2024 erhielt die südkoreanische Autorin Han Kang den Literaturnobelpreis „für ihre intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offenlegt“. Über den Faden, „der uns einander nahebringt“, sprach sie auch in ihrer Dankesrede für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Es ist nicht die Liebe, auch wenn einige Texte der Autorin darauf hindeuten. Auch die erste in diesem Band, die Nobelpreisrede.
Darin erzählt die Autorin, was sie beim Schreiben bewegt und wie ihre großen Romane entstanden, die sich intensiv mit den dunklen Seiten der koreanischen Geschichte beschäftigen. Und zwar aus der Perspektive des Zutiefst-Berührtseins. Eigentlich die wichtigste Perspektive, aus der man schreiben sollte. Denn nur Geschichten, die auch die Leserinnen und Leser berühren können, schaffen Brücken. Schaffen das Gefühl, dass zwischen Autor und Leser ein Faden gespannt ist, der beide verbindet. Über die Zeiten hinweg.
Selbst zur Vergangenheit finden wir nur Zugang, wenn wir uns mit aller Empathie auf die Menschen einlassen, die oft genug Tragisches erlebten. So bitter, dass auch der Glaube der Autorin an das Gute im Menschen zutiefst erschüttert wird. Oder – wie Han Kang schreibt – sogar „endgültig zu Bruch ging und in Scherben lag“. Schreiben ist auch ein Sich-Einlassen auf das, was geschehen ist.
Auch wenn die Augenzeugenberichte des Massakers von Gwangiu die Autorin erst einmal zutiefst erschütterten. Wie kann man da noch schreiben, ohne dass es einen lähmt und zerreißt? Geholfen haben ihr die Aufzeichnungen eines der Ermordeten: „Gott, warum habe ich ein Gewissen, das mich so sticht und verletzt? Ich will leben.“
Menschenwerk
Das ist der Clinch, in dem wir alle stecken: dem Gewissen folgen, das in uns pocht und uns dazu bringt, uns – selbst wehrlos – dem Bösen entgegenzustellen. Oder den Kopf einzuziehen und uns mit aller Scham zu verkriechen, nur um weiterleben zu können? „Menschenwerk“ hieß dieses Buch, das Han Kang 2014 dann endlich veröffentlichte. Aber es ist nicht nur ihr Reflektieren über ihre Art des Schreibens, die sie in ihrer Dankesrede letztlich thematisierte, sondern das, was die besten Bücher der Weltliteratur tatsächlich zu diesen berührenden Ereignissen macht, die sie für ihre Leserinnen und Leser sind.
Es klingt nach Liebe und funktioniert auch nicht ohne die Fähigkeit zum Lieben. Aber was dieses Mitfühlen erst ermöglicht – Autorinnen wie Han Kang wissen es aus eigenem Erleben – ist nun einmal die Sprache. Es ist die Autorin, die die Sätze fließen lässt „wie elektrischen Strom, und jedes Mal, wenn ich spüre, dass diese Ladung auf die Leserinnen überspringt, bin ich erstaunt und bewegt. Der Moment, in dem ich realisiere, dass die Sprache der Faden ist, der uns einander nahebringt, und dass meine Fragen die Ladung sind, die den Faden zum Leuchten bringen, erfüllt mich mit Dankbarkeit.“
Da ist er, der goldene Faden, den sie auch in ihren ebenfalls im Buch enthaltenen Dankesworten zum Nobelpreis anspricht: „Rückblickend will es mir vorkommen, als habe ich all die Jahre, in denen ich Literatur gelesen und geschrieben habe, immer wieder genau diesen Moment der Verwunderung erlebt. Das Gefühl, dass man mit dem Faden der Sprache tief in das Herz, in das Innerste, anderer eintauchen kann.“
Die Wärme des Lebens
Selten sagt das eine so deutlich. Und erinnert uns daran, wann Bücher uns wirklich umhauen, mitreißen, aufwühlen und zutiefst berühren. Dann nämlich, wenn sie uns an das ganze Menschsein erinnern. „Die Literatur, die in dunkelster Nacht das Wesen des Menschen zu ergründen sucht, indem sie mittels Vorstellungskraft alle Geschöpfe des Planeten in einer einzelnen Figur zutage treten lässt, trägt zusammen mit der Sprache, die uns miteinander verbindet, die Wärme des Lebens in sich.“
Es liest sich so leicht hin, was in diesem Band an geradezu hingetupften Texten von Han Kang gesammelt ist, aber es berührt ihre unverwechselbare Art, an ihren Büchern zu arbeiten, sich ganz einzulassen auf den Stoff. Und sich eigentlich auch selbst nicht schützen zu können, wenn der Text intensiver wird und die beim Niederschreiben aufflammenden Gefühle auch die Autorin überschwemmen.
