Veralten Gedichte, wenn sie eigentlich eng an ihre Zeit gebunden sind? Natürlich nicht. Jedenfalls nicht, wenn der Autor sich seinen augenzwinkernden Blick auf die Welt bewahrt. Auch in grauen Zeiten, wie es Lutz Rathenow tat, damals, als man mit Gedichteschreiben noch heftig anecken konnte im überwachten Staat. Und er war mehrfach angeeckt.

Mit seiner ersten Buchveröffentlichung im Westen „Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet“ bekam er Probleme. Die Mächtigen hätten ihn nur zu gern aus dem Land geschmisen. Er blieb. Und veröffentlichte 1982 sein zweites Buch im Westen.

Dieses hier: „Zangengeburt“. Gedichte, von denen die meisten schon in den 1970er Jahren entstanden waren. Gedichte, denen man mit dem Abstand von über 40 Jahren nicht gleich anmerkt, wie brisant sie waren. Einfach deshalb schon, weil sie das Befinden in diesem kleinen Land thematisierten. Gedichte, die auch das Anpassen und stille Rebellieren zum Thema machten, mit dem sich so Mancher durchschlug und einredete, er hätte ja doch seinen Stolz und seinen Widespruchsgeist bewahrt.

Während – wie in „Neunzehnhundertachtundsiebzig“ – doch nur die Erinnerung an ein brav aufgegebenes Rebellentum blieb: „Prost, auf früher!“

Solche Gedichte schrieb einer, der sich die Schere im Kopf vergegenwärtigte. Und sie nicht leugnete. Der das „Hineingeboren“ des Dichters Uwe Kolbe ernst nahm. Und den Mut hatte, diese Schere wahrzunehmen. Sich selbst wahrzunehmen in Verhältnissen, in denen die Meisten lernten, lieber die Klappe zu halten. Die unsichtbaren Sprach-Grenzen waren überall. Und damit die Gelegenheiten, tief ins Fettnäpfchen zu treten.

Aber Rathenow dachte gar nicht daran, die Klappe zu halten. Auch nicht nach seiner ersten Verhaftung 1976 und seiner Exmatrikulation wegen „Zweifeln an Grundpositionen, Objektivismus und Intellektualisieren der Probleme“.

Schon wenn man diese Phrasen liest, könnte man schreien. Objektivismus? Weil einer die Dinge benannte, die ihn nervten in diesem Land? Und verstörten. Zutiefst verstörten, wie er es in dem Gedicht „Lektion“ geradezu aphoristisch auf den Punkt brachte: „Immer wenn ich aufgeregt bin / sagt sie: Sei nicht so nervös / Wenn ich wütend bin: Reiss dich / zusammen …“

Grenzüberschreitungen, aber bitte!

Man hat sie geradezu vor Augen, die besorgten Mütter, vielleicht auch Partnerinnen, die sich natürlich sorgten. Ihr Liebling könnte anecken, sich den Mund verbrennen, die Mächtigen verärgern. Eine Lektion, die jeder lernen durfte, sollte, musste. Spätestens doch, wenn die Herren in Grau zur ersten Hausdurchsuchung einmarschierten.

Denkste, sagte sich Rathenow. Und schrieb weiter. Auch Gedichte, in denen die Herren Beobachter vorm Haus ins Bild kamen, die Mauer in vielerlei Gestalt, die Düsenjäger überm Haus, die anschwellende Angst vor dem Krieg, die spätestens 1981 die Stimmung in Ost wie West trübte. Nur: Im Westen konnte man dagegen demonstrieren. Im Osten wäre das eine Grenzüberschreitung gewesen.

Aber: Rathenows Gedichte waren immer das, was authentische Gedichte tatsächlich sind: Grenzüberschreitungen.

So kann man die Gedichte, die der Verlag Ralf Liebe nun – leicht überarbeitet – wieder veröffentlicht hat, nun lesen. In derselben Zusammenstellung wie 1982 und 1989.

Gedichte, die auch zeigen, wie Gedichte aus der täglichen Betroffenheit entstehen. Aus Gedanken, selbst aus den irren Begründungen für seine Exmatrikulation („Begründung meiner Exmatrikulation“): „weil ich zum ideologischen Hemmschuh / der Seminargruppenenwicklung geworden bin“. Da wird sich mancher erinnert fühlen an seine Seminargruppe. Und den Lernprozess, der am Ende in Gleichklang, Gleichschritt, Gleichton mündete. Obwohl sich letztlich alle auf die Zunge bissen und wussten: Wess‘ Lied ich sing …

Nur nicht klagen

Auch wenn etliche Gedichte auch heute noch wirken, als wären sie aus dem einfachen, aufregenden Moment der Tage geschürft, steckt eben doch auch ein Stück DDR darin. Das wollte Rathenow gar nicht herausretuschieren. Was gesagt ist, ist gesagt. So wie das in dem durch und durch frechen Jahresendgedicht „Zum Jahreswechsel“ aufploppt: „Dummköpfen klar die Meinung sagen / Aus Eitelkeit nicht beginnen zu klagen …“ Das kann man sich auch heute noch vornehmen.

Denn einmal mehr steht die Frage: Wie hält man das aus? Wie steht man das durch? Und: Wohin mit dem Frust? „Vorm Krieg Furcht haben / Im Bett keine Schaben / Künftig alles besser machen / Manchmal lachen.“

Es sind oft Gedichte, bei deren Lesen man merkt: Hier macht sich auch ein Autor Mut, der nicht darauf rechnen kann, dass ihn der Staat mit Posten und Orden zuschmeißt, so wie im Gedicht „Narziss“, in dem er einen dieser Lobredner porträtiert, der sich beim Hören seiner eigene Rede versucht zu umarmen.

Komisch: Man hat sofort Typen aus der Gegenwart vor sich, Karrieristen, Opportunisten, Schaumschläger. Die natürlich nicht verschwinden, wenn ein Staat verschwindet. So wird das ein seltsamer Gedichtband. Der auch die Gegenwart spiegelt, die 1982 noch nicht einmal zu ahnen war.

Als auch ein Lutz Rathenow noch ein Märchen schreiben konnte über eine un-mögliche Zukunft: „Spitzel kriegen grüne Ohren / Der General hat die Armee verloren / Zwei Minister haben glatt ihr Amt vergessen …“

So schnell passiert es. Und endet gar absonderlich: „Selbst Beamte zweifeln an Gesetz und Recht / Der Landeshöchste findet sein Regieren schlecht.“

Bis in die Träume

Dabei boxen sich ja ausgerechnet immer die Typen nach oben, die alles, was sie tun, bemerkenswert und vorbildlich finden. Keine Zweifel haben an sich selbst. Anders als dieser einsam durchs Vorland der Stadt streifende Dichter, der weiß, wie verletzlich er ist, wie ihn das eigene Aushaltenmüssen bis in die Träume verfolgt: „Dann fiel ich / Und der Fallschirm klinkte / klinkte nicht aus / Ich erwachte zerschmettert.“ („Ich schlief“)

Denn das lässt einen nicht kalt, wenn die Mächtigen ein Auge oder zwei oder vier auf einen geworfen haben, man genau weiß, dass man unter Beobachtung und Verdacht steht. Einer, der aus dem Glied getreten ist. Und trotzdem seinen Humor zu bewahren versucht. Und um die Gefährdung des Sprechens weiß: „Die Sprache der Macht mit Achundkrach / geplappert. Mit den Hunde gebellt …“ („Selbstkritik“)

Anders konnte und kann man keine Gedichte schreiben, als mit diesem Blick in den Spiegel. In dem man auch die eigenen Abgründe und Ängste sieht. Nicht wissend, wo das endet. Und selbst die Landschaft der Stadt lädt sich mit Ahnungen auf, schleichen sich von allein Bilder in den Vers, die ihn doppelbödig machen. „In den Fesseln der Straßen verzagen / Häuser bedeckt von Sonnenschnee / Den Blick zweier Herren ertragen …“

Den Letzten holen die Vögel …

Kein Wunder, dass mancher Traum zu einem richtigen Albtraum wird. Und das Betreten eine Hauses zu einem Moment des tief sitzenden Erschreckens: „Genau auf der Treppe erfaßt jeden ein Schaudern, und man ginge lieber im Wald spazieren, gäbe es dafür einen Grund und einen Wald in der Nähe. Die Posten husten und vertreiben die Vögel. …“ („Wohnen“)

Wie darf man das lesen? Manch einer bestimmt mit Gänsehaut, Erinnerung an eine gelebte Zeit, die eigentlich längst zu Humus geworden ist. Aber eben auch zu Humus. „Es sind andere Gedichte geworden“, vermutet der Verlag. Nicht wirklich. Wir selbst haben uns verändert. Lesen diese Gedichte mit weniger Angst, erinnern uns und prüfen die Verse an unserer Gegenwart. Entdecken neue Beziehungen, Ähnlichkeiten, Verwandtschaften. Auch das Alte im Neuen, das uns auf einmal mit der selben grauen Gnadenlosigkeit anhaucht. Mitten in berühenden Momenten – bei Spaziergängen im Wald, in der schneehellen Stadt, unter obstprallen Bäumen.

Aber nicht einmal da bleiben die Gedanken im Hinterkopf ruhig, melden sich in einem Bild zu Wort: „Kein Gras in das ich beißen möchte / Den letzten holen die Vögel“. („Aufsteigen“)

Und selbst wenn man nicht weiß, in welcher Zeit in welchem Land all diese Gedichte entstanden sind, zwingen gerade solche Verse zum Nachfragen und Wissenwollen. Gedichte sind verräterisch. Im besten Sinn. Rathenow wusste das, als er sie schrieb. Aber so müssen Gedichte auch sein. In gewisser Weise furchtlos. So wie Rathenows Freund P., der auf den Fernsehturm in Berlin fuhr und am Fenster des Restaurants hoch über der Stadt „schrie: / Seid umschlungen Millionen. – Eine Dame guckte pikiert / Na, na, machte vorsichtshalber der Kellner.“

Wenn das jetzt einer gehört hat! Nicht auszudenken. Und trotzdem diese leise Solidarität im Unsagbaren und Unerhörten.

Lange her? Nicht wirklich. Es wäre beruhigend, würde man beim Lesen nur an ein vergangenes Jahrtausend denken. Aber die Gegenwart mischt sich beim Lesen immer wieder hinein. Und natürlich die Befürchtung, man bräuchte demnächst wieder Mut dazu, solche Gedichte zu schreiben.

Lutz Rathenow „Zangengeburt“, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2026, 20 Euro.

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