Christoph Hein kann nicht nur ganz dicke Romane schreiben, wie das zuletzt 2025 bei Suhrkamp erschienene „Das Narrenschiff“. Er greift auch manchmal zur kleinen Form, um seine Sicht auf die Welt sichtbar zu machen. In diesem Fall wie eine Spurensuche in der Kindheit, mit einem staubigen Dachboden, wo eine alte Schachtel die Neugier des Erzählers weckt. Die Leipziger Grafikerin Gerda Raidt hat diese Reise in eine beinah märchenhafte Welt illustriert. Die Geschichten aus der Schachtel haben es in sich.

Auch wenn sie auf den ersten Blick vertraut wirken. An „Hänsel und Gretel“ erinnern, an „Rumpelstilzchen“ oder an Andersens „Die kleine Meerjungfrau“. Geschichten, die wir alle im Gedächtnis tragen, mit denen wir aufgewachsen sind. Geschichten, die an das Menschliche in uns appellieren, an unsere Empathie. Aber was davon ist in unserer Gegenwart noch zu finden? Das fragt sich Hein nicht nur in seinen dicken Romanen.

Im Grunde öffnet er mit seinen Lesern die alte Schachtel, auch wenn er den Schlüssel dafür ganz märchenhaft erst ganz am Ende findet. Wie das oft so ist, wenn uns die Gegenwart verwirrt und verstört. So ein Déjà-vu mit sich bringt: Das hast du doch schon mal erlebt, aber anders. Irgendetwas stimmt hier nicht. An unserer Gegenwart.

Die sich so sehr gar nicht von einer rabiaten Vergangenheit unterscheidet, in der reiche, arrogante Männer, Ritter und Unholde mit den Kindern der Armen umgesprungen sind, wie zum Beispiel dieser Koffke aus der Geschichte „Der schlaue Koffke …“. Ein Raffzahn, wie er im Buche steht, rücksichtslos beim Geldscheffeln, nur vom Mammon besessen.

Dazu braucht man ja keine Schule, wo Koffke sich schon als sagenhaft faul erwies. Man braucht bloß ungehemmte Rücksichtslosigkeit dabei, andere Leute übers Ohr zu hauen. Das ist ja die Tugend, die uns die heute so Mächtigen gern einreden. Nur dass es Koffke zuletzt geht wie anderen Koffkes auch: Der Sohn wird wie der Vater: faul und gierig. Ein rechter Lump eben.

Und am Ende kann er den Sohnemann nicht einmal enterben. Was tun? Eine kleine Fehlbuchung bringt Koffke auf eine geniale Idee. Und es wird tatsächlich märchenhaft. Weil man natürlich weiß, dass die realen Koffkes aus unserer Gegenwart so etwas niemals tun würden. Dazu sind sie viel zu verliebt in die Nullen auf ihrem Konto. Und in sich selbst.

Kathinkas Unglück

Und so entpuppen sich auch die anderen von Christoph Hein etwas umgekrempelten Märchen als Geschichten aus einer Gegenwart, in der Lug und Trug Politik machen und falsche Schönheitsideale nicht nur die schönen Kathinkas unglücklich machen und am Ende in privaten Verhältnissen landen lassen, in denen Machos von grobem Schrot und Korn ihnen ihre Vorstellungen von einem „richtigen Familienleben“ aufdrücken.

Teuflische Zustände, könnte man meinen, wüsste man nicht, dass Millionen kluger Frauen genau in solchen Verhältnissen landen, die ihr Leben zur Hölle machen. Und nicht viel besser trifft es Amanda Malfenter, die gezwungenermaßen in die Rolle der Hexe aus dem Märchen gedrängt wird und – statt obdachlos zu werden – sich lieber ein Haus aus Pfefferkuchen bäckt. Im Hintergrund: Ihr Schwiegersohn, der als reicher Unternehmer nur zu gern das Märchen von den zum Braten vorgesehenen Kindern verbreitet.

Die Geschichte geht natürlich anders aus. Denn wer hinter die Kulissen der Grimmschen Märchen schaut, sieht auch dort eine unbarmherzige Welt mit stinkreichen und mächtigen Männern, die nicht mal daran denken, Barmherzigkeit zu üben. Deswegen haben die Märchen ja immer funktioniert: als Sehnsucht nach einer Welt, in der nicht die Hartherzigen das Sagen haben.

Ein bisschen Hoffnung …

Aber Pustekuchen ist. Wir sind wieder mittendrin. Und so manches, was uns die Herren Eigentümer (und ihre Kofferträger) zumuten, erinnert schon an die rotzfreche Aufforderung, Stroh zu Gold zu spinnen. Obwohl alle wissen, dass das nicht geht. Auch nicht, wenn der durchgeknallte König das Gold zur Aufrüstung seiner Armee haben will, weil ein richtiger König ja unbedingt Krieg führen muss. Gegen wen auch immer.

Da glüht es unterschwellig in Heins gar nicht so märchenhaften Märchen. Auch wenn er ein paar Lichter setzt, kleine Geschichten der Hoffnung, die zeigen, dass es auch anders gehen kann. Ob nun mit der sportlichen Meerjungfrau, die den dänischen Prinzen heiratet, oder mit „Ferdinand, der Bummelletzte“, der zwar immerzu zu spät kommt, dafür aber Geduld und goldene Hände hat. Eigenschaften, mit denen ja unser auf Leistung getrimmtes Schulsystem so gar nichts anfangen kann.

Und unsere scheinbar alles umfassende „Leistungsgesellschaft“ erst recht nichts. Was passiert da mit dem Mädchen, das für den hartherzigen König Stroh zu Gold spinnen soll? Ihm bleibt nur ein ungewöhnlicher Ausweg. Auch das eine Geschichte über die Vorurteile unserer Gegenwart, die mit der Ewiggestrige in Politik und Alltag wieder fröhliche Auferstehung feiern. Und uns alle zum Narren halten.

Märchenhafte Vergangenheit

Uns werden bunte Bilder gemalt, wie alles zu sein hat. Richtig zu sein hat, wie diese Leute behaupten, die uns die schnöde Vergangenheit als Märchen ausmalen und versprechen: So wird es wieder. Mit aller Verachtung für schöne Mädchen, die immer nur Mittel zum Zweck sein sollen, schönes Inventar für Teufels Wohnzimmer. Und wenn die Mädchen nicht mitspielen, schreien die Narren der bunt gemalten Vergangenheit.

Und so ist Christoph Hein dicht dran an unserer Gegenwart, während er die alten Geschichten aus der Schachtel holt und so mit ironischem Unterton zeigt, dass die dunklen Seiten der oft so ungemütlichen Märchen auch heute noch lebendig sind. Und sich in immer neuer Verkleidung forterzählen, weil gierige und lernunwillige Männer nur zu gern die „gute alte Zeit“ wiederhaben möchten. Samt Untertanen und willigen Schönheiten, die dem Teufel jedes falsche Versprechen auch noch glauben.

Christoph Hein „Was mir zum Glück fehlt“ Insel Verlag, Berlin 2026, 16 Euro.

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