Wie wird man eigentlich Mitglied des Bundestages – und was braucht es, um diesen Schritt wirklich zu gehen? In einer Interview-Reihe sprechen wir mit Franziska Mascheck über ihren ungewöhnlichen Weg in die Bundespolitik. Vom Ballettstudium über soziale Arbeit bis hin zur Kandidatur im ländlichen Sachsen. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Frage: Wie kommt man überhaupt in den Bundestag? Weitere Teile widmen sich unter anderem dem politischen Alltag, dem Leben nach der großen Politik sowie dem Spannungsfeld zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“.
Hallo Frau Mascheck, erste Frage: Wie sah Ihr Leben vor dem Bundestag aus?
Mein erster Beruf, den ich gelernt habe, das war sehr früh. Ich habe mit 17 an der Palucca-Schule in Dresden angefangen und dort Ballett studiert. Danach war ich lange solo-selbstständig. Mein Mann und ich haben vier Kinder bekommen und ich habe mich dann entschieden, soziale Arbeit zu studieren – also, aus der Selbstständigkeit herauszugehen und in ein Angestelltenverhältnis zu wechseln. In dieser Zeit war ich in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit unterwegs.
Dann habe ich mein Masterstudium in Mittweida gemacht. Während dieser Zeit habe ich angefangen, mich politisch zu engagieren, weil ich gemerkt habe: Wenn wir uns hier nicht selbst einbringen, passiert eigentlich nicht so richtig etwas. Deswegen bin ich irgendwann in die SPD eingetreten, habe mich für den Stadtrat aufgestellt und war dort tätig. Inzwischen war ich wieder selbstständig – mit sozialer Arbeit in verschiedenen Beteiligungsprojekten. Irgendwann fiel dann die Entscheidung, dass ich kandidiere.
Und kurz vor der Bundestagswahl sah mein Leben ungefähr so aus: Ich habe meine Masterarbeit zum Thema Jugendarbeit im ländlichen Raum in Sachsen geschrieben und Ende Juni vor der Wahl abgegeben. Also alle haben schon Wahlkampf gemacht – nur ich nicht (lacht). Gleichzeitig hatten wir ein Vierseitenhof-Projekt mit mehreren Wohnparteien und einer Hofgemeinschaft. Wir haben vier Kinder – es war einfach kunterbunt. So haben wir ein alternatives, ein bisschen zerpflücktes, aber immer sehr engagiertes Leben gelebt.
Sie haben den Moment Ihrer Kandidatur schon angesprochen. Eine Zeitung schrieb damals, dass Sie aus dem lauten Berlin ins beschauliche sächsische Linda zogen.
Ja, so ganz frisch war das nicht. Die Bundestagswahl fiel genau in die Zeit, als wir seit fünf Jahren in Frohburg lebten. Die Entscheidung zu kandidieren war da natürlich schon längst gefallen – über ein Jahr vorher. Das war eine ziemlich lustige Situation: Ich war gerade mit einem unserer Kinder in Berlin. Unser Sohn spielte immer mal wieder in Filmen mit, auch in Kinofilmen. Gerade hatte er einen gedreht – einen wunderschönen Film, der heißt „Träume sind wie wilde Tiger“. Wir haben dann einen Spaziergang mit Freunden gemacht und sind vor dem Bundestag entlanggelaufen.
In diesem Moment ruft meine Kreisvorsitzende an. Und irgendwann sagt sie: „Franziska, ich wollte dich fragen, ob du für den Bundestag kandidieren willst.“ Ich drehe mich um und sage: „Du Birgit, ich stehe hier gerade vor dem Paul-Löbe-Haus vor der U-Bahn-Station Bundestag. Ich muss aber kurz nachdenken… Ich kann das eigentlich nur machen, wenn ich nicht gewählt werde und wenn ich nicht so viel Wahlkampf machen muss.“ Denn ich musste noch meine Masterarbeit schreiben und wollte danach eigentlich promovieren. Darauf meinte sie: „Ja, das kann ich dir beides versprechen.“ (lacht)
Dann haben wir das tatsächlich zu Hause noch einmal besprochen. Ich habe das mit meiner Familie abgestimmt. Denn für die SPD im ländlichen Raum in Sachsen zu kandidieren, ist ehrlicherweise nicht ganz ungefährlich. Wir haben überlegt, was passiert, wenn die Kinder angepöbelt oder angegriffen werden – allein weil ich kandidiere und mein Gesicht mit SPD-Logo an Laternen hängt. Wir haben auch darüber gesprochen, ob unser Hof in der Dorfgemeinschaft Ziel werden könnte.
