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Lutz Rathenows neueste Kindergedichte, die vom Kindbleiben beim Größerwerden erzählen

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    Lutz Rathenow ist den einen als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen bekannt, den anderen als Dichter und Kinderbuchautor. Und der eine kann nicht verleugnen, dass er wie der andere denkt und fühlt. Denn die menschlichen Maßstäbe wechseln ja nicht, wenn man für Kinder schreibt. Im Gegenteil. Sie nehmen sehr eindringliche Formen an, die sich nur scheinbar hinter Sprach- und Reimspaß verbergen.

    Denn in Kindergedichten zeigt sich auch immer das Herz, zeigt sich, ob einer selbst noch Kind geblieben ist oder dieses neugierige und verträumte Wesen in sich erstickt hat. Das noch staunt über Wolken, Vögel und blaue Himmel. Oder einfach übers Da-Sein, so wie in „Ich freue mich“. Es kommt ganz verspielt daher, durch die Illustrationen von Egbert Herfurth noch mehr ins Verträumte gedreht. Aber eigentlich sind es lauter Gedichte über das tägliche Staunen, das uns erst zu Menschen macht.

    Wir vergessen viel zu oft, dass weder das dicke Auto noch das dicke Geld die eigentliche Erfüllung im Leben sind. Dass Neid und Gier und Macht nicht glücklich machen. Im Gegenteil. Das sind alles Dinge, die uns außer uns bringen. Die uns zu Marionetten machen und zu Getriebenen. Und zu Fremden in der eigenen Haut, die nicht mehr sagen, was sie denken. Die anderer Leute Worte nachreden. Und auch nicht mehr den eigenen Augen vertrauen. So, wie es Kinder noch tun – bevor sie von Erwachsenen gescholten und gemaßregelt werden. Weil Erwachsensein für viele Menschen eben auch bedeutet, nicht mehr bei sich zu sein, außer sich zu sein und in fremden Rollen zu versuchen, etwas zu werden, was vielleicht Anerkennung verspricht. Flüchtigen Ruhm, flüchtige Bestätigung.

    Da wird aus dem immerfort wuselnden Kind etwas, was wir fast schon vergessen haben: „Die Hände greifen, was ich will, / Die Finger halten selten still, / Und meine Haare kitzeln mich, / Und was der Kopf denkt, spreche ich.“

    Das traue sich mal einer, der kein Kind mehr sein darf.

    Man merkt schon, dass Rathenow sich diesen kindlichen Blick bewahrt hat auf die Welt, in der es sehr seltsam zugeht und Menschen sich manchmal wie Drachen benehmen („Was mir nicht passt / Das wird verprasst …“), manchmal aber auch wie Schafe: „Bin ich zu brav, / bin ich ein Schaf. / Werde ich zu frech, hab ich im Leben Pech.“

    Man merkt: Es wird hintersinnig. Denn was bringt man den Kleinen da bei, wenn man sie mit solchen Versen konfrontiert? Merken sie, dass die Welt der Großen eine Welt der Masken ist, der man nicht trauen darf? Dass Menschsein sehr kompliziert sein kann – verglichen mit dem Leben eines Regenwurms?

    Wobei: Wenn wir unsere Mitmenschen als Tiere sehen, wird ja manches klarer. So wie bei dem Nashorn, das so lange gegen die Wand rennt, bis das Horn kaputt ist. Oder bei dem Frosch, der unbedingt in die Quarkschüssel springen muss, weil er in der leckeren Speise baden will: „Isst das flüssig Zeug, fühlt sich stark …“

    Es kommt frech daher, was Rathenow in fröhlicher, kindlicher Reimlust zum Gedicht gemacht hat. Aber in fast jedem Gedicht gibt es so ein „Plopp!“ und es steckt so eine kleine, unverschämte Wahrheit über unser Menschsein darin. Über unsere Unersättlichkeit, unsere Gedankenlosigkeit oder – wie in „Der“ unsere gespielte Stärke. Männerbilder, die uns überall umgeben. Und die so falsch sind. Denn hinter der Stärke versteckt sich ja die Schwäche: „Nur Zartheit darf er nicht zeigen / Jede Berührung kann ihn verletzen.“

    Man muss also, wenn man den Kleinen die Gedichte vorliest, aufpassen. Manche sind richtig verspielt – da geht es um Mücken und Flöhe, Regen und blauen Himmel. Aber in einigen steckt das versteckte Wissen des Kindes, das im Erwachsenen steckt. Das auch weiß, dass die versteckte Zartheit auch Schwäche ist. Denn sie verhindert das, was die vielen bunten Elefanten in diesem Buch wie eine kühne Gedankenblase über sich tragen: Sie denken nämlich über das Alleinsein nach. Das Alleinsein der Menschen, der Tiere oder des Lachens. „Das Lachen allein würde nicht glücklich sein.“

    Es ist also in gewisser Weise ein Gedichte-Buch über das Lebendigbleiben, sich eben nicht wie der Regenwurm zu verkriechen. Und die vorgegebenen Dinge nicht für das Eigentliche zu halten. So wie in diesem Gedicht, das gut erzogene Eltern durchaus falsch verstehen können: „Argumente für eine (außer)ordentliche Ordnung“. Man merkt schon, dass Lutz Rathenow nicht nur über die Stasi-Unterlagen wacht, sondern auch seine sächsischen Pappenheimer kennt, die vor lauter Ordnungs-Besessenheit das Lachen und Staunen verlernt haben. Die diesen Vers geradezu verinnerlicht zu haben scheinen: „Ordnung macht willig / und Ordnung ist billig.“

    Da hat man die ganzen beleidigten Herren Ordnungsminister regelrecht vor Augen. Und im Ohr ein Weinen. Denn die Traurigkeit ist eigentlich allgegenwärtig. Eine nicht zu unterdrückende Traurigkeit über das, was der Mensch mit der Welt macht. „Wir weinen uns ein Meer zusammen …“

    Auch so eine Art Ikarus-Problem. Kein Mythos, sondern ein Problem. Denn die Welt, die wir uns gebaut haben, ist eine Welt, die immerfort fordert, dass wir fliegen, abheben, über uns hinaus … und uns damit verlieren. Eben nicht, weil das Hochmut wäre. Sondern weil wir unseren eigenen Maßstäben (besonders denen der Technik-Experten) nie genügen: „Als flatterhaftes Wesen / träumte ich sicher davon, / ein Mensch zu sein. Der nicht immer / fliegen muss…“

    Wie gut versteht man ihn da mit seinem Gedicht „Da ich kein Vogel bin“. Verstehen es auch die Kleinen schon? Vielleicht. Sie werden ja als Allererste dazu aufgefordert zu fliegen und nach „Höherem“ zu streben. Immerfort. Und damit den Boden unter den Füßen zu verlieren, das beruhigende Gefühl, dass die Erde trägt und dass man gar kein Vogel sein muss in dieser Welt, dass man mit beiden Beinen fest auf der Erde auch was erlebt: Abenteuer, Freude und himmlische Aussichten …

    Und am Ende kommt der alte Satiriker durch, der die Spitzen gegen die überforderten Mächtigen nicht lassen kann. Scheinbar die Alten, die noch Spitzel brauchten zum Regieren. Aber was ist das für ein Land, in dem „zwei Minister glatt ihr Amt vergessen“, „selbst Beamte zweifeln an Recht und Gesetz“ und gar „der Landeshöchste“ das Regieren schlecht findet? Ist er nicht gerade erst zurückgetreten?

    Natürlich kann man das auch ganz märchenhaft betrachten. So wie beim Kaiser mit ohne Kleider. Den kindlichen Blick gewinnen fürs Leben. Und ihn dann bewahren, auch wenn man sich – wie der bunte Elefant – manchmal allein und einsam fühlt. Vielleicht gehört das ab und zu dazu, wenn die anderen mal wieder Schaf oder Esel spielen müssen. Dann stellt man sich die Kuh auf Seite 7 vor und wie sie nach all dem Blumenmampfen am Ende das Maul auftut „und duftet nun auch“.

    Wie duftet eine Kuh, die lauter Blumen gefressen hat?

    Die verspielten Bilder von Egbert Herfurth geben ein paar Anregungen, wie man sich das vorstellen kann. Manchmal gehen sie auch drüber hinaus. Sonst könnte man sich partout nicht vorstellen, was mit dem Trampolin aus dem Buchtitel passiert ist.

    Lutz Rathenow Der Elefant auf dem Trampolin, LeiV Verlag, Leipzig 2017, 12,90 Euro.

    Warum so eilig oder Wie wird man wieder Herr seiner Zeit? – Die neue LZ Nr. 52 ist da

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