Er kann selber Quickies: Lou A. Probsthayn, Inhaber des Literatur Quickie Verlags in Hamburg. Kurze, pointierte Texte, die er aber lieber bei einem Kollegen der Branche untergebracht hat. Es ist ja immer gut, wenn auch noch ein versierter Kollege über die Texte schaut und sein Bauchgefühl fragt: Funktionieren die Texte? Sprechen sie die Leser an? – Das tun sie. Auch weil Probsthayn aus einer Welt erzählt, die in der gewöhnlichen Bestseller-Literatur nicht vorkommt. Mit Helden, die im Feuilleton meist nicht als erzählwürdig gelten.
Das gilt auch für die titelgebende Geschichte, auch wenn es nicht die jungen Männer mit ihren leeren Bierflaschen sind, die im Mittelpunkt der Handlung stehen. Denn da agiert ein Erzähler, der noch mit aller Kraft und aller Phantasie versucht, seine Alkoholsucht zu kaschieren, die er mit Wein befriedigt. Aber Süchte lassen sich ja nicht befriedigen. Sie verlangen immer mehr. Auch immer mehr Finesse, das Problem irgendwie zu verstecken.
Es ist eine von 28 Kurzgeschichten, die in diesem Band versammelt sind. Kurzgeschichten, die auch zutiefst verstören können, wenn man im Lauf der Handlung begreift, von was Probsthayn da erzählt. Sehr nah an seinen Helden, die tatsächlich in einer Welt leben, wie wir sie kennen.
Hier unten. Weit weg vom Feuilleton. Geplagt mit Krankheiten und Verlusten, die uns mitten im Leben verzehren. Sei es die Demenz, die Ansgar immer mehr in den Griff nimmt, Ansgar, der hier mit dem Hund aufbricht zur Morgenrunde, begleitet von den Spickzetteln seiner Frau, die ihn unterwegs daran erinnern, was er jetzt tun muss.
Bei den Aussortierten
Und Ansgar ist nicht allein. Aber das wissen nur alle, die nicht in der Beletage des Lebens hausen. Nicht in den schön aufgeräumten Lebenswelten des betuchten Bürgertums, das sich in den üblichen Bestsellern seine Märchen über das Leben erzählt. Ihr Lebensradius ist klein, oft nur noch auf die Wohnung und die Erinnerung an den letzten Tag reduziert.
Voller Abgründe, die in ihrem Kopf lauern – so wie die Panikattacken, die selbst die simpelsten Besorgungen für Ben zu einem Albtraum machen. Aber man merkt: Gerade diese vom Leben und sich selbst geplagten Menschen betrachtet dieser Autor nicht nur mit Verständnis, sondern mit Zuneigung.
Und mit dem Gefühl eines Schriftstellers, der genau weiß, dass auch die Menschen am Rand unserer Wahrnehmung richtige Geschichten erleben. Ihr Leben ist um nichts ärmer als das der Schönen und Reichen, auch wenn sie mit lauter Unbilden zu kämpfen haben.
Oder viel Umsorgnis brauchen – so wie Leander, für den der gemeinsame Besuch in der Pizzeria geradezu der Höhepunkt seiner Woche ist. Oder wie die Heldin in „Das leere Paket“, die sich tatsächlich lauter leere Pakete schickt, weil, sie nur so den alleinerziehenden Vater im Haus kennenlernen kann.
Hinterm Vorhang
Es ist, als hätte Lou A. Probsthayn beschlossen, einfach mal den Vorhang wegzureißen, der in einem Großteil der schönen Literatur den Anblick der Wirklichkeit verbirgt, in der die meisten von uns tatsächlich leben. Angefixt von den per Werbung verteilten Träumen von einem „schönen Leben“, die so gar nichts mit der Realität unseres Alltags zu tun haben. Nichts mit unseren Nachbarn, den Hundebesitzern, denen wir im Park begegnen, den von Sucht und Einsamkeit Geplagten um uns. Denn all der schöne Wohlstand hat einen Preis. Einen saftigen und traurigen.
Nur bezahlen den nicht die Reichen und Schönen, sondern die vom Leben Gebeutelten, die Einsamen und an den Rand Gedrängten. Mit Verdrängen und Wegdrängen sind wir gut. Raus aus dem Bild. Nur ja nicht sehen, was da über die Kante fällt, aus dem Fokus unserer getriggerten Aufmerksamkeit. Seien es die Alten, die Schweigsamen, die Genügsamen. Oder die Stillen, die einfach mitten im Trubel sitzen und ihrem eigenen Sterben zuschauen.
Die Gewalt am Rand
Was Probsthayn nicht daran hindert, auch in durchaus phantastische Geschichten wie Roald Dahl abzugleiten wie in „Pflanzenflüsterer“ oder „Das Kinderabonnement“. Oder wie in „Staungäste“, wo der Tod eines Handys zum tragischen Straßenereignis wird. Manchmal von plötzlich hereinbrechender Tragik wie in „Werners Linie“, einer Geschichte, die mitten in der Corona-Zeit spielt und etwas zeigt, was die verirrten medialen Diskussionen meist ausgeblendet haben:
Wie manche Mitmenschen die Ausnahmesituation als Ausrede dafür nutzten, ihre Aggressivität auszuleben. Sie sind nicht die Helden in dieser Geschichte, sondern die Täter. Beispielhaft für jenen Teil unserer völlig aus dem Gleichgewicht geratenen Gesellschaft, in der auf einmal Rücksichtslosigkeit und Gewalt wieder hoffähig werden.
Gewalt, die davon lebt, dass sich die Geschundenen nicht wehren können. Die Gewalttäter suchen sich ihre Opfer in der Nachbarschaft. Bei den Leuten, die mit ihnen selbst in derselben abgehängten Welt leben. Leichte Beute. Leichte Zielscheibe. So wird ja auch wieder Politik gemacht.
Mit Bildern von Underdogs und Ausgespuckten, denen man mit eitler Miene vorwerfen darf, sie seien faul und undiszipliniert. Wer interessiert sich schon für ihre wirklichen Schicksale und Nöte? Für die Hindringers, die in unseren Mülltonnen nach Essbarem suchen, so wie in „Wenn die Spatzen ausgehen“?
Die stillen Monologe
Probsthayn interessiert sich, schaut hin. Fühlt sich ein. Versucht, in die Gedankenwelt seiner geschundenen Helden einzutauchen. Auch wörtlich so, wie wir alle denken – manchmal in unfertigen Sätzen, seltsamen Wortbildungen, die aber treffen, was wir da gerade tun und denken. Uns selbst beschreiben. Noch so eine Beobachtung, die einmal nichts mit dem in der Literaturtheorie so gefeierten „inneren Monolog“ zu tun hat.
Probsthayns Helden monologisieren zwar. Aber sie halten keine Hamlet-Reden. Auch keine ausführlich erzählten Rückblicke. Sie lebe im abgebrochenen, unfertigen Jetzt, im Fragment ihres Daseins. So, wie unsere inneren Stimmen ja wirklich funktionieren, das stete Gemurmel im Kopf, mit dem wir uns das Unfassbare, Überraschende, Verstörende im Alltag erzählen. Deutlicher machen. Und damit deuten.
Wenn wir das noch können und nicht schon das große Vergessen Einzug gehalten hat, sodass andere uns unsere Geschichte wieder erzählen müssen. Liebevoll, besorgt. Wie sie uns zuschauen beim Verlöschen. Und so merkt man Geschichte um Geschichte, dass unser Leben trotzdem erzählenswert ist. Unser von außen so farbloses Leben, das auf einmal durchblutet ist, verwirrend, verstörend. Und sogar mit einem kleinen Staunen versetzt, dass wir so da sind. Und uns das Lebendigsein passiert.
Unter Leuten
Und am Ende gibt es mit Ooge auch noch einen, der weiß, dass das nun zu Ende gelebt ist. Aber er will nicht allein in seiner Wohnung verlöschen, sondern nimmt sich einen Stuhl und setzt sich dazu mitten in die Einkaufsmeile. Wo er Tag um Tag verlöscht. Aber gesehen wird und wahrgenommen. „Ooge stirbt. Der Schlüssel zu ihm steckt noch im Schloss seiner Wohnungstür.“
Das macht natürlich für gewöhnlich niemand. Nicht nur die Geschichten im Geiste Roald Dahls haben ein Roald-Dahl-Moment. Auch die anderen, die scheinbar von ganz gewöhnlichen Vorfällen im Alltag ganz gewöhnlicher Menschen erzählen.
Aber in dieser Gewöhnlichkeit steckt das Absurde. Natürlich steckt es da. Manche merken es. Andere sind viel zu sehr beschäftigt mit ihrer Rolle und ihrem Reden. Ihrem Sich-das-Leben-Erzählen. Das tun wir alle. Manche ganz bescheiden, dicht an ihrer Wirklichkeit. Andere voller Wut und Bissigkeit, weil es einfach nicht passen will.
Solche Geschichten sind das. Also ganz irdische. Die aber nur wenige Autoren so herzhaft erzählen. Meist kurz und knapp. So, wie wir das Leben der anderen jeden Tag als Streiflicht erleben. Manchmal regelrecht hineingezogen in diese fremden Leben. Nur um zu entdecken: Denen geht es nicht anders als uns.
Nur fällt uns meist dann erst auf: Klar, sie leben alle in wilden Geschichten. Wild genug für eine aufmerksame Literatur. Wenn sich denn mal ein Autor an diesen Teil der großen Bühne wagt, wo all die ihre Geschichte erleben, die sonst nie im Rampenlicht stehen.
Lou A. Probsthayn Junge Männer mit leeren Bierflaschen Axel Dielmann-Verlag, Frankfurt am Main 2026, 22 Euro
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