und auch noch dabei sind. Die kannst du meistens nur durch guten Lohn und Chancen zur Weiterentwicklung halten etc. Und auch wenn ich KI, regenerative Energien usw. usf. (und was es nicht alles so gibt an den hoch gehandelten innovativen neuen Dingen) auch stellenweise sehr kritisch sehe, sind sie leider Gottes ja nun die Zukunftstechnologien. Aber die brauchen dann doch auch entsprechendes Personal – das läuft ja nun dort fort und kommt auch nicht nach, fertig aus. Subventionen, niedrige Löhne und schwache Gewerkschaften sind doch bereits Realität und ändern nichts. War gerade wieder im ländlichen Raum in den Neuen Bundesländern unterwegs. Man fühlt sich dort nicht wie im Altersheim, sondern wie auf der Palliativstation. Mag auch eine AfD haushoch gewählt werden, das ist eventuell nur noch ein letztes Aufbäumen bevor es ganz bergab geht. Und ich meine nicht, dass dort die AfD ein neues Nazireich aufbaut (natürlich werden sie es versuchen, was alles aber nicht besser macht). Sondern das wird halt einfach ein äußerst armes Bundesland mit nur sehr wenigen immer älter werdenden Einwohnern mit nun erst recht keiner Aussicht auf Verbesserung der Lage (also noch ärmer, noch älter). Ansonsten: man hat nur ein begrenztes Leben, Urs, natürlich ist es nett, sich finanziell nicht so viele Sorgen machen zu müssen, da können sie den Kopf ruhig schütteln. Außerdem ist die Stimmung anderswo viel angenehmer. Und warum sollte man sein Leben an einem Ort verbringen, wo immer schlechte Laune herrscht? Finde es nach wie vor nachvollziehbar, wenn ein junger Mensch sein Glück lieber in Hamburg oder Köln sucht, das ist gar nicht so übel dort. Andererseits kann man auch hier bleiben: vielleicht wäre es wirklich eine gute Entscheidung, wenn ich ins Bestattungswesen wechsele… da hätte ich in den neuen Bundesländern in den kommenden Jahren volle Auftragsbücher und würde mir ganz neoliberal eine goldene Nase verdienen. Sie wissen schon, gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade. Gibt dir das Leben ein Bundesland mit einer alten Bevölkerung und einer geringen Lebenserwartung, mach am besten gleich eine ganze Kette von Bestattungsunternehmen auf! Ich habe bereits aus anderen Gründen zufällig Erfahrung mit Bestattungen. Sollten sie eine Beratung möchten, sprechen sie mich gerne an 🙂

Es ist die logische Konsequenz Ihrer auf Image abzielenden Wunschsicht, lieber Autor, daß die ersehnten Investoren und die jeweiligen Industrien nur mit allerlei Bedingungen etwa nach Sachsen-Anhalt kommen werden: Subventionen, niedriges Lohnniveau, schwache Gewerkschaften. Da können Sie lange von guter Bezahlung phantasieren. So wird es nicht kommen – auf Jahrzehnte. Und der Anteil, der wirklich außergewöhnlich bezahlt werden würde, wird Zugereisten vorbehalten. Warum hadern Sie, einst nicht davongegangen zu sein? Das ist doch gut und löblich. Ob Sie allerdings mit eigener Hände Arbeit zu Wohneigentum hätten kommen können, um Ihr Beispiel aufzugreifen, wurde sowieso über die Jahre immer fraglicher; spekulationsgetriebene Preise und Marktteilnehmer wie Patrik Fahrenkamp lassen nahezu alle alt aussehen. Daß Sie die junge Generation für clever halten, läßt mich kopfschüttelnd zurück: stromlinienförmiger war lange keine junge Generation. Die springt nahezu über jedes Stöckchen. Daß der immer weiter anschwellende Neoliberalismus das Grundübel ist, und nicht etwa „die Buhmer“, wird kaum in die Oberstübchen kommen. Und daß Sie es mit subtilem Unflat (verstehendes Lesen u.ä.) versuchen, ist nicht in Ordnung. Die AfD ist in verschiedener Hinsicht eine gesellschaftliche Bedrohung. Deren Wählerschaft muß dieses Land aber unvergiftete Angebote machen, klingt paradox, aber alle anderen Wege führen zur weiteren AfD-Stärkung, morgen und übermorgen.

Hallo Urs, vielleicht liegt es daran, dass sie hier zu so später Stunde einfach noch was schreiben sollten und müde waren, aber sie scheinen meine letzten Worte gar nicht richtig gelesen zu haben. Ich schreibe eindeutig von „Einkommensverhältnisse im Osten verbessern“ – keine Ahnung wie sie nun auf Lohnsenkungen kommen und behaupten, ich hätte solche gefordert. Von „keine Gewerkschaften“ und Steuersenkungen war bei mir auch nicht die Rede. Wie kommen sie denn jetzt auf diese Themen? Vielleicht verwechseln sie hier was?

Ich schreibe auch, dass ich es befürworte, wenn sich die Einkommensverhältnisse im Osten denen im Westen angleichen würden und auch mehr ostdeutsche Bürger Immobilien hätten. Daher macht es überhaupt keinen Sinn, dass sie nun behaupten, es würde mich nicht stören, wenn aktuell „markante Bevölkerungsteile… benachteiligt“ sind.

Noch mal ganz langsam für sie. Wenn die Leute hier im Osten mehr Immobilien besitzen sollen irgendwann, brauchen sie mehr Geld, dass sie sich erstmal erarbeiten müssen. Oder meinen sie, sie oder ich könnten sich das Geld irgendwoher wünschen um eine Immobilie zu kaufen und vor allem vermutlich auch noch zu sanieren und dauerhaft in Schuss zu halten? Die Fee mit Zauberstab, die mir ein hübsches Grundstück in Leipzig mit einem ordentlich saniertem Haus hingezaubert hätte, kam noch nicht bei mir vorbei und ich halte dies für unwahrscheinlich! Butter bei die Fische – woher soll nach ihrer Meinung nach das Geld kommen wenn nicht über gut bezahlte Jobs? Im Westen bekommen vielen Menschen solcherlei auch oft vererbt, aber wir beide wissen, dass das im Osten eher selten passiert. Und wenn, ist es nur ein baufälliges Häuschen von irgendeiner Großmutter in einer ländlichen abgehängten Region, eine Immobilie, die mehr Geld und Nerven kostet als dass man daran Freude hätte.

