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Ende Juli gab Leipzigs Verwaltung eine Vorlage ins Stadtratsverfahren, die so einigen Zündstoff bereithält. Nicht nur für Fraktionen, die es mit dem Umweltschutz nicht so haben. Sondern auch für Dezernate und Ämter, für die intakte Natur in der Stadt immer noch Verhandlungsmasse ist, die man „wirtschaftlichen Interessen“ opfern kann. Es handelt sich um den „Masterplan Grün – Leipzig grün-blau 2030“, an dem im Grunde seit 2017 gearbeitet wurde.
Und dessen Ergebnisse zumindest im federführenden Amt für Stadtgrün und Gewässer so einige Fachleute überrascht haben. Denn dass einige Ämter der Stadt so fahrlässig mit den grünen Oasen im Stadtgebiet umgegangen sind, hat auch damit zu tun, dass es keine aktuelle Überwachung und Bewertung all jener Puzzlestücke im Stadtgebiet gab, die jeweils vor Ort das Leben in der sich zunehmend aufheizenden Stadt ein wenig aushaltbarer gemacht haben. Und machen. Ganz zu schweigen von einer Vision, wie viel Grün Leipzig tatsächlich braucht, um in den künftigen Wetterextremen noch ein aushaltbarer Ort zu sein.
„Gerade mit Blick auf den quantitativen und qualitativen Zustand der grün-blauen Infrastruktur fehlt bis heute ein durchgängiges Monitoring“, stellt das Amt für Stadtgrün und Gewässer (ASG) in der Vorlage zum Masterplan deshalb fest. „Transparente und einfach nachvollziehbare Kriterien sind hierfür genauso wichtig, wie eine auf Zeitreihen ausgerichtete Berichterstattung, die der Langlebigkeit grün-blauer Ökosysteme Rechnung tragen und gleichzeitig dazu beitragen, steuerbare Prozesse zu identifizieren.“
Unvermeidbarer Handlungsbedarf
Dabei weiß man auch auf Stadtebene schon seit Jahren, worum es dabei geht. Nämlich nicht um die sinnlose Kompensation zerstörter Biotope irgendwo außerhalb des Stadtgebietes. Da entfalten sie nämlich für die Leipziger keine Wirkung.
Die Vorlage betont es ausdrücklich: „Nicht nur das dynamische Wachstum der Stadt, sondern insbesondere die zahlreichen umweltrelevanten Herausforderungen führen den akuten und unvermeidbaren Handlungsbedarf vor Augen. Witterungsextreme wie die Hitze- und Dürreereignisse der letzten Jahre auf der einen und regelmäßige Starkregen oder Hochwassereignisse, zuletzt 2013, auf der anderen Seite verdeutlichen den Handlungsdruck. Hinzu kommt der immer weiter fortschreitende Rückgang der Artenvielfalt. Verstärkt wird dieser Handlungsbedarf, durch die mit dem städtischen Wachstum voranschreitende Inanspruchnahme von Flächen für die bauliche Entwicklung. So werden bisher unbebaute Flächen oder Brachflächen und Baulücken für den Wohnungsbau und weitere Gewerbeansiedlungen erschlossen.
Durch die Nachverdichtung in innerstädtischen Quartieren und die Erschließung bisher ungenutzter oder brachgefallener Gebiete geraten die städtischen Freiräume und Ökosysteme unter Druck. Gleichzeitig steigt die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer auf den verbleibenden Flächen und insbesondere in den gestalteten, der öffentlichen Nutzung zur Verfügung stehenden Grün- und Freiräumen, z. B. Grün- und Parkanlagen, Stadtplätzen sowie Spiel-, Bolz- und Bewegungsräumen. Hier nimmt der Nutzungsdruck kontinuierlich zu und führt teilweise zu Übernutzungen und Konflikten zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen.“
Mehr Grün für die Stadt
Das klingt erst einmal so, als wolle die Stadt mit dem Masterplan irgendwie nur noch retten, was zu retten ist, und die Versiegelung der Stadt ein bisschen eindämmen.
