Im ersten Teil berichtete Franziska Mascheck, wie sie eher unerwartet in die Bundespolitik geriet: aus dem ländlichen Sachsen heraus, mit vier Kindern, einem Hofprojekt und wenig Vorstellung davon, was sie in Berlin erwarten würde. Im zweiten Teil geht es nun um den Alltag im Bundestag – um Sitzungswochen, Machtstrukturen, Erschöpfung, bewegende Momente und die Frage, was von dieser Zeit bleibt.

Frau Mascheck, wie sieht der Alltag einer Bundestagsabgeordneten eigentlich aus?

Es gibt diese zwei Welten: die Sitzungswochen in Berlin und die Wahlkreiswochen zu Hause. Offiziell ist Montag Anreisetag für die Sitzungswochen in Berlin. Da beginnen schon die ersten Veranstaltungen. An allen Tagen gab es morgens ab sieben oder acht Lobbytermine zum Frühstück – Wohnungswirtschaft, Energieversorger, kommunale Unternehmen, Gaslobby, Verbände aller Art.

Da wurde man mit Informationen versorgt. Die Aufgabe als Abgeordnete ist dann herauszufinden: Was davon ist wichtig? Wem glaube ich? Wie passt das zu meinen Werten? Dienstag waren Arbeitsgruppen und Fraktionssitzungen. Mittwochvormittags ging es mit Ausschüssen los – mein Hauptausschuss war Wohnen, Bau und Stadtentwicklung, dazu Vertretungen in Landwirtschaft und Familie & Soziales.

Mittwoch um 13:00 Uhr begann die Plenarsitzung und setzte sich Donnerstag und Freitag fort. Dazwischen gab es weitere Veranstaltungen, Gespräche, Empfänge – teilweise bis spät in die Nacht und nach Mitternacht.

Das klingt nach Dauerstress.

Ist es auch. Man schläft zwischendrin irgendwie, macht sich wieder frisch und geht weiter. Ohne Fahrdienst wäre das gar nicht machbar gewesen. Ich habe einmal versucht, Termine mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schaffen. Keine Chance.

Und dann kam ich Freitag zurück in den Wahlkreis – und dort wartete schon das nächste Programm. Mein Wahlkreisteam sagte dann: „Franzi, wir haben ganz viele Termine für dich.“ Empfang hier, Vereinsfest dort, Gespräch da. Ich dachte irgendwann nur noch: Ich falle gleich tot um.

Das erste Jahr habe ich das komplett durchgezogen. Irgendwann musste ich anfangen zu sortieren. Ich bin nicht mehr zu jeder Veranstaltung gegangen. Ich habe meinem Team gesagt: Ich habe vier Kinder, ich habe eine Familie, ich schaffe das nicht dauerhaft.

Andere Abgeordnete, die schon länger dabei waren, hatten gelernt, sich besser zu schützen. Die gehen eine halbe Stunde zu einem Empfang, werden gesehen und verschwinden wieder.

Was haben Sie am meisten unterschätzt?

Die Machtstrukturen. Ich kannte diesen Betrieb überhaupt nicht. Andere waren vorher Minister, Landtagsabgeordnete oder Mitarbeiter in Abgeordnetenbüros. Ich kam da wirklich völlig unvorbereitet rein. Ich habe unterschätzt, wie sehr Politik davon lebt, Mehrheiten zu organisieren. Die entstehen nicht einfach aus Nettigkeit. Beziehungen sind wichtig. Verbindlichkeiten sind wichtig. Wenn jemand dir hilft, entsteht daraus oft auch eine Erwartung.

Das war für mich neu. Ich bin eher jemand, der sagt: Lass uns sachlich die beste Lösung finden. Aber Politik funktioniert eben auch über Macht und Mehrheiten. Gleichzeitig habe ich verstanden, warum Parteienstrukturen wichtig sind. Bei der Debatte um die Impfpflicht hat man versucht, fraktionsübergreifend unterschiedliche Gruppenanträge zu organisieren.

Das Ergebnis war: Es gab am Ende keine Mehrheit. Da habe ich gelernt: Ohne stabile Parteistrukturen wird ein Parlament schnell handlungsunfähig.

Gab es Momente, die Sie emotional besonders getroffen haben?

Ja. Die Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag. Das war für mich der bewegendste Moment.

Ich war vorher nie in einer KZ-Gedenkstätte gewesen. Nicht aus Gleichgültigkeit – ich habe mich dem einfach nie so direkt ausgesetzt. Und dann sitzen da plötzlich Holocaust-Überlebende im Bundestag und erzählen ihre Geschichte. Das wird in dem Moment unglaublich menschlich und nah. Viele im Saal haben geweint. Wirklich – wenn einen das nicht berührt, dann stimmt etwas nicht. Und dann gab es noch diesen ersten Moment im Plenarsaal, als wir gemeinsam die Nationalhymne gesungen haben. Das war auch beeindruckend. Ich dachte: Ich bin jetzt hier für mein Land.

Woran merkt man, dass man im Bundestag angekommen ist?

Nach ungefähr zwei Jahren. Vorher ist man eigentlich permanent am Lernen. Ich habe das immer mit einem Studium verglichen. Nach zwei Jahren dachte ich: Jetzt hätte ungefähr das Vordiplom stattgefunden. Ich wusste dann, wer welche Funktion hat, wie die Abläufe funktionieren, mit wem man sprechen muss und welche Türen wann offen oder geschlossen sind. Ich war überhaupt nicht parteisozialisiert.  Ich kannte keine Strömungen, keine Netzwerke, keine Machtgruppen.

Und ich war der letzte Listenplatz in Sachsen. Niemand hatte erwartet, dass ich wirklich in den Bundestag einziehe. Die anderen potenziellen Abgeordneten wurden vorbereitet. Die durften sich schon Büros anschauen, die Gebäude kennenlernen, Mitarbeitende treffen. Ich war bei all dem nicht dabei. Mich hat dieses Wahlergebnis einfach mit reingespült. Ich stand da wirklich zunächst alleine.

Und wann merkt man, dass man vielleicht doch nicht dazugehört?

Im Bundestag gehört man entweder dazu oder nicht. Als Abgeordnete gehörte ich natürlich dazu. Aber ich habe gemerkt: Alles dort basiert auf Beziehungen und absoluter Verbindlichkeit. Man trifft sich oft nur einmal zu einem Thema. Wenn du diesen Moment verpasst, ist die Tür zu. Dann bekommst du keine zweite Chance.

Wenn man sagt, man kommt, dann kommt man. Wenn man fünf Minuten zu spät ist, sagt man Bescheid. Das klingt banal, ist aber extrem wichtig in diesem Betrieb. Und gleichzeitig gibt es natürlich diese symbolische Ebene. Alles hat eine Wirkung nach außen.

Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel den Umgang mit der AfD. Im Stadtrat sage ich einem AfD-Mitglied „Guten Tag“, weil das erst einmal ein Mensch ist, der vielleicht im Nachbardorf wohnt. Im Bundestag ist das anders. Dort hat jede Geste Symbolwirkung. Bei einer namentlichen Abstimmung kam der AfD-Abgeordnete meines Wahlkreises auf mich zu und streckte mir die Hand hin. Rundherum standen Kameras von ARD, ZDF, Phoenix. Ich wusste sofort: Wenn ich jetzt die Hand gebe, wird daraus ein Bild gemacht. „SPD gibt AfD die Hand.“

Und ich habe die Hand verweigert. Danach habe ich lange darüber nachgedacht. Weil mein erster Impuls eigentlich immer ist, Menschen erst einmal als Menschen zu begegnen. Aber im Bundestag trägt jede Geste politische Bedeutung.

Was war der härteste Moment nach der Wahl 2025?

Zu realisieren, dass ganz viel von dem, was man gemacht hat, politisch offenbar überhaupt nicht zählt. Ich habe wirklich versucht, eine gute Abgeordnete für meinen Landkreis zu sein. Für Bürgermeister da zu sein, für Unternehmen, Vereine, Verbände. Immer erreichbar zu sein. Immer zurückzurufen. Immer zu helfen, auch wenn ich nicht jedes Problem lösen konnte.

2021 wurde ich mit ungefähr 20 Prozent Erststimmen gewählt. Nach dreieinhalb Jahren harter Arbeit waren es noch zehn Prozent. Und das tat weh. Weil ich dachte: Das interessiert offenbar keine Sau. Die Leute, die direkt mit mir gearbeitet haben, haben das schon gesehen. Aber politisch war es egal. Wir haben in einer Krisenzeit regiert. Angriffskrieg, Energiekrise, harte Verhandlungen. Wir haben versucht, das Land stabil zu halten.

Mein erstes Gesetz war eine EU-Notfallverordnung zur Energieversorgung. Wir haben wirklich hart daran gearbeitet. Und gleichzeitig wird jemand gefeiert, der aus meiner Sicht kaum parlamentarische Arbeit macht, aber eine große Propagandamaschine betreibt. Das habe ich emotional bis heute nicht verarbeitet.

Warum trifft Sie das so?

Weil ich nicht westdeutsch sozialisiert bin. Ich bin nicht mit diesem Grundvertrauen in die Demokratie aufgewachsen. Dieses Gefühl: Da gibt es Abgeordnete, die kümmern sich, und wenn die gute Arbeit machen, unterstützt man sie – das war hier nie selbstverständlich. In den alten Bundesländern erlebt man eher: „Unser Abgeordneter ist da, den sprechen wir jetzt an.“ Da arbeitet man miteinander. Hier hatte ich oft das Gefühl, ich müsse mich fast entschuldigen dafür, dass ich Bundestagsabgeordnete bin.

Wie hat Ihre Familie die Zeit erlebt?

