Ist nicht eigentlich alles gesagt über die AfD, die alles Mögliche ist, nur keine Alternative für Deutschland? Auch keine für die Bundesländer, in denen sie bei den diesjährigen Wahlen stärkste Kraft werden könnte, gar – wie in Sachsen-Anhalt – so stark werden könnte, dass sie am Ende die Regierung übernimmt. Doch jeder Blick in ihre Wahlprogramme zeigt, dass sie für keines der aktuellen Probleme, die die Deutschen verunsichern, eine Lösung hat. Parolen und falsche Erzählungen hat sie jede Menge. Und diese tragen ihre Protagonisten auch mit verbissener Penetranz immer wieder vor.
Politik lebt von Geschichten, von Narrativen, die für die Wähler Sinn ergeben. Wer eine gute Geschichte erzählen kann, erreicht die Köpfe, malt den Bürgern eine Vision, wie die nächste Zukunft aussehen könnte. Aber diese Geschichten sind verschwunden, unsichtbar geworden. Im Lärm der heutigen „sozialen Medien“ fast nivelliert.
Denn mit dem brachialen Triumphzug der digitalen Plattformen wurden die klassischen Medien als Vermittler von Geschichten letztlich entmachtet. Dass Politik heutzutage derart in Schieflage geraten konnte, hat mit dieser Verschiebung in der Medienlandschaft zu tun. Und mit der Macht der Algorithmen. Wer sie beherrscht und dominiert, übertönt alle anderen. Der setzt seine Geschichten durch in den Köpfen und macht immer mehr Menschen glauben, nur diese Geschichten seien überhaupt noch richtig.
Und so überrascht es auch nicht, dass die Autoren dieses Buches letztlich vor allem der Frage nachspüren, warum so viele Ostdeutsche bei den zurückliegenden Landtags-, Bundestags- und Europawahlen der AfD und ihren oft genug dubiosen und zwielichtigen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben.
Es geht nicht nur um rechtsextreme Einstellungen
Die in diesem Band versammelten Politikforscher haben dafür alle zurückliegenden Wahlen in den fünf ostdeutschen Bundesländern ausgewertet, insbesondere die von 2024 und 2025. Aber sie haben es nicht dabei belassen.
Denn die Wahlergebnisse erklären natürlich nicht die Gründe für die Wahlentscheidung. Diese Gründe werden anderswo sichtbar – etwa in den Monitoren, die die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt regelmäßig veröffentlichen, in denen die Ergebnisse breit angelegter Befragungen der Bevölkerung erfasst werden. Aber auch die in regelmäßigen Abständen erscheinende „Leipziger Autoritarismus-Studie“ liefert Daten, sehr genau vornehmlich zu persönlichen Einstellungsmustern.
Denn dass es – nicht nur in Ostdeutschland – auch vor dem Auftreten der AfD ein Potenzial für eine rechtsextreme bzw. rechtspopulistische Partei gab, belegten diese Autoritarismus-Studien schon länger. Auch wenn sie dann die derzeit kolportierten möglichen Wahlergebnisse für die AfD in den 2026er Landtagswahlen nicht vorhersahen. Jedenfalls nicht allein durch das Spektrum rechtsextremer Einstellungen.
Und da ist man dann bei den Narrativen, den Geschichten, die den Wählern immer wieder erzählt werden und die am Ende zur Identifikation führen. In diesem dicken Fleißwerk werden zwar eine ganze Reihe durchaus belastbarer Gründe dafür angeführt, warum gerade die Ostdeutschen so oft ihr Kreuz bei der AfD machen. Aber im Grunde geht es vor allem um zwei Narrative, die sich gegenseitig verstärken.