Das beschreibt sie in „Nach der Veröffentlichung“ geradezu aphoristisch, knapp und doch treffend. Auch den Druck, unter dem sie schreibt. Es ist ein einzigartiger Einblick, den eine Autorin hier in das gibt, was ihr beim Schreiben tatsächlich zustößt, wie sie mitleidet und manchmal auch die Last nicht mehr zu tragen vermeint.
Denn wer wirklich so intensiv in seine Geschichten eintaucht, der ist nicht mehr frei. Der kann sich nur freischreiben. „Ich muss nicht mehr darauf warten, dass mich dieser Roman eines Tages loslässt.“
Eine Teetasse und ein kleiner Garten
Das Einzige, was in diesem Prozess hilft, sind Routinen, die irgendwie die Tage zusammenhalten, während der Roman Stück für Stück entsteht. Eine Teetasse, die zu Han Kangs Routinen beim Schreiben von „Unmöglicher Abschied“ gehörte, hat sie dem Nobelpreis-Museum in Stockholm geschenkt. Und natürlich einen kleinen, berührenden Text dazu geschrieben.
Und was dann folgt, schwebt zwischen Gedicht und Aphorismus. Denn wer so intensiv in die Leben anderer eintaucht, der reflektiert auch das eigene Dasein immer wieder – ob nun den 20 Jahre alten Mantel, der langsam ausfranst, das Leben und Arbeiten im sonnenlosen Nordzimmer, das, was wir so Hoffnung nennen, oder die Art, wie in Korea „Hallo!“ gesagt wird.
Und dann öffnet sie gar den Blick in ihr neues Zuhause, das sie in einem kleinen Häuschen in einer ruhigen Fußgängerstraße gefunden hat. Mit eigentlich viel zu wenig Platz für einen Garten davor, der auch kaum Sonne bekommen würde. Und dennoch kann man als Leser eintauchen in ihre Mühen, diesen kleinen Garten anzulegen und mit Spiegeln Sonnenlicht hineinzuzaubern. Irgendwie ein kleines „Das Jahr der Gärtnerin“, wenn man Karel Čapeks „Das Jahr des Gärtners“ von 1929 als fernen Gruß danebenlegt.
Denn wer als Autor so aufmerksam auf die Fäden ist, die Menschen miteinander verbinden, der sieht auch die Fäden, die uns mit der lebendigen Natur vor unserer Haustür verbinden. Mit einem kleinen Fächer-Ahorn, Schneeball-Hortensien, Funkien und „Miss Kim“-Flieder, die Han Kang in ihren kleinen Garten gesetzt hat. Und mit denen sie ein ganzes Jahr mitfühlt, das Wachsen miterlebt und auf die Blüten wartet. Und ein wenig in Panik verfällt, als die ersten Schädlinge ihre Pflanzen befallen.
Ein Zuhause
Aber auch das ist ein Aspekt dieser Autorin. Auch weil das Häuschen eine tief verborgene Erinnerung an ihre früheste Kindheit wachgerufen hat. Ein Ort, der einfach die Gewissheit ausstrahlt, dass sie hier jetzt endlich ein Zuhause gefunden hat.
Und wer kann das schon, so sein Zuhause fürs Leben zu finden? Wo wir doch gerade diese intensiven Gefühle, die uns mit Menschen und Orten verbinden, in der Regel abblocken, verstecken, verdrängen, weil irgendjemand uns eingetrichtert hat, dass wir funktionieren müssen. Und man ahnt dabei, dass hier der Verlust beginnt, der uns von unseren tiefsten Gefühlen trennt. Und nach und nach auch von unserem Gewissen. Genau hier schließt sich der Kreis. Und so erinnert diese kleine Auswahl eben daran, woraus der goldene Faden geflochten ist, der uns miteinander verbindet.
Oder eben nicht mehr verbindet, wenn wir verlernt haben, über das zu sprechen, was uns wirklich lebendig macht.
, Claasen/Ullstein, Berlin 2026, 23 Euro.
Han Kang „Der goldene Faden“ Claasen/Ullstein, Berlin 2026, 23 Euro.
Offizieller Erscheinungstermin für dieses Buch ist der 27. August.
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