Es hat uns komplett durchgeschüttelt. Wir haben unser ganzes Familienleben umgebaut. Haushaltshilfe organisiert, Alltag neu strukturiert, alles angepasst. Und nach der Wahl musste wieder alles neu sortiert werden. Erst danach habe ich gemerkt, wie erschöpft ich eigentlich war.

Ich habe ein halbes Jahr gebraucht und dachte die ganze Zeit: Warum erhole ich mich nicht? Dann habe ich jemanden getroffen, der für eine andere SPD-Abgeordnete arbeitet. Er sagte: „Ihr geht es genauso.“ Da war ich fast erleichtert, weil ich schon angefangen hatte zu denken, mit mir stimme etwas nicht. Dieser Politikbetrieb ist extrem belastend.

Sie meinen gesundheitlich?

Ja. In unserer Legislaturperiode sind mehrere Abgeordnete gestorben. Herzinfarkte, Krebserkrankungen. Einer war Rettungssanitäter, hat während Corona Menschenleben gerettet und wurde tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Man funktioniert einfach weiter. Man merkt gar nicht, wie erschöpft man ist. Und deswegen haben erfahrene Abgeordnete oft ihre eigenen Schutzmechanismen entwickelt. Sonst hält man das nicht durch.

Was nehmen Sie trotzdem Positives aus dieser Zeit mit?

Ich habe unglaublich viel über Demokratie gelernt. Wirklich. Ich habe gelernt zu sprechen, mich zu strukturieren, politische Prozesse zu verstehen. Und ich habe gemerkt: Demokratie funktioniert, wenn Menschen sich einbringen. Für mich war das wie eine Vertrauensbildungsmaßnahme in Demokratie. Ich liebe diese Demokratie inzwischen wirklich, weil ich gesehen habe, wie viele Menschen ernsthaft versuchen, gute Lösungen zu finden. Aber wir erklären viel zu wenig, wie dieses Land funktioniert.

Was meinen Sie damit konkret?

Wir müssten Kindern viel früher erklären, wie Entscheidungen entstehen. Wer entscheidet über den Sportplatz? Über die Kita? Über die Jugendfeuerwehr? Das ist Demokratie. Das ist Alltag. Und im Osten haben wir das nach der Wende zu wenig gemacht. Viele Eltern konnten es ihren Kindern selbst nicht erklären, weil sie es nie gelernt haben. Wenn man aber nicht versteht, wie Politik funktioniert, glaubt man irgendwann irgendwelchen einfachen Erzählungen.

Ich habe mir früher selbst stundenlang diese Ken-Jebsen-Videos angehört. Nicht, weil ich extremistisch war – ich wollte einfach verstehen, wie Politik funktioniert. Mir hat das niemand erklärt. Zum Glück hatte ich Leute um mich herum, die gesagt haben: „Franzi, pass auf, was du dir da anhörst.“ Heute weiß ich: Viele Menschen landen genau deshalb in solchen Blasen, weil ihnen vorher niemand verständlich erklärt hat, wie Demokratie tatsächlich funktioniert.

Vermissen Sie den Bundestag?

Ja. Sehr sogar. Ich mochte diese politische Arbeit: Probleme aufnehmen, Lösungen suchen, Menschen zusammenbringen, Demokratie lebendig machen. Das vermisse ich wirklich. Was ich überhaupt nicht vermisse, ist der viele Alkohol. Diese permanente Empfangskultur jeden Abend. Das vermisse ich gar nicht.

Würden Sie jungen Menschen raten, für den Bundestag zu kandidieren?

Ja. Unbedingt. Aber ich würde auch Menschen raten, die schon ein anderes Leben hinter sich haben – Beruf, Familie, Erfahrungen –, sich politisch einzubringen.

Das Problem ist: Unsere Parteien fördern oft eher diejenigen, die sehr früh in die Politik einsteigen und sich dort komplett hocharbeiten. Und genau das wird später von außen kritisiert: „Die haben ja nie richtig gearbeitet.“ Das ist ein echtes Dilemma unserer Parteienlandschaft.

***

Teil 1 des Interviews finden Sie hier.

Im abschließenden dritten Teil des Interviews geht es morgen an dieser Stelle um Erwartungen und Misstrauen gegen ‚die da oben‘.

Franziska Mascheck wurde 1979 geboren und ist in Sachsen aufgewachsen. Nach einem frühen Einstieg in die künstlerische Ausbildung – sie studierte Ballett an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden – arbeitete sie viele Jahre freiberuflich. Später wandte sie sich der Sozialen Arbeit zu, studierte in diesem Bereich und erwarb einen Masterabschluss an der Hochschule Mittweida.

Politisch engagierte sie sich zunächst auf kommunaler Ebene und war Mitglied im Stadtrat von Frohburg. Für die SPD kandidierte sie bei der Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis Leipzig-Land und zog über die Landesliste Sachsen in den Deutschen Bundestag ein. Sie war eine von zwei SPD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen während der Ampel-Koalition 2021-2025.

Das Interview entstand im Rahmen des Projektes Bürger machen Journalismus vom Zentrums Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig (JoDem) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband Sachsen.

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar