Nach dem Blick auf den Berliner Politikbetrieb geht es im dritten Teil zurück in die Heimatregion. Franziska Mascheck erzählt, wie sie plötzlich nicht mehr nur als Nachbarin aus dem Dorf wahrgenommen wurde, sondern als „eine von denen da oben“. Es geht um Misstrauen, Erwartungen an Abgeordnete, politische Distanz im ländlichen Raum – und darum, wie Begegnung trotzdem gelingen kann.

Frau Mascheck, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Menschen Sie als Teil von „die da oben“ sehen?

Das war sofort spürbar. Schon als mein Plakat an der Laterne hing, haben mich Leute aus meinem Dorfverein komisch angeschaut. Ich hatte einen Bürgerverein mitgegründet, war dort aktiv – und plötzlich war ich nicht mehr einfach die Franzi aus dem Dorf, sondern Bundestagsabgeordnete. Als ich gewählt war, haben manche erst einmal gar nicht mehr mit mir gesprochen.

Beim Frühjahrsputz habe ich gesagt: „Ich bin zwar Bundestagsabgeordnete, aber fegen kann ich. Das habe ich die letzten 40 Jahre auch gemacht.“ Dann haben sie mich erst einmal angewiesen: „Mach mal da die Ecke.“

Das war fast wie ein Test: Bist du noch eine von uns? Später, beim Osterfeuer oder beim Maibaumsetzen, kamen dann die ersten Fragen: „Wie ist es denn eigentlich in Berlin?“ Da wurde es langsam wieder normaler. Aber diese Distanz war sofort da.

Was waren die häufigsten Vorwürfe, die Sie im ländlichen Raum in Bezug auf „die da oben“ gehört haben? Gab es da spezielle Vorwürfe?

Viele Vorwürfe folgen diesem Bild, das auch die AfD stark bedient: Politiker hätten keine richtigen Berufe und wüssten nicht, wie Alltag funktioniert. Dabei habe ich mehrere Abschlüsse, war alleinerziehende Mutter, Mutter einer kinderreichen Familie, Unternehmerin. Ich weiß sehr wohl, wie man durch den Alltag kommt. Aber als Abgeordnete bekommt man alles ab.

Nach meiner Rede zur Impfpflicht wurde ich wüst beschimpft. Ich war ja nicht einmal in der ersten Reihe, sondern eine ganz normale Abgeordnete. Trotzdem laden manche Menschen ihren ganzen Frust bei einem ab.

Wie war es, von beiden Seiten beurteilt zu werden – vom Bundestag und vom Heimatort?

Im Bundestag ist man als Neuling für manche erst einmal jemand, der noch keine Ahnung hat – dazu letzter Listenplatz und aus der ländlichen Region. Andere haben das nicht so gesehen und gesagt: Du bist gleichwertige Abgeordnete und Du machst Deinen Job.

Zu Hause war es anders. Da haben die Leute das eher ignoriert. Ich bin den Leuten wirklich hinterhergerannt. Ich habe geschrieben: „Ich bin Ihre Bundestagsabgeordnete. Wenn Sie etwas haben, melden Sie sich.“ Aber es gab auch gute Erfahrungen. Mit Bauernverbänden zum Beispiel habe ich sehr konkret gearbeitet. Ich habe gesagt: „Schreibt mir auf, was ihr braucht. Ich kann nicht versprechen, dass alles umgesetzt wird, aber ich bringe es an die richtige Stelle.“ Am Ende haben sie genau das wertgeschätzt.

Wie entstehen diese Missverständnisse zwischen Bevölkerung und Parlament?

Viele wissen nicht, wie parlamentarische Prozesse laufen. Sie bekommen nur einzelne Fetzen aus der Berichterstattung mit. Dann ist es schwer, sich ein Bild zu machen. Beim Heizungsgesetz war das gut zu sehen. Ein Referentenentwurf ist noch kein fertiges Gesetz. Aber wenn so ein Entwurf früh an die Presse geht und dann mit maximaler Aufregung berichtet wird, entsteht ein völlig falsches Bild.

Später wurde ein überarbeitetes und verbessertes Gesetz beschlossen, mit einer Förderung, die viele Menschen genutzt haben. Aber der Schaden in der Wahrnehmung war längst da. Darum braucht es Demokratiebildung und Medienbildung. Menschen müssen einordnen können: Was ist ein Entwurf? Was ist ein Beschluss? Was ist Schlagzeile, was ist Realität?

Wie entsteht dieses Oben-Unten-Gefühl?

Ich glaube, es hat viel damit zu tun, ob Menschen das Gefühl haben: Da ist jemand, der mich vertritt. Im Idealfall sagt man: Das ist vielleicht nicht meine erste Wahl, aber diese Person ist gewählt und ich kann mit meinem Anliegen zu ihr gehen. Dieses Selbstverständnis fehlt hier im ländlichen Osten oft. Viele denken: Da sitzt jemand im Fernsehen und redet über Dinge, die mit meinem Leben nichts zu tun haben. Ich muss sehen, wie ich meine Miete, meine Energie, meinen Alltag bezahle.

Dazu kommt: Wir sind eine Parteien­demokratie. Aber gerade hier im Osten gibt es wenig Bindung an Parteien. Viele sagen: „Mit Parteien bleib mir weg.“ Wenn aber Menschen in Parteien, Vereinen oder Verbänden organisiert sind, wird die Distanz kleiner. Dann kennt man jemanden, schreibt jemanden an, bringt etwas ein.

War das bei Ihnen anders?

Ja, aber genau das hat die Leute auch irritiert. Plötzlich war da eine aus dem Dorf Bundestagsabgeordnete. Viele konnten damit gar nichts anfangen, nur wenige haben die Chance genutzt, ihre Themen anzusprechen. Für sie sind Bundestagsabgeordnete eher Leute aus Dresden oder Berlin, nicht die Nachbarin aus dem Ort.

Neben der Politik werden auch Medien und Wissenschaft als „die da oben“ empfunden. Gibt es ein Herabschauen von oben?

Natürlich gibt es Arroganz. Es gibt Leute, die sagen: Ich habe jetzt diese Rolle, also hör mir zu. Aber Demokratie heißt auch: Man kann Menschen wählen und abwählen. Für mich liegt das Thema tiefer. „Oben und unten“ heißt auch: Welche Chancen habe ich im Leben? Wo kann ich mitmischen? Gerade in ländlichen Regionen ist es oft so, dass Menschen, die sich „hocharbeiten“ – wirtschaftlich oder auch gesellschaftlich –, diese Regionen verlassen und in größere Städte gehen.

Im Umkehrschluss entsteht für viele vor Ort das Gefühl: Wenn ich hierbleibe, stehen mir diese Möglichkeiten gar nicht offen. Ich glaube, ein wichtiger Teil dieser wahrgenommenen Diskrepanz ist eher zwischen „hier“ und „dort“. Neben Fragen wie Vermögens- und Einkommensverteilung, also diesen bekannten sozialen Ungleichheiten, spielt das eben auch eine große Rolle.

Welche Erwartungen an Abgeordnete sind realistisch – und welche überfordern?

Schwierig finde ich die Erwartung, dass Abgeordnete alles fachlich wissen müssen. Ich bin nicht überall Expertin. Meine Aufgabe ist: zuhören, Positionen aufnehmen, Fachwissen einordnen und ins Parlament tragen. Politik löst auch nicht jedes Einzelproblem genauso, wie eine Person es sich wünscht. Wir sind eine Gesellschaft, die Dinge miteinander aushandelt. Am Ende steht oft ein Kompromiss. Das ist manchmal frustrierend, aber genau so funktioniert Demokratie.

Welche Begegnungen funktionieren im ländlichen Raum?

Ganz ehrlich: Am Stammtisch stehen und Bier trinken (lacht). Oder beim Dorffest, beim Feuerwehrabend, beim Volksfest. Dort entstehen Gespräche. Ich konnte das in meiner Lebenssituation nicht durchgehend machen. Politik ist nicht familienfreundlich. Ich konnte nicht jeden Freitag und Samstag auf das nächste Fest gehen.

Aber ich habe gelernt: Alles hat eine symbolische Wirkung. Wie man auftritt, was man anhat, ob man nahbar ist – das wird alles gelesen. Barrieren baut man durch Verbindlichkeit und Ehrlichkeit ab. Also sagen: Das kann ich, das kann ich nicht. Ich nehme es mit, aber ich kann nichts versprechen.

Gab es Gespräche, die Ihnen besonders wichtig waren?

Ja, die alltäglichen. Ein Nachbar kam mal mit dem Fahrrad vorbei, während ich mit Jogginghose und Mülleimer draußen stand. Er sagte: „Franziska, ich wollte dich mal etwas fragen.“ Dann haben wir fast eine Stunde gesprochen. Solche Gespräche waren für mich sehr wichtig. Ich habe Positionen aus solchen Gesprächen mit in die Fraktion genommen – ohne Namen zu nennen, aber mit dem Hinweis: Das beschäftigt die Menschen hier wirklich.

Wie kann der Graben zwischen Politik und Bevölkerung kleiner werden?

Menschen müssen erleben, dass sie wirksam sein können. Das geht am besten in der Kommune. Wenn Jugendliche merken: Ich kann mitentscheiden, ob ein Bolzplatz kommt oder nicht, dann verstehen sie Politik. In der großen Politik dauern Prozesse oft Jahre. Für junge Menschen ist das kaum greifbar.

Deshalb braucht es Orte, an denen Demokratie direkt erfahrbar wird: Schule, Vereine, Jugendklubs, Gemeinderäte. Und ja: Wir brauchen mehr Menschen in Parteien. Eine Parteiendemokratie ohne Parteimitglieder funktioniert nicht. Wenn niemand mitmacht, werden die Abstände größer.

Was macht Ihnen mit Blick auf junge Menschen Sorgen?

Rechte Positionen sind schon tief in manchen Schulen und Jugendmilieus angekommen. Ich habe Veranstaltungen erlebt, bei denen Jugendliche gar nichts anderes mehr hören wollten als AfD. Da sitzen dann demokratische Politikerinnen und Politiker aus der Region, geben sich Mühe – und trotzdem applaudieren viele nur dem AfD-Mann. Das hat mit sozialen Medien zu tun, mit Propaganda, mit fehlenden Gegenräumen.

Die einzige Chance ist, dass junge Menschen echte Menschen treffen, echte Gespräche führen und erleben: Politik ist nicht nur Fernsehen. Politik sind Menschen, die ansprechbar sind.

Frau Mascheck, vielen Dank für das offene Gespräch und die persönlichen Einblicke in Ihren Weg in die Bundespolitik.

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Interview mit Franziska Mascheck Teil 1: Wie Franziska Mascheck in den Bundestag kam

Interview mit Franziska Mascheck Teil 2: „Ich liebe diese Demokratie inzwischen wirklich“

Franziska Mascheck wurde 1979 geboren und ist in Sachsen aufgewachsen. Nach einem frühen Einstieg in die künstlerische Ausbildung – sie studierte Ballett an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden – arbeitete sie viele Jahre freiberuflich. Später wandte sie sich der Sozialen Arbeit zu, studierte in diesem Bereich und erwarb einen Masterabschluss an der Hochschule Mittweida.

Politisch engagierte sie sich zunächst auf kommunaler Ebene und war Mitglied im Stadtrat von Frohburg. Für die SPD kandidierte sie bei der Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis Leipzig-Land und zog über die Landesliste Sachsen in den Deutschen Bundestag ein. Sie war eine von zwei SPD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen während der Ampel-Koalition 2021-2025.

Das Interview entstand im Rahmen des Projektes Bürger machen Journalismus vom Zentrums Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig (JoDem) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband Sachsen.

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