Und klar, das Leben ist so, natürlich gehen junge Menschen oft dorthin, wo sie ein gescheites Gehalt kriegen und gut leben können. Warum sie das aber „am Arsch“ nennen, erschließt sich mir nicht. Ich würde eher sagen, diese jungen Leute waren cleverer als sie – vermutlich auch als ich, ich bin ja noch so dämlich und bin im Osten geblieben. Meine Güte, im Westen wäre mein Gehalt all die Jahre weitaus besser gewesen! Ich hätte irgendwann eine Rente, von der ich sogar vielleicht leben könnte! Ich hätte schon vor über 20 Jahren meine Umzugskartons packen sollen. Man hängt halt ein wenig an Familie und Heimat, aber als halbwegs jüngerer Mensch ist es hier wirklich sehr schwer, irgendwie positiv in die Zukunft zu sehen. Ich verstehe wirklich jeden, der hier seit 1990 weggezogen ist und auch jeden, der hier noch wegziehen wird.

Wenn andere Leute auch so Texte lesen wie sie, Urs, wundert mich garnix mehr. Es braucht schon verstehendes Lesen (allein schon um ein mehrseitiges Wahlprogramm zu erfassen – ansonsten wird’s fatal). Vielleicht sind die Leute aber einfach zuviel im Internet und in den asozialen Netzwerken unterwegs und haben Probleme mit längeren Texten? Könnte einiges erklären.

Das soll es sein, lieber Autor, auf Landes-Ebene zuvörderst auf positive Imagepflege zu schauen? Wegen der Investoren-Paßförmigkeit? Attraktivität erhöhen, und dann läuft der Laden? Steuersenkungen, Lohnsenkungen, alle solchen Sachen? Und Fachkräfteattraktivität, Expats und so. Und keine Gewerkschaften. Angebotspolitik.

Und nach vorn schauen, ein erprobter Trick gegen Fragen, die die Stimmung vergällen könnten. Bischofferode? War da was? Wir wollen ja keine Investoren mit alten Hungerstreikgeschichten verschrecken, und wie schön, daß weiland Kaufleute von jwd hier groß eingestiegen waren, wer sagt denn, daß das nur Nachteile hat: es perpetuiert zu unserer Zeit die notorische Benachteiligung markanter Bevölkerungsteile! Stört Sie nicht? Sind auf der Sonnenseite?

Naja, und die adoleszente Generation ist durch Anreizsysteme und Reizstakkati aber derartig am Arsch, daß die ganz sicher ihr dressiertes Ding machen werden, und Bindungen sind locker geworden, Nomadentum populär, dann irgendwo, wo die bessere Angebotspolitik für schönste Mitnahmeeffekte aller Beteiligter gesorgt haben wird.

Antonie Rietzschel schreibt heute auf der Titelseite der LVZ: https://www.lvz.de/politik/regional/landtagswahl-sachsen-anhalt-gefuehle-von-afd-waehlern-lassen-sich-nicht-wegdiskutieren-QTD43FH73JA7DPKWD7BB6TD6JI.html Und Appelle an die Außenwirkung sind ganz sicher wirkungslos, möchte man ergänzen.

Hallo Urs, ich halte die Schäden weder für nebensächlich noch für hauptsächlich. Diese Schäden haben natürlich auch Wirkung bis ins heute, aber wir können sowieso nicht in die Zeit zurückreisen und sie rückwirkend verhindern. Konstruktiver wäre es vermutlich, zu schauen, was heute zu tun ist – für jetzt wie auch für morgen. Natürlich ist es trotzdem gut, sich ab und zu bewusst zu machen, was geschehen ist und wie es sich in Gegenwart und Zukunft auswirkt, machen sie das ruhig. Trotzdem muss und möchte bspw. ich mich heute noch um die Gegenwart und Zukunft kümmern. Alleiniges Zurückschauen füllt nämlich weder meinen Magen noch kann ich davon meine Miete bezahlen.

Die ungleichen Besitzverhältnisse sind ein sehr interessantes Thema, aber auch dies ist kein explizites West-Ost-Thema, das ist in den USA nicht anders als in Großbritannien oder hier. Es gibt meines Wissens auch Parteien, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, kleiner Spoiler, die AfD ist es nicht. Es ist in diesem Zusammenhang auch keine Überraschung dass Ostdeutsche weniger Immobilien besitzen als bspw. Westdeutsche. Andererseits gehörte sehr viel Fläche in Leipzig im 15. und 16. Jahrhundert auch schon u.a. größtenteils fränkischen Kaufleuten, welche uns bis heute einige sehr schöne architektonische Perlen in der Innenstadt hinterlassen haben. Unter anderem diese „westdeutschen“ Kaufleute haben dafür gesorgt, dass Leipzig überhaupt erst mal eine größere Stadt wurde. Später kamen französische Kaufleute mit hugenottischer Abstammung dazu, Italiener, selbst Griechen, aber auch jüdische Kaufmannsfamilien und alle hatten Grundbesitz in Leipzig. Ihr Wirken war nun wirklich nicht zum Schaden der Stadt. Kommt hier also immer mal wieder vor, dass Leute hier Grundbesitz haben, hier leben und arbeiten, die nicht hier geboren sind.

Wenn sie aber nun trotzdem möchten, dass die Einkommensverhältnisse zwischen Ost und West gleicher werden (wäre ja auch gut! Befürworte ich!), müssten sie die Einkommensverhältnisse im Osten verbessern. Dies könnte v.a. durch Ankurbelung der Wirtschaft funktionieren, insbesondere durch das Schaffen von gut bezahlten Arbeitsplätzen, die in Unternehmen entstehen könnten, die größtenteils erst einmal hierher kommen oder hier gegründet werden müssen (ein paar zarte Pflänzchen gibt es ja schon). Was brauchen diese Unternehmen? Für sie optimale Bedingungen: Das können niedrige Energiekosten sein, niedrige Grundstückspreise, eine gute Verkehrsanbindung und vor allem gut ausgebildetes Personal in ausreichender Zahl. Letzteres muss man dann wohl hier vor Ort ausbilden, aber da wie bekannt nicht so viele junge Leute hier in den neuen Bundesländern sind, ist es banal, dass solche Unternehmen auch Menschen aus anderen Regionen und Ländern anwerben wollen werden. Ergo müssen dann auch in den neuen Bundesländern die Lebensumstände so sein, dass dieses Personal hierher ziehen möchte. Aktuell sendet „das Volk“ aber eher Signale in alle Welt, dass man niemanden Fremdes bei sich haben möchte…

Tja Urs – wenn sie das so betroffen macht mit den ungleichen Besitzverhältnissen, müssen sie ganz stark sein, wenn „das Volk“ seinen Dufthändler gewählt hat, wird das dann vermutlich alles nicht besser.

„Die“ Jugend, die ich kenne und immer mal spreche ist in meinen Augen weder abgelöscht (ich vermute, sie meinen damit deprimiert?) noch dressiert, die machen ihr Ding, manche protestieren gegen dieses und jenes, sie setzen sich ein für das, was ihnen wichtig ist und sie suchen sich ihren Platz in dieser Welt, wo sie Chancen bekommen und sich was aufbauen können. Dass junge Menschen deprimiert sind, kann ich absolut nachvollziehen, vor allem wenn sie den ganzen Tag zu hören bekommen wie schlimm alles ist. Trotzdem sehe ich hier sehr viele aktive junge Leute die schon schauen, wie und wo sie in der Welt am besten zurecht kommen.

Wo das dann sein wird, sehen wir dann weiterhin an der Abstimmung mit den Füßen…

Ich hatte versucht, einige maßgebliche angerichtete Schäden der Jahre 1990 ff. in Erinnerung zu rufen, lieber Autor, Sie halten derlei für nebensächlich. Und bei Umwelt und Bau lassen sich der DDR für immer Vorwürfe machen, auch beim Umspringen mit Opponenten. Und wie sieht es heute aus? Wie sind die Besitzverhältnisse? Wem gehört Leipzig? Wo führt das hin? Was haben wir für eine abgelöschte Jugend, die dressierter denn je ist? Was für eine zerwaltete Öffentlichkeit? Was für eine Hypermoral?

Hinsichtlich der morgigen Wahl empfehle ich diesen Kommentar in jW: https://www.jungewelt.de/artikel/529743.landtagswahl-videobeitrag-das-linksliberale-lager-steht-vor-einem-scherbenhaufen.html

Hallo Urs, sie sind ganz sicher älter als ich, trotzdem war ich zu DDR-Zeiten auch schon auf der Welt und habe vieles bewusst wahr genommen. „Zerfalls- und Verschlimmbesserungsgeschehen“ finde ich nicht treffend, ich erinnere mich durchaus noch an zerfallende Innenstädte zu DDR-Zeiten, ruinöse Mietshäuser, Klo auf halber Treppe oder gar auf dem Hof und das mühsame Tragen der Briketts von der Straße in den dunklen Keller. Bei meiner Großmutter kamen auch mehrfach die Herren im Anzug vorbei und wollten was über diesen und jenen Nachbarn wissen. Im Nachbarhaus wurde eine Journalistin bespitzelt bis sie durchdrehte und sich aus dem 3. Stock auf die Straße stürzen wollte. Ekelhafte Abwasser und giftige Schlämme wurden einfach so von den Fabriken in der Landschaft verteilt. Ich kann auch nicht sagen, dass diese ständigen Fahnenappelle usw. mich als Kind glücklich gemacht hätten. Junge Menschen durften nicht den Beruf erlernen, den sie wollten, es gab keine Reisefreiheit etc.pp. War das jetzt besser als heute? Weil Ihr Terminus setzt dies ja voraus, dass es damals besser war und nun nur noch schlimmer. Dennoch war die DDR keine Hölle, durch die man in Sack und Asche wankte. Es war eine Zeit, und die ist nun schon länger vorbei, alle ab 1990 Geborenen kennen sie nur noch aus Erzählungen. Und jetzt ist heute.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es solche westdeutschen unsympathischen Juristenpaare gibt. Meine Großmutter hatte auch mal solche Leute getroffen. Trotzdem wäre es Quatsch nun zu glauben, jeder Bürger westlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze wäre so. Und wie ich hier irgendwo schon schrieb, natürlich kann man viele der Geschehnisse nach der Wende kritisieren und sollte das auch – völlig in Ordnung! Aber irgendwann muss man halt auch mal gucken, wie man am besten in der Gegenwart und in der Zukunft durchkommt.

Meines Wissens ist dieser Länderfinanzausgleich auch nicht an irgendeine politische Folgsamkeit geknüpft, und hat nicht nur mit Ost und West zu tun, sondern generell mit Bundesländern die eine höhere oder eben niedrigere Finanzkraft haben – und da wird regelmäßig verhandelt und reformiert schon seit dem Deutschen Kaiserreich (hat also dann wohl so seine Tradition, die weitaus älter ist als die DDR). Finde es auch komisch, wenn jemand regelmäßig von einem anderen Geld überweist bekommt und dann hört man nur, dass alles furchtbar ist und der Geldgeber ja nur nicht die Nase zu hoch tragen solle. Fände ich als Geldgeber irgendwie auch irritierend.

Da möchte ich „Zerfalls- und Verschlimmbesserungsgeschehen“ als Neologismus vorschlagen, lieber Autor, mit dem Sie „Transformationsprozeß“ fürderhin ersetzen könnten.

Und daß Sie „gar nicht so schlechte Erfahrungen betreffs Ost-West gemacht“ haben, muß „die Gnade der späten Geburt“ (Helmut Kohl einmal anders) sein, sozusagen. Ich kam vor paar Wochen durch eine Verkettung von Zufällen mit einem seit 1991 in Leipzig wirkenden Juristenpaar ins Gespräch, beide inzwischen Ruheständler und anscheinend weiter sehr aktiv in der hiesigen CDU. Ich vernahm im Gespräch deren Entrüstung, daß die Sicht von Finanzbürgermeister Torsten Bonew (CDU) auf die DDR-Zeit unkritisch wäre, gar beschönigend. Konkret ging es um das Massaker von Abtnaundorf, über das Herr Bonew öffentlich geäußert hatte, daß ihm dieses bereits weiland am Tag seiner Einschulung unvergeßlich ins Bewußtsein gerückt worden war, und zwar durch eine Blumenniederlegung aller Schulanfänger seiner Schule am Mahnmal. Derlei aber, so wurde mir klar, läuft bis heute der Geiteswelt derer zuwider, die hier 1990 ff. auftauchten und – wenigstens zu Teilen – mit der Attitüde „ist jetzt alles wieder uns“ daherkamen. Deren Gorbimanie der Achtziger sich als paradoxe Kehrseite einer tiefsitzenden Russophobie bis heute erweist, um noch etwas weiter zu gehen.

Ein paar Redliche waren ganz bestimmt auch dabei 1990, aber die Majorität war insbesondere in Durchsetzungsstärke geschult, im Aufplustern, im Erkennen von Lücken aller Art, und im Besetzen derer. Umwürdige Szenen spielten sich ab, als Scheininvestoren 1990 in fetten Mietautos vorfuhren, ganze Betriebsbelegschaften antreten ließen und alles taxierten, während die Betriebe an den von Horst Köhler und Konsorten freudvoll entdeckten Schulden stranguliert wurden, assistiert durch die Treuhand. Marode, eigentlich ein Dorf im Harz (kleiner Scherz), war allüberall. „Transformationsprozeß“? Ich bitte Sie! Abrißunternehmen.

Jammern? Hmm, vielleicht wirklich ein eigenes Thema, „Beim dritten Bier fängt das Gejammer an / was man alles nicht darf, nicht kann.“ sangen PANKOW in „Er will anders sein“ 1986, um daran aber anzuschließen „Er hat außer klagen / noch mehr zu sagen.“ Und genau so war es: die Majorität hatte „noch mehr zu sagen“, in den Achtzigern, und eben auch danach. Aber da war es dann zu spät.

Politische Folgsamkeit, um den Länderfinanzausgleich nicht zu gefährden? Echt jetzt? Wie schön!

Hallo fra, vielleicht klappt es mit Kokospalmen und Kaffee wirklich in ein paar Jahrzehnten? Dann liegt Sachsen-Anhalt möglicherweise auch am Meer und wir hätten eventuell mehr Regen. Bis dahin könnte man ja zum Bestatter umschulen. Ich meine, die älteste Bevölkerung in Deutschland wird nun nach und nach das Zeitliche segnen und dann werden so einige Leute unter die Erde zu bringen sein. Könnte ein Mordsgeschäft werden! Und danach könnte ich mit dem daraus gewonnenen Kapital endlich meine eigene Kaffeeplantage aufmachen… man muss sich eben das Beste aus den Gegebenheiten machen!

Hallo Urs, sie können gern einen anderen Terminus als „Transformationsprozess“ vorschlagen, sie wissen ja worauf ich hinaus will. Ansonsten sicher – kann man das politische Handeln der Vergangenheit durchaus kritisieren – das ist ja angemessen! Und auch Zustimmung: die derzeitige Art von Landwirtschaft (und analog auch Forstwirtschaft) sind aus sozialen Gründen ebenso zu hinterfragen, wie auch aus Gründen des Grundwasserschutzes, des Bodenschutzes, des Klimaschutzes und vor allem auch des Naturschutzes. Gut möglich dass die Menschen weltweit hier eines Tages generell umsteuern müssen, weil sie sonst ihre Lebensgrundlagen zerstören.

Betreffs West-Ost habe ich allerdings gar nicht so schlechte Erfahrungen gemacht, die Westdeutschen die ich kennengelernt habe im Laufe meines Lebens waren immer aufgeschlossen und nett zu mir. Die Westdeutschen, die ich vor allem hier in den Neuen Bundesländern gesprochen habe, und das sind auch so einige, waren immer begeistert vom Osten, was es hier alles gibt und was die Ostdeutschen alles so geschafft haben. Noch nie hat ein Westdeutscher mir gegenüber irgendwie so etwas geäußert, dass hier das Leben zu DDR-Zeiten schrecklich und furchtbar gewesen wäre, die waren eher neugierig und fanden es interessant. Von daher würde ich eher sagen, der einfache Bürger der FDGO trägt seine Nase vielleicht gar nicht so hoch gegenüber dem Osten, ich kann mir aber vorstellen, dass der eine oder andere Westdeutsche genervt ist von der ewigen Jammerei im Osten, weil mich diese Schwarzseherei auch öfters nervt, sie ist einfach nicht wirklich motivierend.

Was den Länderfinanzausgleich angeht, bei Politik geht es ja auch um Abmachungen und Geschäfte, und der Osten ist einfach in einer nicht so tollen Verhandlungsposition, da wäre es vielleicht klüger mal den Ball ein wenig flacher zu halten. Sie schreiben weiter unten, es würde hier alles nicht mit Logik erklärbar sein und Logik wäre missbräuchlich verwandt worden, mag alles sein, aber es geht hier um Zahlen und Geld, da kann man mit rechnen und man kann einiges überschlagen und fakt ist, Sachsen-Anhalt hat es a) nicht besonders dicke und b) kann froh sein über das Geld, welches es da bekommt und c) kann es wirklich ökonomisch nun noch wirklich schlimmer werden durch die AfD und d) wurde nun von klugen Köpfen berechnet, dass die AfD – wenn sie an die Macht käme – ihre versprochenen Wählergeschenke wirklich nicht bezahlen könnte (wie ich es mir auch dachte). Ich vermute, wenn Sachsen-Anhalt eine AfD-Regierung bekommt, dauert es eine kleine Weile und wenn die ökonomischen Folgen sichtbar werden, gibt es noch mehr Gründe zum Jammern. Aber was soll ich sagen, ist halt jeder seines eigenen Glückes Schmied.

JH: „Mit Kaffee und Kokospalmen wird’s aber nichts werden, fürchte ich.“ Warum nicht, es gibt genügend Zeiträume im erdgeschichtliche Alter, wo diese hier sehr gut gedeihen würden. Die Kokosnussernte kommt näher.

Der Terminus „Transformationsprozeß“ scheint mir sehr anfällig für einen Einsatz als Jokerargument. Das sollten wir dem Begriff nicht zugestehen. Denn Umformungsvorgänge (idealiter bei mathematischen Umformungen) kennen keine Gewinne oder Verluste. Derlei mag auf einer überregionalen oder gar globalen Skala auch für Transformationsprozesse der Produktion und des gesellschaftlichen Zusammenlebens zutreffen; für die von einem Individuum überblickbare Froschperspektive gibt es aber immer Verluste, die schuldlos eintreten. Es muß Angelegenheit der Politik sein, dieser Majorität, die bei der vermeintlichen Transformation üblicherweise in die Röhre guckt, beizuspringen. Und es ist schon fraglich, wieso wir uns zu einer Landwirtschaft zwingen lassen, die fast ohne menschliche Arbeit auskommt, so daß alles an dörflichen Systemen den Bach runtergeht. Wir müssen von der Politik erwarten können, daß deren Vertreter (m/w/d/x) nicht nur wortreich-routiniert und stirnfurchend kommentieren, sondern im Sinne der Majorität Einfluß nehmen. Daß letzteres weithin ausbleibt, kann nicht jahrzehntelang kaschiert werden (wer hätte das gedacht?). Was ist etwa mit dem Ruin der hiesigen Photovoltaik-Industrie schon vor einigen Jahren?

Und hinsichtlich des von mir angeführten Elitenwechsels: man muß den beklagen, ohne die seinerzeitigen Eliten gemocht zu haben oder denen gar angehört zu haben.

Dieter Hildebrandt und Peter Ensikat, beide längst unter der Erde, fanden für ihre wechselseitige öffentliche Charakterisierung vor Jahren diese Formel: „Dieter Hildebrandt, der Peter Ensikat des Westens“. Solange dies aber als seltsam angesehen wird, solange der Eindruck genährt bleibt, es hätte vor 1990 im Beitrittsgebiet kein Leben gegeben, abgesehen von Stasi, Knast, Schießbefehl und Minenfeldern, sind wir verloren. Ich kenne den DKP-Postboten Werner Siebler aus Freiburg/Br., dem vor mehr als 40 Jahren ein Berufsverbot zuteil wurde, persönlich. Die FDGO sollte ihre Nase nicht zu hoch tragen, gerade auch angesichts von De-Banking und anderen Garstigkeiten der Heutzeit.