Zwei wesentliche Narrative
Das erste ist die Erzählung von den „Bürgern zweiter Klasse“. „Und tatsächlich scheint es so etwas wie eine spezifische ostdeutsche Deprivation zu geben“, schreiben Gert und Susanne Pickel in ihrem Beitrag. „Während 57 % der Ostdeutschen sich als Bürger zweiter Klasse ansehen, sind dies in Westdeutschland nur 20 %. Bemerkenswert für unsere Fragestellung sind die nochmals erheblich über den ostdeutschen Durchschnittswerten liegenden Werte der AfD-Wähler. 71 % sehen sich als Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse.“
Und das muss überhaupt nichts mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der Befragten zu tun haben, wie Susanne und Gert Pickel weiter feststellen: „Fragt man die Ostdeutschen, ob sie denken, den gerechten Anteil am Lebensstandard in Deutschland zu erhalten, dann äußern 51 %, sie erhielten weniger oder sehr viel weniger als den gerechten Anteil am Lebensstandard.“
Es geht also um Gefühle und um Selbsterzählungen, in denen sich die Betroffenen positionieren. Und damit auch eine Gruppenerzählung schaffen bzw. verstärken. Denn unter AfD-Wählern teilen 67 % der Befragten diese Selbstzuschreibung. Und das hat Folgen. Stichwort: In-Group.
Der Elefant im Raum
Aber: Dahinter stecken nun einmal auch reale Erfahrungen in einer Gesellschaft, die sich auf ihre Weise seit 35 Jahren selbst radikalisiert hat. Ein Thema, auf das Michael Nattke eingeht, der in seinem Beitrag unter anderem feststellt: „Eine der vielen Erklärungsansätze ist die ‚neoliberale Radikalisierung der Mitte‘. Dies meint eine deutlich zunehmende Individualisierung gesellschaftlicher Fragestellungen bei gleichzeitiger Ablehnung von Expertenwissen und einer Hinwendung zu autoritären Lösungen.“
Die durch den Neoliberalismus forcierte „marktorientierte Ökonomisierung der Gesellschaft“ ist bis in den privaten Bereich vorgedrungen und löst natürlich bei den Betroffenen akute Ängste und Gefühle der Hilflosigkeit aus.
Der Neoliberalismus ist der fette Elefant, der mitten im Raum steht – über den aber nicht gesprochen wird. Mit drastischen Folgen. Denn natürlich suchen die so Verunsicherten dann ein Narrativ, in dem sie nicht mehr allein auf sich gestellt sind. Und dieses Narrativ bietet der Autoritarismus der Rechtspopulisten. Sie greifen das Gefühl der Wähler, Opfer undurchschaubarer Entwicklungen zu sein, auf und verstärken das Motiv der Opferrolle.
Da kommt dann auch das rechtsextreme Bild vom „Großen Austausch“ in den Fokus, mit dem das vermeintliche Opfergefühl der scheinbar zur Minderheit werdenden und benachteiligten Deutschen mit den Schreckensszenarien einer unaufhaltsamen Zuwanderung konfrontiert wird, die dann auch noch von „den Eliten“ irgendwo da oben gewollt und gesteuert ist.
Und das sind (Selbst-)Bilder, die auf fruchtbaren Boden fallen, die die Wähler scheinbar genau da abholen, wo sie sich hilflos den Veränderungen auch in ihrer eigenen Umgebung ausgesetzt sehen. Und diese Veränderungen sind ja – gerade in den ländlichen Räumen des Ostens – real. Denn geschlossene Schulen, Kitas, Gemeindeämter, Arztpraxen, Krankenhäuser, Gaststätten, Bahnhöfe usw. lassen ja vor aller Augen das Gefühl aufkommen, dass hier – auf Kosten der ländlichen Bevölkerung – gekürzt, gespart und abgebaut wird.
Falsche Feindbilder
Und weil rechtsradikales Denken so schön einfach ist, ist auch das Feindbild klar konturiert: Die Ausländer sind schuld. So einfach kann man das machen. Und einfach ablenken davon, dass die Ursachen für eine kippende Demografie und zurückgesparte Infrastrukturen ganz woanders liegen. Beitrag um Beitrag in diesem Buch bestätigt letztlich, dass diese simplen, aber immer wieder neu kolportierten Narrative über die „Deutschen als Opfer“ bei den AfD-Wählern zünden.
Menschen wünschen sich einfache Erklärungen für krisenhafte Zustände. Bei der AfD bekommen sie diese. Und das Verblüffende ist: Je schriller und rücksichtsloser die Story, umso besser funktioniert sie. Was im Buch am Beispiel jenes Potsdamer Treffens erläutert wird, bei dem u.a. auch bekannte AfD-Funktionäre dabei waren und wo der vom Identitären Martin Sellner vorgetragene Topos „Remigration“ diskutiert wurde.
Was nach einer Correctiv-Recherche scheinbar zu einem riesigen Skandal wurde, der die AfD hätte „entlarven“ sollen. Doch das Gegenteil passierte: AfD-Funktionäre reden seitdem erst recht laut und öffentlich von „Remigration“ und malen immer wildere Szenarien aus, wen sie alles abschieben würden, wenn sie einmal an der Macht wären.
Und das nutzen sie längst auch in ihren Reden in den Parlamenten. Reden – wie Kerstin Völkl feststellt –, die schon gar nicht mehr gehalten werden, um irgendeinen substanziellen Beitrag zur parlamentarischen Debatte zu leisten. Die Reden werden fast nur noch fürs eigene Publikum und die eigenen „Social-Media“-Kanäle gehalten. Sie sind auf Provokation und Selbstbestätigung angelegt. Aber sie sorgen vor allem dafür, die Eigenerzählung der In-Group immer wieder zu bestätigen.
Immer wieder Dasselbe
Denn Narrative funktionieren umso besser, je öfter sie bestätigt und verstärkt werden. Und keine Partei spielt diese Klaviatur in den „Social Media“ so aggressiv und massiv wie die AfD. Wer einmal drin ist in dieser Medienblase, bekommt fast nichts Anderes mehr zu sehen.
Und am Beispiel der Wahlen in Brandenburg zeigen Wolfgang Schroeder und Carla Lucks, wie diese Verstärkung auch noch dadurch funktioniert, dass die AfD in Wahlkämpfen nur ganz wenige hochemotionale Themen mit „hohem Mobilisierunspotenzial“ bespielt: „Im Zentrum standen migrations- und sicherheitspolitische Forderungen – etwa die Etablierung einer ‚Abschiebekultur‘, die Einrichtung eines Remigrationsbeauftragten oder die Förderung von Stadtpolizei und Ordnungsdiensten.“ Dazu gab es dann auch noch heftige Attacken gegen Windkraft und Fotovoltaik.
Mit der „Klimaprogrammatik der AfD“ beschäftigt sich in diesem Band Elisabeth Oertel sehr ausführlich. Die Klimaprogrammatik der AfD lässt sich eigentlich einfach zusammenfassen: Sie leugnet den menschengemachten Klimawandel überhaupt, lehnt die Energiewende ab, bekämpft Windkraftanlagen (mit den wildesten Argumenten) und befürwortet eine ungehemmte Fortsetzung des fossilen Energiezeitalters.
Dass etliches davon so klingt, als hätte es ein Unionspolitiker von sich gegeben, macht die Tragik der Gegenwart deutlich, in der einige demokratische Parteien – statt klare Kante auch in der Themenwahl gegen die AfD zu zeigen – AfD-Argumentationen übernehmen und versuchen, der rechtspopulistischen Partei den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie ihre Rezepte übernehmen.
Falsche Heilsversprechen
Was schlichtweg nach hinten losgeht. Gerade im Osten, wo die AfD auch mit enormem Ressourceneinsatz zunehmend das Bild vermittelt, sie sei jetzt die einzige Kümmererpartei und nehme als einzige die Sorgen der Menschen ernst. Sorgen, die – siehe oben – ja durchaus real und berechtigt sind. Die aber ganz bestimmt keine Lösung finden, wenn die Rezepte der AfD angewendet werden sollten.
Denn dazu benennt die AfD – wie alle ihre rechtspopulistischen Schwesterparteien in Europa – die falschen Ursachen für die durchaus komplexen Probleme der Gegenwart. Aber diese Erzählungen greifen, weil sie den Menschen ein scheinbar einfaches und verständliches Narrativ bieten. Samt dem Heilsversprechen, dass alles gut wird, wenn man nur wieder Menschen in Massen abschiebt.
Das ist ein Narrativ, das regelrecht blind macht dafür, wo tatsächlich die Ursachen für unsere heutigen Probleme liegen. Doch die „Kopf-in-den-Sand“-Masche funktioniert nun einmal bestens, wenn andere Parteien nicht selbst anfangen, starke Narrative dagegenzusetzen. Und den Menschen das Gefühl geben, wahrlich gemeint zu sein und gefragt, wenn es um das Gestalten einer lebenswerten Zukunft geht.
Uwe Backes, Michael Nattke (Hrsg.) „Die AfD im Osten“ edition überland, Leipzig 2026, 26 Euro.
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