Und dann gab es so eine halb lustige Antwort: Mein Mann ist in der Feuerwehr und meinte: „Du, ich bin in der Feuerwehr – bei uns schmeißt keiner einen Brandsatz rein.“ (lacht kurz, wird dann ernst)
Aber so richtig lustig ist das nicht. Wir haben Freunde in Brandenburg, die bei den Grünen sind – bei denen wurde tatsächlich ein Brandsatz auf den Hof geworfen. Letztendlich haben wir gesagt: Okay, wir machen das – weil irgendjemand muss ja Gesicht zeigen. Also das war eigentlich die einzige Entscheidung: Jemand muss Gesicht zeigen.
Welche Rolle spielte Ihre Familie – vier Kinder – bei dieser Entscheidung? Einen Teil haben Sie schon beschrieben, aber wie ging das konkret?
Wir haben uns gefragt, ob wir das schaffen. Aber ehrlich gesagt: Mit vier Kindern hangelt man sich sowieso irgendwie durchs Leben. Es hängt auch von den Berufen ab – bei uns jedenfalls. Soziale Arbeit und Kunst, das ist ohnehin immer viel Improvisation. Und dann haben wir gesagt: Wir machen das jetzt. Auch, weil die Idee war, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich einen Listenplatz bekomme, über den ich am Ende tatsächlich gewählt werde.
Uns ging es wirklich darum, Position zu zeigen, Gesicht zu zeigen und präsent zu sein. Wir wussten, dass viele blaue Plakate hängen würden. Und wir wollten sagen: Wir sind auch da. Wir machen gute Projekte, wir engagieren uns, ich bin im Stadtrat. Das sind meine Werte – soziale und demokratische Werte. Ich bin Sozialdemokratin. Und ich mache das nicht obwohl, sondern genau deswegen. Das wollten wir ernsthaft machen. Aber es war eine wichtige Diskussion, ob das für uns so in Ordnung ist.
Welche Vorstellung hatten Sie davon, wie Politik funktioniert – und was hat sich später als Illusion herausgestellt?
Ich glaube, das Gute an meiner Biografie ist, dass ich selten feste Vorstellungen habe. Es gibt da einige lustige Beispiele. Ich habe mit siebzehn die Aufnahmeprüfung an der Palucca-Schule bestanden – und vorher praktisch kein Ballett gemacht. Ich hatte also keinerlei Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich bin an die Schule gekommen und musste einfach ins kalte Wasser springen.
Und genauso war es im Bundestag auch. Ich war zwar kommunalpolitisch aktiv, aber unser Stadtrat war nicht besonders diskussionsfreudig – was auch am damaligen Bürgermeister lag. Da war wenig von lebendiger Demokratie, das hätte man anders gestalten können. Das heißt: Ich war nicht wirklich politikgeübt. Ich kannte weder die Fachbegriffe noch die wichtigen Personen. Ich hatte nur dieses Anliegen: Ich will mich engagieren. Entsprechend hatte ich auch kaum Vorstellungen davon, wie Politik funktioniert. Ich bin einfach wieder ins kalte Wasser gesprungen – und habe unglaublich viel gelernt.
***
Über ihre Erfahrungen im Bundestag berichten wir morgen an dieser Stelle im zweiten Teil des Interviews.
Franziska Mascheck wurde 1979 geboren und ist in Sachsen aufgewachsen. Politisch engagierte sie sich zunächst auf kommunaler Ebene und war Mitglied im Stadtrat von Frohburg. Für die SPD kandidierte sie bei der Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis Leipzig-Land und zog über die Landesliste Sachsen in den Deutschen Bundestag ein. Sie war eine von zwei SPD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen während der Ampel-Koalition 2021-2025.
Das Interview entstand im Rahmen des Projektes Bürger machen Journalismus vom Zentrum Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig (JoDem) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband Sachsen.
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