Der Masterplan aber zeigt das Gegenteil: Der Grünanteil muss deutlich wachsen, damit er überhaupt eine Wirkung entfalten kann. Und das vor allen entlang von „Landschaftslinien“, wie es der Masterplan formuliert. Diese Landschaftslinien existieren schon – sind aber eingeschnürt, zerrupft und angefressen. An vielen Stellen so ausgedünnt, dass sie ihre Funktion als tragendes Landschaftselement gar nicht mehr wahrnehmen können. Auch und gerade am Elsterbecken und am Kleinmessegelände. Genau dort, wo das Liegenschaftsamt der Stadt die Chuzpe hatte, ein 3 Hektar großes Wäldchen auch noch zum Verkauf vorzusehen.
Dieser Bereich gehört im Masterplan zur sogenannten Elster-Luppe-Linie. Und der Text dazu ist deutlich: „Das Rückgrat und der wertvollste Teil des Leipziger Grünraumsystems ist sicherlich der europaweit einzigartige Auwald von Weißer Elster, Pleiße und Luppe, der sich mitten durch die Stadt zieht. Der Nördliche Auwald im Fluss- und Bachland der Elster und Luppe lässt sich naturräumlich und nach seiner Nutzung grob in zwei unterschiedliche Abschnitte aufteilen, wobei der Verlauf der Neuen Luppe die Grenze darstellt. Südlich des Flusses findet sich der eigentliche, hoch schutzwürdige, aber stark gefährdete Auwald.
Nördlich befindet sich ein strukturreicheres Gebiet mit Grünland, Waldstücken, Weideflächen und Parkanlagen sowie Kleingärten. Eine differenzierte Pflege und Nutzungszonierung der beiden Abschnitte des Landschaftsraums bietet sich an. Durch die Elster-Luppe-Linie wird der Auwald mit dem Rosental und dem Promenadenring verbunden. Das Ziel der angestrebten Linie ist die Verbesserung der Erschließungs- und Orientierungsmöglichkeiten.“
Höchste Zeit für Investitionen
Wer auf die maßgebliche Karte zur blau-grünen Infrastruktur schaut (siehe oben), sieht, dass gerade das Gebiet um die Kleinmesse und das Wäldchen an der Capastraße gestärkt werden soll, nicht abgeholzt. Hier ist die schmalste Stelle an der Elster-Luppe-Linie.
Noch deutlicher wird es bei einem Blick auf die Karte zur Landschaftsentwicklung, wo gerade dieser Flaschenhals des Auengebietes deutlich breiter markiert ist, weil hier dringend mehr, nicht weniger Grün entstehen muss.

Die Vorlage formuliert zu dieser Karte: „Das Handlungsfeld II ‚Entwicklung von Freiräumen‘ bildet mit den beiden Kartenwerken ‚Landschaftsentwicklung‘ und ‚Schwerpunkträume der Doppelten Innenentwicklung‘ eine Flächenkulisse und eine Netzstruktur zur Entwicklung des Leipziger Freiraumsystems. Auf Grundlage dieser beiden Kartenwerke sollen künftig alle Maßnahmen zur Qualifizierung der vorhandenen Freiflächen zu einem zukunftsfähigen Netz der grün-blauen Infrastruktur im Sinne eines zielgerichteten und ressourcenorientierten Vorgehens in dieser Flächenkulisse konzentriert werden.“
Das heißt: Es muss endlich spürbar in die blau-grüne Infrastruktur investiert werden, damit diese Netzstrukturen gestärkt werden können. Einer dieser Bausteine ist das noch immer ausstehende Auenentwicklungskonzept.
Aber gleichzeitig erinnert das Wort „Investitionen“ daran, dass derzeit praktisch allen Kommunen in Deutschland genau diese Fähigkeit zum Investieren genommen wird, weil sie unter nicht ausfinanzierten Pflichtaufgaben des Bundes ersticken. So erstickt man nicht nur die Handlungsfähigkeit der Kommunen, sondern auch die Demokratie. Denn vor Ort, in ihrer Stadt, erleben die Menschen, ob ihre Gesellschaft noch handlungsfähig ist. Oder ob auch noch wertvolle Grünoasen verscherbelt werden müssen, weil die Stadt bis über beide Ohren verschuldet ist.
Die Diskussion über den Masterplan dürfte spannend werden. Und sie dürfte auch zeigen, welche Fraktionen inzwischen begriffen haben, wie elementar Klima- und Artenschutz für eine Stadt wie Leipzig sind, wenn das Leben darin auch in der nahen Zukunft noch aushaltbar sein soll.
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