Hallo Urs, ja, die Geschichte schreibt oft aus ihrer Dynamik heraus die schönsten Pointen und neigt zu Treppenwitzen. Erst sorgt man für Bedingungen, dass die Leute gehen, dann will man wieder Leute hierher holen. Aber wie schon unten geschrieben, zwar spielen die Vorgänge um 1989/90 bis heute hier natürlich eine sehr große Rolle, aber was hier abläuft sind eben auch die Transformationsprozesse am Ende des alten Industriezeitalters, die global ähnlich ablaufen. Wo zu Beginn der Industriellen Revolution gezielt auch vom deutschen Kaiserreich (!) Menschen aus dem Ausland ins Land geholt wurden (ja, Deutschland, selbst das deutsche Kaiserreich hatte schon früher so einiges an Migration, das sind auch die Vorfahren der AfD-Wähler – noch so ein Treppenwitz) und die Bevölkerungen stark anstiegen, weil man Arbeiter für die Fabriken brauchte, wandern die Nachfahren der Arbeiter nun dorthin, wo sie einen Verdienst finden, weil es die alten Fabriken so nicht mehr gibt aufgrund der technologischen Entwicklung. Auch die Landwirtschaft unterliegt dem technologischen Wandel, bot einst vielen Menschen Arbeit, deren Nachfahren schon seit dem vergangenen Jahrhundert immer mehr in die urbanen Zentren strömen.

Ein Herr Kohl & Co. hätten vielleicht soweit in die Zukunft denken sollen, das kann man ihnen posthum wenn man mag vorwerfen. Aber möglicherweise waren diese Politiker auch wie vielleicht die Politiker heute eher Getriebene und auf die Dynamik der Systeme reagierende Menschen, die weder Zeit, noch Energie hatten und haben, so weit in die Zukunft zu denken. Ein Philosoph namens Hans Jonas hat ja auch mal davon geschrieben (im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Technologien), dass wir die Auswirkungen von dem, was wir heute tun, und auch die Folgen neuer Technologien für die Welt von Morgen gar nicht überblicken können und deswegen sorgsam umgehen sollten mit der Einführung neuer Technologien und damit auch neuer Systeme. Aber weil unsere Gesellschaften getrieben sind davon, sich zu ernähren und auch den Reichtum einiger zu mehren, werden wir quasi gezwungen, immerfort neue Technologien auf den Markt zu werfen und spielerisch zum Guten wie zum Bösen weiter zu entwickeln. Albert Einstein war traurig, als es dann die Atombomben wirklich gab und er bereute wohl so einiges. Wer weiß, was erst die Erfinder der KI eines Tages bereuen werden?

Im Großen und Ganzen mögen wir uns da natürlich machtlos vorkommen, irgendwelchen Parteien was vorwerfen (die aber auch nicht die Allein-Schuld tragen für die Folgen der Industriellen Revolution im 19. und 20. Jahrhundert und anderer aktueller politischer Einflüsse aus globalem Kontekt, welche unsere „Altparteien“ gar nicht beeinflussen konnten und können. Und die AfD wird es auch nicht können, wie denn auch).

Trotzdem, was bringt es, sich einer kollektiven Depression zu ergeben und vielleicht sogar dazu beizutragen, dass es noch schlimmer wird alles, nur weil man meint, es könne ja nicht schlimmer kommen oder weil gefühlt das Kind in den Brunnen gefallen ist? Kein Wunder dass die jungen Frauen, ja überhaupt die jungen Leute auswandern, wenn sie ständig sowas hören, das ist ja frustrierend und nicht gerade motivierend, überhaupt etwas zu begründen, sei es eine Familie oder ein Unternehmen oder sonstwas.

Im Rahmen unseres kleinen Aktionsrahmens haben wir doch immer die Möglichkeit, zumindest für uns so zu entscheiden und zu handeln, dass wir als Gemeinschaft kooperativ halbwegs konstruktive Lösungen hier vor Ort finden könnten (immer die natürlichen Lebensgrundlagen im Blick!). Natürlich werden wir damit nicht die Welt im Großen und Ganzen ändern und dieses und jenes verhindern (manches Unglück wird vermutlich auch irgendwann über uns hineinbrechen, getrieben von ganz anderen Faktoren und Dynamiken, auf die wir keinen oder nur geringen Einfluss haben). Aber zumindest vor Ort hätten wir vielleicht dann irgendwann eine bessere Situation als jetzt.

Das betrifft auch die Beziehung zwischen Westen und Osten. Ist es konstruktiv, alles auseinander zu reißen und reißen zu lassen? Ost, West, Deutsche und Ausländer usw. usf. (möchte nur kurz darauf hinweisen, ich würde auch mit Nazis reden auch wenn ich sie sehr kritisiere! Weil das müssen wir – kommunizieren, auch mit dem, den ich nicht mag oder dessen Handeln ich für unmoralisch oder eben unklug halte).

Außerdem sollten die neuen Bundesländer vielleicht auch aus anderen Gründen politisch klüger handeln und es sich nicht mit den alten Bundesländern verprellen, Stichwort Länderfinanzausgleich. Ich bin da kein Experte, meine mich aber zu erinnern, dass bspw. Bayern schon länger keinen Bock mehr hat, soviel Geld woanders hin zu überweisen. Wir würden uns hier wahrscheinlich dann ganz schön dumm umgucken, wenn das Geld ausbliebe. Da bliebe dann auch kein Geld mehr wovon die AfD ihre jetzt versprochenen Geldgeschenke verteilen könnte.

PS: weil hier gewitzelt wurde wegen der neuen Feldfrüchte, Feigen usw. wurden hierzulande schon im Mittelalter angebaut, bspw. am Rhein und in diversen Klöstern. Mit Kaffee und Kokospalmen wird’s aber nichts werden, fürchte ich.

Hallo Urs,
Tante und Onkel sind nette Menschen. Also zu mir nett. Ich schätze sie sehr, und mit diesem Respekt im Herzen kann ich sagen, dass sie intellektuell nicht im Verdacht stehen, Wiglaf Droste nachzueifern. Unabhängig davon kann ich an dem Zettel weder etwas positives noch lustiges sehen, aber das kann Geschmackssache sein.

Zum Elitenwechsel: Bedauern darüber würde bedeuten, dass die vorigen Eliten geschätzt waren, oder?

Selbstverständlich ist alles Unreflektierte von Übel, lieber Sebastian. Ich könnte mir dazu hier die Finger wundtippen. Der stattgehabte Elitenwechsel wird noch ewig und drei Tage seine Auswirkungen haben. Und vieles mehr.

Der Dichter und Satiriker Wiglaf Droste hatte eine Postkarte mit genau diesem Scherzsatz an seiner Leipziger Wohnungstür außen angebracht. Wiglaf hatte in den Siebzigern in Bielefeld eine Russisch-AG besucht und fand die Karte sehr lustig. Mit etwas elektrifizierter Hilfe habe ich mir erlaubt, eine eigentliche Übersetzung des Satzes zu erstellen: „Тот, кто может это прочесть – не глупый ‚весси‘.“ Jedenfalls ist nicht alles Haß und Indoktrination, was danach aussieht.

Die bloße Unterscheidung, lieber Urs, ist erst mal nicht das Problem. Aber mit der Unterscheidung kommt ja meist auch die Bewertung daher; die Unterteilung in doof und gut genug, oder in „gehört zu uns“ und „soll weg“. Dieser unreflektierte Wessihass ist einfach unerträglich und auch lächerlich.
Meine Tante und mein Onkel (so genannte Ur-Sachsen) hatten meinem Cousin im Grundschulalter ein A4 Blatt an die Kinderzimmertüre geklebt, auf dem in kyrillischen Buchstaben etwas stand. Ich hatte in der Schule Französisch, so dass ich nachfragte, was auf dem Blatt stand. Mir wurde vorgelesen: „Wenn Du das lesen kannst, dann bist Du kein dummer Wessi.“ Der Cousin ist 1992 geboren und hatte sicher kein Problem mit Besserwessis, Oberlehrern oder der Zweitkolonisierung nach der Wende. Aber es musste unbedingt Hassfolklore betrieben werden, vererbte Stimmungmache, vermutlich weil es tatsächlich die ein oder andere negative Erfahrung gemacht wurde. Ich habe auch selbst merkwürdig auftretende Damen (dem Dialekt nach aus Bottrop und Co.) erlebt, in der Thomaskirche oder in der Gedenkstätte Buchenwald, aber genauso gibt es Ossi-Landsleute, denen die Dummheit aus der Gusche springt.
Ansonsten kann ich cx und Unzeitgeist nur zustimmen.

Es liegt gerade im Wesen des Phänomens, lieber Autor, daß alle Ansätze, die vornan mit Logik daherkommen wollen, genau nicht verfangen. Das Kind liegt im Brunnen. Zuoft war die Logik mißbräuchlich verwandt worden. Ein Paradebeispiel ist die jämmerliche Riesterrente. Und es ist ein Treppenwitz, ab 1990 das Beitrittsgebiet auf den Kopf zu stellen, damit Abwanderung in Größenordnungen zu befördern, und nun Zuwanderung zu verlangen.

Wenn man von der schwäbischen Alb kommt, lieber ‚cx‘, und etwa nach Sachsen gelangt, fiel und fällt man jedenfalls ‚als Wessi‘ auf. Muß man das als Anfeindung auffassen? Ich weiß nicht. Bleiben Sie bitte stark! Ich darf Ihnen verraten: ich kann Männer meines Alters hinsichtlich Wessi vs. Ossi am Gangmuster unterscheiden…

Ich bin in einer süddeutschen größeren Kleinstadt aufgewachsen – jeder Ausflug ins Hinterland (Alb), aber auch „dem Volk aufs Maul schauen“ offenbarte damals eine tiefschwarz-bräunliche Gesinnung. Von wegen in den 50-er60er Jahren wurde die NS Vergangenheit aufgearbeitet. Filbinger!

Reaktionäres Scheuklappendenken gepaart mit Egoismus und Altersstarrsinn, dazu eine Widerstandsromantik von ganz rechts, das findet man überall. In Sachsen-Anhalt habe ich dies oft besonders deutlich erlebt – von der Bratwurstbude mit offener Nazisymbolik bis zur Anfeindung „ich hab sofort gesehen du bist ein Wessi!“.

Tiefere Sachsen-Anhalt spezifische Analysen braucht es nicht. Die gleichen „42%“ gibt es überall, ob in Spanien oder Schweden oder Südafrika. Schwurblige Duftkerzenverkäufer auch.
Politischer Leichtsinn, Unbildung und die Sehnsucht nach der Erlösung.

Das ist jetzt negativ und es ist auch ziemlich derbe, aber es passt doch schlicht zur Zeit.

Die AFD – man muss das anerkennen und stehen lassen – ist keine Anomalie. Wir haben diese politischen Kräfte in allen großen Demokratien.
Es ist kein Ostproblem, es ist hier nur nochmal viel stärker.
Es ist kein Boomerproblem, zumindest nicht direkt. Bei der letzten Bundestagswahl war die AFD die stärkste Kraft bei Jungwählern.

Wenn man diese paar Fakten nicht zur Kenntnis nimmt und sich daran aufhängt, hilft man niemandem und reagiert sich nur ab. Nutzlos.

