Was ist nur los mit den Leuten in Sachsen-Anhalt? Ehrlich? Das Wahlergebnis der Landtagswahl passt überhaupt nicht zu diesem Bindestrich-Land. Das zwar irgendwie zusammengeschustert aussieht, zusammengebastelt aus den Überbleibseln anderer Länder. Aber wer es einmal besucht hat, weiß, dass es ein Land ist, das sich kulturell nicht verstecken muss.

Und die quadratischen Rezepte-Bücher, mit denen der Buchverlag für die Frau die Küchen historischer Landstriche vorstellt, erzählen eben auch von dieser Geschichte und den Orten, wo man sie besichtigen kann.

Wobei dieser Band eine Region in Sachsen-Anhalt fast komplett ausblendet: das ist der Harz. Denn der wurde schon 2017 in einem eigenen Titel der Reihe gewürdigt.

Aber was dann noch übrig bleibt vom Bindestrich-Ländchen, wäre eigentlich eine Einladung, die kulturelle Vielfalt dieses Ländchens einmal selbst zu entdecken. Torsten Kleinschmidt tut das mit einer regelrechten Begeisterung. Denn natürlich lädt das alles eigentlich zum Begeistern ein. Ob das historische Städte in der Altmark sind wie Salzwedel, Gardelegen oder die Hansestadt Stendal, ob die Börde oder die alte Ottonen-Stadt Magdeburg oder das Gebiet um Zerbst und die Bauhaus-Stadt Dessau.

Und da hat man gerade mal erst die Hälfte geschafft, wurde aber von Kleinschmidt schon auf Kleinode wie die „älteste Biermarke der Welt“, das „Garley“ aus Gardelegen, auf die Baumkuchentradition in Salzwedel und die Heimat des Knäckebrots hingewiesen, auf Magddeburgs berühmtesten Bürgermeister, das „Kornhaus“ an der Elbe und die Zerbster Prinzessin, die zur russischen Kaiserin wurde.

Auch Fontane war da

Alles verbunden mit Schlössern, Parks und Denkmälern, die man besuchen kann. Und natürlich den typischen Gerichten der Region, die den Außerirdischen in Verwirrung stürzen und die Heimischen stolz in der Küche verschwinden lassen, weil sie wissen, wie man eine deftige Beamtenstippe macht, Preußische Apfelmus-Suppe oder Pottsuse.

Und wie gesagt: Da ist man erst zur Hälfte durch. Steckt noch mit einem Fuß in den alten anhaltinischen Fürstentümern und mit einem schon in den Vorharz-Städten Thale, Quedlinburg und Halberstadt.

Eine Ecke, wo auch einst Theodor Fontane gern seine Sommerfrische verbrachte und sich (in „Cécile“) seine literarischen Scherzchen über das Eingeräuchertwerden im Kurort erlaubte. Das hat ihm auch noch niemand so recht krumm genommen, auch wenn da dann doch wieder die Wandtafel hängt: „Goethe war hier“. Auch wenn er nur kurz mal durchspaziert ist und zur Harzer Küche gar nichts gesagt hat.

Und von hier aus geht es einfach wie im Fluge weiter in die alte Hallorenstadt Halle, ins Weingebiet an Saale und Unstrut und in die alte Domstadt Naumburg. Da hat man dann den Dessauer Speckkuchen genauso intus wie die Forelle Müllerin und eine Portion Halberstädter Würstchen, weiß nun auch, was Runx-Munx ist und was in eine Köthener Schusterpfanne gehört. Man hat die Qualitäten des Lauchstädter Wassers kennengelernt und den Edelborsdorfer aus dem Kloster Pforta.

Ein Schuss Feuerstein

Und am Ende erzählt Kleinschmidt auch noch in einem Extra-Kapitel von Rübenbaronen und Halloren, gibt also noch einen Schwapp Wirtschaftsgeschichte dazu. Eine teils vergangene, teils in der Gegenwart gefährdete Geschichte. Vielleicht ist das am Ende auch die Bruchstelle, dass all das, was das Bindestrich-Ländchen einmal florieren ließ, in Gefahr scheint, wieder zu verschwinden.

Das kann ganz schöne Gefühle des Verlassenwerdens erzeugen. Und zur Wahrheit gehört nun einmal auch: Allein vom Tourismus und einer deftigen Küche kann ein Bundesland nicht leben. Das braucht stabilere Grundlagen. Was natürlich nicht heiß, dass man beim Wählen einfach nur Trotz, Wut und Einbildung wählt. Das bringt nichts.

Und versaut am Ende nur die Stimmung. Und verstellt den Blick darauf, dass dieses zusammengewürfelte Ländchen bei Sonnenschein wirklich eine Menge Schönheiten zu zeigen hat. Und nicht nur im Weingebiet einlädt zu lukullischer Lebensfreude. Gern mit einem Schuss Feuerstein im Longdrink.

Denn eins weiß man ja eigentlich: Wer durchrast, sieht nichts vom Land und verdirbt sich nur den Magen. Vielleicht ist es das, was heutige Politik so ungenießbar macht: ihre Raserei und Schnellplapperei, bei der man bald vergisst, dass zum Leben Geduld gehört. Und eine Aufmerksamkeit für die Dinge, die einen wirklich reich machen.

Torsten Kleinschmidt „Die besten Rezepte aus Sachsen-Anhalt“ Buchverlag für die Frau, Leipzig 2026, 12,95 Euro.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Ralf Julke über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar