Die einen haben so viel davon, dass sie damit Politiker und Parteien korrumpieren, die Umwelt zerstören und mit Protzerei versuchen, die ärmeren Nachbarn zu beschämen. Und die anderen müssen sich abrackern für jeden Euro und wissen genau, wie sich das anfühlt, wenn man seinen Dispo bei der Bank völlig überreizt hat und drei Monatsmieten nicht bezahlt sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich alles ums Geld dreht. Und nicht nur Status und Macht vom Geld abhängen, sondern am Ende selbst Obdach und täglich Brot. Zeit für ein ganzes Buch zum Thema.
Ein Thema, das in den satirischen Geschichten des Markkleeberger Autors U. S. Levin immer wieder auftaucht, weil man einfach nicht drumherumkommt, selbst wenn man über den scheinbar so simplen Alltag im Plattenbau oder in der Reihenhaussiedlung erzählt. Aber irgendwie war ihm nun so, dass es Zeit wäre, den schnöden Mammon einmal komplett zum Thema aller Geschichten zu machen, die er für diesen Band gesammelt hat.
Geschichten, die man früher noch in der Zeitung lesen konnte, als Zeitungen wie die LVZ (in der Levin veröffentlichte) noch Platz dafür hatten. Als Levins Geschichten dort auch wie ein Echo zum Politikteil der Zeitung wirkten, lesernah, menschelnd, „dem Volk aufs Maul geschaut“, wie das so schön hieß. Es war die Welt der kleinen Bürger, die sich auch in der Perspektive vieler Lokalzeitungen spiegelte, die jahrzehntelang den Alltag und die Weltsicht ihrer Leser bestimmten. Bis die „kleinen Leute“ und ihre Informationsquellen ins Internet abwanderten.
Wenn Geld der einzige Maßstab ist
Was aber nicht bedeutet, dass ihre Sicht auf die Welt verschwunden wäre. Eher ist sie dem Gefühl gewichen, nicht mehr gehört und wahrgenommen zu werden. Und U. S. Levin hat das Talent, genau diese Welt, ihre Bewohner und ihre Frustrationen zu schildern. In denen es nun einmal fast immer um Geld geht. Oder eben um Geld, das nicht da ist.
So steigt er ja auch ein, mit einer Geschichte um seinen fiktiven Verleger, der von ihm mal ein Buch mit lauter kurzen, wirklich kurzen Geschichten verlangt. Papier ist teuer. Und die Aufmerksamkeitsspanne der möglichen Leser, die noch nach einem Band mit Kurzgeschichten greifen, ist denkbar kurz geworden. Also bitte nicht mehr als drei Seiten.
Was natürlich nicht immer klappt. Manche Abenteuer rund ums verflixte Geld lassen sich nun einmal nur episch erzählen. Ob jetzt die Geschichte vom Opa, der sich als Geldfälscher erfolgreich durchs Leben schlug, am Ende aber darüber schwarz ärgerte, dass ihn die Ermittler einfach nicht fanden und ihm den erwarteten Ruhm vorenthielten.
Oder die Geschichte des armen Mannes, der in „Betteln mit Heimvorteil“ störrisch jede Bitte um einen Euro auf Leipzigs Fußgängerzone ablehnt, aber längst so verzweifelt ist, dass er sich am Weinverkostungsstand einen andudelt. Mit Folgen. Denn natürlich haben alle Geschichten Levins eine sehr überraschende Wendung.
Eine Wendung, die auch viel mit der Sicht eben der kleinen Leute, über die er schreibt, auf eine zunehmend korruptere und raffgierigere Gesellschaft zu tun hat. Denn wie reagiert man so als ganz gewöhnlicher Jobber, der froh ist, überhaupt eine mies bezahlte Stelle zu haben, wenn die Chefs einen dazu animieren wollen, die Kunden übers Ohr zu hauen?
Die Regeln der Reichen
Es liest sich zwar lustig, aber im Hinterkopf rumort trotzdem die Frage: Was macht das mit einer Gesellschaft, in der die Raffkes, Betrüger, Windbeutel und Abzocker nicht nur Oberwasser haben, sondern auch noch gefeiert werden? Wenn jeder neue Tag einem nichts anderes zeigt, als den Triumph von Leuten, die mit ihrem zusammengerafften Geld die Regeln brechen und sich die Gesetze zurechtbiegen, wie sie wollen?
Natürlich zernagt das den Grund, auf dem wir alle stehen. Und die wichtigste Eigenschaft, ohne die der Kitt der Gesellschaft nicht halten kann: Ehrlichkeit.
Und in Levins Geschichte treten eine ganze Reihe dieser Falschmünzer und Blender auf. Aber auch eine ganze Reihe armer Schweine, die irgendwie mit krummen Touren versuchen, an das verlockende Geld zu kommen. Ob nun beim Lottospiel oder bei gründlich vergeigten Banküberfällen.
Einige von Levins Helden haben es durch Fleiß auch zu einem bisschen Wohlstand gebracht, sodass sie sich Eigenheim und Nachwuchs leisten können. Nur dass ihnen der Nachwuchs völlig entgleitet, weil er von der allwaltenden Gier angesteckt ist und mit den Attitüden eines Schwerreichenbalgs die Eltern in die Pleite treibt.
Wenn Gier regiert
Gut möglich, dass Levin solche Geschichten nur zu gut aus seiner Nachbarschaft kennt. Und das Leid der frustrierten Eltern dann mit Schmackes in eine Geschichte packt. Mit üblem Ausgang natürlich. Wenn schon, denn schon. Denn hinter den ganzen „Erfolgsgeschichten“ der im TV so gern gefeierten Reichen stecken in der Regel Jahre der Rücksichtslosigkeit, der enthemmten Gier und der puren Kaltschnäuzigkeit, mit der unliebsame Konkurrenten über den Löffel balbiert, Kunden verarscht und Angestellte verbrannt wurden.
Die Geschichten sind ja nicht aus der Welt, wenn es zur nächsten Landtagswahl geht. Sie sind alle noch da. Das Volk hat ein Elefantengedächtnis. Und verzeiht nichts. Nicht mal den Geruch von Käuflichkeit.
Und auch nicht die Schamlosigkeit, wie manche Chefs den gnadenlosen Wettbewerb auf dem Rücken ihrer Angestellten austragen. Man kann sich Levin durchaus vorstellen als sehr interessierten Zuhörer in Markkleeberger und Leipziger Nachbarschaftskneipen. Er teilt den Frust, versteht die Empörung, ist zwar meist genauso ratlos wie die Leute, die er dann in deftigen Geschichten auftreten lässt.
Aber seine Kurzgeschichten sind manchmal wie moderne Märchen aus der Wirklichkeit der kleinen Leute: Sie gehen gut aus. Oder enden mit einem Überraschungseffekt, mit dem das Ungeheuer letztlich doch noch zu Fall gebracht wird. Oder Scheinheiligkeit mit einem Knalleffekt bloßgestellt wird.
Egal, ob die Scheinheiligkeit grün angemalter Unternehmer oder die von Ministern, die ihre verlogene Kürzungspolitik in den Sozialsystemen dann auch noch als soziale Wohltat verkaufen, so wie der frisch zum Bundesminister aufgestiegene Herr Faulmann in der Geschichte mit dem viel sagenden Titel „Immer auf die Schwächsten“.
In einer schäbigen Gegenwart
Spätestens da ist man mit U. S. Levin in der Gegenwart angekommen. Einer Gegenwart, die aus der Perspektive von unten natürlich ziemlich schäbig aussieht. Wer am Monatsende immer wieder nur auf ein blankes Konto schaut und trotzdem nur geschuftet und Überstunden geschrubbt hat, der ist nicht wirklich gut zu sprechen auf die Märchen einer Leistungsgesellschaft, die Leistung schon lange nicht mehr honoriert.
Schon gar nicht mit Geld, das in der Welt, aus der diese Geschichten kommen, immer knapp ist. Auch dann, wenn man mit vollem Einsatz versucht, sich nach Jahren den Traum von einem guten Leben zu erfüllen. Nicht unbedingt so wie der Geldsack, den Thomas Leibe aufs Cover geknallt hat: hintersinnig, deftig und mit Lust an der Überzeichnung.
Er hat das ganze Buch mit solchen zugespitzten Zeichnungen gespickt. Man hat also zur bärischen Mitfreude an finanziellen Achterbahnfahrten auch noch den Augenschmaus. So wie im richtigen Leben, wo man sich die aufgeblasenen Träume der Reichen meist auch nur in Prospekten und Vorabendsendungen anschauen kann.
Wissend, dass man weder jemals solche Autos fahren wird, noch solche Schlösser bewohnt. Und es eigentlich auch nicht will, weil einen der ganze Protz genauso anödet wie die Typen, die sich mit breitem Grinsen über all die Erfolglosen auslassen, die nicht die Rücksichtslosigkeit aufbringen, sich derart unverschämt am Reichtum der Gesellschaft zu bedienen.
U.S. Levin „Geld ist unbezahlbar“ Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 16 Euro.
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