Was aber hat diese Kräfte hervorgebracht? Es sind aus meiner Sicht bequeme Unwahrheiten, auf denen die reichen Demokratien aufgebaut sind.
1) Manche Demokratien haben sich noch nichtmal selbst demokratisiert sondern wurden es. Sie haben das nicht von selbst geleistet. Ihre Genese ist nicht so hohen Ursprungs, da stinkt etwas von Grund auf und das kann man riechen. In Zeiten wie diesen fällt es auf.
2) Das Modell der mächtigsten Demokratie des Planeten ist bei genauerem Hinsehen nicht besonders demokratisch, sondern sehr verstrickt und vor allem sehr liberal. Es dient – provokant aber lässt sich sehr gut belegen – vor allem der Einhegung der Demokratie. Bei uns ist das System anders, aber auch hier wird die Demokratie eingehegt durch liberale Institutionen. Volkssouveränität ist im Zwangsmantel. Kein Wunder, dass es Zeiten gibt, in denen das Volk sich in dem Mantel nicht mehr wohl fühlt! Und da kommt der nächste Punkt: Wo im Himmel steht geschrieben, dass eine Demokratie so aussehen muss wie irgendeine konkrete, wo steht, dass sie „ideal“ oder „sehr gut“ IST. Dass sie es war – „sehr gut“ – das mag ja sein, aber wie ist es heute? Was leistet sie, was leistet sie nicht?
3) Liberalismus, da wird es Endspannend: Der hat uns sowas wie Toleranz, Partikularismus, Offenheit und Vielfalt „gelehrt“. Das ist alles ganz schön, aber das kulturelle Programm ist kein Aufkleber, der jede Wunde heilt und all das ist – genau wie es konkret gelebt und besprochen wird – auch Ideologie. Auch der Liberalismus hat Ideologien zu bieten, er ist ja selbst eine politische Ideologie. Schauen wir uns jeden dieser Begriffe an, dann sehen wir, wie wenig Substanz das hat. Damit ist auch gemeint, dass man immer sehr gut fragen kann „warum ist das gut?“ – mit anderen Worten, das ist alles nicht selbsterklärend sondern es hängt von konkreten Umständen ab, ob das gut ist oder nicht. Als politische Theologie – als die es heute meiner Beobachtung nach noch immer viel angewandt wird – hat es sich verbraucht und ist es – ich schrieb es – viel zu dünn. Damit kann man die Leute nicht unterhalten, da haben verblassende Religionen sogar mehr zu bieten!
4) Unser Wohlstand hat viel mit uns und mehr mit unseren Vorfahren zu tun, aber eben auch mit dunklen Kräften und später mit einem großen Start- und Wettbewerbsvorteil. Unser politisches System hat niemals ohne diese Vorteile des Wohlstands funktioniert, es scheint auf diese nicht verzichten zu können und zwar sowohl finanziell als auch – wichtig – mental. Das wissen zwar viele, haben es aber eben nicht bis zum Ende gedacht.
5) Ungleichheit – ja, wie viele Jahrzehnte wird die eigentlich schon fortgeschrieben? Haben wir in der Menschheitsgeschichte es je zuvor gesehen, dass es nicht Umbrüche, neue Würfelergebnisse, neue Eliten und eine gewisses Maß an Durchmischung gegeben hat, danach konnte es in gewisser Weise „frisch“ weitergehen? Dann schaut doch mal, wo die Eliten sitzen in unseren Ländern und wie das Erbe sich fortpflanzt. England und die USA sind – Perspektivwechsel – überdies die einzigen großen demokratischen Länder, in denen Jahrhunderte ohne soziale Umbrüche und Neuwürfeln geschahen. Aber auch in den USA scheint man mit der neuen Form der Öffentlichkeit in Bezug auf den gesellschaftlichen Frieden an ein Ende zu kommen.

Die ganze Bekämpfungsstrategie ist erbärmlich – von B wie „Brandmauer“ über k wie „kleineres Übel“ bis U wie „Untergangsheraufbeschwörung“. Es ist hilflos, es ist peinlich im Sinne von dass es dem Beobachter beim Zusehen weh tut. Haben die „Demokraten“ – ja, darüber muss man reden wer das ist und wer es nicht ist und wofür „Demokraten“ einstehen – nach 77 Jahren BRD denn wirklich nicht mehr zu bieten? Ja, lasst uns hoffen, dass ein Verbotsverfahren eingeleitet wird und dann, dass Karlsruhe unsere Sicht in einigen Jahren teilt. Mehr hat man als Demokrat nicht mehr im Kescher, als die bereits eingezwängte Demokratie zu kastrieren, um sie zu „retten“? Das ist schon die letzte Patrone. Man soll sich dann bitte nicht wundern, wenn es nicht besser wird. Ich habe natürlich keine Glaskugel, aber Weimar ist auch nicht nur an den Extremen gescheitert, sondern – man erinnere sich an den Geschichtsunterricht – auch an den autoritären Versuchen, Weimar zu retten!

Angesichts des Klimawandels sind Serengetitouren durch menschenleere Gegenden wirklich eine Alternative für das ehemalige Land der Frühaufsteher, Trüffelplantagen, Olivenhaine, Kaffee – und Ananasfelder. Aber Vorsicht eine nicht wesentliche Todesursache in den Tropen sind Hohlköpfe zerschellende Kokosnüsse.

Hallo Lutz 70, stimme ihnen betreffs der Ursachen teils zu, denke aber, es ist auch ein überregionaler globaler Trend, selbst in den USA laufen ähnliche Prozesse ab. Es ist in meinen Augen nachvollziehbar, wenn Menschen das politische Vorgehen der vergangenen Jahrzehnte kritisieren oder eben politikverdrossen sind, aber den Kopf ganz in den Sand zu stecken oder nur noch herumzujammern ist kein lösungsorientiertes Vorgehen. Ich finde es fatal, nun zu sagen, es ginge eh nicht mehr schlimmer, da wäre sowieso alles egal. Wie sagt man so schön, schlimmer geht immer – und es gibt Länder auf dieser Erde, dagegen geht es uns, auch wenn wir es manchmal nicht so empfinden, jetzt noch ganz gut. Da muss man sich nicht sehenden Auges noch mehr in die Bredouille manövrieren.

Sachsen-Anhalt hat wie auch andere neue Bundesländer durchaus kleine Pfunde, womit es wuchern kann, auch wenn einem hierzulande natürlich nicht gleich sofort die gebratenen Tauben in den Mund fliegen werden. Es gibt hier Hochschulen und Universitäten, woraus theoretisch Innovationen erwachsen könnten. Es gibt einen großen Chemiestandort, den man erhalten sollte. Sachsen-Anhalt ist auch ein Agrarland, welches auf seinen letztlich doch fruchtbaren Böden Innovationen im Bereich der Landwirtschaft hervorbringen könnte. Ich denke hier bspw. an eine naturverträgliche innovative Landwirtschaft, so gestaltet, dass sie widerstandsfähig ist auch im Klimawandel (tendenziell wird es ja eher doch wärmer und trockener gerade im Windschatten des Harzes). Es gibt schon lange für solche Bedingungen Ideen wie Agroforestry und Permakultur, auch neue Kulturpflanzen sind tatsächlich jetzt schon denkbar (Buchweizen, Kichererbsen, Walnuss, Oliven, Feigen, Trüffel usw. – kann man auch schon in Deutschland anbauen und sollte es auch jetzt beginnen! Es wäre dumm es nicht wenigstens zu probieren). In Moorgebieten im Norden von Sachsen-Anhalt wäre Paludikultur ein dankbares Experimentierfeld. Landwirtschaftliche soziale Kooperationsprojekte zwischen Bürgern können ebenfalls dienlich sein zur Produktion hochwertiger Nahrungsmittel mit gleichzeitig positiven sozialer Auswirkungen und denkbar wären hier auch Zusatzeinnahmen aus Tourismus. Gleiches gilt für Beweidungsprojekte als Verbindung von Landwirtschaft mit Naturschutz mit Umweltschutz. Bergbaufolgelandschaften im Süden von Sachsen-Anhalt sind durchaus nutzbar zur Energieerzeugung, ebenso sind hier aber auch europaweit einzigartige Wildernessprojekte denkbar – welche nicht nur touristisch verwertbar sind, sondern auch der Grundwasserneubildung, der Verbesserung des Lokalklimas und dem Artenschutz dienen könnten.

In den neuen Bundesländern gibt es auf engsten Raum manchmal mehr Kultur als anderswo, weswegen Städtchen wie Quedlinburg u.Ä. durchaus jetzt schon von Tourismus profitieren. Bauhaus Dessau, Wörlitz, Wittenberg und Elberadweg ziehen Reisende aus aller Herren Länder an. Das sollten wir uns nicht kaputt machen. Natürlich werden den Menschen von alledem nicht sofort die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wie schon erwähnt. Aber wie sagt selbst die AfD, möglich ist ja alles. Vor allem braucht es mehr Sozialpolitik für alle Menschen hier und nicht nur beschränkt auf eine bestimmte Gruppe (weiß, deutsch, verheiratet). Gemeinschaft funktioniert nicht, wenn man nur diejenigen fördert, die einer AfD genehm sind und alle anderen verekelt. Auch wäre es dumm, bspw. Ärzte hier wegzuschicken (wie von der AfD gefordert), nur weil sie nicht in Deutschland geboren wurden. Wir haben jetzt schon Mangel an Ärzten. Ich wurde schon von Ärzten behandelt, die aus dem Ausland kamen, ich verstehe halt einfach nicht, was die AfD für ein Problem mit diesen Leuten hat. Soll ich jetzt warten, bis irgendwann mal irgendein AfD-Fan zufällig einen Arzt gezeugt und großgezogen, bis dies dieser vielleicht fertig ist mit Studium und dann seine Praxis aufgemacht hat? Das dauert 25-30 Jahre, mann, in der Zeit ziehe ich ja wirklich lieber woanders hin, wo ich schneller einen Arzttermin bekomme. Und nein, woanders gibt es auch Ärztemangel, es werden sich nicht so schnell ausreichend Mediziner aus anderen Bundesländern abwerben lassen…

Diesen Rechtsextremen in ihrem Thinktank schwebt vielleicht vor, aus Sachsen-Anhalt ein völkisches Besiedlungsprojekt zu machen mit einer ausgedachten deutschen Fake-Kultur mit solchem Zinnober wie Sonnenwendfeiern, die es in unseren Landen historisch nie gegeben hat, die sich die Nationalsozialisten in den 30er Jahren nur ersponnen haben. Vielleicht glauben diese Rechtsextremen auch, dass sie sich selbst mit ihrer selbsterdachten Neuen Germanischen Medizin behandeln wenn sie mal krank werden. Aber weder ist diese Nazikultur authentisch oder irgendwie „deutsch“ noch funktioniert diese Neue Germanische Medizin. Und wenn in Sachsen-Anhalt der Stammbaum dann mangels Einflüssen zum Kreis wird, wird’s in ein paar Jahrzehnten auch problematisch mit dem selbst gemachten „germanischen“ Nachwuchs.

JH, ihre Analyse ist schon in Ordnung. Nur hat die AFD damit relativ wenig zu tun. In Sachen-Anhalt haben seit der Wende alle Möglichen Regierungskonstellatoonen gearbeitet. Das Ergebnis ist bekannt. Was soll bei einer blauen noch schlechter werden wie es jetzt schon ist. Nur ein Beispiel, der Landkreis Mansfeld-Südharz ist seit 26 Jahren einer der ärmsten Deutschlands. Hat sich nie was geändert.

Hallo gerd stefan, sie fragen „Mich würde eher mal interessieren, weshalb kaum noch Kinder geboren werden oder weshalb die jungen Frauen auswandern“. Antwort zu „weshalb kaum noch Kinder geboren werden“: Grund A – wenn die jungen Frauen auswandern, leben sie danach auch woanders und gründen auch, wenn sie es tun, dort i.d.R. ihre Familie, ist ja logisch. Grund B – immer wieder zu hören und zu lesen und ebenso nachvollziehbar ist es, dass Ausbildung/Studium/Beruf oft nicht gut miteinander vereinbar sind und Frauen deshalb oft später mit Familienplanung beginnen, erst, wenn ihre Lebenssituation halbwegs sicher ist. Also versuchen die Frauen nachvollziehbarer Weise ihr Leben so zu planen, dass es sicher ist (finanziell, sozial). Ist letztlich ja auch im Sinne der potentiellen Kinder. Und das ist offenbar nicht im Osten v.a. in ländlichen Regionen. Weshalb sie auswandern, ist auch vielerorts im Gespräch zu hören und zu lesen: anderswo bessere Ausbildung, Studium, bessere Jobs, mehr Gehalt, der Wunsch nach mehr Kultur (ja, das ist für viele Menschen ein wichtiger Faktor!). In ländlichen Regionen ist die medizinische Betreuung auch jetzt schon nicht so super, das ist aber mitunter wichtig für Familien. In urbanen Regionen ist das viel einfacher. Die Frauen wollen sicher auch, dass ihre Kinder, wenn sie welche haben, eine gute Ausbildung bekommen, auch das ist wieder in urbanen Regionen einfacher zu realisieren. Und Frauen möchten selbstbestimmt leben und in besonderen Lebenslagen auch entsprechende Beratung und Support – daran mangelt es auch auf dem Lande und hier möchte die AfD den Rotstift ansetzen, wird also noch schlechter werden in Zukunft. Das mit den urbanen und ländlichen Regionen ist kein spezifisch ostdeutsches Phänomen, das gibt es in vielen Regionen Europas, in Sachsen-Anhalt&Co. verschärft durch Historie+Strukturwandel. Man könnte durchaus CDU+SPD Vorwürfe machen, dass sie in den vergangenen Jahrzehnten hier nicht gegengesteuert haben – auch wenn sie nicht allein ursächlich sind für die Lage. Relevant ist: was könnte man jetzt tun, um gegenzusteuern? Ansätze ergeben sich hier aus den o.g. Gründen! Viele Vorschläge der AfD sind leider wahrscheinlich eher kontraproduktiv, verschärfen das Problem voraussichtlich. Ich finde es auch seltsam, dass die AfD Frauen offenbar nicht als Menschen ansieht, sondern nur als potentiell Gebärende. Das inkludiert schon eine gewisse Herabwürdigung und auch Fremdbestimmung. Wer möchte denn bitteschön so behandelt werden? PS: Was die Märchen angeht, kann man ja mal versuchen, einiges logisch durchzuspielen und sich auch die Zahlen anschauen, muss man sich eben konkret von Thema zu Thema durchhangeln.

Schöner langer Aufsatz, passend zum Duktus dieses Mediums, lang und inhaltsleer. Mich würde eher mal interessieren, weshalb kaum noch Kinder geboren werden oder weshalb die jungen Frauen auswandern. An der AfD kann es ja wohl nicht liegen. Und ob das alles nur Märchen sind, was die AfD verspricht und erzählt, das werden wir dann schon sehen

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